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Die neue Welt · 1933-08-25 · Heft 311 (25.8.1933) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 311 (25.8.1933)
Date
1933-08-25
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 DIE NEUE WELT Nr. 311 Jüdische Mädchen vor der Berufswahl Dr. Krüger-Heim Wien II, Malzgasse 7 Telephon A-48-0-77 Zweijährig« Fachschute für Weißnähen und Kleidet machen ml* Oef i entllchk eltsrecht Einjährige Hausha'tungsschule und zweimonatige hauswirtsci'aftliehe Vorbereitungskurse für Palästina; stte g rituell Viele sonstige Ausblldungsmögllchkelten! Privat-Volks- und Hauptschale mit 0 ffentlkhkeils echt Prospekt auf Wunsch / Internat / Mittelstandapre.'se Berufsberatung täglich von 10 bis 12 Uhr Gemetzel in Safed und Hebron Von Ernst von der Decken Notizen Die Vorarbeiten in der Fabrik der Gesellschaft ».Chemische Fabriken des Orients" gehen ihrer Vollendung entgegen. Die ersten Erzeugungen, Produkte für Kinderhygiene, werden bereits in 2 bis 3 Wochen auf den Markt kommen. Ibrahim Bey Lamey, der in Aegypten eine K uv e r t £ a b r i k hat, schickte zwei Beauftragte nach Palä.stina, um mit arabischen Kapitalisten wegen Gründung, einer großen Kuvertfabrik in Palästina zu unterhandeln. Im Falle des Zustandekommens wird die Fabrik in Jerusalem eröffnet werden. Die Filmgesellschaft „Kol Or" in Jerusalem bereitet eine Serie von kurzen Kulturfilmen unter Mitwirkung von Wissenschaftlern und Pädagogen des Landes vor. Im Monat Juni sind nach Palästina 1364 Personen, unter ihnen 1263 Juden, eingewandert. 227 Einwanderer gehörten der sogenannten Kapitalistenklasse an. Im Vormonat betrug die Zahl der nach Palästina eingewanderten Juden 1854 von einer Gesamteinwandererzahl von 1958. 242 jüdische Einwanderer fielen unter die Kategorie A 1 mit einem Eigenkapital von mindestens 1000 Pfund, Einwanderer der Kategorie A 2 (Mindestkapital 500 Pfund) wurden im Monat Mai nicht verzeichnet; dagegen sind einige Angehörige der Handwerker- Kategorie, für die ein Mindestkapital von 250 Pfund vorgeschrieben ist, eingewandert. Das Imigrationskomitee hat gemeinschaftlich mit der Loge. „Bne Brith".vor kurzem ein Imigratiorisheim in Jerusalem .eröffnet, welches gegen minimale Zahlung und auch unentgeltlich den deutschen Einwanderern, die nach Jerusalem kommen, Schlafgelegenheit bietet. Die Kommunisten Joel .Diamant und Simche Sokol sind von Palästina nach Polen wegen illegaler Betätigung abgeschoben worden. Simche Sokol hat einmal den Versuch gemacht, zu flüchten, was ihm aber nicht gelungen ist. Der Verband der jungen Araber in Haifa hat folgenden Brief an den High Commissioner gerichtet: „Der Verband der jungen Araber in Haifa lenkt die Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit, der jüdischen Einwanderung ein E-de zu machen, protestiert gegen die Einwanderung auf illegalem Wege durch die verschiedenen Grenzgebiete und bittet die Regierung, sie möge die Grenzgebiete bewachen lassen. Der zu Beginn des Monats Mai von der Stadtverwaltung Tel-Awiw mit den verschiedenen Arbeiterorganisationen geschlossene Vertrag, in dem ein Schlüssel fürdieBeschäftigungder Mitglieder der einzelnen Organisationen bei Bauarbeiten festgelegt wurde, ist in letzter Zeit wiederholt gebrochen worden. Die Verantwortung hiefür schieben sich die Arbeiterorganisationen gegenseitig zu. Die Histadruth ist dazu übergegangen, eigene Arbeitsverträge mit Bauunternehmungen abzuschließen. In