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Die neue Welt · 1933-10-27 · Heft 320 (27.10.1933) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 320 (27.10.1933)
Date
1933-10-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 35 Groschen Jahrgang 7 Freilag/ den S7« Oktober 1*33 Nr« 320 V* b* b. Zeitang vom Verlege? versendet Joornal exp&lie par Mdltem*« Tlil üni^itiUslnbrwihek Wien. I. mmm m MM fli M mmmm BEZUOSBEDINOUNQEN: OMtcfTClCB monatlich S 1.50. V 'II ■ ■ Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.- mm mmM mm mm mmM Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.-; Deutschland «onatlfi mmY mm9 WM »■ m M~ Lewa 120.-; Itaifen monatlich Lire 5.-. vierteljährig Lire ^P^B ■■1 mW ^nmW mmm Schweizer Franca 4M HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion a. Verwaltung: Wien IX% Unioersitätsstr. 6-8, 7el. B-48-504 — Erscheint reden Freitag n „Diese Stellungnahme muß als o f f e n und ver Künftig gewertet werden und als geeignet, Miß' Stimmungen und geäußerte Bedenken zu zer »treuen." Dieser Satz ist die Antwort der heute in Oesterreich regierenden, vom Bundeskanzler Dr. Dollfuß geführten „Vaterländischen Front" auf eine Erklärung der „Jüdischen "Volkspartei", der Organisation der Juden Oesterreichs, die sich zum jüdischen Volkstum bekennen. Im „Oesterreichischen Morgenblatt", dem Organ der „Vaterländischen Front", ist die Antwort erschienen. Wer aus dieser Antwort den Schluß ziehen sollte, daß die Erklärung der Jüdischen Volkspartei eine bedingungslose Hingabe an die „Vaterländische Front" enthalten hätte, der irrt. In ihrer Erklärung hat die Jüdische Volkspartei zum Ausdruck gebracht, daß sie, bei Anerkennung der guten Absichten der herrschenden Partei, den Juden Oesterreichs den Eintritt in die ^Vaterländische Front" nicht empfehlen kann. Es wurde ausgeführt, daß der Eintritt von Juden in eine deutsch-christliche Organisation, daß ein Verhüllen bestehender wesentlicher Unterschiede nur Schäden stiften können.; Daß' einzig und allein die Auseinandersetzung von V o 1 k zu V o 1 k zu friedlicher, für beide Teile und für Oesterreich ersprießlicher Arbeit fünreaVkänm :; Uhd Resultat war ein gutes,1 die Antwort eine solche, die einer ehrlichen Auseinandersetzung den Weg bahnt. Es ist aber auch schon hoch an der Zeit gewesen, in Oesterreich Klärung des Verhältnisses der Juden zum Staat und zu' den Parteien zu schaffen. Die bisherige Politik der Mehrheit der österreichischen Judenschaft war einfach, aber in ihrer Einfachheit grundschlecht. Im wesentlichen" bestand 'sie dkrin, daß die Juden der jeweils stärksten Partei nachliefen. Vor dem Umsturz in Oesterreich den damals mächtigen nationalen Organisationen der Deutschen, Polen und Magyaren. Mit dem Erfolg, daß diese Parteien ihren jüdischen Anhangschließlich als Last empfanden und im Lager der anderen der Judenhaß riesig anwuchs. Nach; dem Umsturz vollzog sich ein jüdischer Massenzulauf zur erstarkten, einflußreich gewordenen Sozialdemokratie mit den gleichen üblen Folgeerscheinungen. Belastung der Sozialdemokratie, ihre Diskreditierung als jüdisches „Machtinstrument" einerseits und gesteigerter Antisemitismus auf der anderen Seite. Nun hat sich in Oesterreich wieder ein Umschwung vollzogen und diejenigen Juden, welche von einem Bekenntnis zum jüdischen Volke und zu selbständiger j ü d i s c h e r Politik nichts wissen wollten, vor ein neues Problem gestellt. Die Macht der Sozialdemokratie ist geschwunden, der Zusammenbruch der marxistisch beeinflußten Politik in der ganzen Welt hat sich auch in Oesterreich ausgewirkt. Damit sind diese Juden — leider ist es ein Großteil der österreichischen Judenschaft — politisch heimatlos geworden. Sie, die nur der Partei mit dem Tageserfolg nachgehen, stehen ohne politisches Obdach da. Und es drohte eine Wiederholung des alten, unwürdigen und törichten Spieles, des Laufens nach der