Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 276 (23.12.1932)
- Date
- 1932-12-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Titl. Universitätsbibliothek Wien, 1. Preis 35 Groschen Jahrgang 6 Freitag/ den 2i* Dtttmfer l#3S Nr« 270 V«b«fo Zcitong vom Verleger versendet „Journal expldie par reditenr*« REVUE BEZUOSBEDINQUNQEN: Oesterreich monatlich S 1.50. vierteljahrig S4.20, ganzjährig S16.—; Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.— Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—. vierteljährig Kc 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Dentschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.-; Balgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljahrig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, viertel* jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr.6-8,1el. B-48S04 — Erscheint jeden Freitag Wer schützt den jüdischen Staatsbürger? Pogi'omantisemfcismiis an Wort und Tat Wien, 21. Dezember. Als ein nicht unerheblicher Teil der Wiener Bevölkerung eines Morgens die Straßen der Stadt betrat, konnte er allerorts ausgestreute Zetteln mit einem nicht sehr friedlichen Text lesen. Dieser nicht unerhebliche Teil waren jüdische Bürger und der Text lautete: „Kauft nicht bei J u d en!" Wenn auch einzelne diese Terrorparole mit leichtfertigem Achselzucken beantworteten, so sah doch die Mehrzahl unserer der Wirklichkeit, ins Auge; blickenden jüdischen Mitbürger in solcher Straßenreklame eine nicht zu unterschätzende Wirtschaftsbedrohung. Es war klar, daß deren Urheber und Agitatoren, die organisierten und nichtorganisierten Hakenkreuzler, ihr Pogromrezept auf einem Gebiet anwendeten, das für jeden Menschen das lebenswichtigste Ist: Brot! Nachdem zuerst die Wiener mit allgemeinen politischen und lnilturelien Phrasen infiziert worden waren» sollte die jüdische Existenz selbst an der Wurzel unterminiert werden. . . Das war der erste. Streich. Wie weit er gelungen ist, darüber; läßt. sichnichts Authentisches sagen. Jedenfalls aber kann: man mit einem rEunken yqn Berechtigung, annehmen!; daß die Käiif ermassen bei - ihrem gesunden- Instinkt und im Erkennen üirer Kaufinteressen ihren Warenbedarf n q eJi dort tieöif^n» >v,o es ihnen, am' ratsamsten schien^ unter der praktischen Parole: Gute Ware, iür billiges Geld!;; , ■ .; -v Aber das pogrömwütige Hakenkreuz begnügte sich nicht. mit'. einer ° lehrhaften.' Aufforderung. Es kam der zweite Streich. Am sogenannten „Goldenen Sonntag", in den Nachmittagsstunden, wo in den Geschäften der regste Verkehr herrscht, setzten die nationalsozialistischen Agitatoren ihren Feldzug gegen die jüdischen Kaufleute fort, indem sie im großen Wiener Warenhaus G e r n g r o ß Stinkbomben verbreiteten und das kaufende Publikum durch Schreck und Panik zum Abbrach seiner Kauflust veranlaßten. Die Kä'uf er ra a 'ssen'stbben aus ei nan der. Die Gefahr fürs. Leben der zahlreichen Frauen und Kinder war groß. Das Geschäft stockte. Der Hakenkreuzterror, erreichte seine Absicht. Wenn ihr euch .durch, Aufrufe vom Kauf beim Juden nicht abhalten j|qßt, so argumentierten die. Hakenkreuzler, werden wir. euch durch Stinkbomben aus den jüdischen .Geschäften v er t r e i b e n! (Wozu in diesem Fäll die pikante Feststellung kommt, daß die Herren Gerngroß samt und sonders schon längst das bedrohte Judentum jdurch . Austritt und Taufe verlassen haben.) Auch das jüdische Modepalais Krupnik bekam vor den.Toren die drohende. Hand der Wiener Hakenkreuzler zu spüren* AJso Terror, Wirtschaftsboykott und Existenzbedrohung auf offener Straße! Die staatlichen Gewalten erkennen noch immer .nicht den Ernst der Situation. Die Polizei unterließ es, nachzuforschen, wessen