Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 287 (10.3.1933)
- Date
- 1933-03-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Preis 35 Groschen Jahrgang 7 Freitag, den 1t* Min 1933 Nr* 287 V.b.b* Zeitung vom Verleger versende* «Journal expeMie par rSdlfent*« 186 uü^bibUotVeW tU\. 13^eTÄtate REVUE BEZUOSBEÜINÖUNQEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vi«t«UIhrig S 4.20. ganzjährig S16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.— Tschechoslowake! monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-, vierteljährig Dinar 40.—; Rttm&nlen monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—. vierteljährig Lire 14.—; Schweix und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, viertel* ^_ Jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion o. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8,1et. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Juden in der deutschen Wirklichkeit Nach den Parlamentswahlen Das Resultat der deutschen Wahlen hat vor allem die eine Illusion zerstört: daß die Deutschen überdrüssig geworden seien der Phrasen von Volkserhebung und Wiedergeburt und sich anschicken, das Joch des Hakenkreuzes abzuschütteln. . 17 Millionen Stimmen für den Nationalsozialismus sprechen die Sprache der nüchternen Wirklichkeit, und wenn auch diese Ziffer ihre Höhe gewissen Nebenumständen zu verdanken hat, so läßt sich nicht leugnen, daß mehr als die Hälfte aller Deutschen, Großbourgoisie, Großgrundbesitz, Intelligenz, Handwerk, Kaufmannschaft, Beamtenschaft und — Arbeiterschaft, ein Bekenntnis zum Antisemitismus in Seiner rüdesten Form abgelegt hat. Die deutschen Juden, eiagesponnen in ihre von der Emanzipation oder vom Sozialismus bezogenen Ideologien, haben sich: bis - zur letzten Stunde an die Illusion geklammert, daß der „Juda verrecke"-Ruf nur eine nicht ernstzunehmende Begleitmusik zu den anderen Wahlschlagern sei und den Nationalisten im Augenblick der Besinnung auf den Lippen ersterben werde. Auch diese Illusion ist nun zerstörte Die; Zuflucht in alle 11 i c h t j ü d i s c h e n Lager hat; sich als Utopie erwiesen. Ein Jahrhundertlang ver-. suchten große Teile der deutschen Judenschaft, eine innige Schicksalsgemeinschaft.. mit den Deutschen herzustellen — in Sprache, Bildung, Geistesrichtung, Kultur und Opfern an Gut und Blut.-Besonders die im G en tr aly e re in; deutsch er, Juden j ü d i sc he n G1 a ubens organisierten Juden, waren es, die für sich die Berechtigung beanspruchten, als vollwertige Deutsche angesehen und behandelt zu. werden; gerade diese Juden «raren-esj die in naiver Verblendung — konzedieren wir ihnen .dies! rr ihre nationa 1 jüdisehen, zionistisch.en „Glaubensgenossen" als , artfremd, ja, y a t e r 1 a n d s s c h ä d l i c h verdächtigten und denunzierten; diese deutschen Assimilanten waren es, die sich in der Beteuerung von Staatstreue, Loyalität und Deutschlandstreue nicht genugtun konnte. Und welche Ironie des Schicksals! Gerade sie mußten eine Durchsuchung ihrer.Btiros über sich ergehen lassen, gerade sie wurden von der Nationalen Regierung auf Loyalität, Staats- und Deutschlandtreue geprüft. Auch die Verlockungen von Links haben sich nicht bewährt. Unvorstellbar tragisch sind die Wirkungen dieser Verirrung. Unter der Motivierung, daß das Judentum ihnen nicht genug seelische und geistige Freiheit gebe, haben die Jungen scharenweise den Boden der Tradition verlassen und sich den Strömungen des Marxismus in die Arme geworfen. Von ihm erwarteten sie alles Heil: Der völkerbefreiende Sozialismus werde sie aus dem deutschen Chaos in eine lichtere, freiere Welt tragen. Und nun? Die Internationalen haben sich als ohnmächtig erwiesen. Sie schweigen, während unzählige ihrer Anhänger und Propagatören Uber ihre verlorenen Illusionen