Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 7 (1933)
- Issue
- Heft 284 (17.2.1933)
- Date
- 1933-02-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2711613-2711899-2711906--3567-2716957- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 384 DDE NEUE WELT Seite 8 Alt die Juden Oesterreichs! In der Stande höchster Gefahr wenden wir uns an euch. Der Antisemitismus ist ins unermeßliche gediehen. Der Trost, daß Kultur und Zivilisation ständig fortschreiten und dieser Fortschritt den Judenhaß zum Schwinden bringt, hat sich wieder als nichtig erwiesen. Nicht in irgend einem kulturell rückständigen Lande, sondern in dem Lande höchster Kultur und Zivilisation, in dem Lande, das die gewaltigsten geistigen Leistungen hervorgebracht hat, im großen Deutschland, hat der Antisemitismus in seiner brutalsten Form die Herrschaft Uber das Reich und die Herrschaft Uber die Gemüter an sich gerissen. Ein Antisemitismus, der — jede Umschreibung und Verhüllung verschmähend — einfach die Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der J u d e n p r e d 1 g t. Nichts wäre verfehlter, als zu glauben, daß die Worte' der Machthaber in Deutschland Worte ohne Taten bleiben werden. Nichts wäre verfehlter, als zu glauben, daß die grausame Entwicklung an den Grenzen Oesterreichs haltmachen wird! Nichts wäre verfehlter, als zu glauben, daß fremde Parteien uns Juden schützen werden, weil sie Gegner der Hakenkreuzler sind. Diese Parteien werden ihre eigenen Postulate kämpfend verteidigen. Für die Juden wird sich in der Gefahr keine fremde "Hand rühren. Verzweiflung oder Rüstung zur Selbshilfe? Die Entscheidung wird jetzt getroffen werden oder nie. Wehe ans, wenn wir verzweifeln, uns widerstandslos zum Abgrund treiben lassen! Das jüdische Volk hat in den .Jahrtausenden seiner Existenz schwerste Bedrängnis überwunden, dank des unerschütterlichen Glaubens an seinen Wert und an seine Kraft. Wir, Söhne des alten, leidgewohnten, bisher nie verzagten Volkes, dürfen das Erbe hunderter jüdischer Generationen, den Willen zur Selbsterhaltung, nicht preisgeben. In entscheidender Stunde fordern wir euch, Juden und Jüdinnen Oesterreichs, auf, der Jüdischen Volkspartei beizutreten. Die Jüdisohe Volkspartei, die einzige unabhängige jüdisch-politische Organisation in Oesterreich, umfaßt alle Stände und Klassen, alle, die sich dem jüdischen Volke zugehörig fühlen. Ihre Aufgabe nach innen: Stärkung des Gefühles der Zusammengehörigkeit. Gegenseitige politische, rechtliche und wirtschaftliche Hilfe. Ihre Aufgabe nach außen: Repräsentanz der bewußten Judenschaft gegenüber der Außenwelt, gegenüber Regierungen und Parteien. Kampf für das gleiche Recht der jüdischen Staatsbürger und ihre Sicherheit überall dort, wo jüdisches Recht und jüdisohe Sicherheit bedroht werden: in den parlamentarischen und sonstigen öffentlichen Vertretungen, vor Verwaltungsbehörden und Gerichten, in der Presse, auf der Straße. Wo ein Jude bedroht und in seiner Ehre und in seinem Recht gekränkt wird, sollen alle Juden für ihn eintreten. Der Ausdruck dieses Strebens ist die Jüdische Volkspartei. Tretet der Jüdischen Volkspartei bei! Stärket ihren Widerstandsfonds! Für die Jüdische Volkspartei: ■r Oberbaurat Ing. Robert Stricker, Obmann. . *■. . Dr. Oskar Grünbaum, Obmannstellvertreter. Zentralausschuß: Ingenieur Eugen Buchbinder, Kultusvorsteher; Dr. David B u k s p a n; Doktor Jakob Ehrlich, Kultusvorsteher; Dr. Desider Friedmann, Präsident der Isr. Kultusgemeinde Wien; Hans Kandl; Julius Katz; Ing. Otto Krasny; Dr. David Kreppel; David Nebenzahl; Emil Nimhäuser; Prof. Moses Rath, Kultusvorsteher; Fritz Richter; Dr. Dagobert Rybaczewsky, Kultusvorsteher; Max Schiff mann, Kultusvorsteher; Dr. Abraham Schmerler; Hermann Schwarz; Leopold Sitzmann; I. H. Waltuch, Kultusvorsteher; Dr. Gottfried Weidenf cid; Peisach Wühl. Mindest-Jahresbeitrag: 1 Schilling. — Beitrittserklärungen (unter Angabe der Höhe des Jahresbeitrages; schriftlich an das Sekretariat der Jüdischen Volkspartei, Wien, II, Untere Augartenstraße 38. Auch telephonisch unter Tel.-Nr. A-45-6-34 (in der Zeit von 10 bis J5 Uhr). Dortselbst werden auch Auskünfte über den „Widerstandsfonds" erteilt und Spenden entgegengenommen. Raslere dich besser! nimm die einzige schwedische arke Ein Christ über den Antisemitismus in Sowjetrußland Das Wiener Tagblatt »Die Neue Zeitung", Organ der christlichsozialen Arbeiterschaft, bringt nachstellenden Brief seines Moskauer Berichterstatters: Im Vorkriegsrußland war der Antisemitismus ledigsten im Süden und Westen eine stark verbreitete Erscheinung. Im fünfzehnten Jahre der bolschewistischen Herrschaft hingegen ist der Haß der Bevölkerung gegen die Juden In allen Teilen der Sowjetunion zu einem nStk tu eilen Problem" geworden. So stellt jedenfalls die G. P« U. (Geheime Staatspolizei) in einem Bericht fest, sie am SO. Dezember 1932 der Regierung erstattet hat. Die sehr schwer zugänglichen Dokumente der O. P. U. sind vorzügliche Unterlagen zur Beurteilung der tatsächlichen Verhältnisse in Sowjetrußland. Sie werden, tan Gegensatz zu den meisten anderen bolschewistischen Dokumenten und Protokollen, fast nie „frisiert", sondern enthalten wahrheitsgetreu wiedergegebenes Tatsachenmaterial. In dem genannten Bericht der G. P. U. wird die Frage untersucht, ob es angebracht sei, die antisemitische Bewegung in Sowjetrußland zu bekämpfen oder ob man nicht gut daran täte, sie im Sinne einer Befestigung des Sowjetregimes auszunützen. Die Leitung der 6. P. U. meint, daß es möglich wäre, den Antisemitismus „entsprechend zu organisieren". Ihn sich selbst zu überlassen, sei nicht mehr angängig, da er mehr und mehr bedrohliche Formen annehme. „Die Tatsachen sprechen für sich", heißt es in dem Bericht. „Das Wort ,shid< (populärer russischer Ausdruck, gleich ,Jud')> das in Zentral- und Nordrußland den Beiklang einer Beschimpfung und einer Verspottung hat, ist durchwegs an die Stelle der Bezeichnung , j e w r e j' (Jude) getreten. In den Städten und auf dem Lande, in den Fabriken, Büros und Aemtern, in den Kasernen der Boten Armee und in den Parteiklubs — überall ist die antisemitische Stimmung im Anwachsen begriffen. Sie hat längst ihren früheren mehr harmlosen Charakter verloren und ist heute durchsetzt von Haß." Die G. P. U. stellt fest, daß gerade in den OrganisationenderKommunistlsohenPartel, insbesondere aber in den Reihen des Komsomol (der offiziellen Partei-Jugendorganisation), der Antisemitismus heute sich teilweise am wüstesten und wildesten gebärde. Man schikaniere die Juden, wo man nur könne. Die Partei sei dagegen machtlos, weil die Mehrheit der