einigen Unternehmungen ist es im Zusammenhang damit zu Streiks und in einer Reihe von Fällen zu Zusammenstößen zwischen Histadruth-Mitgliedern und Revisionisten gekommen. Einige Arbeiter, die an diesen Zusammenstößen beteiligt waren, wurden gerichtlich zu Geldstrafen verurteilt. ._ In den beiden letzten Monaten sind der Hebräischen Universität in Jerusalem -eine Reihe größererer Spenden zugeflossen. Wie bereits gemeldet, hat Frau Felix War bürg einen Betrag von 100.000 Dollar für die Universität gezeichnet, der innerhalb von zehn Jahren zur Auszahlung gelangen soll. Die erste Jahresrate von 10.000 Dollar wurde dem Universitätskanzler Dr. Magnes bereits übergeben. Der bekannte Kairoer Jurist A. Alexander überwies der Universität durch Vermittlung von Prof. Norman Bentwich 50 Pfund. Die jüdischen Studenten von Oxford und Cambridge haben 125 Pfund überwiesen. Dieser Beitrag ist für die Aktion der Universität zugunsten jüdischer Gelehrter aus Deutschland bestimmt. Ein amerikanischer Frauenverband hat 1500 Dollar als Stipendienfonds für Studentinnen an der Universität Jerusalem gestiftet. Eine Spende der Familie Marks-Sacher-Sieff von 500 Pfund ermöglichte die An-, Schaffung von Invenitar für das physikalische Laboratorium. Schließlich hat die Palestine Economic Corporation 1000 Pfund gegeben, für die in der Schweiz die neuesten physikalischen und technologischen Apparate gekauft werden. _ Der Vater Stavskys erhält die Einreiseerlaubnis nach Palästina Der Vater Abraham Stavskys, dem das englische Konsulat in Warschau vor einiger Zeit die Erteilung eines Einreisevisums nach Palästina verweigert hat — wie man annahm, wegen der Tatsache, daß gegen seinen Sohn eine Untersuchung wegen Mordes geführt wird — hat nunmehr auf dringliche telegraphische Anfrage bei der Palästina-Regierung die vom britischen Konsulat in Warschau geforderte Bestätigung erhalten, daß gegen seine Einreise keine Bedenken bestünden. Herr Stavsky, der seinen gefangenen Sohn besuchen will, hat bereits das Visum erhalten und begibt sich in den nächsten Tagen nach Palästina. _. Zu den jüdischen Feiertagen nach Polen fährt der Sonderzug am 18. September 1933 nach Krakau, Lemberg, usw. Pullmann-Wagen, reservierte Plätze. Wir bieten den Teilnehmern wie bei unseren Sommerreisen alle Bequemlichkeiten und verschicken auf Verlangen gratis unseren Prospekt. Näheres durch Schenker & Co., I., Schottenring 9, Tel. R-50-510, Büro E. Ferste!, In Karntnerrins 12, Tel. IM0-301. B Um mich her sehe ich zum ersten Male wirkliche jüdische Einwanderer. Sie kommen aus Spanien, sind in Alexandrien gelandet und ziehen den Landweg dem zur See nach Jaffa vor. Sie wollen in Erez Israel bleiben. In ihrem Traumland, im Lande der Väter. Sie haben viel Gepäck bei sich. Ich sah dasselbe Bild damals im Weltkrieg, als sie in Polen auf der Flucht waren, als man ihnen mit brennender Dorffackel den Weg leuchtete, der uns ein Siegespfad erschien. So höre ich zum ersten Male moderne hebräische Dichtung, Verse in der Sprache, die Jahrhunderte geschlummert, um jetzt als „Landessprache" neu aufzustehen. Der Fanatismus, mit dem der Nazarener die Worte formt, ist ergreifend. Er erscheint mir unendlich reich. Eine Kämpfernatur schuf die Sprache aufs neue. Eliezer Perlmann aus Luschky in Litauen fühlte in sich die Berufung, in dieser Spracherweckung sein Lebenswerk zu sehen. * Wir müssen an der englischen Kaserne vorbei. Eigentlich ist es nur ein Barackenlager. Man übt das Ausschwärmen. „Gegen wen?" fragt sich der unvoreingenommene Beobachter. „Gegen die Araber? Gegen die Juden?" Man weiß nicht einmal, ob die englischen Truppen gegen den vorgehen würden, der anfängt. Ein Teil der Tommys liegt im palästinensischen Sand und macht Zielübungen ... Es wird mir ewig schleierhaft bleiben, warum ein Soldat stundenlang das Auge mit dem Ziel „über Kimme und Korn" verbinden muß, wo er doch später, wenn das Gewehr scharf geladen ist, beim Abdrücken von dieser Linie abweicht und mit dem Gewehr va banque spielt. Hat man dann genug* im Sand gelegen, so wird auch hier zum Heimmarsch „formiert". Die Kasernen, bzw. die Baracken liegen zwar auf Wurfweite entfernt, aber man läßt es sich nicht entgehen, einige Musiker an die Spitze zu setzen, um mit fröhlichem Klang „heim"zumarschieren. Ich komme durch Gustavs Vermittlung mit einem Offizier ins Gespräch. Man steuert immer wieder mit Sicherheit auf die Judenfrage zu. . „Die Judenfrage?" Er lächelt. „Ist ein guter Sport!" „Wieso Sport? Verzeihen Sie!" . „Unsere Fußballmannschaft wurde von den jüdischen Arbeitern in Tel-Awiw im Fußball 2 :6 geschlagen." „Aha! Aha! So, so!" , V Ich sah die Bursche» iri^l-Awiw ^spielen. Herrliche Gestalten. Solidarität. E£/!w|'rjein Spiel der Tel-Awiwir' unter sich. Aber einer hatte .Pech; der schoß den Ball ins eigene Tor, traf bei der eigenen Partei ins Schwarze..... Wir fahren südlich weiter. Gustav will mir das neuerrichtete jüdische Arbeitererholungsheim zeigen. „Das ist aber fast eine kleine Festung!" „Muß es auch sein, weil es doch außerhalb Jerusalems liegt. Damals ging es auch hier los." „Damals war 1929, wo die Araber über die Juden herfielen, als die englischen Truppen zufälligerweise irgendwo im Sande lagen und das Auge über Kimme und Korn mit irgend einem Ziele verbinden mußten- und so zu spät zurückkamen." Wirklich, der Söller des Hauses zeigt Schießscharten und ein Wasserreservoir für den Belagerungsfall. Erholungsbedürftige liegen hier in der Sonne und überlassen ihr die ärztliche Arbeit. Wir kehren zur Bethlehemstraße zurück. Hinter Talpioth, einer zionistischen Kolonie, windet sich die Straße wieder um flache Hügel. Das Judenviertel in Hebron: in sich verschachtelt, aufgetürmt, an Hänge angeklebt, in unentwirrbarem Durcheinander. Heute fast ausgestorben. Warum? Hier geschah es, daß eine Parole vom Großmufti ausging, die zum Kampfe gegen die Juden aufrief. Kämpfe sind nun einmal Sache der Araber. Ich fragte einen Beduinen in Jerusalem, welcher Tonfilm ihm am besten gefallen hätte. Antwort: „Im Westen nichts Neues." Warum? Er sähe Schlachten so gern. So nennt man den Judenüberfall von 1929 noch heute bei den Arabern den „Tag der Schlacht". Er hätte der Tag des Schlachtens heißen müssen. Man hatte sich die Orte ausgesucht, wo man die schwächsten, wehrlosesten, orthodoxesten Juden vorzufinden wußte: Safed und Hebron. An die tausend Juden mögen hier gelebt haben. Jetzt sind dreißig zurückgekehrt. Zwar warnten damals viele Araber, denn nicht alle sind Bluthunde, aber man glaubte ihnen nicht und hielt es einfach nicht für möglich. Und doch wurde es möglich. Sowohl in Jerusalem als auch in Hebron und Safed. Die Talmudschüler Hebrons wurden abgeschlachtet wie die Hammel. In die Anglo- Palestine Eank hatten sich etwa 50 Juden geflüchtet. Man hat ihnen in bestialischer Weise die Hände abgehackt, sie hingeschlachtet, Frauen geschändet, einer Mutter den Sohn absichtlich in ihren