Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 305 (14.7.1933)
- Date
- 1933-07-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Nr. 3Q5 f*M$l DIE NEUE WELT lallen und die deutsche ludenfrage Von Ludwig Bat© Mailand, anfangs Juli. ' Die Entwicklung der politischen Dinge hat es mit Mjch gebracht, daß Italien Deutschlands einziger Bundesgenosse geworden ist. Hiebei ist es ganz einerlei, ob das gespannte Verhältnis zu Frankreich, das flieh nach Roms Auffassung weigert, die berechtigten Ansprüche Italiens anzuerkennen, oder ob die Ergreifung der Macht durch die Nationalsozialisten, die auf der italienischen: Halbinsel als der Triumph der faschistischen Idee gewertet wird, den Grundstein zu dieser Freundschaft. gelegt hat. Eines steht fest: die Freundschaft ist da und macht sich Uberall geltend. An der J u d e n f r a g e wird sie. gewiß . nicht in Brüche gehen, denn diese spielt dabei so gut wie gar keine Rolle, und Italien ist — die Tatsachen sprechen eine klare Sprache —• sogar bereit, bei der Judenverfolgung in Deutschland gelegentlich die Mauer zu machen. Schon im Spätherbst des Vorjahres, als Hitler einen erbitterten Kampf gegen das alte Regime führte, mächten die italienischen Zeitungen, die ja heute nur Regierungsbulletins sind, kein Hehl daraus, daß sie gegen , die nationalsozialistische Judenpolitik nicht das geringste einzuwenden-haben, und die Berliner Berichterstatter der italienischen Tageszeitungen — wie des „Corriera della Sera" und des „Resto del Carlino" — wurden nicht müde, den Kampf der Braunhemden gegen die Juden, dieses schädigende Element, als durchaus berechtigt an zuerkennen. Diese Begeisterung für den neudeutschen Judenhaß »ahm noch viel ausgeprägtere Formen an, als Hitler nach den Reichstagswahlen die Juden als vogelfrei erklärte. Da Überboten sich die italienischen Blätter in z u s t i m m e nd.en Aeußerungen über das Vorgehen der Braunhemden, das sie als durchaus berechtigte Abwehr und als Vergeltung für die Verbreitung von Greuelnachrichten zu; bezeichnen nicht müde wurden. Und während die ganze Kulturwelt gegen die famose Bücherverbrennung Stellung nahm, beglückwünschte der „Corriere della Sera" in, einem in großer Aufmachung erschienenen und mit „D i s i n t o s s i c a z i o n e" (Entgiftung) überschriebenen Aufsatz die Deutschen zu der Ausschaltung der „zerstörenden und zersetzenden Elemente", die zweifelsohne den „Aufstieg" des deutschen geistigen Lebens zur Folge haben werde. Das .Wort Jude fiel dabei allerdings nicht. Wie denn überhaupt die Nachrichten über die Judenverfolgung allmählich versiegten. Heute sprechen die italienischen Zeitungen in ihrem deutschen Nachrichtenteil nicht mehr von Juden, sondern nur noch von „S c h ä dlingen" oder „Elementen, die die Wiedergeburt des deutschen Volkes sabotieren", so daß der Italiener im allgemeinen, soweit er keine französichen Blätter liest, von dem, was in Deutschland an den Juden verbrochen wird, überhaupt keine Ahnung hat. Er weiß auch nicht, daß die Deutschen im Ausland boykottiert werden, nur hie und da bekommt er aus dem Zusammenhang gegriffene/ unklare Nachrichten darüber aufgetischt, daß die große Welt sich gegen die Deutschen wende. Eine öffentliche Meinung gibt es aber nicht, und die italienische Regierung hält an dem Bündnis mit Deutschland fest. Und, wie sagt ein altes Sprichwort? Wer mit Hunden schlafen geht, steht mit Flöhen auf. Es darf daher nicht wundernehmen, wenn jedes italienische Blatt einen Aufsatz gegen die Juden zu veröffentlichten berechtigt ist, dagegen aber nicht ohne weiteres eine Lanze f ür die Juden brechen darf.' Hiezu bedarf es schon der Zustimmung höheren Ortes. 