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Die neue Welt · 1933-01-20 · Heft 280 (20.1.1933) · page 10

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Journal
Die neue Welt
Volume
7 (1933)
Issue
Heft 280 (20.1.1933)
Date
1933-01-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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fette 10 DIE NEÜE WELT Nr. 280 Aus Rumänien Demonstrationen in Czernowitsk In Czernowitz wird zur Zeit ein Prozeß gegen Kommunisten durchgeführt, der viel Aufsehen erregt, inabesondere durch den Umstand, daß die weitaus tiberwiegende Mehrzahl der Angeklagten jüdische Studenten und Studentinnen sind. Als in der Vorwoche die Angeklagten aus dem Gerichtsgebäude abgeführt wurden, veranstalteten national-rumänische Studenten eine große antisemitische Demonstration. Unter Rufen „Tod den Kommunisten! — Tod den Juden!" wurden die Häftlinge und jüdische Passanten mit Steinen beworfen und mit Stöcken attackiert. Die Ermordung der fünf jüdischen Jugendlichen bei Soroca bleibt angesühnt Anläßlich des Jahrestages der Erschießung von fünf jüdischen Jugendlichen, die von der Grenzgendarmerie nach einem vorbedachten Plan in eine Falle am Dnjestrufer bei Soroca gelockt worden waren, veröffentlicht die Kischinewer Tageszeitung „Unser Zeit" einen Artikel von Abg. Michael Landau, in dem festgestellt wird, daß der ehemalige Premierminister Jorga entgegen seinem Versprechen nichts unternommen hatte, um die Schuldigen der Bestrafung zuzuführen. Es wurde dagegen eine Hetzkampagne gegen diejenigen, die den Fall aufgedeckt hatten, geführt, man veranstaltete Straßenkundgebungen und stellte die im Parlament erhobene Forderung nach Gerechtigkeit und Sühne als Angriff auf die Ehre der rumä* riisehen Armee hin. Der Verfasser richtet daher an den Ministerpräsidenten Iuliu Maniu den Appell, den Fall nochmals zu untersuchen und die Bestrafung der Schuldigen zu veranlassen. Am Schluß des Artikels wird die Behauptung aufgestellt, in den offiziellen Untersuchungsakten, deren Vorlage an das Parlament verfassungswidrig verweigert wurde, sei der letzte Beweis dafür, daß die Opfer von Soroca durch die noch heute unbestraft im Amt befindlichen Beschuldigten in ein Netz gelockt wurden, enthalten. Deputierter Landau kündigt die Veröffentlichung neuen Beweismaterials zum Falle Soroca an. * Sämtliche an dem Ballüberfall in Jassy beteiligt gewesenen Studenten freigelassen Vor einigen Tagen verhaftete die Polizei neuerdings den Studenten Brica Stephan Iliescu und den Jugendlichen Gheorghe A h t o n i u als die Haupturheber« des um die Mitte des vorigen Monats von Jassyer Studenten verübten blutigen Ueberfalles auf den Wohltätigkeitsball der jüdischen Vereinigung „Lubirea de Oameni", bei dem zahlreiche jüdische Besucher der Veranstaltung mehr oder weniger erheblich verletzt wurden. Iliescu und Antoniu wurden nebst den vorher bereits Verhafteten der Staatsanwaltschaft übergeben, die indessen wieder der Polizei die weitere. Untersuchung überließ. Nach Beendigung der Voruntersuchung wurden sämtliche an dem Ueberfall beteiligt gewesenen Studenten freigelassen. Notizen Das neue russische Paßsystem und die jüdischen Rechtlosen . Die Sowjetregierung hat, wie bekannt, ein Paßdekret erlassen, dem gemäß jeder Sowjetbürger vom 26. Lebensjahr an Über einen Paß verfügen muß, in dem dessen Herkunft und Beruf, nationale und soziale Zugehörigkeit, ständiger Wohnort usw. verzeichnet sein müssen. Zweck des neuen Systems ist u. a., die Industriezentren von Elementen zu säubern, die mit der Industriearbeit nicht direkt zu tun haben. Obwohl in dem Dekret der Name „Lischenzes" (Personen ohne