in den deutschen Kerkern nachdenken können. Nicht zu vergessen die dem Judentum entlaufenen AIlerweltsliteraten, die für uns nationalbewußte Juden nur ein paar öde, verächtlich gemeinte Floskeln übrig hatten. Auch sie, die entjudeten Zeitungsmenschen, die Leitartikler, Kabarettisten und Song-Dichter, die der Nationalsozialismus als „die Träger des Kulturbolschewismus" bezeichnet, sind -jetzt verstummt, haben sich verkrochen, während die Verführten die für jene bestimmten Schläge allenthalben zu spüren bekommen. Deutsche Wirklichkeit heißt jetzt: Schluß mit den Illusionen der liberalen und radikalen Israeliten! Oder sollte doch irgendwo ein Hoffnungsstrahl für die liberale und linksradikale: Assimilation winken? Für unsere Volksgenossen, die ein Jahrhundertlang ihr Alles dem deutschen Vaterland und nur ein paar kärgliche Gefühle dem eigenen jüdischen Volk bereitstellten? Und für die kleine Schar verirrter „Radikaler", die jetzt unter dem Zwang der Verhältnisse ihre. Wort-Barrlkaden abbauen müssen? : Von autoritativer Seite Regen Erklärungen zum „Judenpuukt" vor. Zwei führende Minister, Göring und von Pape n, haben diesbezüglich erklärt, daß „d 1 e j ü d iwehen Staatsbürger in Deutso hla n d wie alle guten Staatsbürger behandelt werden, wenn sie ihr e Pf lichten gegenüber dem Staat erfüllen". Wie beruhigend diese Erklärungen auch sein mögen, keinesfalls lassen sie den Schluß zu, daß das Verhältnis der Deutschen zu den in Deutschland lebenden Juden unverändert geblieben ist. Sonst wären solche Deklarationen besonders den loyalsten Staatsbürgern Deutschlands gegenüber, den Hunderttausenden nur ihrem Beruf nachgehenden Juden, überflüssig. Es gibt aber nicht nur legislative und administrative, sondern auch Stimmungsmomente. Und hier liegt vielleicht die schmerzlichste Seite des deutschen Judenproblems. Generationen deutscher Juden haben sich der Hoffnung hingegeben, durch Ihre großen Leistungen auf allen Gebieten menschlichen Fortschrittes sich — wenn nicht den Dank — so doch die Anwartschaft auf Gleichwertigkeit mit den anderen deutschen Staatsbürgern zu sichern. Generationen deutscher Juden haben für ein Land, daß sie als ihr Vaterland ansahen, die größten Opfer gebracht, diesem Land Ehre erstritten, dieses Land in den anderen Kulturländern vertreten, und plötzlich — sind sie an den Rand gedrängt, zum Abgrund gestoßen, als Menschen zweiter Kategorie, als Bürger dritter Gattung aus dem deutschen Kulturleben eliminiert. Sich in diese Situation hineinzufinden, kann nicht von heute auf morgen,,kann nur auf einem Wege geschehen: auf dem, der sie zur jüdischen Volksgemeinschaft zurückführt. Nicht mit Schaden- . ■ -j .; freude, sondern mit ernstem Schmerz betrachten wir Nationaljuden, wir Zionisten, das traurige Schicksal unserer Stammesbrüder in Deutschland« Seit Herzls wunderbarem Wort: „wir ^^.jAn^o^.wir sind ein, Volk!** rufen wir ihnen zu, iifeß nur der. geschlossene ■ - >• ■■ " . ,VH'-';r\•■ •-'■......- (•..... nat i o nale W111 e über aUe Disharmonie des, Tages zur Lösung führt. Die deutschen Juden wären in ihrer Mehrzahl unserem Rufe nicht zugänglich, sind einen Weg. gegangen, der in die Irre führen mußte. Heute BEHANDLUNG VWJ RHEUMATISMUS GICHT, ISCHIAS UND FOLGEN VON SPORT¬ VERLETZUNGEN HOF «UTE MI (SCHNELLKUREN, JONTOPHORESE, ORIGINAL PISTYANER SCHLAMMPACKUNGEN ETC.) IN DER ' ' * KÜRANSTALT DIANABAD FÜR ALLE PHYSIKALISCHEN HEILMETHODEN" L.._. GRÖSSTER KOMFORT 2EITGEMÄSSE PREISE hat die deutsche Wirklichkeit ihnen die Illusion eines Jahr* hunderts, die Illusion mehrerer Generationen zerstört; Und heute wieder ertönt unser Ruf: Seid stark! Ueberwindet die Schläge, die euch das Schicksal jetzt zuteilt; so,, wie das jüdische Volk die schweren Schläge* im Verlauf seiner langen, Geschichte überwunden hat r --^K^äutch nationalen Stolz, nationale Ehre, nationales PfUchtbewußtsein! Die jüdische Wirklichkeit heißt: Zusammenschluß auf dem Boden des j ü d i s c h en Volkstums. Die jüdische Wirklichkeit heißt: Zionismus. UNION DER ZIONISTEN « REVISIONISTEN ÖSTERREICHS Donnerstag, den 16« März, y29 Uhr, im Festsaal des Hotel Continental, II, Taborstraße 4 Vortrag ME1R GROSSMANN {SÄtSiü1"1" *" »Illusionen und Wirklichkeit in Palästina« Karten zu S 2.