Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 321 (3.11.1933)
- Date
- 1933-11-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen Jahrgang 7 Freitag/ den 3* ' ^«mber 1933 'S? HEUL Rh Wh Nr* 321 V«fc«-W Zeitung vom Verleget versendet «Journal exp^did par MdHeor1« '"/. lr> *iv, e/, Rl KE' \^ U IE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterrefelt monatlich S 1.30. vierteljährig S4.20,?anziähr^ S 16.T; Polen monatlich Zloty 2.-, viertellährig Zloty 6.-. Tschechoslowakei monatlich Kc6.—, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-, vierteljährig Dinar 40.-: RnmSnlen monatlich Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.—s Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.-: Bulgarien monatlich Lewa«.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vlerfeljährle Lire 14.—; Schweiz und die übr igen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4J50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8,1eL B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Arabische Revolle — Jüdisches Recht Mit heißen, aus Erschütterung und Erbitterung gemischten Gefühlen blickt die jüdische Welt auf jenes Stück Erde, das dem zerstreuen Volk Heimat und Friede werden soll. Das sind keine leicht hingeworfenen Worte, keine literarischen Floskeln. Das Lebensrecht auf Palästina ist im jüdischen Bewußtsein tief verankert und darum wird die Judenheit auf die kleinste Störung dieses Rechtes unverzüglich reagieren. Gerade die letzten Jahre brachten einen deutlich sichtbaren wirtschaftlichen Aufstieg. Palästina begann ein Faktor der Weltwirtschaft zu werden. Man sah sich gezwungen, dieses kleine Land im vordem Orient in weltpolitische Kombinationen einzubezlehen, die ihren Kristallisationspunkt in dem eben fertiggestellten Hafen von Haifa fanden. Die durch die deutsche Katastrophe frei gewordenen jüdischen materiellen und intellektuellen Kräfte haben das Tempo der Aufwärtsbewegung noch beschleunigt. All das geschah unter einem Mandatsregime, das die jüdischen Aufbau- Energien mit weniger k e n n b a r e m Wohlwollen betrachtete. Besonders die Periode des Oberkommissärs C h a n e e 11 o'r war reich an retardierenden Momenten. Dieser Beauftragte der britischen Regierung unseligen Angedenkens hatte sich die verlogenen Expertisen der Herren Simpson und Passfield zu eigen gemacht und eine Verwaltun^spraxis: gehandhabt, die. schließlich zur völligen Einstellung' dfer Emwandenuig und der käufe hätte führen müssen. .'--••">■• - Der Sinn des Mandats und der ihm vorausgegangenen Bali our -D e kl ar ation schien auf den Kopf gestellt. Versuchte doch die palästinensische Beamtenschaft die Auffassung populär zu. machen, daß zunächst die Wünsche der arabischen Effendis und nationalistischen Hetzer befriedigt werden müßten, bevor man darangehen dürfte, die (moralisch und völkerrechtlich gerechtfertigten) zionistischen Aspirationen und legitimen Bestrebungen zu realisieren. Eine Handhabung des Mandats, die einerseits jedem arabischen Widerstand nachgab, ja ihn provozierte, andererseits jede billige Forderung der zionistischen Kreise beargwöhnte, mußte schließlich den arabischen Orientalismus zu dem Glauben verführen, daß er sich ausnahmslos alles, vornehmlich aber die Mißachtung und Vergewaltigung des Mandatsgedankens, erlauben dürfe. Die arabischen Führer verstanden ganz gut " die lässige Haltung der britischen Beamtenschaft Palästinas in allen Fragen des jüdischen. Aufbauwerkes, und es bedurfte nicht gerade direkter, aufmunternder Winke, um sie zu feindseligen Akten gegen das jüdische Nationalheim zu veranlassen. Die Augustunruhen des Jahres 1929, die auf jüdischer Seite über 100 Blutopfer kosteten, machten sich den arabischen Drahtziehern bezahlt. Sie jonglierten mit der Phrase vom „gerechten Volkszorn", der sich endlich gegen die „Eindringlinge" Luft gemacht habe, und spielten der Mandatarmacht das Motiv für die Einschränkung weiterer jüdischer Kolonisationstätigkeit in die Hände. So setzte sich auch bei den arabischen Massen der Glaube fest, daß - die Sympathien der Palästina-Verwaltung restlos auf ihrer Seite seien. Und England machte keine Miene, die Araber In diesem Glauben wankend zu machen. Als der jetzige Oberkommissär Sir Artur Wauchope die Leitung übernahm, knüpfte man jüdischerseits Hoffnungen an ihn. Man nahm an, daß die Leistungen des jüdischen Jischuvs und die vor ihrer. Verwirklichung stehenden Pläne dem neuen Oberkommissär die Augen für den kolonisatorischen Wert der zionistischen Arbeit öffnen und ihn bestimmen wurden,, eben dieser Arbelt seine Reverenz zu erweisen. Versprach doch General Wauchope gleich bei »einem Amtsahtritt Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, was Im praktischen Fall wohl nichts anderes bedeuten konnte als die Wahrung und Förderung der jüdisch-zionistischen Interessen im Rahmen des Mandats! Die Herren der zionistischen Exekutive waren mit Herrn Wauchope zufrieden. Für sie war er der „brave", sympathische, verständnisvolle Oberkommissär, der so lieb beim Tee zu plaudern und so gefällig bei offiziellen Anlässen zu repräsentieren verstand. Man ging zu ihm, interpellierte ihn, sprach Wünsche aus, nahm Anregungen entgegen, wartete ab, war von einer Dosis Bereitwilligkeit entzückt, erzählte der jüdischen Welt von dem großen Verständnis des Oberkommissärs für die Bedürfnisse des Nationalheims, ließ sich mit ein paar Worten oder mit ein paar Zertifikaten abspeisen — während die arabischen Führer den neuen " Mann im großen und ganzen ignorierten. So stieg die Spannung zwangsläufig, bis sie sich zu einem expiosiohsrelfen Zustand verdichtete. V. V-t;V. Denn die Zelt stand nicht" s^fM^ jüdische Not in der Welt kümmerte sich idchpvpp diplomatische Floskeln und um die Legende yom^e^ehgewieht. Die jüdische Not brach' sich, Ba^n. Sle£ förderte gebieterisch Rettung durch Palästina. i^^Ächen kameji bis Land und bau^ .engmaschigen Normen der britischen Veiwaltung.-:und um die elfersüchtigen Blicke der nationalistischen Ef fendis -U. die jüdische; Not war mächtiger als die Paragraphen des Herrn Wauchope. So ward das Land. Die Mandatarmacht verstand, jährlich fast eine Million P f u n d Ueberschuß an Steuern herauszuwirtschaften, eine Million Pfund aus den Energien und Kapitalien der jüdischen Kolonisation. Während aber die Wirtschaft Terrain gewann und sich ihre eigenen ökonomischen Gesetze schuf, konnte die politische Führung mit ihr nicht Schritt halten. Vergeblich warnten die zionistischen Patrioten vor der Nonchalance, mit der das politische Fundament des jüdischen Aufbauwerkes behandelt wurde; vergeblich warnten sie davor, die politische Arbeit gegenüber der wirtschaftlichen zu vernachlässigen. Der Wunsch einer friedliehen und freundschaftlichen Nachbarschaft zu den Arabern war in a 11 e n zionistischen Lagern vorhanden. Aber er durfte nicht zu einem immerwährenden Nachgeben, zu einem Aufgeben lebenswichtiger politischer Positionen führen, zu einer Taktik, die schließlich — vor allem seitens der arabischen Extremisten — als Schwäche und Un< Sicherheit ausgelegt werden mußte. So konnte schließlich die Palästina-Regierung unter dem kontinuierlichen arabischen Druck ihre elementarsten Verpflichtungen gegenüber dem zionistischen Werk bruta 1 verleugnen, z< B. in Sachen der Einwanderung, des Steuersystems, des Schutzes. Die 5500 Zertifikate waren eine brüske Antwort auf die realen Bedürfnisse des Jischuvs und sogar diese Antwort erregte den entfachten arabischen Nationallsmus, der nun endlich, mehr als zehn Jahre verhätschelt oder nicht beachtet» zu