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Die neue Welt · 1933-09-20 · Heft 315 (20.9.1933) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 315 (20.9.1933)
Date
1933-09-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Preis 35 Groschen Jahrgang 7 Mittwoch/ den 20* September 1931 18? Nr« 315 V.1*.b. Zeitung vom Verleger versende* ......HM*« Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. j Bhi BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S4.20,?anzjährlRS 16.-; Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.-, Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.»; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.-: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.-; Balgarien monatlich: Lewa 40.—, vlertellthrig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und dVübr Igen Linder monatlich Schweizer Francs 1.90, viertellahrig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8,1 ei. B-48-504 — Erseheint jeden Freitag REVUE Gras ist das Volk Zur Jahreswende 5693/94 Von Dr. Israel Zwi Kanner (Wien) Heute klagt Jesajas, wie alljährlich, daß das Volk Gras sei. Es dorret das Gras und es welket die Blume. Er meint, damit nicht die Hinfälligkeit des menschlichen Lebens. Denn wenn wir an unser Ende dächten, dann wäre unser Tun schon im vorhinein gelähmt. Ein Volk traf er an, das sich selbst vergessen, verachtet, aufgegeben, das für seine Zukunft keinen Sinn hatte. Es war in die Tiefe, ins Tal gefallen/ Hier kannte sein Sinn kein Streben nach Höherem. Hier reichte sein Sinn nicht über die enge Schranke des Sinnfälligen hinaus. Hier muß das Volk wie Gras verdorren. Deshalb ruft der Prophet ihm zu: „AI har gawohah ali lieh miwaßereth Zion!" Erklimme die höchste Höhe und von dort aus wirst du dir ein richtiges Urteil über Zion bilden können! Auf den Gipfeln Jerusalems herrscht Aufschwung und Vollendung. Dort lebt man nicht auf dem Boden des eigenen Vorteils, sondern auf dem Boden der Lehre und des Volkstums. Von dort aus kann man mehr sehen als das Gestern und das Heute. "Das-.jüdische Volk^ hat. sich durch Verführer in der. allerletzten Zeit in überwältigendem Maße vom nationalen Idealismus zum völkafremden Marxismus abdrängen lassen. Aber wenn eine Blume verwelkt, hat sie nicht umsonst geblüht; wenn : ein Vogel zu Singen aufhört, hat er nicht umsonst', geäungen. Im;£rij^ J^ühen, "Vögel yidejder singen. Die' KämpfeTtür 3äen Jüdenstaat haben ^cht'umsonst' genmgeji. . Atjf:' de£' Vöt-mäTiSch: des Feindes wird "ein gewaltiger ^Ück^^fplge^^DälJiyote ist Gras, ist verwelkt; aber "es wird wieder blühen und zur .Besinnung kommen. ' „Gras ist das Volk", darin liegt das Grühdübel unserer Zeit. Was nützen alle Reden, was alle Mühen, wenn das Volk von seiner Bestimmung abweicht? Es sind Worte, in den Wind gesprochen, es sind Saatkeime, auf wüsten Boden gestreut. Das Israel unserer Zeit wäre mächtig, wenn es nicht in Parteien und Parteichen gespalten, wenn es einig, wenn es lebendig wäre. Einig muß das Volk in seinem Innern sein, zumal Bösewichter an seinen Toren lauern! Ja, das Jahr 1933, das die anderen das „heilige" nennen, war ein blutiger Fleck, in der jüdischen Geschichte. In Deutschland feiert man, indes wir trauern, einen schändlichen Triumph menschlicher Roheit. Unser Gastdasein in Deutschland ist? bald zu Ende. Aber bald werden auch andere Länder mit uns. ihr böses Spiel treiben. Denn der Schauplatz unseres Trauerspieles ist die Welt, die mitspielenden Personen alle Völker der Erde und der Held das leidende Israel. Die ganze Welt ist der Schauplatz unserer Tragödie, Palästina leider nicht ausgenommen. Oder haben wir jüngsthin nicht erlebt, daß Juden, die in der Heimat ihrer Väter landen wollten, gegen ihren Willen als fremde Landstreicher erklärt und mit ihren zerstörten Hoffnungen über das Meer, in die trostlose Galuth geschafft wurden? Heute, am Neujahrstag, wollen wir vor Gottes Richterstuhl nicht mehr als Schutzflehende, sondern als Ankläger gegen Wahn und Gewalt erscheinen, die gsgen uns toben. Das blühende Palästina sei unser Zeuge, die nationale Jugend unser Anwalt und Gott möge das Urteil sprechen. Das Gras blüht, das Gras verwelkt, das Gras blüht wieder^ \ Ein Kreislauf. Nichts ändert sich. Die Juden kennen kein neues Jahr, sondern" ein Jahr, - in dem .sieh das.