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Die neue Welt · 1933-09-08 · Heft 313 (8.9.1933) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 313 (8.9.1933)
Date
1933-09-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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PreiS 35 GrOSChen Jahrgang 7 Freitag, den 8« September 1933 Nr« 313 V* b. b* Zeitung vom Verleger versendet _ „Jonrnal expedic par r^diteur* HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, Tel, B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Prager Zionistenkongreß beendet Die neue Exekutive Sokolow als Präsident wiedergewählt Die Schlußsitzung des Zionistenkongresses nahm die ganze Nacht vom 3. zum 4. September in Anspruchs Um 9 Uhr morgens wurde der Kongreß nach Wahl des Präsidenten der Organisation und der Mitglieder der neuen Exekutive geschlossen. Zum Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, der auf Grund des Züricher Abkommens mit den nichtzionistischen Vertretern in der Agency gleichzeitig Präsident der Jewish Agency ist, wurde Dr. Nahum Sokolow wiedergewählt. Als Mitglieder der zionistischen Exekutive, aus der zusammen mit den vom Council der Jewish Agency nominierten nichtzionistischen Vertretern Dr. B e r k s o n, Prof. Maurice B. H e x t e r und Dr. Werner Senator nach Bestätigung durch das neue Administrative Committee der Jewish Agency die Exekutive der Jewish Agency gebildet wird, wurden gewählt: David Ben Gurion, Elieser Kaplan, Berl Locker, Mosche Schertok (Arbeiterpartei), Prof. S. Brodetsky, Dr. Viktor Jacobsohn, Louis Lipsky, Dr. Arthur Ruppin (Allgemeine Zionisten) und Abg. J. Grünbaum (Radikaler). Der Misrachi und die beiden Gruppen der Revisionisten sind, in der neuen Exekutive nicht vertreten. Die Wahl der Exekutive erfolgte mit dem Stimmenverhältnis 172:11. Der Vorsitzende der English Zionist Federation und ehemalige Präsident der Zionistischen Weltorganisation und der Jewish Agency Dr. Chaim Wei zm an n wurde vom Kongreß mit der Leitung der Aktion zur An Siedlung deutscher Juden in Palästina betraut. •' Die amerikanischen Repräsentanten der Weizmann-Richtung Morris Rothenberg, Louis Lipsky und Jakob [Fishman hatten im letzten Augenblick noch einen Versuch gemacht, Dr. Weizmann zu veranlassen, zum Kon- .greß zu kommen und sich an der Bildung der neuen Exekutive zu beteiligen. In einem an Weizmann nach Zer- matt gesandten Telegramm erklärten; sie, sie hatten daß Gefühl, von ihm im Stiche gelassen worden zu sein. Durch sein Nichterscheinen auf dem Kongresse werde, die. Stellung seiner Anhänger geschwächt. Weizmann antwortete, er beabsichtige nicht, von seinem Standpunkt abzugehen, und ' wolle bloß an der Hilfsaktion für die deutschen Juden teilnehmen,,. - :1.; -* -* r , JUDENSTAATSP A RTEI EINLADUNG Montag, am. 11. September, um lU9 Uhr abends, im Festsaal des Hotel Post, I, Fleischmarkt VORTRAG „Der Verlauf und das Resultat des 18. zionistenkongresses" Referent: Oberbaurat Robert Stricker Regiebeitrag Die schlimmsten Erwartungen ubertroffen Ein Kongreß des Niederganges Während der XVIII. Zionistenkongreß in Prag tagte, hielt der Hitler-Minister Dr. Goebbels, einer der gefährlichsten antisemitischen Führer, eine große Bede über das Judentum. Er kam auch auf den Kongreß zu sprechen. Er verwies auf seinen Verlauf und bezeichnete ihn als Beweis für den Niedergang des Weltjudentums und den Sieg des all weltlichen Hakenkreuz-Antisemitismus. Triumphlerend stellte Goebbels fest, daß diese von der ganzen Welt spannungsvoll und vom jüdischen Volke hoffnungsvoll erwartete Tagung des Judenparlamentes kläglich verläuft. Feige und hilflos ist die Majorität des Zionistenkongresses vor der deutschen Judenfrage gestanden, sie hat nicht den Mut zu einer Antwort gefunden! Sieg des dritten Reiches über Israel! Die grausamen Augen des Hitler-Ministers haben scharf gesehen. Dieser Zionistenkongreß