Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 307 (28.7.1933)
- Date
- 1933-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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185 Titl. Universitätsbibliothek Wien, I. Preis 35 Groschen Jatagmig 5 fecfttg, den *8* hdi l*§f Wf♦ fOT V* fc* Zeitung vom Verleger versende! «Journal expe*di6 par l'Sditeidr« REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50. vierteljährig S4.20, RanzjährigS 16.-;Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.-, Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.-; Jngoslawrien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—; Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übr igen Lander monatlich Schweizer Francs 1.50, viertel* {ährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion «. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, 7 et. B-48-504 — Ersdteint jeden freitagr 3f| ■ V* f1^ Ä ZionfetenkongreB und Internationale Der Sieger im soeben abgeführten Wahlkampfe um den XVIII. Zionistenkongreß ist die sozialdemokratische Internationale. Die genauen Ergebnisse der Wahlen sind noch nicht bekannt, aber die bis heute veröffentlichten Ziffern ergeben zweifelsfrei, daß der Kongreß unter dem Diktat der in der Internationale organisierten Zionistischen Arbeiterpartei beraten und beschließen wird. Zur Illustration einige Angaben: In Palästina hat die Arbeiterpartei über siebzig Prozent der abgegebenen Stimmen errungen, in den Vereinigten Staaten von Amerika über fünfzig Prozent, in Kongreßpolen zirka dreiundvierzig Prozent. Das sind .Wahlresultate, die in den für das zionistische Leben maßgebenden und an Stimmen und Delegierten reichsten Indern erzielt wurden. In anderen Ländern ist die Zahl für die Arbeiterpartei abgegebenen Stimmen (im Vergleiche zur früheren Wahl) auf das Doppelte und Dreifache gestiegen. Die Macht der Arbeiterpartei findet aber in diesen Ziffern noch nicht den vollen Ausdruck. Sie ist weit größer, als es diesen Daten entspricht. Große Gruppen der nach außen hin „bürgerlich" eingestellten „Allgemeinen Zionisten" leisten der Arbeiterpartei blinde Gefolgschaft, auch in der Richtung des Klassenkampfes. So vor allem die tschechoslowakischen, jugoslawischen, englischen und ein großer Teil der amerikanischen „Allgemeinen", ferner der Kreis -um den früheren ,ujid r .jetzt wieder im Kommen begriffenen Präsidenten Weizmann und die „Radikalen". In diesen Gruppen grassiert der ^.Salon-Marxismus". Während die marxistische, die klassenkämpferische Internationale ringsum, in der ganzen Welt zusammenbricht, erlebt sie im zionistischen Lager, ganz besonders im jüdischen Palästina, einen Triumph. Den außenstehenden Beobachter mag dieser Umstand absurd anmuten, den Kenner jüdisch-assimilatorischer und ghettojüdischer Denkart nicht. Es entspricht dieser Denkart, sich jeder neuen Bewegung, in der man geduldet wird, restlos hinzugeben und an ihr festzuhalten, wenn auch schon alle anderen sich von ihr entfernt haben. Was jetzt im Zionismus geschieht, ist nicht erstmalig. Als der politische Liberalismus aufkam, warfen sich die Juden leidenschaftlich in seine ersten Reihen. Der Liberalismus schwand dahin, aber die Juden kämpften in den ersten Reihen weiter. Schließlich gab es keinen politischen Liberalismus mehr, wohl aber politisch-liberale Juden. Dieses Spiel mit dem politischen Liberalismus wiederholt sich jetzt mit dem marxistischen Sozialismus. Daß jetzt Zionisten Träger dieser typisch ghettohaften und assimilatorischen Tendenz sind, findet seine Erklärung, daß augenblicklich der national-jüdische Staatsgedanke im Zionismus zurückgedrängt ist und eine kleinzionistische, ghettohafte, assimilatorische Einstellung Inder Bewegung vorherrscht. * Welche Wirkung wird diese Zusammensetzung des Zionistenkongresess ausüben? (Es soll hier nicht von der Wirkung nach innen hin, sondern von der nach außen hin gesprochen werden.) Wie wird sich die nicht jüdische Welt zu einem so zusammengesetzten Zionistenkongreß einstellen? Was die antisemitische Welt tun