Armen zerschnitten. In diesem Raum allein fanden 23 den Tod. Und in Jerusalem übten währenddessen die englischen Truppen, wie man das Auge gegen einen imagären Feind über Kimme und Korn verbindet. Ich habe die Berichte anfangs nicht glauben wollen, aber ich habe es erfahren müssen, daß die Engländer sehr wohl um die Massakers rechtzeitig gewußt haben. Daß sie eine solche Kulturschande mit der Pfeife im Maule duldeten und erst einzugreifen begannen, als genügend geschehen war, um den Mut der arabischen Horden zu kühlen. Ein intimer Freund Gustavs, ein jüdischer Polizist unter englischem Kommando, wurde von seinen englischen Kameraden am Tag vorher dringend gewarnt, nach Hebron zu gehen, dort würde sich wohl Schreckliches zutragen. Diese Tatsache kann einen verbittern — jedenfalls hat sie mir die Reise zum Teil zu verekeln vermocht. Man ist durchaus geneigt, zu glauben, daß jeden Tag dieser Aufstand von neuem ausbrechen könnte und die Engländer, erfordert es gerade ihre Kolonialpolitik, genau so Gewehr bei Fuß dastehen würden wie 1929. Noch heute tragen in Hebron die Araber die Nase reichlich hoch. Nablus! Merkwürdiger Name. Nablus kommt von Flavia Napolis. So nannte man das einstige Sichern nach der Eroberung durch Vespasian. Also Sichern ist das! Eine arabische Stadt, mit wenigen Juden bevölkert. Hier bebte vor wenigen Jahren heftig die Erde. Die Juden der Umgebung halfen den Arabern freundschaftlich aus. Diese dankten es ihnen bei dem Pogrom durch einige Morde. Jetzt hat man sich wieder friedlich geeinigt. Es sind Wallungen. So etwas liegt dann in der Luft. Ein Selbstschutz ist gegründet und wird seinen Mann stehen, auch ohne gütige Mitwirkung der Engländer. Dafür genügt ein Blick in die Gesichter dieser Männer, dieser Jünglinge, dieser Väter — in das Gesicht und auT''dievsrefinige'''Gesta]t Gustavs. : „; Gesegnet sei auch dein Weg! Man sagt es nicht am Kurfürstendamm!! Schließlich ist Safed erreicht. Der Ort, wo am Tage der „Schlacht" auch gemeuchelt wurde. Man sieht gleich bei der Einfahrt Weinbauterrassen, zwischen denen Oliven und Eukalyptus herumstehen. Ein viereckiger Block soll eine arabische Behausung sein. Aber ich sah noch: das neue Palästina. Ich sah die neue Stadt Tel-Awiw, sah die kleinen Kolonien, sah die Kindersiedlungen, sah die fruchtbare Emekebene. Man glaubt daran, daß hier, wenn auch unter unsäglichen Mühen, Neuland aufblühen wii'd, die Sonnenmenschen im Wachsen sind. Wer wird am hochmütigsten sein? Noch haben die Engländer das Privileg. Vielleicht lernen sie, sich etwas zu demütigen. Demut bringt Friedfertigkeit. Noch ist man in Palästina kriegsfertig, leistet diesbezüglich den Arabern Vorschub, beeinträchtigt das Wachstum der Sonnenmenschen. Und jetzt sehe ich nur noch: aufblühendes Land,, spiegelnde Fläche des Sees Tiberias, Sonnenmenschen bei der Arbeit ... * Der reichsdeutsche Schriftsteller Ernst von der Decken, seit einigen Tagen erst „gleichgeschaltet", nennt sein Palästina-Reisebuch „Ein Sünder fährt in Heiliges Land" (erschienen im Verlag Rohwohlt, Berlin 1932), im Untertitel „Rösselsprung über Palästina". Der vorliegende Teil ist weniger seiner prägnanten Darstellung wegen lesenswert, denn vielmehr als Zeugnis für das Grauen, das sich im August .1929 unter den Augen der britischen Administration in Palästnia abgespielt hat. Eine traurige Erinnerung an die Augusttage des Jahres 1929. (Anm. d. Red.) 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