hat die schlimmsten aller Erwartungen übertroffen. Enttäuscht haben sich hunderttausende Freunde der zionistischen Bewegung von ihm abgewendet. Verbittert und verzweifelnd haben ihn treue Zionisten verlassen. Nur der Zusammenschluß aller unentwegten Herzl-Zionisten, aller jener, die in ihrem Glauben an das Werk des großen Führers und Lehrers nicht zu erschüttern sind, kann die Sünde dieses Zionistenkongresses tilgen. Parteihetze als Zentralproblem des Kongresses Nicht die deutsche Judenfrage, nicht die Not der; jüdischen Welt, nicht der Aufbau Palästinas standen im Mittelpunkte der Verhandlungen des Kongresses. Eine wilde, zügellose Hetze um den Mord am Führer der Linken, Dr. Arlosoroff, bildete das zentrale Probien). Was der übermächtige linke Flügel angekündigt hatte, das geschah. „Der Hauptzweck des Kongresses ist Abrechnung mit der revisionistischen Opposition und ihre Vernichtung." Das war die Parole, mit welcher die Poale- Zlon In den Wahlkampf zog, und sie hat sie getreulich befolgt. Unter rücksichtsloser Ausbeutung des Umstandes, daß in Palästina Revisionisten als des Mordes verdächtig in Untersuchung stehen, wurde der Kongreß vergewaltigt. Die Linke ließ Ihn nicht zu sachlicher Arbeit kommen. Immer und Immer wieder warf sie die Frage auf den Tisch. Dutzende von Kommissionssitzungen waren bis tief in die Nacht in die Frage verstrickt, dutzendo Male mußten die Kongreßverhandlungen abgebrochen werden, well die nach den Köpfen der revisionistischen Opposition schreienden Linken es wollten. Und draußen stand das jüdische Volk und wartete und wartete. Erst in den letzten Tagen brachte der in raffinierter Art zermürbte Kongreß die Angelegenheit zum Abschlüsse. Und das in einer Form, die für seine geistige Verfassung bezeichnend ist. Er hat in der Frage, die jetzt vor den palästinensischen Gerichten in Verhandlung steht, eine „Untersuchungs- Kommission" eingesetzt, er hat damit — gegen alle Gebote menschlichen und vor allem jüdischen Gerechtigkeitsgefühles verstoßend — in ein Gerichtsverfahren eingegriffen und angeklagte Menschen gefährdet. Daß aus dieser „Lösung" nur neues Unheil entstehen und die unselige Parteienhetze in Palästina nur gesteigert werden wird, ist klar. Die deutsche Frage Alle Welt hat auf die Antwort gewartet, welche der Zionistenkongreß auf die erschütternden Vorfälle in Deutschland geben wird. Nicht nur Zionisten, auch Nichtzionisten und Nichtjuden, waren vom festen Glauben beseelt, daß jetzt die Antwort des gequälten, in seiner Würde unsagbar verletzten, in würgende Not versetzten jüdischen Volkes ertönen wird. Statt dessen verlegenes Stammeln, würdeloses Ausweichen, mutlose Zurückhaltung, nutzloses Vertuschen. Der Kongreß hat nicht einmal den Mut gefunden, klar auszusprechen, was in Deutschland geschehen ist, und nicht den Mut, den Kamp/ gegen die bestialische Bedrückung des jüdischen Volkes und die unflätige Schändung seiner Würde anzukündigen. Ja, er hat etwas zustande gebracht, was unfaßbar klingt: ErhatdleDiskussion Uber die Vorgänge in Deutschland verhindert! Mit einer nichtssagenden, jedes entschlossenen Wortes entbehrenden „Erklärung" hat er die große Sache abgetan. Statt den unglücklichen Juden Mut einzuflößen, hat er ihre Seelen verzagter gemacht. Und all das unter dem Vorwande, die-Lage der Juden in Deutschland nicht zu gefährden. Wer die Lage der Juden in Deutschland kennt, der weiß, daß das Maß ihrer Leiden voll ist; und wer ihre Bedrücker kennt, weiß, daß diese bedenkenlos noch ärger wüten werden, wenn es ihnen paßt, unbekümmert um gute oder schlechte Worte. Hohnlachend hat der Hitler-Minister auf die Feigheit des Kongresses hingewiesen. Immer und immer wurde auf diesem Kongresse gefragt: Was werden die Hakenkreuzler sagen? Aber was die Welt sagen wird, danach wurde nicht gefragt! Die Welt wird sagen: Warum sollen wir für ein Volk kämpfen, das für seine eigene