Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 270 (18.11.1932)
- Date
- 1932-11-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 270 Wertvolle- Waren »esondeitf "billig/ ■ Damen-Mäntel, -Blusen und Hubertus-Müntel, gute Strapazqua'ltüt................ \ Fiam»nga-Stoffkle der mit velourchlfton-Oarnliur....... . . . J En i. Mode-Mäntel mit Lammveibrämung, neueste Fasson.....\ Breitschwanz-Pitlsehjlckchtin Reins-ide gefüttert und wattiert . . . f 8ute wintarstoffmlntBl Seide gef., ach iwolle walt.. m. Pe zverbrämungl Jugendl. Bouoliira". tel mit Lammfelikreuzverschluß.........f F.aj«n-M8i.tol (auch iür senr starke Frauen» rat großem Pelzkragen\ Molra-Lamm elljackchan, Seide gtfüt ei t und wattiert. .'...... f Bfaua oder schwarze Wiiiterr osmäntei mit gtottem eal-Electtic-Ktagen\ D aoonal-MIntel, reiche mod. Pebvcrbrämung gef und watt.....f Vornehme Wintermäntel aus tei .em Tuch, blau oder schwarz, mit reich. Pelzbesatz, Crepe-Mongol gelitten, Schafwolle wattiert .S /9.-, * 91 24. s29. *39. s45. 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Er war ein Jude, der das Leben selten gut verstanden, es von allen Seiten gekannt und gewußt hat, wie man es die paar Jahre auf der Welt verbringt. Gekannt haben ihn sehr wenige Menschen. Nicht deswegen, weil Reb Fei witsch ein beliebiger Irgendwer war, ein Mensch von der Gasse. Weit gefehlt! Reb Feiwitsch war vielmehr ein richtiggehender Mann mit jüdischer Bildung, ein Maskil, und hatte etliche Häuser im Vermögen. Er pflegte sich aber nicht dreinzumengen, nicht in Politik, nicht in den Tagestiatsch, er machte auch keine Besuche und selten kam jemand zu ihm. Angetan war Reb Feiwitsch in einen Anzug von unbestimmter Farbe," die zwischen Schwarz und Grau hin-, und herwaokelt, und ein Paar Schuhe, die man eigentlich ganz keck als eine einzige große FHokerei bezeichnen konnte, und auf dem Kopf saß ihm ein abgeschabter, harter Hut. Wohnen tat er mit seiner ganzen Familie irgendwo auf einem fünften Stock in zwei kleine»- Zimmern. Aber hieibei kann gesagt werden, daß all das, wie man sich leicht überzeugen kann, nicht von seiner Kargheit herrührte, sondern einfach darum bestand, weil er ein Meister in Geschäften war, ein Mann, der versteht, daß der Mensch sich versorgen muß, nicht leiben will wie heutzutage all die armseligen Geschäftsleute, die überhaupt nicht für die Zukunft sorgen — Reb Fei witsch pflegte sich ständig um das „Morgen" zu kümmern, ständig sich um Verdienst umzusehen. Und eben deswegen, von den ständigen Sorgen, kamen die vielen Falten und Fältchen auf seiner hohen Stirn, die kleinen Hügel zwischen den Augen und der entblätterte Bart. Und nicht gerade mit Geld hat sich Reb Feiwitsch versorgt, mit Häusern und verschiedenen Wertpapieren, sondern Reb Feiwitsch hat sich eine Gruft gekauft. Ein anderer Mensch an seiner Stelle hätte vielleicht solch einer Sache wegen eich kein Kopfzerbrechen gemacht. Er hätte sioh lieber schönere Kleider gekauft, in schönere« Zimmern gewohnt oder ein besseres Mittagessen verspeist. Reib Feiwitsch Feitlowitsch aiber hat verstanden, was das Praktische bedeutet, und Feiwitsch Feitlowitsch hat — nicht weiter darüber zu reden — die heutige Welt gekannt und war sich darülber klar, daß er, wenn er auch gottlob ein Weib und zwei erwachsene Kinder besitzt, sich selbst (wenn ihr wollt, nicht „auöh", sondern gerade „ausgerechnet") mit einem Grab versorgen muß. Ja, mit einem Grab, Lacht nicht. Ich selbst haibe wirklich von Anfang an furchtbar gelacht und mich über alle lustig gemacht und alle verspottet, wenn mir Reb Feiwitsch von eben dieser ganzen Idee erzählt hat. Und so trug es