einer Attacke gegen die britische Mandatarmacht ausholte. Herr Wauchope wurde nervös. Aber seine Nervosität richtete sich nicht gegen die arabischen Exzedenten, sondern gegen die j ü d i s o h e n Opfer. Herr Wauchope erklärte — mit deutlicher Richtung zu den revoltierenden Arabern —, daß er jeden Versuch, über die bewilligte Zahl Alle im redaktionellen Teil - befindlichen entfielt» liehen Notizen sind' durch ein beigefügtes E bezeichnet Thtee Sfais" Kohle uoks wtmammmm höchster Qualitäten Basdi/ IV, Argen! inierstraße 22 ♦ Tel« Serie U-47-5-40 Wegen Werkfeiertag ist diese Nummer verspätet erschienen. Palästina mit den vorzüglichen, großen Salonschiffen der direkten Elllinie TRI EST—JAFFA des LLOYD TRIESTINO Abfahrten Jeden Mlttwooh um t3Uhr Ferner: Luxuseillinien nach Athen, Istanbul. Alexandrien, Bombay, Ceylon. Slngnpore, Shangnal Schnellste Schiffe Höchster Komfort Ausk.: Lloyd Trlestlno, Wien I, KSrntnerrlng B. Tel. 47-5-60 hinaus ins Land zu kommen, exemplarisch bestrafend werde. Es ist nicht unsere Aufgabe, England bezüglich der Währung-, geiner palästinensischen' Interessen Ratschläge zu erteilen. England 'als alte Kolonialmacht hat gewjjßf seine Erfahrungen. Aber nichtsdestoweniger müssen wie unserem Erstaunen Ausdruck geben, daß die britische. Weltmacht, die gar so sehr um ihr sittliches Prestige besorgt ist, im Falle der: palästinensischen Araber dieses Prestige aufs Spiel setzt und noch dazu als Mandatarmacht mit ausgesprochen judenfördernden Verpflichtungen. Wir müssen gerade heute wieder von der Mandatarmacht verlangen, daß sie diese Verpflichtungen loyal erfülle und im Einklang mit der Stimmung handle, die beispielsweise aus den letzten Reden bedeutender eng« lischer Persönlichkeiten zugunsten der' deutschen Juden herauszuhören war. Wir dürfen nicht länger zulassen, daß in den Arabern die Zuversicht lebe, jede ihrer antijüdischen Bestrebungen werde der p a 1 ä s t inensIschen Administration genehm sein. Die verantwortlichen Leiter der zionistischen Politik sehen sich einer äußerst schwierigen und. heiklen Situation gegenüber. Die zionistische Exekutive wurde vom Prager Zionistenkongreß bekanntlich der ■ Linken anvertraut, derselben Linken, die als palästinensische Histadruth die arabischen Eisenbahner und Chauffeure gewerkschaftlich organisiert und für den Streikfonds der arabischen Arbeiter gesammelt hat. Nun streiken die arabischen Arbeiter tatsächlich. Ein Teil; ihrer Streikkassa stammt aus jüdischen Taschen, aus den Fonds der: Histadruth. Unter weloher Parole soll die . Histadruth jetzt ihre arabischen Genossen zur Einsicht mahnen? Mit" welcher Parole soll die Histadruth jetzt die streikenden Araber zur. Klassensolidarität zurückführen? Die arabischen Arbeiter beweisen jetzt eben, daß ihnen die Auffüllung ihrer Streikkassen durch jüdisches Geld willkommen sei, daß sie aber, wenn sie ihre nationalen Interessen bedroht glauben, die von der Histadruth bis zum Verderben geübte Klassen Solidarität an den Nagel hängen. Die zionistische Öffentlichkeit muß hier ein ernstes Wort sprechen. Sie darf nicht länger dulden, daß das jüdische Aufbauwerk, das zionistische Ideal, die Hoffnung von Millionen verzweifelnder Juden in aller Welt, der Glaube an die Zukunft, des jüdischen Volkes um der Aufrechterhaltung längst überwundener Kl a s s e n d o g m e n willen gefährdet werde. Wenn aus der palästinensischen Araberrevolte für uns der Mut hervorginge, der zionistischen Politik einen neuen Inhalt, eine neue Richtung zu geben, so wäre vieles wieder gewonnen. Auf jeden Fall muß sich der Gedanke durchsetzen: So kann es politisch nicht weltergehen. Ohne nationale Konzentration kann das jüdische Nationalheim nicht, gesunden. Die nationale Konzentration, der Zusammenschluß aller zionistischer Patrioten.