1 Ein kurzer Spaziergang in den Straßen von Rom genügt, um festzustellen, daß die Deutschen das vorherrschende Element unter den Fremden in Italien geworden sind. Die Engländer und Amerikaner scheinen durch die numerische Uebermacht und das anmaßende Auftreten der Hitler-Leute, die selbst in der Peterskirche mit dem Hakenkreuz umherstolzieren, vollständig verdrängt zu sein. Damit begnügt sich aber Jung-Deutschland nicht: es versucht, in Italien "aktive Propaganda für den Judenhaß zu betreiben, schon um ihr eigenes Verhalten den Juden gegenüber zu rechtfertigen. So erregte viel Aufsehen die namentlich dem neuen Deutschland gewidmete Mainummer der von der bekannten Tageszeitung „P o p o:l o - d'I t a 1 i a" herausgegebenen Monatsschrift „Gerarchia", in der sich auch ein •deutscher Schriftsteller mit der Judenfrage beschäftigt und dabei mit heuchlerischer Verlogenheit das Verhältnis der Braunhemden zu den Juden darlegt. Die alteingesessenen Juden, meint er, würden gut gelitten, nur gegen die „ostjüdische Horde", die in den letzten Jahren Deutschland überschwemmt habe, wende sich der Zorn des Volkes. Noch viel größeres Befremden löste in judischen Kreisen ein am 26. Mai in der Tageszeitung „II Regime . F a s c i s t a" des Faschistenführers Farinacci erschienener Aufsatz aus, in dem Hitler zu seiner Judenpolitik aufs herzlichste begrüßt und nach deutschem Vorbild die Anwendung des „numerus clausus" auf die italienischen Juden bei der Verteilung von Remter» und Würden gefordert wird. Die Behörden, die die Zeitungen aufs schärfste überwachen, fanden keinen Anlaß, gegen diese Presse« »ußeruogea einzuschreiten, dagegen waren sie sofort bei der Hand, als die Genueser Tageszeitung „II Lavoro" es wagte, Hitlers Judenhaß zu mißbilligen. Die Nummer verfiel unnachsichtlich der Beschlagnahme. Einen ähnlichen Aufsatz in der Mailänder klerikalen Zeitung „Italia" ließ der Fressestaatsanwalt wohl passieren, aber eher aus Rücksicht für den Vatikan als aus Freundschaft für die Juden. Dieser Stellungnahme der Presse entspricht auch das Verhalten der italienischen Regierung in außenpolitischen Fragen. Es fiel ja allseits auf, daß sich im Völkerbund bei der Behandlung der Eingabe Bernheims wegen der Behandlung der Juden in Oberschlesien der italienische Vertreter der Stimme enthielt. Und doch wäre es ungerecht, der italienischen Regierung den Vorwurf der Judenfeindschaft zu machen. Sie hat keine vorgezeichnete Judenpolitik und wie bei der Behandlung der italienischen Judenheit, macht sich auch in ihrer Stellungnahme zur deutschen Judenfrage eine schwankende Gegensätzlichkeit geltend. Wie wäre es sonst erklärlich, daß die italienische Regierung einerseits antisemitische Aeußerungen der Presse öhneweiters zuläßt und in Genf über Hitlers Judenhaß schützend ihre Fittiche breitet, anderseits aber den Gefühlen der italienischen Juden, die'sich mit ihren in Deutschland verfolgten Brüdern durchaus eins wissen, in weitem Maße Rechnung trägt. Ende April hat der Große Rat des Jüdischen Gemeindebundes, die eine gesetzliche Körperschaft ist, ' scharfen Protest gegen die Behandlung der deutschen Juden erhoben und die Resolution durch den Ober-; rabbiner von Rom dem Regierungschef Uberreichen lassen. Am nächsten Tag. ließ die italienische Regierung in Form eines offiziösen Kommuniques eine wohlwollend gehaltene Nachricht über den Empfang und den genauen Text des Protestes in allen Zeitungen veröffentlichen. Und als die italienischen Juden den Beschluß faßten, eine Sammlung zugunsten der deutschen Juden einzuleiten, gab die italienische Regierung bereitwillig die hiezu erforderliche Zustimmung. Viele ernste Blätter, darunter auch die „Neue Zürcher Zeitung", meinten, die Beschränkung des offiziellen Judenboykotts in Deutschland auf einen Tag wäre auf Mussolinis Einschreiten zurückzuführen. Tatsache ist jedenfalls, daß die faschistische Regierung der Ansiedlung von deutschen Juden in Italien durchaus sympathisch gegenübersteht. Und nicht nur das: die ' itaJienischen Universitäten sind heute die einzigen in Europa, die bereit sind, den von den deutschen Hochschulen vertriebenen Studenten in weitem Maße Gastrecht zu gewähren. Die f r a n z ö s i s c h e-n hohen Schulen halten sich bereits für überfremdet und stehen der Aufnahme : judischer Studenten. aus Deutschland eher ablehnend gegenüber. Italien ist aber willens, eine alte, glorreiche Tradition aufleben zu lassen, war es doch die Universität z u Padua, die im Mittelalter und noch darüber hinaus, als die deutschen Hochschulen den Juden, verschlossen waren, willig ihre Pforten jüdischen Studierenden erschloß. v Die italienische Judenheit selbst ist durch die Vorgänge in Deutschland zutiefst aufgewühlt worden. Starkes jüdisches Solidaritätsgefühl macht sich überall geltend, selbst bei Juden, die sich niemals ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volke bewußt waren. Mit Ungeduld wird Woche für Woche das Erscheinen des zionistischen Wochenblattes „Israel",, der einzigen jüdischen Zeitung des Landes, erwartet, das eingehend über die Dinge in Deutschland berichtet. Die scharfe Kundgebung des Jüdischen Gemeindebundes ist um so höher zu werten, als sich die Juden hiedurch im ausgesprochenen Gegensatz zum offiziellen/Italien befinden. Es blieb aber nicht bei Worten und Gefühlen. Die italienische Judenheit ließ es nicht dabei bewenden, sondern ging zu Handlungen über. Gegenwärtig ist eine großzügige Sammlung für die deutschen Juden im Zuge, die bereits sehr gute Resultate ergeben hat. Die Gelder Ausf r OfPaläsf i'nensisdier Wirtschaffsdienst Wirfsdiaffskalender Junger reichsdeutscher Maschinenschlosser mit etwas Kapital sucht mittätigen kapitalistischen Teilhaber zur Errichtung einer Bauschlosserei und Eisenwarenfabrikation. Auskünfte durch den Austro-Palästinensischen Wirtschaftsdlenst. Zur Errichtung einer Fabrikation kosmetischer Produkte wird Mitarbeiter mit zirka S 50.000 Kapital gesucht. Auskunft durch den Austro-Falastinenslschen Wirtschaftsdienst. Palästina-Reise des Au$tro«PaIäsfiiiensi* sdien Wirtsdiaftsdienstes Auf vielfache Anfragen teilt das Sekretariat des Austro-Palästinensischen Wirtsobaftsdienstes mit, daß die nächste Studien- und Gesellschaf tsreise erst zirka Mitte September veranstaltet wird. Die Prospekte, die in ungefähr 14 Tagen bis 8 Wochen fertiggestellt sein werden» können zu oben angegebenem Zeltpunkt angefordert werden« »♦♦♦♦♦♦♦»♦»»»♦»♦»♦»♦♦♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦»♦♦♦»♦»♦♦»♦♦»»♦♦1 sollen zum geringeren Teile Flüchtlingen zugewendet und zum größeren Teüe für konstruktive Hilfe in Erea Israel verwendet werden. Für die Hochschüler werden italienische und. hebräische Sprachkurse