Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1932-01-01 · Editorial · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Editorial
Date
1932-01-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2711613-2711843-2711844--2900-2716828
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

r Seile 2 DIE NEUE WELT Sonffcratisgatie Jabotinskys (Gehalten an! dem Eröffnungsabend der Krise und Zusammenbruch „Zionismus ist schon eine nlte Sache, aber im Laufe des letzten Jahrhunderts sind im Judentum andere stolze und kühne Träume entstanden, Träume nämlich, die Lage des jüdischen Volkes innerhalb der Diaspora zu normalisieren und die Judenfrage außerhalb des Zionismus zu lösen. Die Lage der Judenheit bedeutet den Zusammenbruch dieser Träume, eine Lösung der Judenfrage außerhalb des Zionismus zu finden. Zusammenbruch auf ökonomischem, auf politischem und auf kulturellem Gebiet ist das Bild der Lage des jüdischen Volkes auf der ganzen Erde. Und von jedem Juden hört man das Geständnis des Zusammenbruches, möge er welcher Parteirichtung auch immer angehören. Die Krise hat das ganze ökonomische Wesen der Welt erschüttert, sei es bei den Juden, sei es bei den Gastvölkern, bei denen sie leben. Es ist aber ein Unterschied zwischen dem ökonomischen Zusammenbruch der Judenheit und ihren Gastvölkern — wie zwischen einem erschütterten Gebäude und einem Kartenhaus. * Die rechtliche Lage der Juden in allen Ländern wird dadurch am besten charakterisiert, wie der Jude selbst psychologisch seine Gleichberechtigung auffaßt. Et lebt heute unter dem vollen Bewußtsein, daß er selbst nicht ratsam handeln würde, wenn er seine Gleichberechtigung zu ernst nähme. Auf k u 11 u r e 11 e m Gebiet ist der Zusammenbruch am eklatantesten. Die älteste der jüdischen Assimilationsbewegungen, die schon mehr als hundert Jahre zählt, die so Vieles und Glänzendes geleistet hat, die dem Judentum und den Mehrheitsvölkern große und wichtige und viele unsterbliche Werte geschaffen hat: eine Assimilation, die wirklich den Anschein erweckt hat, als wäre das Verwachsensein des Judentums, und der umgebenden Kultur erfolgreich gewesen. In der Geschichte dieser fremden Kultur stehen Namen auf Ehren, platzen, es gibt eine ganze Geschichte von Juden, die in dem Gebiet des Mehrheitsvolkes seelisch vollkommen aufgegangen waren, nicht nur formell, sondern wirklich und tief, so daß in ihrer Seele keine Spur irgend einer anderen Begeisterung blieb — mit Ausnahme der nationalen Begeisterung des Mehrheitsvolkes. Für diese Hingabe, für diesen langen und hehren Dienst hat das Mehrheitsvolk mit Manifestationen geantwortet, die bedeuten, daß es diesem Teil des jüdischen Volkes nicht gelungen ist, sich politisch, Ökonomich oder kulturell in das Dasein des Mehrheitsvolkes einzukör-. pern, und die Empfindungen des Mehrheitsvolkes sind, daß die Juden nach 125 Jahren deutscher Assimilation nach wie vor in diesem Körper einen fremden Organismus bilden. Es ist der Zusammenbruch eines rollen, mit großem Kraftaufwand geführten Versuches, ie Judenfrage außerhalb des Zionismus zu lösen. Dieser Zustand wiederholt sich überall, an allen Ecken der zivilisierten Welt. Für jeden Denkenden ohne Unterschied der Partei ist es klar, daß alle j e n e Versuche zur Lösung der Judenfrage versagt haben, daß das Wort vom „wandernden Juden" wieder seinen Inhalt bekommen hat und die große Diaspora zu einem , großen ungeheuren Reservoir eines Emigrationsbedürfnisses geworden ist. Zusammen mit diesen ghettohaften Projekten der Lösung der Judenfrage sehen wir gleichfalls den Zusammenbruch der ebenso ghettohaften Teile des Zionismus: Sei es der Versuch des geistigen Zentrums, sei es der Traum vom geistigen Paradies, sei es der Versuch vom binationalen Staat, wo der Jude nie die Möglichkeit der Entwicklung der vollständigen Macht haben soll. . ' ' " Es ist jedem klar, daß die Entwicklung "alle diese falschen Auffassungen des Zionismus weggefegt hat, und als Revisionist sage ich Ihnen, daß die Stimme der Wirklichkeit alle gemäßigten Auffassungen der Judenstaatsidee übertroffen