Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 308 (4.8.1933)
- Date
- 1933-08-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 35 Groschen Jahrgang 7 lag/ den 4* August 1 vft<* tyt\ V3* v>Yv^C x V*b*bt Verleger versend« .-i exp&lie par r6dltenr\ REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljahrig Kc Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig "~~ ' jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, lel B-48-504 — Erscheint jeden Freitag - ----—=--^~^—^—mmm^—^^*mmmmmm^m*mmaammm^mmmma^mmmmm^mmmmmmK^^K*aKmKamH^4 Briefe aus de? Hitler »Holle ^er Redaktion der „Neuen Welt" wurde jetzt tin Brief vorgelegt, der von einem deutschen Christen geschrieben wurde. Er lautet: „Lieber Vater 1 Ich habe in A. (Bemerkung der Red.: Hier ist der Name einer großen Stadt außerhalb Deutschlands genannt.) zu tun und ergreife die Gelegenheit, um Euch einen Brief zu schreiben, den ich mich nie getrauen würde, von Berlin abzusenden. Die Greuelmeldungen, die die auswärtigen Blätter brachten und die unsere Regierung dementierte, sind — leider — nur ein Bruchteil d e r W a h r h e it. Die Verhältnisse sind schauderhaft. Jede Auflehnung — und es hat an solchen nicht gefehlt -rwird auf das blutigste von den SA.- und SS.-Horden unterdrückt. Diese Horden, die sich aus dem Abschaum und verbrecherischen Arbeitslosen zusammensetzen, übertreffen die grausigsten Schilderungen des Mittelalters. Selbt der in national-ökonomischen Belangen unerfahrenste Laie erkennt die wirtschaftlichen Maßnahmen unserer Regierung als ty a h.nwi ,t i. Der Zusammenbruch des Reiches ist nicht aufzuhalten. Um die Wut der Enttäuschten.■. rechtzeitig abzulenken, wird ein Juden-Pogrom vorbereitet, wie ihn die Welt noch nie ge- . sehen und dessen Grausamkeit sich kein Mensch wird vorstellen können. Spätestens im September wird er zum . Ausbrüche kommen." Der Brief stammt weder von einem, verängstigten Juden, noch von einem gegen das Hitler-Regime eingestellten Politiker. Der Schreiber ist Direktor in einem großen reichsdeutschen Industriebetrieb und Arier. Er schreibt an seinen in Wien weilenden Vater. Der Empfänger des Briefes, der sonst keine Beziehungen zu Juden hat, glaubte sich verpflichtet, den Brief zur Verfügung zu stellen, um das Judentum und die Kulturwelt vor einer entsetzlichen Gefahr zu warnen. * Hitler-Deutschland bereitet hunderttausendfachen Judenmord vor! Die Führer der Nationen, die sich stolz als Träger menschlicher Kultur bezeichnen, die sich im Völkerbunde zum Schutz der Menschenrechte vereinigt haben, sollen es wissen, daß Hitler- Deutschland vor dem gewaltigsten Juden-Pogrom steht. Sie sollen es wissen, daß mit entrüsteten und salbungsvollen Reden in Parlamenten und in Völkerbundversammlungen nichts getan ist, daß diese schönen Reden nichts als Verhöhnung der unglücklichen Juden in Deutschland sind, wenn den Reden nicht Taten folgen. Wer dem Mörder nicht in den Arm fällt, ist schuldig, wie der Mörder selbst. Hitler- Deutschland hat sich an der Menschenwürde versündigt, es schreit seinen Willen zur Vernichtung in alle Welt! Unter diesen Umständen auf die „Souveränität" Hitler-Deutschlands zu verweisen und mit ihr die schmähliche Untätigkeit der Kulturwelt entschuldigen zu wollen, ist Unsinn oder widerliche Komödie. Gegen naive Menschenfresser im dunkelsten Afrika, gegen wilde Sklavenjäger, gegen Naturmenschen, wenn sie Verstöße gegen" die ihnen unbekannten Gebote < der Zivilisation begehen, veranstaltet man drakonische1 Strafexpeditionen. Gegen Hitler-Deutschland, gegen eine Gesellschaft von Politikern, Professoren, Technikern, höchst zivilisierten Menschen, 'die sich zu planmäßiger- Barbarei zusammengetan haben, unter-' nimmt man nichts. Man achtet ihre „Souveränität?! Man verkehrt mit Hitler-Deutschland nach allen Regeln internationaler Höflichkeit, wie wenn nichts geschehen wäre, als hätte man keine Ahnung von dem, was vorgeht, taub für das Geschrei der mißhandelten und entwürdigten Kreaturen. Nicht nur zünftige Diplomaten befleißigen sich dieser Höflichkeit. Herr Henderson, der berühmte Arbeiterführer und gepriesene Liebling der Internationale, feesucht Herrn HitJer in Berlin, um „Abrüstungs- Die Kulturwell soll es wissen I fragen" zu beraten. Wie wenn nichts geschehen wäre. Vor den Fenstern des Salons, in welchem er mit Herrn Hitler Konversation pflegt, werden Juden und seine eigenen Parteigenossen geschunden. Aber das stört Herrn Henderson aus London nicht... Hitler-Deutschland bereitet den gräßlichsten Judenpogrom vor. Die Kulturwelt soll es wissen! * Und die Juden aller Welt sollen es wissen! Besonders jene, die zu feig sind, den Kampf, den jüdischen Kampf gegen Hitler-Deutschland aufzunehmen. Mit 110 gegen 217 Stimmen haben die Führer der englischen Juden beschlossen, den Boykott deutscher Waren abzulehnen. Der einfache jüdische Mensch auf der Gasse, der kleine Kaufmann, die jüdische Hausfrau, der jüdische Arbeiter, sie alle haben begriffen, daß man die deutsche Ware, an welcher Schmach Und Blut jüdischer Brüder klebt, von sich weisen muß. Ihr Herz und ihr Verstand haben ihnen gesägt, daß Verweigerung des Gebrauches von Waren aus verfluchten Händen die erste Antwort auf den Frevel Hitler-Deutschlands ist. Aber 110 Herren aus der „guten" englisch-jüdischen Gesellschaft haben sich dazu, hergegeben, Hitler-Deutsch: land. vor dem^ beleiciigteh ^iund, ...bedrohten, jüdischen Volk zu schützen. Ein Sir Herbert Samuel hat hih'ter dem Rücken der Juden mit Vertretern Pogrom- Deutschlands . unterhandelt, er und seine Freunde haben die Abhaltung der jüdischen Wirtschafts* konferenz in London, welche den Abwehrkampf gegen Hitler-Deutschland organisieren soll, hintertrieben. Sie haben es durchgesetzt, daß sie nach Amsterdam verlegt werden mußte. — Hitler-Deutschland bereitet den größten Judenpogrom vor! Diese jüdischen „Führer" sollen es wissen! Noch ein Brief ♦ ♦ ♦ Auf dem Umwege über die Schweiz erhielt der Herausgeber der „Neuen Welt" folgenden Brief: Bayern, im Juni 1933. Herrn Oberbaurat Stricker, Wien. — Machen Sie doch um Gotteswillen die Welt auf die furchtbaren Zustände im Konzentrationslager Dachau bei München aufmerksam. Hunderte von Juden er« leiden dort furchtbarste Qualen, sie werden auf grausamste Art mißhandelt, verstümmelt und getötet. Bekannt sind die grausamen Todesarten von Doktor Bcnario aus Fürth, G o 1 dm a n n aus Fürth, . zwei Herren Kahn aus München. In den letzten Tagen wurden ermordet Dr. Alfred Strauß aus München, Dr. Aron aus Bamberg, Schloß und Lehrburger aus Nürnberg. Man fürchtet für das Leben von weiteren Dutzenden. Dr. Dollfuß und Ihrer Regierung will man dasselbe Schicksal bereiten. — Helfen Sie um Gotteswillen! v~ Kann der Völkerbund nicht eingreifen? —Hilfe muß rasch kommen. * ' Bin Geflüchteter, der seinen Namen nicht nennt, um seine Familie zu schützen. Der Völkerbund für die deutschen Juden Von der Amsterdamer jüdischen Wirtschaftskonferenz Aus Amsterdam wird berichtet: Der Text der politischen Resolution, die von der jüdischen Wirtschaftskonferenz angenommen wurde, besagt im wesentlichen folgendes: Mit Rücksicht darauf, daß zehntausende loyale und Staatstreue deutsche Bürger jüdischen Glaubens und jüdischer Abstammung durch die unerträgliche Herrschaft des Terrors, Fanatismus, Rassen- und Religionshasses aus ihrem Heim hinausgestoßen wurden und ob der' Angst vor Totschlägereien und Pogromen, denen die deutschen Juden ausgesetzt gewesen sind und heute noch sind, mit Rücksicht