wird, ist leicht vorauszusagen. Sie wird triumphierend ausrufen, daß sich endlich der Zionismus als Träger des nach Weltherrschaft strebenden Marxismus entlarvt hat, daß jetzt klar zutage tritt, was die Antisemiten immer behauptet haben. Und wo reaktionär-antisemitische Elemente vorherrschend oder einflußreich sind, wird der Zionismus, mehr denn je, Verdächtigungen und Verfolgungen aller Art ausgesetzt werden. Da mag aber noch als Trost, wenn auch als schwacher, gelten, daß der Antisemit, der den Juden schlagen will, immer einen Prügel findet. Dieser Kongreß wird eben nur ein neuer Prügel sein. Wie aber wird die Zusammensetzung dieses Kongresses auf jene nichtjüdischen Kreise wirken, in welchen ehrliches Wohlwollen und hilfsbereites Verständnis für den Zionismus vorhanden ist? Hier wird notgedrungen eine gewisse Enttäuschung Platz greifen, denn die Vor- < aussetzungen, unter denen der Zionismus anerkannt wurde, scheinen nicht mehr dieselben. Was der billig denkende Nichtjude am Zionismus geschätzt hat, war der * Charakter des Zionismus als reiner, nationaler Freiheitsbewegung. Der durch Welten und Jahrtausende gehetzte Jude will endlich zur Ruhe kommen, endlich Herr im eigenen Hause sein. Er will nichts als Ruhe und gerechte Behandlung für sich. Er will nicht verfolgt werden, will sich aber auch nicht mehr den anderen aufdrängen. Er will ein Stückchen Glück für sich und will nicht mehr die anderen gegen ihren Willen glücklich machen. Er will nur Jude sein. Was auch den gutgearteten Nichtjuden vom Assimilationsjuden abgestoßen hat, war dessen Sucht, sich den Völkern als Weltverbesserer aufzudrängen. Der auf die jüdische Aufgabe sich beschränkende Zionismus hat eben dadurch ßas Vertrauen und die Aqhtung wertvoller Nichtjuden gewonnen. Und der Zionistenkongreß, von Theodor Herzl als rein nationale Institution geschaffen, hat eben durch seine nationale Geschlossenheit 'und 4Einhei11 ichkeit, durch seine Losgelöstheit von allen fremden Einflüssen faktischer und gedanklicher Art größte Wirkung auf die nicht«, jüdische Umwelt ausgelöst. Jetzt das geänderte Bild. Die auf diesem Zionistenkongresse maßgebenden Menschen gehören einer fremden, internationalen Organisation an, welche allerorten in schweren gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Kämpfen engagiert ist, der Internationale, welche von ihren Anhängern eine besondere politische und weltanschauliche Disziplin fordert. Ist das noch der rein nationale Freiheitskongreß der Juden, wie ihn Herzl geschaffen, mit dem Herzl der Welt Respekt vor dem Zionismus ab* ringen konnte? Ist ein so repräsentierter Zionismus wirklich frei von fremden Einflüssen, wirklich frei von jeder Tendenz, anderen als rein jüdischen Zwecken zu dienen?, Diejenigen, die in Gedankenarmut oder in bewußtem Abweichen vom Herzl-Zionismus diesen Zustand im Zionismus geschaffen haben, mögen sich keiner Täuschung hingeben: Die Frage wird erstehen und dem Zionismus schwer schaden. Auf Kosten der österreichischen Juden ♦ ♦ ♦ f Wien, 25. Juli. Nach der Sterilisierung der Sozialdemokratie und im Verlauf der Zähmung der Hakerikreuz-Troglodyten hielten die Lenker des österreichischen Schicksals Ausschau nach Freunden, Aach Bundesgenossen im Lande. Was sich in der österreichischen Republik hoch den Sinn fUr heimatliches Deriken und das Verständnis für .die dem ~Oesfer>eTcE^ art in kultureller, politischer, ja seeüsch-ästhetischer Haltung —, das glaubte im gegenwärtigen Regime Gewähr für eine friedliche Entwicklung gefunden zu haben. „Vaterländische Front" hieß der Begriff, mit dem eben die oben angedeutete Eigenart zusammenfiel. Nicht das Politische allein entschied. Es war das Gefühl vorhanden, daß sich die im österreichischen Donauraum beheimatete Lebensart nun wieder auf ein solides Fundament werde stützen können. Zwar hatten einzelne Parteien ihre besondere Färbung und gaben ihr Eigenleben nicht völlig auf, sondern suchten aus dem Wirrwarr des täglichen polltischen Geschehens Anhänger für ihre Fahnen zu gewinnen. Aber im ganzen und großen übte der Gedanke