Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 304 (7.7.1933)
- Date
- 1933-07-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 304 DIE NEUE WELT Seite 3 400.000 Schekalim in Polen abgesetzt Aus Warschau: Nach vorläufigen Aufstellungen sind in ganz Polen zum 18. Zionistenkongreß 400.000 Schekalim verkauft worden. Noch niemals wurde in Polen eine so hohe Schekelzahl erreicht. In Zentralpolen werden zum Kongreß sieben Wahllisten aufgestellt, und zwar von Eth Liwnoth, AI Hamischmar, Misrachi, von den beiden revisionistischen Gruppen und von zwei Wahlgruppen der zionistischen Linken, nämlich von der rechten Poale Zion gemeinsam mit Haschomer Hazair und von der Histadruth. Die tschechoslowakische Regierung und der Zionistenkongreß Aus Prag: Der stellvertretende tscheöhoslowakische Außenminister K r o f t a empfing den Abgeordneten Dr. Angelo Goldstein und den Leiter des Büros des Zionistenkongresses Dr. Kahn zu einer längeren Unterredung, die außerordentlich freundschaftlich verlief. Minister Krofta versprach dem Kongreß die bereitwillige Hilfe der Regierung. Wie der ITA-Vertreter erfährt, wurden u. a. auch Erleichterungen in der Visen-Erteilung für Kongreßdelegierte und Besucher in Aussischt gestellt. Faschistischer Ueberfall auf, das Londoner Hauptbureau der Zionistischen Weltorganisation vereitelt Aus London: Mitglieder der außerhalb der vom Abgeordneten Mosley geführten britischen Faschistenliga stehenden radikalen und antisemitischen Faschistengruppen, unter denen sich, wie Abg. Mosley vor kurzem mitteilte, zahlreiche zweifelhafte Elemente eingeschlichen haben, versuchten, einen nächtlichen Ueberfall auf das Londoner Hauptbüro der Zionistischen Organisation durchzuführen. Die Polizei, welche rechtzeitig von den Absichten der Faschisten Kenntnis erhalten hatte, konnte entsprechende Gegenmaßnahmen treffen, so daß der Ueberfall vereitelt wurde. Die Zionistische Exekutive wurde von der Polizei aus telephonisch von den durch Geheimpolizisten festgestellten Absichten der Faschisten in Kenntnis gesetzt, Kurort Baden bei Wien Oesterreichs grosses Heilbad gegen Gicht, ßheuma, Ischias s anatoriuir Badem». Wien Erstklassige physikalisch - diätetische Heilanstalt / Herz- und Nierenstation alle Diätkuren / Badekuren / Schwefelbäder im Hause / Großer Zandersaal und dem Hausverwalter wurden Instruktionen darüber erteilt, was er bei gegebener Gefahr zu veranlassen hätte. Tatsächlich fuhren am folgenden Morgen um 3 Uhr zwei von Faschisten besetzte Lastkraftwagen vor dem Büro der Exekutive vor. Als die Faschisten bemerkten, daß das Gebäude polizeilich bewacht war, fuhren die Autos in sehr schnellem Tempo, von der Polizei verfolgt, davon. Die Polizei erwartet, daß die rechtzeitige Vereitelung des Ueberfalles die Faschisten davon abhalten werde, ihren Versuch zu wiederholen. Für Georg Kareski Aus Berlin: Die Mitgliederversammlung der Jüdischen Volkspartei in Berlin vom 27. Juni 1933, billigt die Haltung der Fraktion anläßlich der Abspaltung der sogenannten zionistischen Fraktion. Sie stellt sich einmütig hinter ihren Führer Georg K a r e s k i und fordert die Fraktion und die Mitglieder des Gemeindevorstandes auf, ihre Gemeindearbeit auf der erprobten Grundlage des volksparteilichen Programms fortzusetzen und zu verbreitern. Der Umstand, daß Präsident Kareski in der Berliner Judengemeinde eine streng nationale und zionistische Politik führt, hat zu Unstimmigkeiten mit einigen zu Kompromissen geneigten Mitgliedern der Fraktion geführt, die nunmehr zugunsten Kareskis entschieden wurden. Der Weltboykött gegen deutsche Waren Großzügige Aktion von London aus Die Boykottkonferenz wird Mitte Juli in London stattfinden, und Delegierte von Autorität und Erfahrung werden anwesend sein. Das Resultat der Beratungen wird in der effektiven Ausübung des Boykotts bestehen. Es ist zu hoffen, man werde Deutschland durch seine wirtschaftlichen Schwierigkeiten Achtung vor dem Eigenrecht und der Kraft des jüdischen Volkes beibringen. Lord Melchett. Sogleich, als die ungeheure, vom Hitlerismus getragene Haßwelle gegen die deutschen Juden sich zur Vernichtung der jüdischen Existenzen kristallisierte, die Diffamierung der deutschen