darauf, daß viele der Flüchtlinge keine Möglichkeit hatten, sich mit Pässen zu versorgen, die sie berechtigten, Deutschland zu verlassen, und nicht die Möglichkeit hatten, ihr Geld und ihre Habe mitzunehmen und wegen des Zustands allgemeiner Arbeitslosigkeit in den Ländern, wo sie eine Zufluchtsstätte finden wollen, ist es dringendst nötig, daß der Völkerbund diesen Flüchtlingen zuhilfe komme. Mit Rücksicht darauf, daß als Resultat der Unterdrückung der Freiheit des Wortes und der Presse gleichzeitig mit dem wilden System der Regierungspropaganda im Ausland seitens der diktatorischen Regierung eine volle Uebersicht fehlt über die Peinigungen, Gewalttaten, Unterdrückungen und Verfolgungen, unter welchen die deutschen Juden bis zu Hungersnot und Selbstmord leiden, indes diese Tatsachen von deutscher COMPASS TO URS WIEN NEW YORK PARIS IX, Spitalgasse 3» Tel, B.42»5»38 Einzige offizielle KONGRESS¬ REISEN zu Rosch-Haechanah nach PALÄSTINA Reise I: 7. September 1933 mit dem Riesen - Ozean - Luxusdampfer „Roma" (51,000 Tonnen) Reise II: 12. September 1933 mit dem Eildampfer „Martha Washington" Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt« liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet offizieller Seite derart unterdrückt, gefälscht und verwischt werden, daß das zivilisierte Ausland nur eine blasse Vorstellung von der schauerlichen Lage besitzt, mit Rücksicht darauf, daß es wichtig ist, die wahren Tatsachen allgemein bekannt zu machen und weiter zu verbreiten, so daß man alle möglichen Rettungsmittel anwenden kann, um die unerträgliche Lage zu beenden oder zu lindern, mit Rücksicht darauf, daß die heutige deutsche Regierung durch ihre unaufhörlichen, die Ausrottung aller deutschen Juden bezweckenden Verfolgungen eine Reihe wichtiger Bestimmungen des Versailler Vertrags und eine Reihe feierlich niedergelegter Zusagen an die Verbands-Großmächte vergewaltigt hat, wird beschlossen: 1. Der Völkerbund wird ersucht, nach Deutschland eine Kommission zu schicken, die einen genauen Bericht über die Tatsachen und Umstände zu erstellen hat, welche im Zusammenhang mit der Verfolgung der deutschen Juden stehen, und auch einen speziellen Bericht über die Verhaftungen, Peinigungen, Hungersnot und Selbstmorde, die in Deutschland während des jetzigen Regimes vorgefallen sind. 2. Beim Völkerbund soll dahin gewirkt werden, daß diejenigen deutschen Juden einen Nansen-Paß bekommen, die die Möglichkeit haben, Deutschland zu verlassen, oder es ohne Paß verlassen haben, ferner daß diese ihr Geld und Eigentum herausbekommen. 3. Beim Völkerbund sollen Schritte in der Richtung unternommen werden, daß die Arbeitsbestimmungen des Versailler Vertrages, die durch den Ausschluß aller deutschen Juden aus den professionellen Verbänden vergewaltigt wurden, eingehalten und . daß die jüdischen Vereinsmitglieder wieder in ihre Rechte eingesetzt werden. , 4. Der Völkerbund möge dafür sorgen,, daß die,Bestimmungen betreffs des Minderheitenschutzes im Versailler Vertrag eingehalten werden, um so die entrechteten deutschen Juden . zu schützen und die Z usagen, die Deutschland dem Völkerbund bezüglich des Minderheltenschutzes innerhalb seiner Grenzen gegeben hat. 5. Der Völkerbund wird ersucht, von de» Hilfsklauseln des Versailler Vertrages zugunsten der deutscheu Juden Gebrauch zu machen. Die Trennungs-Orthodoxie protestiert... Aus Amsterdam meldet die „Frankfurter Zeitung" unter dem 35. Juli: „Der „Telegraaf« hat sich an den Präsidenten des Weltbundes der gesetzestreuen Juden, Jakob Rosenheim (Frankfurt a. M.) gewandt, um dessen Stellungnahme zu dem dieser Tage in Amsterdam abgehaltene* internationalen jüdischen Kongreß und desse« Beschlüsse zu erhalten, Bosenheim wandte sich ft«jg«R