Parteimitglieder insgeheim oder offen judenfeindlich gesinnt ist. In der Formel „Der Jud ist an allem schuld!" fänden sich so ziemlich alle Schichten der Bevölkerung. Der Bericht der G. P. U. führt 127 besonders krasse Fälle von „Judenverfolgungen" aus jüngster Zeit an. Wir geben hier einen wieder: „Genosse Weiß mann, Mitglied der Kursk er Parteiorganisation," waUdte" sich an die7 G. P. U., weil sein Leben in der Partei unerträglich geworden sei. Die Genossen Prokassow und Isotow verprügeln ihn täglich, beschimpfen ihn, ruinieren seine Sachen und halten ihn von Veranstaltungen der Partei fern mit der Begründung, die Juden hätten in Rußland nichtszusuchen. Als Genosse Weißmann den Schutz der Partei in Anspruch nahm, wurde er als Querulant und Intrigant abgefertigt. Man gab ihm den Rat, .wenn er keine Witze verstehe, solle er nach Palästina auswandern'. In der gleichen Nacht wurde Genosse Weißmann neuerlich geschlagen. Als Schuldige hat die G. P. U. die Parteimitglieder Isotow, Protassow und Bondarjenko festgestellt. Das Endergebnis der parteiamtlich eingeleiteten Maßnahmen war jedoch, daß keiner der Genannten aus der Partei ausgeschlossen wurde, Weißmann jedoch Kursk verlassen mußte." Die G. P. U. ist der Auffassung-, daß es sinnlos wäre, die antisemitische Bewegung in Sowjetrußland zu bekämpfen. Man müsse vielmehr versuchen, die judenfeindliche Stimmung der Bevölkerung auf bestimmte Klassenfeinde zu richten. Vielleicht könne in dieser Beziehung „die stark verbreitete Legende, Genosse Stalin sei selbst Antisemit, der die Kommunistische Partei von Juden säubern wolle", ausgenützt werden. Am 3. Jänner 1933 hat eine Sitzung des Politbüros stattgefunden, bei der der erwähnte Bericht der G. P. U. zur Sprache kam. Es wurde ein Geheimbeschluß gefaßt, demzufolge die Parteiorganisationen aufgefordert werden,, „der judenfeindlichen Gesinnung der breiten Volksmassen Rechnung zu tragen und die jüdischen Parteigenossen zu veranlassen, exponierte Stellen in der Partei- und Sowjetorganisation nicht einzunehmen". Das Politbüro begründet seinen Beschluß mit „taktischen Rücksichten" und lehnt „selbstverständlich" jede antisemitische Tendenz und Ausschreitung innerhalb der Partei „prinzipiell" pb. Wie wir von durchaus zuverlässiger Seite erfahren, erhielt jedoch ein Mitglied des Kollegiums der G. P. U., Prokofjew, den streng vertraulichen Auftrag, einen Plan? über die Möglichkeiten vorzulegen, „den Antisemitismus für die Interessen der Kommunistischen Partei auszunutze n". SILBER UND JUWELEN von ÖSTERREICHER I., WIpplIngerstraBd Nr. 29 Wegen Verlegung der Verkaufsräume nach I, Graben 7 , zu Räumungspreisen Günstige Gelegenheilskäufe für Hochzeitsgeschenke / / Geld her oder die Toten I Erst vor kurzem erfuhr die Kulturwelt von dem originellen Versuch der Sowjetregierung, sich auf bequeme Art Valuten zu beschaffen, goldwertiges Geld. Es war die Verordnung, wonach jeder ins Ausland reisende Sowjetbürger eine Paßgebühr von ein paar hundert Dollar zu zahlen habe. Mit anderen Worten: Diejenigen Bewohner Sowjetrußlands, die dieses Paradies verlassen wollen, müssen sich zunächst nach reichen, im Ausland lebenden Verwandten umschauen, welche die hohe Dollarsumme zur Verfügung stellen. Ob die sowjetrussische Regierung durch diese Maßnahme ihre Kassen mit Edelvaluta