Judenheit zur täglichen Erscheinung im nationalsozialistischen Deutschland wurde, gab es allerorten eine natürliche Reflexerscheinung: Abscheu vor solch einem Regime und Proteste in allen Kulturstaaten. Die westlichen Demokraten, vornehmlich die Vereinigten Staaten, reagierten mit einem Schlag auf die Herausforderung der Kultur und des menschlichen Gewissens durch ein Gewaltsystem, wie es bisher in Europa unvorstellbar war. In Madison Square Garden in New York, in zahlreichen Kirchen Amerikas und Englands, in den großen Konzertsälen von Paris und Warschau erhoben hunderttausende Menschen Protest gegen die Lügen- und Vernichtungskampagne, mit der die nationalsozialistischen Machthaber Deutschlands die Welt in Empörung versetzten. Unzählige Christen, beispielsweise 1200 Mitglieder des amerikanischen Klerus, erklärten es mit ihrem Gewissen unvereinbar, angesichts der hitleristischen Grausamkeiten zu schweigen, und nahmen, ebenso wie ihre englischen Kollegen, eine Entschließung an, die gleichbedeutend war mit der Verdammung des unmenschlichen, kulturwidrigen Hitler- Regimes. Aber neben dieser moralischen und geistigen Verdammung machten sich in allen Weltteilen auch Stimmungen bemerkbar, die auf eine praktische Untergrabung des verfemten Regimes hinausliefe n. Tausende Kaufleute von London über Kairo bis Buenos Aires fanden es mit ihrem menschlichen Gefühl als unvereinbar, mit einem pogromantisemltlschen, alle Freiheitsrechte unterdrückenden Hakenkreuz- Deutschland in geschäftlichen Beziehungen zu stehen, und lehnten deutsche Waren ab. So entstand allmählich und ganz spontan eine Boykott-Front gegen Deutschland als Ausdruck physischer Abwehr. Die Versuche des deutschen Hakenkreuzes, die Erzählung und Verbreitung blutiger.Tatsachen als Greuelpropaganda zu stigmatisieren, scheiterten. Und als die deutschen Machthaber am 1. April 1933 den bekannten Boykott jüdischer Geschäfte inszenierten und ihn als Revanche für die angebliche „Greuelpropaganda" hinzustellen versuchten, antwortete die ganze Kulturwelt mit einem Sturm von Verachtung, der sich dann zu einem organisierten Boykott deutscher Waren verdichtete In London wurde eine Wochenschrift Economic Forum" gegründet, die alle hakenkreuzlerischen Aktionen gegen das deutsche Judentum verzeichnet und gleichzeitig jene Maßnahmen zusammenfaßt, die sich im Rahmen -< des antideutschen Weltboykotts als die wirksamsten zu erweisen haben. An der Spitze der Jüdischen Konferenz, die sich mit der Organisierung dieses Warenboykotts beschäftigen wird, steht der Sohn des Lord Melchett, der als großzügiger Kolonisator in Palästina, als Ehrenpräsident des Makkabi-Weltverbandes und als Präsident des englischen Chemie-Trusts internationalen Ruf besitzt. Raslere dich besser! SWING die einzige schwedische Weltmarke Wie aus London gemeldet wird, hat Lord Melchett im Einvernehmen mit Führern der jüd4schen Kaufleute aus allen Ländern für den 17. Juli einen Kongreß einberufen, der sich mit der Organisierung des Boykotts deutscher Waren beschäftigen wird. Die Beratungen werden im Themsehaus stattfinden. Es ist vereinbart worden, daß außer der Begrüßungsansprache des Lord Melchett keinerlei Reden gehalten werden sollen. Der Kongreß wird sofort fünf Unterkommissionen einsetzen, die Uber die Detailfragen Beschlüsse zu fassen haben werden. Bisher sind Delegierte aus folgenden Ländern angemeldet worden: Frankreich, Belgien, Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakei, Lettland, Polen, Norwegen, Dänemark, Schweden, Aegypten, Palästina und Vereinigten Staaten. Die Hauptaufgabe des Boykottkongresses wird es sein, festzustellen, aus welchen Ländern die Waren bezogen werden sollen, die von den einzelnen Staaten bisher aus Deutschland importiert worden sind. Die Branchen haben bereits umfangreiche Pläne für die Umleitung des Imports jener Artikel, die bisher Deutschland geliefert hat, ausgearbeitet. Es wird sich nur darum handeln, diese Pläne noch einmal durchzubesprechen und die Einzelheiten der Durchführung des Boykotts festzulegen. Schrittmacher der Antinaziaktion der internationalen jüdischen Kaufleute war die Pelzbranche. Leipzig war bis vor kurzem der Haupthandelsplatz für