Hände die Flugzettel ausgestreut hatten. Und die Regierung gab nach den lebensgefährlichen Attacken gegen die Existenz jüdischer Staatsbürger bekannt, daß sie „ein solches Vorgehen... auf das schärfste verurteile und wie bisher alle Vorkehrungen getroffen habe ..." - Die Wiener jüdischen Kaufleute, Handels- und Gewerbetreibenden, die Produzenten und Angestellten sehen mit tiefster Besorgnis der nächsten Zukunft entgegen. Wer wird ihre Interessen schützen?. Die sozialdemokratisch, geleitete Gemeinde? Die mit der „Reinigung" der Credit- Anstalt beschäftigte christlichsoziale Regierungspartei? Oder vielleicht gar die mächtige Vereinigung der jüdischen „Werktätigen Juden", die sich im jüngst abgeführten Wahlkampf um die Kultusgemeinde gar so gut bewährt haben? Wer kann auf diese Fragen positive Antworten geben? 0 Einige Antworten liegen vor. Von einer Seite, die sie geben kann. Es ist wohl kein Geheimnis, daß der österreichischen Sozialdemokratie die Judenfrage zwar nicht viel Kopfzerbrechen, aber viel Beschwerden bereitet. Immer wieder, in Dingen der Politik und Wirtschaft, vor und während der Wahlen in öffentliche Körperschaften, taucht vor dem Vorhang der Judenpunkt auf; und immer wieder befindet, sich die sozialdemokratische Partei, die jüdische Wähler und jüdische Führer hat, in einem Dilemma. Jüdische Interessen schützen und gleichzeitig den Vorwurf, Judenschutztruppc zu sein, vermeiden zu wollen, das ist ein unbehagliches Unternehmen. Jüngst sprach der Schriftsteller und Redakteur der Wiener „Arbeiter-Zeitung" Ernst Fischer im Rahmen der sozialdemokratisch organisierten Versicherungsbeamten über die Judenfrage und den Sozialismus. Er gab der Gewißheit Ausdruck, daß der siegreiche Sozialismus auch die Judenfrage lösen würde, aber bis dahin... Bis dahin müsse der Sozialismus der Vermutung, daß er die Juden führend daran beteiligen lasse, entkleidet werden. Wenn wichtige Parteipositionen mit Juden besetzt würden, geschähe das nur, weil keine anderen Männerda seien. Aber reprasentative Funktionen müßten — damit man den -Gegnern nicht die Augen aufreiße .— nicht jüdischen Parteimitglied e r n zugeteilt werden, siehe den Fall des Abgeordneten;«nd jStedtrats Dr. Danneberg, dem die Partei die PräsidentscWftswiirdc im Niederösterreichischen Landtag unterVdcm Druckes Rufs ..Pfwi,. Jud!" abnehmen mußte. Ein,e größe^artej ha^ Rücksichten, zu üben. Es muß nipht gerade böser;Wille sein, weAn sie sich in gewissen, hier jüdischen Dingen Zurückhaltung auferlegt. Später einmal wird es nicht mehr nötig sein. Aber bis dahin... Die gewerkschaftlich organisierten jüdischen Versicherungsbeamten haben also gehört, daß ihre . Partei sich ad Judenpunkt nicht exponieren könne. Ihre passive Haltung, ihre Zurückhaltung, sei ihr von den Parteiintercssen diktiert. Eine nicht minder große Enttäuschung haben die gewerkschaftlich organisierten jüdischen Bankbeamten erlebt. Immer noch laufen die Verhandlungen' der christlichsozialen österreichischen Regierung mit , den Auslandsgläubigern der verkrachten C r e d i t - A n s t a 11, einer sogenannten — jüdischen Bank. Jüdisch? Einmal gewesen! Denn Rothschild sprach dort einst das große Wort und an allen Schreibtischen saßen ein paar Jüden. Jetzt hält man beim'gründlichen Reihemachen. Es wird abgebaut. Seit einem vollen Jahr wird abgebaut, und zwar , wie man hören und lesen kann, sind es die jüdischen Beamten vor allem, die daran glauben müssen. Ein Wiener Blatt schreibt, daß „eine Judenrazzia, ein förmicher Judenpogrom in der Credit-Anstalt im Gange ist'VDort die sozialdemokratische Zurückhaltung, hier der christlichsoziale Kehrbesen. Bis dahin? Bis dahin werden Tausende jüdische Existenzen