anderen Seite. Juden, die noch vorgestern^ das Abzeichen der Sozialdemokratischen Partei, die rote Nelke, die „Drei Pfeile" trugen, paradierten bereits gestern mit dem Bändchen der deutch-christlichen „Vaterländischen Front". Feindselige Verachtung, Ekel griffen Platz. Aus den Reihen der Sozialdemokratie ertönten Klagen und Flüche ob der „Treulosigkeit" der Juden. Man verwünschte die charakterlosen Nachläufer, die in der Stunde der Gefahr das Weite Offen und vernünftig" suchen. (Die Klagen sind insofern nicht ganz berechtigt, als ja die österreichische Sozialdemokratie in Zeiten der Konjunktur die Juden bis zum Bankdirektor hinauf wahllos in die Partei hineingelassen, ja hineingepreßt hat. Das Entsetzen über den „Verrat" solcher „Genossen" ist etwas deplaciert.) Verachtung und Mißtrauen auf der „vaterländischen" Seite, wo man den jüdischen Zulauf als Gefahr empfindet und gerade, nur" nbch duldet. Die österreichische Judenschaft ist aufs schwerste bedroht. Gegen das Uebergreifen der politischen Gefahr von Hitler-Deutschland auf Oesterreich gibt es eine zu haltende Grenze, gewisse internationale Garantien, den . Willen Oesterreichs, selbständig zu bleiben. Gegen das Uebergreifen der Idee von der brutalen Ausrottung der Juden als Allheilmittel gibt es keine Grenzen, welche andere» halten. Hier muß jüdischer Wille, jüdische Kraft eingesetzt werden. Gerade in diesem Augenblick muß ein Rückfall in die alte, schlechte Judenpolitik der würdelosen Anbiederung, der sinnlosen Flucht zum augenblicklich! Stärkeren verhängnisvolle Folgen zeitigen* Diese typisch gewordene schlechte Judenpolitik, welche nun Mißtrauen erweckt und alle abstößt, muß einen jüdischen Politik Platz machen, welche ehrlich und klar, „offen und vernünftig" ausspricht* was die Juden für sich wollen, was sie den anderen zu geben bereit sind. Durch ihre Erklärung in der! Frage der „Vaterländischen Front" hat die Jüdische! Volkspartei diesen Grundsatz zum Ausdruck ge-< bracht und damit den besten Erfolg erzielt: Anerkennung und Achtung für aufrechtes Judentum und Bereitwilligkeit zu einer ehrlichen Auseinandersetzung von Volk zu Volk. Die Antwort, welche den Jüdischen Volkspartei erteilt wurde, unterscheidet sich wohltuend von den gewundenen, verlegenen! Phrasen, mit denen bisher in Oesterreich von nichtjüdischer Seite auf das jüdische Problem reagiert' wurde. Die Antwort beweist, daß die Jüdische Volkspartei den richtigen Weg geht und die Juden sich und Oesterreich den besten Dienst erweisen, wenn sie ihr auf diesem Wege folgen. Auch die Juden in anderen Ländern können aus dieser Antwort eine wertvolle Lehre ziehen. Die Schande der 5500 Zertifikate Nach außen schwach, nacli innen brutal — Jom Kippur in der Lassallestraße Man muß dein Prager Zionistenköngreß * zugute halten, daß er sictfvnlcht5 anmaßte, die" Judennot wesent. ifön ' mlläera1 zu wollen. Die diesbez%licni6ü' '^esdhiUsäe waren sehr milde, zurückhaltend, lau; der zionistische Kern war mit „allweltlicher" Watte umgeben. Immerhin aber; konnte man annehmen, daß das jüdische National? heim als solches nicht zu kurz kommen .werde. Wurde doch das weitere Schicksal Palästinas jenen MäcM*^ anvertraut, die seit Jahr Lund Tag der jüdischen, passe erzählen, daß ihr Idealismus, ihr Opfermut, ihre Voraussicht und ihre Beziehungen zum wichtigsten-Faktor, zur britischen Palästina-Ver waltung, die einzigen Chancen für die Weiterentwicklung Erez Israels bilden.; Der Prager Zionistenköngreß hat bekanntlich dieses Zukunftsbild eskomptiert: Er hat der sozialdemokratischen Arbeiterpartei, der Histadruth, die politischen und administrativen Machtbefugnisse in die Hände gelegt. Im Brennpunkt des jüdischen Weltinteresses lag die Frage der jüdischen Einwanderung, die Zahl der neuen Zertifikate. Denn gleich nach dem Prager Zionistenköngreß wurde von Jerusalem in alle Winde posaunt, daß die Jewish Agency nicht weniger