Rauhwaren, es ist jedoch schon vor Monaten gelungen, mit einem Schlag alle nennenswerten Auktionen von Leipzig nach London zu verlegen. Eine Art Monopol besaß der Leipziger Platz für das Färben von Fellen. In England sind jedoch Versuche angestellt worden, die bereits so weit gediehen sind, daß schon in der allernächsten Zeit einige große Fellfärberelen In England errichtet »Jewlsb I werden können. Cafe Central / EÄktJSS Rendezvous der Sport-, Theaterwelt, aller Fremden Aehnliche Abmachungen bestehen bereits für die) Verlegung der Erzeugung von Spielwaren, insbesondere von mechanischem Spielzeug, von Deutschland nach England. Das Weihnachtsgeschäft in Spielwaren, das sich bisher, von der Leipziger Herbstmesse ausgehend, vor allem in Süddeutschland abwickelte,, wird von Deutschland abgeleitet werden. Alle großen Debatten werden auf der Boykottkonferenz vermieden werden, weil die Vorbereitungen für fast alle Branchen bereits getroffen sind. Man rechnet damit, daß die abschließenden Arbeiten am 19. Juli, also nach zweitägiger Dauer der Besprechungen, bereits beendet sein werden. Auch die Organisierung eines großen Informationsdienstes wird bei dieser Gelegenheit beschlossen werden. Die Kaiifleute aller Länder werden bei Stellen, die ihnen angegeben werden sollen, sofort erschöpfende Auskünfte darüber erhalten, wo sie Artikel geliefert bekommen, die sie bisher aus Deutschland bezogen haben. An den Vorbereitungen des Boykottkongresses nimmt außer Lord Melchett der Abgeordnete des polnischen Sejm, Dr. Waclaw Wislicki, hervorragenden Anteil. Journalisten, die Dr. Wislicki über den Kongreß befragten, erklärte der Abgeordnete, daß die polnischen Kaufleute deutsche Waren selbst dann nicht kaufen, wenn sie wesentlich billiger sind als andere. So importierte beispielsweise Polen seit der Aufrichtung des Hitler-Regimes keinen Graphit mehr aus Deutschland, obwohl der englische Graphit fast doppelt so viel kostet. Eine Aktion des Jüdischen Ffonlltämpfevverbandes dev Vereinigten Staaten* Der amerikanische Jüdische Frontkämpfer-, verband hat sich in den Dienst der Hilfe für die deutschen Juden gestellt und eine großzügige Protestaktion ins Leben gerufen. Der Verband sendet an alle seine Freunde in der ganzen Welt einen Brief, worin der Sinn, der Aktion klargelegt wird. Der Brief hat folgenden-, Wortlaut: „Lieber Freund! Wenn du an die Lehre von Wohlfahrt glaubst, dann wirst unterstützen. 600.000 jüdische Seelen, hoffnungslose Männer, Frauen und Kinder, sind dem Nazi-Terror in Deutschland ausgeliefert. Wir brauchen deine Hilfe, um sie vor dem Verhungern, vor Martern, vor Vernichtung zu schützen. Auch tausende Nichtjuden wurden ihrer Bürgerrechte beraubt. Der Jüdische Frontkämpferverband der Vereinigten Staaten, welcher Männer beherbergt, die an allen Kriegen der U. S. A. teilgenommen haben, führt eine nationale Protest- und Aufklärungsbewegung." Dem Brief sind Marken beigelegt, welche ein Embleme zeigen, das den Davidstern zwischen zwei Fackeln (Blau-Weiß) enthält. Die Beschriftung der Marke lautet: "Por Humanty's Sake" (Für die Sache der: Menschlichkeit) und "Dont Buy German Goods" (Kauft keine deutschen Waren). Diese Marken sollen verteilt und aufgeklebt werden, wodurch sich jeder mit der oben angeführten Aktion identifiziert. Der Erlös der Marken wird zum Teil für die aus Deutschland geflüchteten Juden verwendet. Das Rundschreiben ist vom Präsidenten des amerikanischen Frontkämpferverbandes, Morris Mendelssohn, gezeichnet. Anregungen für diese Aktion nimmt das Anti-Nazi-Boycott Committee, 276 Fifth Avenue, New York City, entgegen. Leben, Freiheit und du unsere Sache Arischer Kongreß für Zwangsansiedlung von Juden in Madagaskar , Wiener antisemitischen Zeitungen zufolge soll demnächst ein panarischer Kongreß einberufen werden, an dem sich Delegierte von Organisationen aus 22 Ländern beteiligen wollen. Im Mittelpunkt der Beratungen soll der Plan der Zwangssiedlung aller Juden der betreffenden Staaten auf Madagaskar stehen. Die Führung de? Kongresses, der „die arische Welt gegen die jüdische Weltherrschaft" organi-. sieren soll, wird laut diesen Berichten in den Hände» der deutschen antisemitischen Organisationen lieg**.