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Die neue Welt · 1933-11-24 · Heft 324 (24.11.1933) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 324 (24.11.1933)
Date
1933-11-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 35 Groschen Jahrgang 7 Freilag/ den 24* November 1933 Nr« 324 V* h. b» Zeitung vom Verleger veraendet „Journal expedie par rediteur*. BEZUQSBEDINOUNOEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig «4.20, ganzjährig S 16.-;Poleni monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.- Tschechoslowakel monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.-5 Jugoslawien monatlich Dinar 14.-, vierteljährig Dinar 40.-: Rumänien monatlich Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.—: Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa«.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übr igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50 » HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8» 7 et. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag REVUE Shylock soll sich laufen lassen ♦ ♦ ♦ Der österreichische Bundeskanzler Dr. Dollfuß hat wiederholt vor der Oeffentlichkeit des In- und Auslandes Gelegenheit genommen, zur Judenfrage in Oesterreich zu sprechen. Der Inhalt seiner Erklärungen lief darauf hinaus, daß die derzeitige österreichische Regierung nicht daran denke, den jüdischen Staatsbürgern die ihnen durch die Verfassung garantierte Gleichberechtigung zu nehmen. Diese Erklärungen haben in der Außenwelt und auch in den Kreisen der um ihr Schicksal begreiflicherweise besorgten Juden beruhigend gewirkt. Dr. Dollfuß hat in anderen Erklärungen und Reden nachdrücklich hervorgehoben, daß Oesterreich ein deutschchristlicher Staat sei und nach deutschchristlichen Grundsätzen geleitet werden müsse. Bei der Gruppe der deutsch-assimilatorisch und rein internationalistisch eingestellten Juden und Judenstämmlinge hat die Nebeneinanderstellung dieser Erklärungen die Besorgnis hervorgerufen, daß durch die Hervorhebung aes deutsch-christlichen Charakters Oesterreichs der Grundsatz der Gleichberechtigung verletzt wird. Die ihres jüdischen Volkstums bewußte Judenschaft Oesterreichs teilt diese Besorgnis nicht. Sie sieht keine bedrohlichen Gegensätze innerhalb der Erklärungen des Kanzlers. Sie sieht es als absolut möglich an, daß ein Staat im Geiste der deutsch-christlichen. Mehrheit geleitet wird, ohne daß hiedurch die der jüdisch^ii'^^äerlreitr -verfassungsmäßig zuerkannte staatsbürgerliche Gleichberechtigung verletzt wird. Das sei vorausgeschickt! *■■>.. Kanzler Dollfuß und seine Minister gehören der christlichsozialen Partei an. Das Hauptorgan dieser Partei ist die „Reichspost". Sie ist daher als politisches Regierungsorgan anzusprechen. Da ist nun festzustellen: Das christlichsoziale Regierungsorgan nimmt seit einiger Zeit zur Judenfrage eine wesentlich andere Stellung ein, als die durch den christlichsozialen Regierungschef gekennzeichnete. Ihre Haltung ist geeignet, auch in den Kreisen der volksbewußten Judenschaft. Besorgnis und Widerstand zu erregen. Denn die „Reichspost" verläßt in der Judenfrage den Boden der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung. Sie fordert von den Juden Verzicht auf die Gleichberechtigung. Sie kleidet dieses Verlangen in den Satz ein: „Das starrköpfige Beharren auf seinem Schein hat Shylock übel angeschlagen." Der österreichische Jude, der auf seinem gleichen Rechte als Mensch und Bürger beharrt, wird also von der „Reichspost" so dargestellt, als wäre er ein jüdischer Wucherer, der auf dem erlisteten Rechte besteht, dem christlichen Schuldner ein Pfund Fleisch aus dem Leibe reißen zu dürfen. * In der österreichischen Verfassung heißt es: „Alle österreichischen Staatsangehörigen ohne Unterschied der Rasse, der Sprache