Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 271 (25.11.1932)
- Date
- 1932-11-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 27! DIE NEUE WELT Seit« f Provinzversand per Nachnähme Fahrtvergütung — Jubiläums- Preiskatalog gratis und franko 98 Groschen Damen-Gummi Sandaletten, 35-36 Kinder*Ga|oschen, 22-27 . . Damen-Galoschen, Grösse 42 > Groschen Verkauf nur an Private Mengenabgabe beschränkt . warn Schüsse verdichteten sich zu einem zischenden Hagel aus unzähligen Schlünden teuflischer Kreaturen.; : „Der arme Onkel", sagte ich zum Kommandanten. „Nicht mit dem Leiben, nein, mit dem Tode wird er den Namen Gattes heiligen." Der. Kommandant heftete seine Augen auf mich und sagte: „Und ich glaube, daß du dich irrst. Du hast keinen Begriff, wie sehr ich an solche Juden glaube. Lach* über mich, wenn du willst, aber wenn es nur möglich wäre, wählte ich für meine Kompagnie lauter Juden solcher Art. In diesen „Onkeln" steckt irgend ein Ding, das besser abwehrt als tausend Geschütze. Der Teufel... Gott weiß...wie das zugeht, aber ich kann mich um keinen Preis von dem Aberglauben befreien, daß... Seitdem ich mir jenen Juden, du kennst ihn doch, den alten Pawetz, als Diener genommen habe, gilbt es für mich nachts zu fürchten. Du lächelst? Na gut! Wirst sehen, daß der Feind heute seiner Pflicht Genüge tun wird ohne Finale." Finale, das ist ein gewaltiger Schuß aus dem größten Geschütz, mit dem man den „Tanz" abschließt. Dieser Schuß wird stets gegen den Posten gerichtet. Ohne diesen Schuß gibt es keinen Tanz. Der Kommandant schluckte etwas Wein herunter und ging zaghaft ans „Fenster", am Rand des Gralbenlochs, um Onkel Berdach zu beobachten. SeltsamI Der Kommandant zählt nicht gerade zu den Helden, und jetzt begibt er sdch in Gefahr, gerade im Augenblick, wo es niemand vonnutzen ist — dn der Tat, er glaubt an Onkel Berdaoh, Nach einigen Minuten ruft er mich. „Rasch, rasch, komm her!" Die Pfiffe schwirrten wuchtig. Ich ging hinaus, lagerte mich bäuchlings neben dem Kommandanten. Und da — ein seltsamer Vorgang — Onkel Berdaoh stand zur Hälfte auf, ging in die Knie und winkte zum Feind hin, winkte ihn herbei. Die Schüsse schwirrten über unsere Köpfe und er verharrte; winkte den Feind heran. „Vielleicht will er desertieren? Ah, eine ekelhafte Geschiohte." „Blödsinn", zischte mich der Kommandant an. „Onkel Berdach zum Feind übergehen? Dummheit, Unsinn! Wart' nur!" Onkel Berdach hörte nicht auf, mit beiden Händen zu winken und den Feind herbeizurufen. Und der.Feind antwortete ihm mit tausenden Kugeln. „Der Feind kennt nicht unseren Onkel", sagte ich spöttisch, „und er glaubt überhaupt nicht an ihn." „Warf nur', schalt der Kommandant. Und Onkel Berdaoh, da er sah, daß all seine Bewegungen nutzlos seien, machte eine Gebärde der Ver-. zweiflung, ließ sich für einen Augenblick auf den Boden nieder. Hierauf nahm er, wie einer, der einen Beschluß fefaßt hat, seinen Beutel, öffnete ihn und zog etwas ervor — man konnte nicht genau sehen, was es war — und legte es hinter seine Kappe auf den Kopf. Der Kommandant wandte sich an mich. „Du bist ein guter Jude?! "Sag, was macht er jetzt? Weißt du, was er da macht? Er tut das, was mein Diener immer tut. Er legt Fillin." „Was?" „Fillin. Du bist Jude und weißt nicht, was das ist?!" „Ah ja, Tefillin, meinst du. Wirklich —" „Pst, warte." Onkel Berdaoh legte seine Tefillin am Kopf zurectot, nachdem er etwas aus dem Beutel gezogen und sich darin eingehüllt hatte. Ein weißer Tallis war es. Der Kommandant erschrak. „Ist er wahnsinnig geworden? Er g"iibt doch dem Feind ein deutliches Ziel!" „Was ist dabei?" antwortete ich spöttisch. „Sie, Herr Kommandant, glauben doch an ihn —" „Hast recht. Wir werden sehen." Indessen merkten wir nicht, daß das Kugelprasseln plöizlich aufgehört hatte, daß wir zu voller Höhe aufgestanden waren und ohne Angst hinblickten. „Na", sagte der Kommandant triumphierend, „wer hat recht?" „Es ist ein Zufall." „Was, Zufall? Und wo ist das Finale? Zufall? Bei euch ist alles Zufall." „Gewiß, ein Zufall, oder noch besser: aus irgendeinem Grund halben sie für ein