Wahlrecht) nicht vorkommt, ist aus den von „Prawda" und „isvestija" gegebenen Kommentaren zu dem Gesetz zu ersehen, daß „Lischenzes" Zu der Kategorie der „antisozialen" Elemente gezählt werden und darum die großen Städte sowie die Industriezentren werden verlassen müssen. Ausnahmen werden nur für Arbeitsinvaliden und Pensionäre gemacht. Da es in Städten, wie Moskau, Leningrad, Charkow, Kiew, Odessa, Minsk, Rostow-Don, Wladiwostok usw., jüdische Wahl« rechtlose in großer Zahl gibt (einstige Händler und Unternehmer haben in der Sowjetunion kein Wahlrecht), sä wird wohl das neue Paßgesetz tief in das Leben zahlreicher jüdischer Familien einschneiden. Die jugoslawische Staatsbahn berücksichtigt den Sabbat Die erfolgreichen Verhandlungen, die die Deutsche Landeszentrale des Weltverbandes Schomre Schabbos mit der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft in Berlin geführt hat, haben hier die jüdischen Instanzen Jugoslawiens zu einem ähnlichen Versuch ermuntert. Die Bemühungen hatten vollen Erfolg. Gemäß den neuen Bestimmungen über die amtliche Arbeitszeit für Warenaufgabe und Uebernahme im Bereich der jugoslawischen Reichsbahnen werden die Sabbate und jüdischen Feiertage den jüdischen Firmen bei der Berechnung der Standgelder nicht in Ansatz geb r a cht. Von der jüdischen Gemeinde auf Korfu Innerhalb der jüdischen Gemeinde der Insel Korfu, die in der letzten Zeit sehr verarmt ist, von früher 4000 auf jetzt 1800 Mitglieder zusammenschrumpfte und weder einen Rabbiner noch einen Gemeindeführer hat, sind in der letzten Zeit schwerwiegende Zwistigkeiten ausgebrochen, so daß die griechische Regierung sich genötigt sah, eine spezielle jüdische Kommission zur Beilegung der Differenzen nach Korfu zu entsenden. Die Kommission steht unter der Leitung des Präsidenten des Verbandes jüdischer Gemeinden Griechenlands, Ascher Mallah, ihr gehören ferner Senator Isaak Chaky und Deputierter Daniel Allolouf aus Saloniki an. Sollte es dieser Kommission nicht gelingen, die Schwierigkeiten auf Korfu beizulegen, so wird der Oberrabbiner von Saloniki, Harb! Haim Habib, von der Regierung ermächtigt werden, einen endgültigen Entscheid zu verkünden, dem sich die Gemeindemitglieder auf Korfu zu unterwerfen haben werden. Die reichen Juden wollen Buhe haben Unter den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde von Tunis herrscht große Empörung über ein Urteil des arabischen Gerichts, das auf drei Monate Gefängnis gegen den jüdischen Bäckermeister Laloum Ankri lautet. Ankri war beschuldigt worden, während des antijüdischen Pogroms in Tunis einen Schuß gegen einen Araber abgegeben zu haben, durch den dieser das Augenlicht verloren haben soll. In Wirklichkeit spielte sich der Vorfall so ab, daß Ankri, dervon mehreren Arabern angegriffen worden war, aus seinem Revolver einen Schreckschuß in die Luft abgab, durch den niemand getroffen wurde. Schon bei den ersten Vernehmungen sagten Sachverständige und Zeugen aus, daß die Erblindung des betreffenden Arabers die Folge einer Augenkrankheit sei, unter der er litt. Ankrij der nach dem Vorfall verhaftet worden war, wurde später als unschuldig auf freien Fuß gesetzt, dann aber wieder verhaftet. Die jüdische Presse Tunesiens greift scharf mehrere jüdische Notabein an, die um des Friedens willen und um einen Prozeß zu vermeiden, dem erblindeten Araber 2000 Francs Entschädigung zahlten, aber damit nur erreichten, daß die Araber diese Geste als Schuldbekenntnis seitens der Juden auswerteten". Demission der Leitung der Zionistischen Organisation in der Tschechoslowakei Prag, 13. Jänner. (J. T. A.) Vom Zionistischen Zentralverband für die