angefüllt hat, weiß man nicht. Viel Erfolg dürfte sie nicht haben. Sonst wäre diesem Einfall nicht gleich ein zweiter, nicht weniger orgineller gefolgt. Wie wir nämlich aus Moskau erfahren, will die Sowjetregierung nicht nur aus ihren noch lebenden (jüdischen), sondern auch aus ihren toten Staatsbürgern Edelvaluta herauspressen: Die Grabsteine auf den Friedhöfen werden registriert, und wer den Wunsch hat, daß der Grabstein seiner Eltern, Ahnen oder Kinder erhalten bleibe, hat eine Gebühr von 15 Dollar per Grabstein zu bezahlen. Wenn nicht im Verlauf einiger Monate diese Taxe entrichtet werden sollte, wird die Sowjetregierung die G r a b s t e i n e vernichte n, die Gebeine der Toten in alle Winde streuen und In den Gräbern andere Töte begraben. Ein Plan von einer Verrücktheit* wie ihn kaum Shakespeares Schurken ersinnen! Man appelliert an die bei den Juden geübte Ehrung der Toten, auf daß sich dieses Gefühl in Dollars für die Sowjets umsetze. Hunderte Juden wenden sich an ihre ausländischen Verwandten, um zu erwirken, daß die alten Gräber und Grabsteine nicht vernichtet werden. Hunderte Juden schreiben ihren Bekannten, deren Eltern in sowjetrussischer Erde ruhen, sie mögen durch Uebersendung der geforderten Dollars die Gebeine ihrer Altvordern retten. Nachdem das bolschewistische Regime dem „freien jüdischen Sowjetbürger" ein menschenwürdiges Dasein versagt hat, vergreift es sich jetzt auch noch an den Grabsteinen und Gebeinen seiner Toten. Welche Verwüstung muß die bolschewistische Propaganda in einzelnen Teilen der jüdischen Jugend angerichtet haben, wenn diese im Anblick solcher „Maßnahmen" ihre Schwärmerei für die alleinseligmachende Sowjetunion nicht aufgibt! Ing* Kremenezkys 84*Geburt§f ag Johann Kremenezkys Name ist in der jüdischen und zionistischen Welt so populär, daß es nicht notwendig ist, heute über seine Verdienste und über die Bedeutung seiner Persönlichkeit etwas zü sagen. Der treue Mitarbeiter Theodor Herzls, der: unermüdliche Wahrer der Interessen des Jüdischen Nationalfonds, der bewährte Förderer des jüdischen Aufbauwerks in Palästina bedarf nicht der Lobesbezeugungen, die sonst aus kalendarischem Anlaß gespendet werden. In voller geistiger Frische und körperlicher Rüstigkeit begeht Johann Kremenezky seinen 84.; Geburtstag und seine zahllosen Freunde in aller Welt haben heute nur den einen Wunsch, den im patriarchalischen Älter stehenden „Jüngling" noch lange Jahre mit unverminderter Kraft für das jüdische Volk wirken zu sehen. Steigende jüdische Einwanderung in Syrien. Aus Beirut: In Syrien macht sich seit einiger Zeit eine steigende jüdische Einwanderung bemerkbar, so daß Beirut allmählich ein starkes jüdisches Zentrum wird. Die meisten Juden kommen nach Syrien in der Hoffnung, von dort nach Palästina gehen zu können, aber infolge der Schwierigkeit, Visa für Palästina zu erlangen, bleiben sie in Syrien und passen sich den örtlichen Verhältnissen an. KLUB JUNGER REVISIONISTEN, II, UNT. AUGARTENSTR, 38 SAMSTAG, den 18. Februar 1933, In den Festsälen des Revisionistenheims, II, Untere Augartenstraß« 38 III. GESELLSCHAFTSABEND Besinn 20 Uhr Erstklassige Jazz / Reichhaltiges künstlerisches Programm ■■■■■■■■■■■ Karten sind zu haben in der Administration der „Neuen Welt", II, Unt. Augartenstraße 38, Tel. A-45^341 Intree S 1.S0