sich zu: Einmal an einem gewöhnlichen Dienstag, packt mich Reib Feiwitsch mitten in der Gasse an. „Panje, haben Sie schon meine Gruft gesehen?" „'Eure was?", antwortete ich verständnislos. „Nun, haben Sie schon mein Graib gesehen?" „Ihr Grab?" rief ich lachend aus. (Ihr dürft nicht vergessen, daß Reb Feiwitsch auch ein großer Witzbold war . . .) „Ich versteh nicht . . ." „Wissen Sie denn nicht." erwiderte er, mich verwundert anblickend, „daß ich mir ein Grab gekauft habe? Wirklich! Hm! Und was für ein Grab! Allen Juden gesagt . . . einfach Gold! Brillanten! In der ersten Reihe!" Und er verlegte sich darauf, mich auf den Friedhof zu führen. „Mitten am hellen Tag auf den Friedhof? Wozu das?" „Was heißt, wozu?", drängte er. „Anschauen..." „Anschauen eine Gruft? Reb Feiwitsoh, wer hat Zeit für solche Sachen? Ein andermal, vielleicht . . ." Er ließ aber nicht ab davon. „Was geniert es Sie? Kommen Sie. loh bitte Sie, kommen Sie..." Und im Handumdrehen rief er ein Auto heran, das, wie ihr wohl verstehen könnt, nicht hillig war . . . * „Da ist es," Wir stellten uns daneben auf einen freien Platz. Reb Feiwitsch war ein anderer Mensch geworden. „Nun, sehen Sie?" sagte er, aufgeregt um mich herumtanzend, „in der ersten Reihe. Ha! Wa6? Fünfzehn tausend Zloty! Na?! Was denn haben Sie geglaubt? Und ein Baum wird auch schon gepflanzt. Wer denn, ich bitte Sie" — und er ergriff den Zipfel seines schütteren Bartes — -wird fUr mich sorgen? Wie sagt Hillel? Wenn nicht ich, wer denn? Sie verstehen? Fein, was?" So brachte es Reb Feiwitsch in einem Atem hervor. Mein Gesicht jedoch hat aber scheinbar keine Begeisterung ausgedrückt, denn Reb Feiwitsch wendete sich in einem ein wenig beleidigten Ton an mich: „Ich sehe, es gefällt Ihnen nicht besonders? Ha? Uhr seid niclit überaus entzückt? Was?" „Was ist da für Grund, zu sagen, entzückt?" versuchte ich mich zu verantworten. .JSine Gruft . . ." „Eine. Gruft," geriet Reb Feiwitsch in Wut, „eine Gruft wie alle Grüfte! Nun ja, seit wann sollten Sie das wissen? Bei Ihnen ist alles eins. Eine Gruft in der ersten Reihe und eine Gruft in der letzten Reihe ebenfalls eine Gruft!" « Zurück fuhren wir bereits mit der Tramway. Wenn ich meinen Bekannten von dieser G-eschiohte erzählte, stellte sich heraus, daß auch viele von ihnen Reb Feiwiteoh bereits auf den Friedhof hinausgeschleppt hatte, und es erwies sich, daß er nicht fünf zehntausend Zloty für die Gruft gezaihlt habe, sondern bloß „runde fünfundzwanzig" . . . Eine Zeitlang lachten wir alle darülber in der Ueberzeugung, Reb Feiwitsch sei sinnesverwirrt geworden ... Erst als ich ihn ein zweitesmal traf und er mir die ganze Sache erklärte, war ich draufgekommen, daß Feiwitsch tatsächlich ein witziger, kluger Kopf ist, der alle Warschauer Juden mit dem Kultus an der Spitze genarrt hat. „Begreifen Sie," gab er anit klugem Lächeln zu verstehen, ,bk ich dazu kam, mir die Gruft zu kaufen, hatte ich Sorgen über Sorgen. Stellen Sie sich vor, zum Beispiel, ich wollte keine Steuer zahlen — denn woher soll ich's nehmen? — und mit Gewalt, wissen Sie selbst, nimmt man mir nichts ab, ich habe ohnehin alles auf meinen jüngsten Sohn überschreiben lassen. Was hat eioh, meinen Sie. da getan, beim Kultus, heißt das? Man hat mich geschreckt, mich ins Bockshorn jagen wollen. Es wird, pflegten sie zu sagen, eine Zeit kommen, wo man mit dir abrechnen wird, und ich hab' ganz gut verstanden, was man damit meint; im übrigen pflegte es man mir offen zu sagen: ..Man wird dich, Reb Feiwitsch, begraben zwischen Lastträgern." Sie verstehen? Daraufhin hab' ich gezahlt. Hatte ich denn eine Wahl? Wenn jemand um eine Gabe ge-