tschechoslowakische Republik wird der J. T. A. mitgeteilt: Der geschäftsführende Ausschuß des Zionistischen Zentralverbandes für die tschechoslowakische Republik überreichte in der Sitzung des Landeskomitees vom 8. Jänner 1933 seine Demission. Herr Doktor Rufeisen, der Vorsitzende des Verbandes, begründete die Demission mit dem mangelnden Interesse der zionistischen Ortsgruppen und Landeskomiteemitglieder an den zentralen Fragen der Organisation und Propaganda. Die Sitzung gelangte zu keinem Ergebnis und mußte wegen der vorgerückten Stunde abgebrochen und um vier Wochen vertagt werden; sie wird in Prag stattfinden. Eine umfassende informationsschrifr Ober die grosse Bewegung Im Zionismus Verfasst von Robert Stricher Herausgegeben von der Union der Zlonlsten- Revisionisten Oesterreichs / Preis 20 g / Erhältlich b Verlag „Neue Welt", Wien II, Untere augartenstr. 38 Das Gesi'dit Karpathorußlands Anschließend an den Aufsatz „Mandatsland im Herzen" Europas", der in großen Zügen das Verwältüngssystem Karpathorußlands schilderte, befaßt sich A. Rabbinowicz i mit der. katastrophalen. Lage der jüdischen . Bevölkerung dieses. Landes. Zwei Fragen legt uns die k a r p a t h o r u s s i s c h e Not vor. Erstens: Was. ist an ihr Erbe der Verg a n g e n h ei.t und < wap Folge der staatlichen N e uordnung, der Weltwirtschaftskrise und der Beschränkungen von heutigentags. Zweitens: Was ist spezifisch esj ü dls c h es Moment? Auch diese Frage ist der nichtjüdischen Oeffentlichkeit durchaus geläufig. Gewisse Kreise haben nämlich eine nicht sehr originelle Antwort auf das Problem: Schuld, ist der Jude, er ist verantwortlich für den Älkoholismus, er wuchert als Händler, Schanker und Geldleiher die ruthenische Bevölkerung aus. Würde es n|cht Juden geben, die am Grunde ihres Herzens an dieser Beschuldigung nicht zu zweifeln wagen, so könnte man darüber hinweggehen. So haben wir die Pflicht, den karpathorussischen Wirtschaftsverhältnissen und der Frage „Wer wuchert?" näherzutreten. Die Pointe sei vorweggenommen. Vor kurzem spielte sich in Folomka in der Slowakei ein für Karpathorußland nicht minder bezeichnender Vorfall ab. Auf den Hausanteil einer Witwe wurde wegen einer Zechschuld von einigen hundert Kronen eine Exekution geführt. Bauernrevolte, Zusammenziehung von Gendarmerie, Todesopfer... „Der Jud ist schuld, der Wucherer, der Shylockl" — „Wenn der Wirt nur kein Jude wäre..." — Nein, es war ein ehemaliger tchechischer Legionär, Mitglied der sozialdemokratischen Partei, dem dieses Malheur passierte, als er eine Schuld mit den vom Gesetz vorgesehenen Mitteln eintreiben wollte. Weit und breit leben keine Juden, vielleicht hat sie der trockene Pogrom verjagt Die Not in Karpathorußland ist die des weltfernen Gebirges mit kargem Boden, ohne Industrie und ohne Fremdenverkehr. Drei Viertel der Bodenfläche bilden die Werchowina, das Gebirgsland. Die kleinen veralteten Erzgruben und Gießereien stehen still, nur die Salzbergwerke beliefern die ganze Tchecholowakei. Die anderen Bodenschätze (Kohle?) waren nie ausgenützt, die Heilquellen sind vernachlässigt. Seit Mitte 1931 stockt der Holzabsatz. Eine Tabakfabrik in MukaSevo, eine chemische Fabrik für Holzderivate (die größte Europas) in Svalava sind die einzigen bestehenden Industrieunternehmungen von Bedeutung. Ungarn tat kaum etwas zur Hebung des Landes, das aus Teilen der vier seinerzeitigen Komitate Ung, Breg, Ugocsa und Marmaros besteht. Aber in der Vorkriegszeit stand wenigstens das Tor in die Welt offen. Die Auswanderung, die hauptsächlich nach Amerika ging, war frei. Frei lag vor allem die fruchtbare Ebene, in die die Gebirgsflüsse ihre Wasser