eingerichtet. Hiebei darf allerdings nicht verschwiegen werden, daß sich die italienische Regierung scheinbar mit der Ab» sieht trägt, . für. die ausländischen Mediziner den „numerus clausus" einzuführen, wobei ins Treffen geführt wird, daß die Arbeitsplätze an den medizinischen Fakultäten beschränkt seien. Es dürfte aber eher die Furcht obwalten, daß die jüdischen Mediziner nach Beendigung ihrer, Studien im Lande bleiben, während es in Italien zweitausend erwerbslose Aerzte geben soll. Jedenfalls greift der Jüdische Gemeindebund auch hier helfend und vermittelnd ein. Vielleicht wird es notwendig sein, die Studenten auf eine Anzahl von Hochschulen zu verteilen, um eine übermäßige Ansammlung zu vermeiden.;: Die jüdischen Gemeinden sind überdies nach Kräften bemüht, einzelne junge Menschen unterzubringen und den Flüchtlingen bei dem Aufbau von Existenzen an die Hand zu gehen. Natürlich sind hier dem Erreichbaren durch den Arbeitsschutz und der im Lande herrschenden Erwerbslosigkeit und Krise enge Grenzen gezogen. Immerhin gibt es aber für Kaufleute und Industrielle verschiedene Möglichkeiten der Ansiedlung in Italien. Zu Rosdi Hasdianah nach Palästina Im Anschluß an den 18. Zionistenkongreß, der das rege Interesse im Judentum für Palästina widerspiegelt, werden vom Reisebüro Compass Tours, dem ein'r zigen jüdischen Weltreisebüro, zwei Gesellschaftsreisen nach" Palästina veranstaltet. Die Reise I erfolgt auf dem Riesen-Amerikadampf er der italienischen Linie „Roma", welche diesmal eine Sonderfahrt von Amerika nach Palästina unternimmt. Es wird hiemit auch den europäischen Touristen die Gelegenheit geboten, mit einem Dampfer nach Palästina zu fahren, der an Luxus, Komfort und Schnelligkeit unübertrefflich ist. Das Programm im Lande beinhaltet das Maxiraum dessen, was man in einem so begrenzten Zeitabschnitt sehen kann. Den Reiseteilnehmern wird die Möglichkeit geboten, den Prozeß des jüdischen Aufbaues allseitig kennenzulernen wie auch die geschichtlichen und kulturellen Denkmäler unserer Heimat zu besichtigen. Unterwegs ergibt sich die Gelegenheit, die bedeutendsten Städte der Weltgeschichte, wie Rom, Neapel, Athen, zu'besuchen, sowie zu einem Ausflug nach Kairo. Im allgemeinen wird die „Roma"-Fahrt als ein Gesellschaftsereignis in der Palästina-Touristik betrachtet, und das alterfahrene Reisebüro Compass Tours wird dafür Sorge tragen, den Reiseteilnehmern, die das jüdische Neujahrsfest in Palästina verbringen wollen die ganze Fahrt zu einem ununterbrochenen Fest zu gestalten,- wobei keine Gelegenheit unterlassen-werden soll, um den Reiseteilnehmern das Beste zu bieten. Die Palästina-Reisen der Compass Tours sind weltbekannt, und die Hunderte von Touristen, die im Laufe der letzten Monate an unseren Palästina-Reisen teilgenommen haben, sind für uns die lebende Reklame, die uns die Sicherheit gibt, daß auch diese Reisen von selten des. interessierten Publikums großen Zuspruch haben werden. Araber fordern Umsiedlüngshilfe Jerusalem: Die von den frühere». Besiedier» von W a d i H a w a r i t h angewandte Taktik macht in Palästina Schule. Die arabischen Siedler von Shata haben an die Exekutive des arabischen Jugendverbandes ein Telegramm gerichtet, in dem sie erklären, d}e Regierung beabsichtige, sie von dem den Juden verkauften Boden zu •entfernen, und um Hilfe bitten. „Falastin" schreibt zu diesem Fall, die Lage der Araber von Shata sei vollkommen analog derjenigen der Beduinen von Wadi Hawaritft