Sache nicht kämpfen will? Warum sollen wir entrüstet sein und schreien für ein Volk, da« schweigt? Der Kongreß hat um die deutsche Frage das größte Unheil gestiftet. Er hat die Judenhetzer Deutschlands und aller anderen Länder ermutigt und die Kultur« weit an der Judenfrage desinteressiert. Abbruch der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Hitler-Deutschland! Es galt als selbstverständlich, daß der Zionistenkongreß das aussprechen wird. Nein! Triumphierend konnten die Hakenkreuzblätter in die Welt schreien, daß der Zionistenkongreß mit großer Majorität den Boykott Deutschlands abgelehnt hat. Noch mehr! Mitten in den Kongreß platzte die Kunde, daß verantwortliche Organe der zionistischen Leitung mit Hitler^ Deutschland Geschäfte und Verträge abgeschlossen haben. Palästina kauft deutsche Waren und Hitler-Deutschland läßt sich gnädig herab* dafür das Geld seiner jüdischen Opfer einzustreichen. Und man ist bereit, ganz Palästina mit deutschen Waren anzufüllen; wenn Herr Hitler die Einfuhr einiger Waggons Palästina-Orangen nach Deutschland zuläßt. , Auch in der deutschen Frage war die Haltung der L i n k e n auf dem Kongresse ausschlaggebend. Mit ihrer Zustimmung, ja über ihr Betreiben wurde der Rückzug vor Hitler-Deutschland angetreten. Eine traurige Groteske. Gleichzeitig mit dem Kongresse in Prag tagte In j Paris der Kongreß der Zweiten Internatioi nale. Die zionistische Linke, welche der Internationale! angehört, hat ihre Vertreter nach Paris entsendet. In : Paris wurde, natürlich mit den Stimmen der zionistischen j Linken, der Boykott gegen Deutschland feie r- ] lieh proklamiert. In Prag aber haben dieselben : zionistischen Sozialdemokraten den Boykott gegen Deutschland abgelehnt . . . Was werden die c h r i s tlichen Genossen dazu sagen? Von ihnen fordert man Boykott gegen das antisemitische Hitler-Deutschland, aber die jüdischen Genossen in Palästina machen mit Hitler-Deutschland Geschäfte. Wahrlich, die schlimmsten Erwartungen sind übertroffen. Die politische Frage Ueber politische Fragen zu sprechen fand der durch die Parteihetze um den Arlosoroff-Mord und den traurigen Eiertanz um die deutsche Frage in Atem gehaltene Kongreß keine Zeit. Dabei Ist die politische Lage der Behandlung bedürftiger als je. Drosselung der Einwanderung nach Palästina in einem Zeitpunkte, da der Aufbau des jüdischen Nationalheimes eine Masseneinwanderung gestattet und benötigt. Bodengesetze in Palästina, welche den Ankauf von Boden durch Juden fast unmöglich machen. Wiederaufnahme des totgeglaubten French-Berichtes, welcher die weitere Entwicklung des jüdischen Palästina verhindern wilL Ankündigung der Einsetzung eines Parlamentes mit arabischer Majorität in Palästina. Sperre Transjordaniens für jüdische Einwanderung. Das sind nur einige der politischen Fragen, die zu beantworten das Lebensinteresse des Zionismus erfordert. Der Zionistenkongreß hat für die gründliche Behandlung dieser Probleme keine Zelt gefunden. Er fand nur die knappe Zelt, welche zur Ablehnung aller auf aktive zionistische Politik in diesen Fragen hinzielenden Anträge der Judenstaatspartei erforderlich war. Nicht nur die Antisemiten in Deutschland können ihre Freude an diesem Kongresse haben. Auch die antisemitischen und antizionistischen Beamten in der Palästina-Regierung können vergnügt fest* stellen, daß ihnen dieser Kongreß kein Kopfzerbrechen bereitet. Sie können, ungestört durch ihn, in ihrer gegen Zu den jüdischen Feiertag?» nadl Polen mit unserem Sonderzu«? Abreise 18. September 1933 für zwei und vier Wochen; sehr billige Preise, Teilnehmer unserer Reise genießen 5f% Ermäßigung nach allen Richtungen Polen. Nähere Auskünfte E. Ferstel, I, Kärntnerring 12, Telephon U-40-301 Alle im redaktionellen Teil befindlichen entfielt« liehen Notisen sind durch «in betgefügte« Ii be^icoutl

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