hat. Die Idee des Judenstaates sollte für uns nur den Anfang unseres Zionismus bedeuten. Auch diese ist schon überholt. ' » ' Mit einer Million würde die Mehrheit heute von uns in Palästina errungen werden, aber auch dies bedeutet schon nicht mehr die Lösung der Judenfrage, das Emigrationsbedürfnis verlangt mehr. Das Praktische des Zionismus ist das Zeichen, unter dem wir Juden heute stehen. Das Hindernis. Der Zionismus ist in den letzten Jahren auf ein unvorhergesehenes Hindernis gestoßen. Ein Besucher Palästinas würde es im Laufe eines kurzen Besuches in Erez Israel nicht entdecken. Die vielen Hunderte, die Palästina im letzten Frühjahr besucht haben, sind mit einer berechtigten Begeisterung zurückgekehrt. Leute, die vor zwei Jahren und heute wieder drüben waren, haben Palästina nicht wiedererkannt. So kolossal sind die Fortschritte, die der Jischuw gemacht hat. Nie dürfen wir vergessen, daß dieser Fortschritt des Jischuw in Palästina ein Phänomen ist, die Erscheinung jüdischer Arbeit, etwas noch nicht' Dagewesenes. Es ist die größte Kolonisationsleistung, ein Werk ohne Beispiel in der Geschichte, denn kein Volk hat jemals, bedenkt man die Proportionen des Landes und die Kürze der Zeit und bedenkt man die Machtfaktoren, die den anderen zur Verfügung stehen, derart viel geleistet wie der jüdische Pionier in Palästina. Aber das wunderbare Gedeihen des Jischuw hat nichts mit dem des Zionismus zu tun. Der Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung gegenüber der arabischen steigt nicht in einem Tempo, welches die Macht des Landes in die Macht des Kolonisators übergehen läßt. Und der Jude macht es dem Engländer sehr leicht, denn in allen Kolonisationsländern hat es der englische Kolonisator viel schwerer, zum Beispiel in Rhodesien, obwohl dort Wasser ist, das Klima gut und die Bevölkerung viel größer ist als in Palästina. Wir sind Kolonisatoren ohne Nebenbuhler, das einzige Volk, das noch den Typ des Pioniers besitzt. Aber im Jahre 1926 war die Proportion der Juden in Palästina größer als im Jahre 1931. Das Anwachsen der Nichtjuden im Lande wird auf dem natürlichsten Wege, durch den Geburtenüberschuß, schneller bewerkstelligt, als es durch das Anwachsen unserer Ein« Wanderung möglich ist. Die verfehlte Politik Wir sind auf ein Hindernis gestoßen, und das ist die Politik der Mandatarmacht. Wir können es große Rede V. revisionistischen Weifkonferenz in Wien) heute in einem Moment der Retardation ohne jeden Haß konstatieren. Warum Haß, warum Verdruß und warum Erbitterurig? Wir können es heute ruhig, mit Vernunft betrachten. Wir Revisionisten vergessen nie, daß die Hauptschuld für das Ergebnis dieser Partnerschaft die Schuld einer schlechten jüdischen Politik ist. Wir haben es immer gesagt und wir sagen es heute: Hätte man von Anfang an gewisse Maßnahmen getroffen, hätte man nicht erlaubt, daß die üblen Zustände aus einem Zufall zu einem System ausarten, daß die giftige Pflanze Wurzel schlägt und daß zuerst eine Partei und dann eine Verwaltung und dann eine erste Regierung und dann eine zweite Regierung und dann alle Regierungen sich mit einem schlechten System die Widrigkeit der Ausübung des Mandats zur Gewohnheit machen, wäre es nicht zu diesem Zustand gekommen. Gegen eine schlechte und mandatswidrige Regierung hätten unsere Advokaten die Anklage erheben müssen, und hätten sie das getan, dann wäre unser Palästina ein anderes geworden. Immer haben wir vor einer schlechten Politik gewarnt, haben gesagt, daß man den Wagen bis zum Abgrund führe. Aber wenn, man nie auf Warnungen hört, dann kommt der Moment, wbies für Warnungen zu spät ist. Leider ist es so mit dem politischen Wagen des offiziellen Zionismus geschehen. Zwischen dem Sommer 1929 und1 dem Sommer 1931, in diesem Zeitabschnitt bestand die Möglichkeit, den Wagen vielleicht noch ein paar Meter abzukehren. Das jüdische Volk hat diese Möglichkeit versäumt. Wir stehen heute vor einer absolut veränderten Lage. In unserer Auffassung war dieser Zeitabschnitt der Moment, wo alle leitenden Kreise der englischen Gesellschaft zum erstenmal