oder Religion sind vor dem Gesetze gleich und genießen dieselben bürgerlichen und politischen Rechte." Ist das das Pfund Fleisch, das aus dem Christenleib herausgerissen werden soll? Haben sich die österreichischen Juden dieses „blutige" Recht so erschlichen, auf krummem Weg so erlistet, daß man jetzt von. ihnen billigerweise verlangen dürfte, darauf zu verzichten? Bei der Gründung des neuen Bundesstaates Oesterreich haben das Parlament und die Regierung — und in beiden war die Partei der „Reichspost" vertreten — den Grundsatz der Gleichberechtigung feierlich angenommen und der Welt stolz verkündet. Kein Shylock stand hinter Linen, der unwider- (Fortsetzung auf Seite 3.) r r e i c h s Judenstaatspartei Oeste Samstag, den 25. November, %9 Uhr abends, im Festsaal des Hotel Continental GROSSE ZIONISTISCHE KUNDGEBUNG GEGEN DIE SPERRE PALÄSTINAS — FÜR DEN JUDENSTAAT Redner: Oberbaurat Robert Stricker: Judennot; Dr. S. Wolf: Was will die Judenstaatspartei? Dr. J. Z. Kanner: Jüdische Jugend, wohin? Allgemein zugänglich Regiebeitrag 30 Groschen Nationale Front gegen den Mandatsbruch Unser Palästina-Korrespondent schreibt aus Jerusalem: Unmittelbar nach den arabischen Unruhen, welche die britische Palästina-Administration in einigen Tagen unterdrücken konnte, und nach Erteilung von 3000 Zertifikaten an die Jewish Agency, obwohl diese als unbedingt notwendig 25.000 angefordert hatte, enthüllt sich in seiner ganzen Kraßheit das Bild der politischen Lage. Der Versuch, die arabischen Hetzer durch Einschnürung der jüdischen Aufbauarbeit (Einwanderung und Bodenkauf) zu besänftigen, kann vorläufig als gescheitert betrachtet werden. Denn die arabischen Führer werden, wie hier verlautet, vielmehr in der nächsten Zeit zu neuen Protestattacken schreiten. Zunächst muß das eine festgestellt, werden: Der - Oberkommissär hat die f estAbsicht, alle Maßnahmen zu ergreifen, um die sogenannte „illegale" Einwanderung unmöglich zu machen und einen Zustand zu schaffen, der einer Lahmlegung der zionistischen Energien in bezug auf Arbeit und Kapital gleichkommt. Am 8. November fand in Jerusalem eine außerordentliche Sitzung des Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) statt, an der Vertreter aller Parteien teilnahmen. Die Anregung zu dieser Sitzung ging von der zionistischen Exekutive aus, die sich ihrer Isoliertheit bewußt geworden war und Anschluß an alle lebenden Kräfte des jüdischen Jischuws sucht. Der politische Leiter der Exekutive, Moses Shertok, berichtete über die politische Lage und über die Verhandlungen der Exekutive mit der britischen Regierung über die Frage der Einwanderung. Das, was man auf dieser vertraulichen Sitzung des Waad Leumi zu hören bekam, war eine Bestätigung der Gerüchte, die schon während der arabischen Unruhen durch das Land gingen. Die Mitglieder der Exekutive Shertok und Ben Gurion sprachen beim Oberkommissär Wauchope vor und erklärten ihm, daß die gegenwärtige Einwanderungspolitik der Regierung im Widerspruch zum seinerzeitigen Brief des Premiers MacDonald an Prof. Weizmann vom Februar 1931 stehe, in welchem festgelegt worden sei, daß erstens die Aussicht auf nur vorübergehende Beschäftigung die Immigranten nicht disqualifiziere und daß zweitens arabische Arbeitslosigkeit auf die Festsetzung der Höhe der jüdischen Einwanderung keinen Einfluß haben dürfe. Eine andere Deutung und Handhabung widerspreche den Grundsätzen der Errichtung des Jüdischen Nationalheims. Die Antwort des britischen Oberkommissärs, der sich bekanntlich bisher der Sympathien der Histadruth- Vertreter erfreute, machte die Wege klar, die Sir Wauchope von nun ab zu gehen, beabsichtigt. Sir Wauchope erklärte nämlich ganz offen, die Politik der englischen Regierung bezüglich der jüdischen Einwanderung werde derart sein, daß die Proportion