paar Augenblicke seinem Wink gefolgt." „Mag's sein, wie du sagst. Zugegeben. Aber so oder so: Kein Tanz, kein Finale, kein Tod. Wir werden weiter sehen." Und wir beobachteten das Kommende. Onkel Berdach stand auf, in Tallis und Tefillin _ gehüllt, und winkte und winkte. Das sahen wir durch aas Glas... Und da, ein Menschenkörper erhebt sich aus der feindliohen Front und eine Hand winkt Onkel Berdach zu und er gibt Antwort, und plötzilich wieder Menschenkörper und wiederum einer steigt aus dem Loch hervor und kriecht Onkel Berdach entgegen und dann ein zweiter Menschenkopf und noch einer... alle kriechen zum Onkel Berdach hin. Irgendwer sagte hinter uns: „Ich werde sie mir , ein wenig aufs Korn nehmen." Und er hob das Gewehr gegen die kriechenden Menschenköpfe. „Zum Teufel", schrie der Kommandant. „Deine Großmutter kannst du aufs Korn nehmen. Schafskopf!" ' Und die Kriechenden kamen immer näher an Onkel Berdach heran einer "hinter dem andern. „Das ist Verrat", rief ich zornig. „Er hat sich sein Grab geschaufelt." „Wir wollen weiter sehen. Vorläufig noch nicht.. Nach einigen Minuten steht eine Gruppe Menschen da auf den Beinen, aufrecht, jenseits des Drahtverhaus, und sie schaukeln sich und beten. Das Gebet wird allmählich stärker und der Sang bewegter. „Das ist eine waghalsige Dreistigkeit", sagte der Kommandant mit einem Lächeln der Verwunderung, „das ist eine Frechheit sondergleichen", und betrachtete die Betenden mit höchster Aufmerksamkeit. * Die Gruppe betete ohne Störung. Hinter ihr .erschien die weißschimmernde Sonne und in der Fülle drängenden Lichts flammten zehn Menschengestalten auf, mit Bewegungen, die ineinander verschmolzen in fragloser Todesgefahr — und mit freudevoller Sicherheit .,. und ihr Gesang machte die Stille der Luft weithin erbeben. Plötzlich entstand Schweigen unter ihnen und in diesem Schweigen erklang die Stimme eines einzelnen in klaren, deutlichen Worten bis zu uns hörbar: Jisgadal we'jiskadasch soheme rabbo. Die Stimme Onkel Berdachs ist es. Und gleich darauf steckt Onkel Berdach seine Hand in den Beutel, zieht ein kleines Fläschchen hervor, hernach ein Gläschen, füllt es und läßt es die Runde machen, schenkt ein und gibt weiter: „Lechajim, lechajim..." Mein Kommandant platzte fast aus seiner Uniform heraus. „Unerhört!" sagte er halb lachend und halb zürnend. „Jüdische Frechheit! Ich werd' ihn aufhängen an den Riemen seiner Fill... Filll.. Fillin..." . „So streng?" fragte ich. „So streng? Nein, mein Herr, es wird irgend ein Zufall eintreten und' er wird nicht baumeln", sagte ich mit einer Anspielung von Spott. Und die Menschengestalten drüben:, sie tranken und machten sich ans Gehen, Jeder von ihnen reichte Onkel Berdach die Hände und Onkel Berdach, zu unserer größten Verwunderung, machte eine Abwehrbewegüng: Entschuldigen, das nicht! Er gab ihnen seine Hand nicht. Wir hörten nicht, was er sagte, aber seine Hand reichte er ihnen nicht. Beide blickten wir einander an. Die Gruppe duckte sich und kroch auf allen vieren zurück... ins Loch. Onkel Berdach legte den Tallis ab, barg ihn im Beutel, setzte sich wieder auf den Boden., Er machte sioh's für einen Augenblick bequem, nahm sein Gewehr, legte es zum Zielen an und — gab einen Schuß gegen den Feind ab; dann noch einen Schuß und wieder einen, drei Schüsse. Dann legte er sich hin, um Wache zu halten. III. Nachdem Onkel Berdach vom Wachtposten zurückgekehrt war, stand er zum Rapport vor dem Kommandanten. Der knirschte mit den Zähnen und sagte mit verhaltenem Lachen: „Weißt du, was dir gebührt?" „Ich weiß es, Herr Kommandant." „Na? Also?" „Anders war es nioht möglich, Herr Kommandant." „Wie nicht möglich? Was nicht möglich?' „Heute ist der Todestag meiner gattseiligen Mutter und es gibt keinen, der nach ihr Kaddisch sagen kann, außer mir — das ist Heiligung des Gottesnamens, Herr Kommandant. Kaddisoh ist eine große Sache, Heiligung des Gottesnaraens, Herr —" „Den Galgen stell ich für dich auf!" „Das wird den Namen Gottes noch mehr heiligen, Herr Kommandant. Gerade das wird die wahre Heiligung des Gottesnamens sein: Heiligung durch Todes-