-„Alte wiederholt. Rpsch Haschanah heißt eigentlich: Der Anfang der Wiederholung. Der Jude wünscht, daß sein früherer Naturzustand, die Verbundenheit-mit der Scholle, wiederhergestellt werde. Der alte.Iwri soll; wieder erwachen! Sünden von Prag Heute werden wohl nicht einmal jene der „linken" Suggestion erliegenden Teilnehmer am Prager Zionistenkongreß und dessen periphere Kreise behaupten, daß man in der großen Welt Eindruck gemacht oder gar Ehre eingeheimst habe. Einige zionistische Führer sprachen von einem schwachen, andere von einem tragischen Kongreß. Daß es unter dem Aspekt unaussprechlicher Judennot und drängender Judenhoffnung ein schmählicher Kongreß war, das bezeugen jetzt allerorten Symptome verschiedener Art. In der Frage des Boykotts gegen das hitleristische Pogromdeutschland hat der Kongreß schändlich versagt. Gegen den Willen der Weltjudenheit, im Widerspruch zu allen sittlichen Regungen der Kulturwelt hat die sozialdemokratische Mehrheit des Prager Kongresses die im Boykott symbolisierte Abwehrfront durchbrochen und damit ein Schauspiel egoistischen Krämer- und Klassengeistes gegeben. Ein Symptom! Aber charakteristisch für die Geisteshaltung der palästinensischen Arbeiterführer und ihrer Gefolgschaft! Die außer jüdische und außerzionistische Welt, die vom Prager Kongreß die Manifestation des geschlossenen jüdischen Volkswillens erwarten zu können glaubte, sah sich in diesem Glauben betrogen: Wenn nicht' in Prag, wo denn sollte der Ruf der Abwehr, die Stimme der jüdischen Ehre, das Echo der jüdischen Würde ertönen? Nichts von all dem. Die Sünden von Prag hängen wi» bleierne Ketten an;den-i Füßen des . jüdischen Wanderer«« # y.vi.<, Sagen wir es einfacher: Viel Respekt hat die Haltung der zionistischen Mehrheit An Prag der jüdischen Sache nicht eingetragen. Dort, wo es um den Schütz jüdischer Interessen geht, wird man diesen kaum sehr viel Energie opfern. Blicken wir nur auf Bern, wo in den letzten Tagen der Nationalitätenkongreß getagt hat. Man sprach zuerst über die Gewährung der Autonomie für die völkischen Minderheiten und beschäftigte sich dann mit der Tätigkeit des Völkerbundes im abgelaufenen Jahr. Es gab Kritik, Anregungen, Vorschläge, man debattierte über die Versuche einzelner Regierungen, Petitionen zu verschleppen usw. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, wonach der Kongreß keine Veranlassung habe, die in zahlreichen Resolutionen aufgestellten, insbesondere auf die Verbesserung des Petitionsverfahrens gerichteten Forderungen und die an der Tätigkeit des Völkerbundes geübte Kritik einer Revision zu unterziehen. So plätscherte die Tagung im gewohnten Fahrwasser, obwohl es bekanntlich auch — jüdischeDelegierte in Bern gab. Wir gaben bereits in der vorwöchigen Nummer' der „Neuen Welt" bekannt, daß die jüdische Delegation ihre Beteiligung an der Tagung von der Aufrollung der deutschen Judenf r a g e abhängig machte und schließlich zu dem immer noch akzeptablen Kompromißvorschlag griff, wonach die antideutsche Resolution im Kongreßprotokoll festgelegt werden sollte. Aber der Nationalitätenkongreß, die Tagung der Minderheiten, bezeugte der jüdischen Minderheit» also derjenigen, die im Brennpunkt des Weltinteresses steht, keinerlei Entgegenkommen. Die jüdische Minderheit verlangte, der Kongreß möge das Verhalten der deutschen Regierung gegen die Juden — tadeln. Der Kongreß lehnte ab. Die jüdischen Delegierten blieben also den Sitzungen fern. Der Kongreß wollte nicht päptslicher sein als der Papst. Wenn der Zlonistenko.ngreß es nicht für nötig gefunden hatte, dem ppgromistischen Hitler-Deutschland durch Bestätigung des Boykotts die Antwort zu geben, .so Alle im redaktionellen Peil befindlichen cntgelt« liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet' Höchster BÄSCH, IV, ÄrgentioierstraOe fteues, erfolgreichstes Heilverfahren D" RIED 'S U B AD Qualitäten 22, Telephon Serie U-47-5-40 Bil RHEUMATISMUS, GICHT, FRAUENLEIDEN NUR i KURANSTALT DIANABAD I Wien, an der Marienbrücke / Tel. A-47-5-20 Serie konnte man wohl vom Nationalitätenkongreß eine offizielle antideutsche Stellungnahme nicht verlangen. Der Grazer Kongreß hatte eben die Stellung der jüdischen Minoritäten In Bern bereits unterminiert. Die, jüdischen Minoritäten nahmen also an den Sitzungen nicht teil, sondern sandten bloß an das Präsidium einen Brief, der ihre Stellungnahme und Absenz motivierte. Aber der Präsident Dr. Wilfan, der dem Plenum den Brief vorlas, unterschlug„ hiebe! f dl* genden,Passus: . ■ _____ v . ,. ,<t „Im Deutschen Reich hat das Problem der Beziehungen des Mehrheitsvolkes zu den Bürgern anderer Abstammung durch das Eingreifen der Staatsgewalt; und der Gesetzgebung eine Gestalt angenommen, die in der zivilisierten Welt ohne Beispiel ist. Das Vorgehen der deutschen Regierung stellt keineswegs eine Ablehnung der Assimilation von Volk zu Volk dar. Die deutschen Volksgruppen hätten ausdrücklich diese Art der Ausgliederung gebilligt, unter anderem auch die W e g n a h m e der in jahrelanger Arbelt aufgebauten Existenzen, die Sperrung des Zuganges zu den Stätten der Bildung, die öffentliche Aufreizung in den Schulen unter der Jugend, den systematisch auf Haß und Neid aufgebauten und auf die völlige Ver«» niehtung hinzielenden Boykott." Eine Feststellung, die bereits von allen Kultur- Staaten gemacht wurde! Und nicht einmal diese Fest« Stellung gab der Präsident des NatiQnalitätenkongresses wieder. Er, der Nichtjude, glaubte wohl, mit Hinblick auf I judischen Romanes Vier Monate nach Erscheinen ist „Heimweh nach Wien" Roman von Leopold Hichler bereits in 4. Auflage Dies Buch muß gut sein! In allen Buchhandlungen und Leihbiblioiheken Karton $ 5.04, Leinen S 7.35 R. Löwit- Verlag, Wien

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