als 25.000 oder — genau gesagt — 2 4.6 00 Zertifikate'als das dringendste Minimum angefordert habe. Wenn man vom Zertifikatensystem als solchem absieht, eine ganz respektable Zahl für das kommende Halbjahr! Die linke Exekutive war nicht faul in ihrem Bemühen, der jüdischen Welt ihre Forderungen an die Mandatarmacht in den größten Proportionen erscheinen zu lassen. > Am. 22. Oktober z. B. meldete die Jüdische Telegraphenagentur aus Czernowitz: „Jizchak Grünbaum, Mitglied der Zionistischen Exekutive, empfing im hiesigen Hotel .Palace' die Vertreter der Presse und sprach zu ihnen Uber die neue jüdische Emigration und die Einwanderungsmöglichkeiten in Palästina. Auf die Frage eines Journalisten teilte Grünbaum mit, es sei der Zionistischen Exekutive gelungen, von der Mandatarmacht 2 5.0 0 0 Ein wander ungs-Zertifikate für Palästina für das kommende Halbjahr zu erlangen. In den letzten Tagen wurden bereits Vorschüsse auf die nächste Quote gewährt. Die Steigerung der Kolonisa- Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelN liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichne* Kohle „Three Stars" > Koks HÖCHSTER QUALITÄTEN Basdi/ IV, Argentimerstraße 22: Tel. Serie U-47-5-40 j tion Erez Israels mildere ein wenig den Druck, den dl<S Jüdenfrage augenblicklich auf da* Welt gewissen ausUbe." Aber kaum war das Wort dem Mund entflohen, als die Wirklichkeit dem neugebackenen Exekutivemitgliede von linken Gnaden einen Strich durch die falsche Rechnung machte. Aus Czernowitz klang es nach altbewährter Methode „befriedigend", ja ausgezeichnet;; aus Jerusalem aber klang es anders. Die Palästina- Administration unter der Leitung des so brav gepriesenen Oberkommissärs Sir Arthur Wauchope machte sich gar nichts daraus, die Großsprecherei des Herrn Jizchak Grünbaum prompt zu widerlegen. Es liegt nämlich, 24 Stunden nach Grünbaums Presse-Tee, folgende Meld* düng aus Jerusalem vor: Obwohl seitens der Zionistischen Exekutive für das kommende Halbjahr 25.000 Zertifikate angefordert worden waren, hat die Palästina-Administration bloß 5500 bewilligt: Hievon bleiben deutschen mittellosen Einwanderern 900 reserviert. Die 'Verhandlungen zwischen der Jewish Agency und der Palästina-Regierung haben sich zerschlagen. Der Oberkommissär Sir Arthur Wauchope hat angekündigt, daß er jeden Versuch einer jüdischen Einwanderung über die bewilligte Zertifikatenanzahl mit allen Mitteln verhindern und unter schärfste Strafverfolgung stellen werde. Diese Meldung klingt ein wenig anders als die von Jizchak Grünbaum 24 Stunden vorher abgegebene. Mit anderen Worten: Der Druck, den die Judenfrage augenblicklich auf das Weltgewissen ausübt — wie Jizchak Grünbaum so poetisch den Herren der Czernowitzer Presse erzählte —, hat also keine Milderung erfahren.! Aber das Maß unserer Bestürzung ist damit noch nicht voll. Die J. T. A. meldet nämlich aus Tel-Awiw: „Vor dem hiesigen Friedensrichter Dr. Korngrün stand eine Gruppe von Mitgliedern der sozialdemokratischen Histadruth, die sich an einem Streik beteiligten, am Vorabend des Jona Kippur eine Wäschefabrik in der Lassalle-Straße überfallen hatten, weil in der Fabrik Mitglieder der' nationalen . Gewerkschaft „Irgun" beschäftigt wurden. Die Fabrik Ist erst vor kurzem von drei deutschen Juden gegründet worden. Sechs Hlstadruth-MitgUeder sind vom Richter zu 5 Pfund Geldstrafe oder 2 Monaten Arrest verurteilt worden. Außerdem müssen sich die Verurteilten gegen eine Kaution von je 10 Pfund zu tadelloser Aufführung ein Jahr lang verpflichten. Unter den Verurteilten befindet sich der Sekretär des Tel- Awlwer Arbeiterrats, Kreismann. Die drei Fabriksbesitzer und auch noch einige Fabriksarbeiter haben Zeugenschaft gegen die Angeklagten abgelegt. Nach dem Prozeß schlössen die Unternehmer mit der Histadruth ein Abkommen, worin sie sich ver- :^-%\ A ■ f-

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