führen. Dorthin gingen die landwirtschaftlichen Saisonarbeiter, von dort brachten sie das Bargeld, das ihnen zusammen mit den schmalen Erträgnissen von Stall und Feld ein bescheidenes Auskommen bot Heute ist die Auswanderung gesperrt, die wachsende Bevölkerung drängt sich zusammen. Die Wirtschaften werden infolge der Erbteilung immer kleiner. Es gibt Gegenden, die deshalb, andere, die den Forderungen der Forstwirtschaft zuliebe keine Weideflächen und keine Schafzucht mehr haben. Ränder erzielen keine Preise, Milch findet keine Käufer. Der Handel nach Galizien hat aufgehört, der Verkauf von Wein und Obst nach Böhmen und Mähren kann den Ausfall nicht*' ersetzen; übrigens gab es in den letzten Jahren Mißernten. Die Wälder, von denen jetzt 63 Prozent (früher 15) dem Staate gehören, waren zunächst eine HaUpteinnähmeqüelle' und wichtige Arbeitsgelegenheit. Seit Lösung des Handelsvertrages zwischen der Tschechoslowakei und Ungarn im Juni 1931 ist diese Quelle verr schüttet. Wohl ist seither ganz Europa von einer Reihe von Beschränkungen im Geld- und Handelsverkehr geplagt, und doch verdient es, festgehalten zu werden, daß gerade das arme Karpathorußland zuerst und in der fürchterlichsten Weise betroffen wurde. Während beispielsweise in Volove und Umgebung im Jahre 1928, ähnlich wie in den Vorjahren und auch noch in den beiden folgenden, 5 Millionen Kronen allein an Arbeitslohn für Fällen, Fuhren und Flößen von Holz ausgezahlt wurde, so hörte dann auf einmal die Waldarbeit auf und auch der Sägebetrieb war bis auf einige zufällige Lohnaufträge lahmgelegt. Zahlreiche jüdische Frachter und Arbeiter wurden brotlos, die dazu noch fast ausnahmslos keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung besaßen. Kaum besser ist die Lage der nichtjüdischen Arbeiter. Unter diesen Umständen ist die Kaufkraft der Bevölkerung einfach auf ein unglaublich tiefes Niveau gesunken. Ohne die Verdienstmöglichkeiten im Lande und draußen hört die Geldzirkulation auf. Ein autarkisch hungernder Rusniake kauft wöchentlich für 1 Krone Salz, für 1 Krone Petroleum, eine Schachtel Zündhölzer. Manche geben auch das nicht aus. Es gibt Bauern, die Tagesreisen machen, um Salzlake aus bestimmten Quellen zu holen. Sie tun dies schon deshalb, um ein altes Privileg auszunützen. Sei es Not oder nicht, daß da und dort Kienspäne und Zündschwamm wieder in Gebrauch kommen, die Kaufmannschaft steht vor einer katastrophalen Lage. Wo käme das Geld für den Schnapskonsum her? Kann und wird der Schenker unter solchen Umständen borgen? Kaufmann und Gastwirt können ruhig zusperren. Die Rede ist von den jüdischen. Im übrigen ist eine kleinrussische und genossenschaftliche Kaufmannschaft aufgekommen. Nicht alle Ruthenen trugen eigene Webe, manche kauften einen Rock aus Bauerntuch um 70, eine Hose um 40 Kronen. Heute dient das Magazin dem Hilfskomitee zur Sortierung der im Westen gesammelten Kleidungsstücke. Ein Krämer erzählte mir, daß er früher 200 Bagantschen (Schuhe) im Winter absetzte, 1931/32 nur acht Paare. Uebrigens siegt auch in Karpathorußland das FiUalsystem Batas und seiner Nachahmer. Der Jude, der noch eine Tabaktrafik-Konzession hat, verliert sie oft, weil die Kontrolle nicht das vorgeschriebene Quantum bei ihm vorfindet. Das ist die Situation in der Werchowina. Der Speisezettel der breiten jüdischen Massen war immer schon sehr bescheiden. Kartoffeln, Maismehl, Kraut, Hülsenfrüchte, eventuell Milch dienten zur Hauptnahrung. Daneben etwas Hering, Fleisch in geringsten Mengen am Sabbat, Weizen- oder Roggenbrot, als kleiner Luxus empfunden, — das war einmal.

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