zwischen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung keine Veränderung Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh« liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet Kohle // Three Sfars // > Koks Anthrazit H0CHSTER QUALITÄTEN BHHB Basdi/ IV/ Argentiniers!raße 22 ♦ Tel* Serie 11-47-5-40 erfahre. Das sei der Ausgangspunkt, von dem er nicht abweichen werde. Palästina sei bereits hinlänglich bevölkert, der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung dürfe nicht erhöht . werden. Auf den Vorhalt der zionistischen Exekutive, daß das Land auf Grund genauer Berechnungen momentan 20.000 Arbeiter brauche, erklärte der Oberkommissär, daß die Regierung sich nicht von der momentanen Lage beeinflussen lasse, sondern für ungefähr drei Jahre voraussehen müsse. Man könne heute nicht wissen, ob nicht später eine Veränderung der Situation eintreten werde. Falls die Juden zur Zeit Arbeitskräfte benötigen, so mögen sie arabische Arbeitslose beschäftigen, deren es genug im Lande gebe. , Diese Diskussion zeigte klar die Tendenz der weiteren Regierungsmaßnahmön.. Tatsächlich ist eine Reihe von Verordnungen gegen die jüdische Einwanderung in Vorbereitung. Auch arbeitet die Regierung an der Schaffung eines Ausweisungsapparats, der mit weitgehenden Befugnissen ausgestattet sein wird. Die Regierung hat übrigens ein Kommunique in Vorbereitung, das ein Gespräch zwischen dem Oberkommissär und sechs ihn besuchenden arabischen Bürgermeistern zur Grundlage hat und worin zum Ausdruck kommt, daß sie die strengsten Maßnahmen gegen die illegale Einwanderung ergreifen werde,, und zwar Ausweisung, Geldstrafen, Gefängnis, Einziehung der hinterlegten Kaution von 60 Pfund, Pflicht zum Vorzeigen von Rückreise- Billetten, Beschränkung in der Zulassung von Passagieren IH. und IV. Klasse aus Europa und Amerika in den Häfen Jaffa und Haifa, Vorenthaltung von Visen für Personen mit vorläufigen Pässen wie.Nansenpässen, Einsetzung eines besonderen Beamtenstabes zur Unterbindung illegaler Einwanderung, schließlich Zulassung nur solcher Immigranten der Kapitalistenklasse, die Bestätigungen bestimmter Banken vorzeigen, daß sie wirklich im Besitze von 1000 Pfund sind. Auf die Frage der zionistischen Exekutive, ob die deutschen Juden von der Ausweisung verschont bleiben würden, antwortete der Oberkommissär mit einem eindeutigen Nein. Tatsächlich sind bereits Fälle vorgekommen, daß man Juden nach Deutschland zurückgeschickt hat. (Wollte doch Sir Wauchope alle Schiffe, die während der Unruhen in den palästinensischen Häfen ankamen, von der Ausschiffung der Einwanderer ausschließen!) Bekanntlich gelang die Landung in Port Said, aber die Agency mußte versprechen, daß ab November kein Schiff mehr als 250 Einwanderer bringen werde, Wie die Agency ihr Versprechen wird halten können, weiß kein Mensch. Inzwischen steht der Zuzug von Arabern aus den benachbarten Ländern, hauptsächlich aus Transjordanien, nioht still. Die palästinensischen Araber, die in den jüdischen Kolonien beschäftigt sind, leben auf einem hohen Standard, sind sozusagen saturiert, indes die ins Land hineinströmenden Beduinen in Palästina für 8 bis 10 Piaster Arbeit suchen. (Der normale Lohn ist 20 bis 25.) So sollen die arbeitslosen Araber aus Transjordanieu auf Kosten des jüdischen Nationalheims versorgt werden, während die jüdischen Arbeitskräfte durch die Verfügungen der Palästina- Administration ausgeschaltet bleiben. Wenn der Zustrom der arbeitslosen Araber weiter andauert, kann es tatsächlich zu neuen Spannungen kommen, zumal die Einseitigkeit der Regierungsmaßnahmen noch nie so deutlich zutage getreten ist wie jetzt. Auf der einen Seite Scharen arbeitsloser Araber kontrollos ins Lan^ hineinlassen» auf der anderen Seite Juten* <U$

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