verstanden, daß. etwas in Palästina geschieht, was den Entschließungen Englands widerspricht und was auch eine Ungerechtigkeit dem jüdischen Volk gegenüber bedeutet. Die Psychologie der politischen Stimmungen der maßgebenden englischen Kreise war in jenem Zeitabschnitt auf dem Scheidewege und das jüdische Volk hatte die Möglichkeit, durch große Entscheidungen, durch eine klare Manifestation seines Protestes diese Menschen vor die Wahl zu stellen, welchen von diesen beiden Wegen die englische Gesellschaft gehen wird. Diese Möglichkeit gipfelte im Baseler Zionistenkongreß. Dieser Kongreß und die Epoche vor dem Kongreß waren die letzte Stunde, wo das jüdische Volk durch sein eigenes Wollen oder Nichtwollen, durch seine Bejahung oder Verneinung dem englischen Volk zeigen konnte, was es ablehnt oder was es fordert. Dieser Schritt, diese Forderung ist ausgeblieben und in England hat sich wieder die beschwichtigende Ueberzeugung eingebürgert: „Nun ja, die Leute sind ein wenig unzufrieden, aber es kann ruhig wieder weitergehen, die Entrüstung ist nicht so groß, wie man glaubt." Die These vom Gleichgewicht Es hat sich jetzt im englischen Volksgewissen die bequeme Auffassung kristallisiert, daß die Verpflichtung der englischen Regierung eine doppelte Verpflichtung sei: die Pflicht, Juden in Palästina anzusiedeln und dabei die Lage der Nichtjuden zu verbessern. Es kam die These auf, das Gleichgewicht zu halten, und daher ist jeder Schritt, wo ein Nichtjude oder jemand im Namen der Nichtjuden Protest erheben kann, eine Umschreibung 4er bestehenden Lage. Es ist eine verfehlte Auffassung. Es gibt zwar kein Gesetz, das keine Reservationen enthält, aber nie hat man zu behaupten gewagt, daß die Reservationen ebenso gewichtig sind wie das Gesetz. Orient gegen Okzident; Das wissen wir, das wissen auch alle leitenden Elemente Englands. Aber in bezug auf Palästina sind wir tief eingebettet im Gewissen des englischen Volkes. Seltsam die Idee, daß die Balfo ur¬ Deklaration in sich selbst ihren Gegensatz enthält und die jüdische Entwicklung in Palästina durch Befrachtungen diktiert werden soll, die nichts mit der Lösung des jüdischen Nationalheims, nicht« mit der Lösung der Judenfrage zu tun haben, nichts zu tun haben mit der Frage, ob man das Schicksal einer Bevölkerungsschichte mit dem Elend eines Volkes vergleicht, wie man es mit den Arabern macht, die für vierzig Millionen Menschen ein Gebiet besitzen so groß wie halb Europa, während fünfzehn Millionen Menschen ein Land besitzen, das nur ein Zweihundertstel ausmacht vom Territorium der Araber. In den breitesten Schichten def leitenden Kreise Englands glaubt man, daß die Balfour-Deklaration die Vollmacht enthält, den Fortschritt der Eilt« Wicklung Palästinas nach an ti jüdischen Gesichtspunkten zu regulieren. Und daraus müssen wir die Konsequenzen ziehen. Auch in der Praxis hat sich die englische Politik in Palästina kompliziert. Bis vor zwei Jahren bestand die Politik darin, daß man unser Werk störte, aber im Laufe der letzten anderthalb Jahre ist es klarer geworden, daß die britische Politik im Orient und besonders in Palästina gewisse antijüdische und zufällig zugleich auch antieuropnische Bewegungen zu stärken beginnt, Antizivilisationskrnfte organisiert und sie — vielleicht unbewußt — gegen uns aufwühlt. Gerüchte über diese Politik sind schon lange durch den Orient gegangen. In der primitiven orientalischen Welt, im millionenköpfigen Basar zwischen Kairo und Basra flüstert man diese Kundschaft, diese Neuigkeit, diese Sensation von einem zum andern: „Weißt du schon, Achmed, daß heute hinter dem Islam die größte und zivilisierteste aller europäischen Nationen steht?" Und daß sich die Kurden gegen die ReformversuclM» aines Kemal stellen, daß hinter dem Kampf der Drusen gegen die französische Macht, hinter der Revolution eines Afghanistan die Derwische gegen den Versuch einer europäischen Zivilisation kämpfen — dies alles flüstert man schon lange im Basar. So flüsterte man. Aber laut sprach man von der islamitischen Konferenz. Wir alle wissen, daß sie nicht