vernichtet sein. * Die Art, wie die Wiener Hakenkreuzler die Wirtschaftsboykottprbpaganda gegen den jüdischen oder vermutlich jüdischen Kaufmann inszenieren, läßt deutlich das deutsche Vorbild erkennen. So groß aber die Aehnlichkeit in den Methoden, ebenso groß der Unterschied in den Machtverhältnissen! Während in Deutschland ein Dutzend Millionen vom Hakenkreuzfieber ergriffen sind, ist deren Zahl in Oesterreich eine verhältnismäßig kleine. KOHLE/KOKS ANTHRACIT httcMtar Quallttttan BÄSCH, IV. ArgentinierstraQe 22 T«M Serlo U<47-9.40 Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt» lichea Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet. BEHANDLUNG VON RHEUMATISMUS GICHT, ISCHIAS UND FOLGEN VON SPORT¬ VERLETZUNGEN AUF 1DHSIE M (SCHNELLKUREN, JONTOPHORESE, ORIGINAL PISTYANER SCHLAMMPACKUNGEN ETC.) IN DER KURANSTALT DIANABAD FÜR ALLE PHYSIKALISCHEN HEILMETHODEN GRÖSSTER KOMFORT . ZEITGEMÄSSE PREISE - Und trotzdem der ungezügelte Mut zur Aggressivität? Trotzdem das Fehlen jeder Hemmung? Trotzdem das Bewußtsein, daß man ungestraft auf offener Strafe Boykott, Bedrohung, Terror propagieren und üben darf f: Niemals würden die Wiener Pogromantisemiten ' wagen,, am hellichten Tag, vor den Augen der friedlichen Bevölkerung und der gewiß nicht wehrlosen Behörden, ihr gefährliches Spiel zu treiben, wenn sie wüßten, dai ihnen ein geschlossenes jüdisches Bürgertum gegenüber- .steht! Niemals auch würden die zum Schutz der jüdischen Staatsbürger berufenen und verpflichteten Paktoren das Gewährenlassen der. hakenkreuzlerischen Exzesse so gleichmütig üben, wenn sie nicht wüßten, daß seitens der in ihrer Existenz bedrohten Juden ein energisches Auftreten kaum zu erwarten ist. . Die Hemmungslosigkeit des Pogromantiseinitismus wächst parallel mit der Lethargie der Judenschaft, wächst mit der Erfahrung, daß diese Judenschaft sich bisher nicht dazu aufgerafft hat, jüdisch bewußten und nur j ü d i s e h bewußten Führern die Vertretung ihrer legitimen Interessen anzuvertrauen. N11 r d e r Mangel an Organisations- und Abwehrwillen hat die immer drohendere Aggressivität des Pogromantisemitismus in den Himmel wachsen lassen. Welch trostlose Feststellung, daß 200.000 Juden, die in der Erfüllung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten den anderen Bevölkerungsteilen in nichts nachstehen, ihre staatsbürgerlichen Rechte auf Schutz von Leben, Eigentum, Freiheit und Ehre von einer zügellosen Minorität zertreten lassen müssen! Innerhalb der Wochen, die mit dem Kampf um die Wiener Kultusgemeinde ausgefüllt waren, schien die Wiener Judenschaft der Notwendigkeit jüdisch-bewußter Haltung zugänglich. Die Wiener Juden haben sich — was im Wahlresultat klar zum Ausdruck kommt — von jenen Gruppen abgewendet, die seit Jahr und Tag predigten» daß die Wiener Judenschaft keine eigenen Vertreter benötige» da ihre Interessen im Kulturstaat Oesterreich bei den anderen „gerechten" Parteien ohnehin gut aufgehoben seien. Diese Einstellung hat nun wieder Schiffbruch gelitten. Die ChristHchsozialen können nicht, die Sozialdemokraten dürfen nicht — also wohin...? Noch ist es Zeit zur Selbst besinnuug. zur Selbsthilfe, zum Selbstschutz. Der Uhrzeiger nähert sich der zwölften Stunde. Schluß mit dem Selbstbetrug, mit der billigen Ausrede, daß da nichts helfen kann! Die Gasbomben im Warenhaus, die Attacken gegen Käufer vor jüdischen Läden — gibt es krassere Beispiele zur Illustrierung der Gefahr wirtschaftlichen Zusammenbruchs? Die Wiener Judenschaft muß endlich erkennen, daß ihre Bettung einzig und allein im Zusammenschluß liegt. Die „Jüdische Volkspartei" ist der Rahmen, in dem alle jüdischen Interessen ihren Platz finden. ttBBjjSMHWMjanj^.....i