— und 1.— (Stehplätze zu 50 Groschen für Jugendliche nur an der Abendkasse) Vorverkaufsstellen: Blicherstube Prof. M. Rath, JI, Taborstr. 20a ✓ Papierwarenfabrik Josef Grubner, IX, Wasagasse 7,T. A-U-0-10 ✓ „Die Neue Welt", II, Unt. Augartenstr. 38, Tel. A-45-6-34 ✓ Paula Stricker, T. A-48-1-89 Auf beiden Seiten des Jordans Von fVfeir Gross mann Es geschah vor fünf Jahren auf einer in. London abgehaltenen revisionistischen Versammlung, daß ich bei Berührung zionistischer Probleme auch Transjordaniens Erwähnung tat; auf die besondere politische, ökonomische- und strategische* Bedeutung dieses östlichen Teils Palästinas hinwies; von der Notwendigkeit sprach, ohne Unterlaß den Kampf um Transjordanien — die Lunge unseres Heimatlandes — fortzuführen; vor der Gefahr einer psychologischen Resignation bezüglich dieses Punktes warnte. Das Publikum lächelte. Alle meine Opponenten, der hochgelehrte Professor Brodetzky insbesondere, haben sich mit einem hübschen Maß von Skepsis zu der unnötigen und verfrühten Angelegenheit „Trans-Jordan" gestellt. Aber den größten Eindruck machte auf mich die Figur von einem Juden mit einem Spitzbart und verschmitzten Augen, der ironisch-vernichtend ausrief: „Auf was noch haben Sie,Appetit bekommen — auch auf Transjordanien? Palästina ist Ihnen %u wenig?" Ich fühlte mich " bedrückt* wie unter Fremden. Dachte: Es muß schlecht stehen um den Zionismus, wenn sogar ein Durchschnittszionist in solch zynischem Ton von einer heiligen Sache spricht; wenn er nicht fühlt, daß man ihm eine Lunge herausgeschnitten hat und er' wie ein Kranker atmet. Das Herumklügeln der Führer-. schaft hat auch schließlich die zwangsläufigen Früchte, getragen. Man hat begonnen, ein blutig-wichtiges Problem absichtlich abzustreifen, wie. man eine lästige Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh» lieben Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet (London—Tel Awiw) Fliege vertreibt. Und zudem hat das ala der Ausdruck höchster politischer Einsicht gegolten. Und fuhrwahr, sooft Sir Hope Simpson und Freneh erklärten, in Palästina sei kein freier Boden mehr vorhanden oder daß die Bodenpreise in Palästina wild aufstiegen, oder von Transjordanien bewaffnete Banden einbrachen, erinnerte ich mich an jene in unseren Reihen, die lächelten, sobald man die Forderung nach Transjordanien aufrollte. Wie soll man einen Kampf um die Restitution eines ungeteilten Palästinas führen, wenn die Führer, die Feldwebel und die superklugen „Jiden" selbst witzeln? „Auf was noch haben Sie Appetit bekommen, auf Transjordanien?" Die Frage hat man offiziell und praktisch seit Jahr und Tag von der Tagesordnung gestrichen. Bloft ein paar englische Abgeordne te und die revisionistische Exekutive - haben nicht geruht. Und wo Betarim sich zu versammeln pflegten, hat man ohne Unterlaß hartnäckig gesungen: Wo des Jordans Ufer steigen, Rechts und links — ist ^nser Eigen. * Jetzt ist die jüdische Welt mit der Bodenpachtung in Trans jordanien beschäftigt. ' Plötzlich ist die bespöttelte Angelegenheit aktuell geworden. Dabei weiß man scheinbar außerhalb der Grenzen Palästinas mehr als im Land selbst. Daring besteht ja ■ doch das Geheimnis kluger „Publicity", den Untersehled zwischen Wahrheit und Dichtung kaum bemerkbar zu machen. Die Temperatur der sensationellen Nachrichten ändert sich mit seltener Geschwindigkeit. Sie steigt bis