imposant war, daß besonders die autoritativen Elemente des Islam nicht vertreten waren, aber vergessen wir nicht: Es kommt nicht darauf an, was man in diesem Saal, was ganz Europa und Amerika weiß, es kommt darauf an, welchen Eindruck der millionenköpfige Basar zwischen Kairo und Basra hat. Und für die Achmeds gibt es keine Statistik betreffs der Vertretung. Diese wissen nicht, was dort in Jerusalem vorgekommen ist, diese wissen bloß, daß es eine panislamitische Bewegung gibt, wo man gegen Europa und gegen den Ausläufer Europas, gegen die Juden in Palästina„ geht. Wieviele große Städte gibt es, die heute ganz islamitisch verwaltet werden? Es gibt Damaskus und. Kairo und Mekka. Nicht Damaskus, nicht Kairo und nicht Mekka, nein: Man hat mit jemandes Erlaubnis Jerusalem gewählt, um diese Dinge zu proklamieren, und wiederum flüstert der Basar: „Aha jetzt verstehen wir!" Es ist nicht wichtig, ob die Leute in London mit Absicht so gehandelt haben oder bloß leicht-» sinnig waren. Wenn wir diese Handlungsweise als „ünverantwortliche Brandstiftung" (nicht nur gegen uns, sondern gegen den Westen) gebrandmarkt haben, sprachen wir nicht-als, Ju den mit verbittertem Herzen, sondern als Beobachter, die von einer Regierung verlangen, daß sie weiß, was sie tut. Es ist vielleicht eine englandfreundliche Haltung, wenn ich im Namen der Revisionisten hier erkläre, daß es nur Leichtsinn und nicht Absicht war, die gewissen Ergebnisse im Orient zu provozieren. Diese Lage, wo man, gegen uns^schon .sehr beträchtliche und sehr gefährliche Kräfte mobilisiert, dieser Zustand hat mit der Frage, ob ein Oberkommissär ein liebenswürdiger Herr, ein sehr liebenswürdiger Herr ist oder nicht, gar nichts zu tun. Hätten wir Zeit dazu, würden wir mit dem größten Vergnügen konstatieren, daß im Jahre soundso ein liebenswürdiger Kommissär in Palästina residierte. Aber die Frage, ob der Herr Oberkommissär in Jerusalem im Jahre soundso sehr nett i§t oder nicht, der vielleicht auch etwas für die Interessen der Juden tut, steht in gar k e i n e m V e r h ä 11 n i s zum politischen Regime, das vielleicht zuerst durch Leichtsinn, dann durch Gewohnheit und dann durch Tradition zu dem gewissen System geführt hat. Die Tatsache, daß die britische Verwaltung heute zum größten Hindernis für den Zionismus wurde, ist feststehend. Die Tragweite kann auf verschiedenste Art gedeutet werden. Unser Bündnis mit der Mandatariniacht Es gibt in unserer Mitte im Sinne aller Juden, im Sinne der Delegierten dieser Konferenz, es gibt bei uns Leute, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben, daß der Druck der natürlichen Entwicklung, seine Politik radikal zu revidieren, sich erfüllen wird, und daß auch der Moment kommen kann, wo sich die englische Regierung dem Geiste des Mandats anpassen wird. Es gibt aber auch solche in unserer Mitte, die finden, daß unser Bündnis mit England definitiv zu Ende ist und daß wir daraus gewisse praktische Konsequenzen ziehen müssen. Eines gibt es, worin wir alle einmütig sind. Das ist die Konstatierung, daß die ganze Beziehung zwischen dem jüdischen Volk von England sich im Laufe dieser zwei Jahre vollständig geändert hat. Es war eine Beziehung auf grundsätzlichem Vertrauen aufgebaut. Das ethische Mandat Heute ist es das Gegenteil. Es besteht heute ein tiefes Mißtrauen. Dieses Mißtrauen fühlen heute alle Juden, auch solche, die aus irgend welchen Gründen proklamieren, daß das Vertrauen noch existiert. Es gibt heute in der jüdischen Seele nur ein tiefes Mißtrauen und das dokumentiert sich — vielleicht unbemerkterweise — darin, daß die ganze moralische Lage um Palästina herum verändert ist. Die moralischen WÖdienfh'dier Luxusaufo-Diensf WieiuVenedig Die Kongreßteilnehmer haben am' 4. September Gelegenheit, Dr. Barrys wöchentliche Autofahrt nach den Dolomiten und Venedig mitzumachen. Dauer 6 Tage, S 216. Nächtigung und Verpflegung inbegriffen. Auskünfte und Anmeldungen beim Kongreßkomitee und bei Dr. Barry & Co., I., Schwarzenbergplatz 1, Tel. B-53-5-55. Serie.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.