einer vaterländischen Konzentration Anziehungskraft auch auf jene Elemente aus, die bisher weder einer konservativen noch einer radikalen Parole gefolgt waren. Viele Juden in Oesterreich waren glücklich, nun endlich ein Lager gefunden zu haben, in das sie sich platonisch oder faktisch eingliedern konnten. Sie gaben sich dem Glauben hin, daß sie sich nun den Ritterschlag für echtes Oesterreichertum werden holen und Schulter an Schulter mit den „Vaterländischen" werden marschieren können. Im Grunde genommen eine Naivität, deren Nährboden nichts anderes Ist als das Mißverständnis Uber den — Judenpunkt. Wir nationalen Juden allerdings haben vom Augenblick an — hier wie allerorten — keinen Zweifel darüber walten lassen, daß wir zwar jede innerösterreichische Befriedung mit Genugtuung aufnehmen und sie nacS» Maßgabe unserer staatsbürgerlichen Kräfte fördern COM PASS TOURS WIEN NEW YORK PARIS IX, Spitalgasse 3, Tel. B-42-5-38 Zu ROSCH-HASCHANAH nach ImAnschlußanden i8.Zioni8tenkongreß Reise I: 7. September 1933 mit dem Riesen-Ozean-Luxusdampfer „Roma*' (40.000 Tonnen) Reise II: 12. September 1933 mitdemEildampfer,MarthaWa8hington' Alle im redaktionellen Teil befindlichen entfielt» liehen Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet werden, aber wir haben jene Dosis von Würde, ehrlichen! Zurückhaltung Und sittlichem Distanzbedürfnis präsentiert, die allein Gewähr gibt für ein zweckmäßiges Zusammenwirken. Bei aller Anerkennung für die Grund« haltung der Begierungskreise haben wir niemals den Willen verheimlicht, als österreichische Staatsbürger' frei v o n jeder außerjüdischen p art e 1 p o Ii tU se-he-n- Bindung zu leben ,-— im Rahmen dieses Staates, seiner Rechte und Pflichten. Das Sichhineindrängen in die vaterländischen Fronten müsseh nun wieder die assimilantistisch-liberalen und „welterlösenden" Juden mit einem derben Hieb bezahlen. Von der Leidenschaft besessen, die Judenfrage in Oesterreich auf lange Zeit vertagt zu sehen, fanden sie sich in der vorigen Woche vor eine „Ueberraschung" ge? stellt. Das Organ des mächtigen christlichsozialen Bauernbundes „Der Bauernbündler" verlangt — wie aus heiterem Himmel — den Numerus clausus, indem er schreibt: „Mit Recht herrscht in unserem Volke eine Empörung über das Ueberhandnehmen jüdischen Einflusses in manchen Berufen und Branchen, über gewisse Frechheiten polnischer Juden, noch mehr Uber die einer entarteten jüdischen, Jugend. Auch in der Demoralisierung ist der Jude führend. Allerdings betreibt er sie nur für Christen... Auch im Kampfe gegen unsere Religion gibt der Jude den Ton an. Gescheite, „bodenständige" Juden verzeichnen bei all der Treue zu ihrer Rasse diesen Umstand mit Bedauern, weU natürlich eine selbstverständliche Reaktion nicht sonderlich kultiviert umgehen wird... Der Numerus clausus, das heißt» diese bestimmte, geschlossene, genau festgesetzte Zahl, muß für den Anwalt st, Arztens- und jeden anderen Beruf Geltung erhalten! Das ist eine notwendige Abwehrmaßregel, eine berechtigte Forderung, die wir in aller Form erheben..." Das ebenfalls christlichsoziale „Neuigkeits- Weltblatt" kommentiert diese Forderung, wobei es bemerkt, daß die Regierung bei dem notorischen Einfluß des Bauernbundes diesen Erwägungen nicht werde ablehnend gegenüberstehen können, und fügt aus eigenem hinzu: „Das Zurückdrängen des übermächtigen Einflusses des Judentums in Wirtschaft und Politik ist ja einer der. Hauptpunkte im Programm der christlichsozialen Partei, der durch das Erstarken der Partei, dessen Zeuge wir im Verlauf des vergangenen Jahres erfreulicherweise sein konnten, naturgemäß wieder stärker In den Vordergrund gerückt wurde und anderseits bei konsequenter Befolgung der Partei neue Kräfte zuführen wird. Besonders unsere christliche Jugend wird es freudig begrüßen, wenn ihr zur Betätigung jene Stellen freigemacht werden, die heute zum größten Teil von eingewanderten Juden besetzt sind. Dadurch wird auch dem Zulauf der Jugendlichen zu den sich radikal antisemitisch gobäf» dendenFarteieneln Damm entgegengesetzt werdet»