Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 267 (28.10.1932)
- Date
- 1932-10-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 267 DIE NEUE WELT Seif« ff dert, „binnen sechs Monaten die in der Frage der Beobachtung der jüdischen Religion entstandenen großen Lücken zu verdichten". Sollten, heißt es in der Resolution weiter, diese Organisationen nicht in den von ihnen finanziell unterstützten Kolonien und Kwuzoth (kommunistische Siedlungen) Schritte nach der Richtung der Heiligung des Sabbat ergreifen, dann werde die orthodoxe palästinensische Judenheit sich gezwungen sehen, mit Billigung aller führenden Rabbiner einen Appell an die Judenheit in der ganzen Welt zu richten, für diese Organisationen kein'e Gelder mehr herzugeben und nur solche jüdische Organisationen Palästinas zu unterstützen, die das Land auf religiöser Basis aufbauen. Die Konlerenz beschloß die Bildung einer Körperschaft zur Förderung der Sabbatbeobachtung durch jüdische Kaufhäuser, Fabriken, Taxichauffeure, Bäckereien, Fleischer u. a. m. Die Konferenz protestiert in einer weiteren Entschließung gegen die Teilnahme der Jewish Agency an dem Abschluß des Arbeitsvertrages zwischen der Regierung und jüdischen Arbeitern, betreffend den Bau des Wasserwerks in R o ra e m a, weil dieser Vertrag die jüdischen Arbeiter zu Sabbatarbeit verpflichtet. Am Sonnabend, den 8. Oktober (Schabbath teschuwah) demonstrierten vierhundert religiöse Juden aus Jerusalem in der Vorstadt R o m e m a öffentlich dagegen, daß 60 jüdische Arbeiter gemäß Vertrag mit der Regierung gezwungen sind, am Sabbat Arbeit zu tun. Die Polizei trieb die Menge auseinander und machte hiebei von den Knüppeln Gebrauch. Rabbi Abraham Blau, Führer der Agudas Jisroel in Palästina, wurde wegen angeblichen Widerstands gegen die Polizeigewalt verhaftet, aber bald gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Eine Abordnung des Wad Leumi besuchte den Distriktskommissär von Jerusalem und bat ihn, den jüdischen Arbeitern an Sabbattagen Arbeitsdispens zu erteilen. Der Distriktskommissär erklärte, das sei aus rein technischen Gründen sehr schwierig; man könne wohl jüdische Arbeiter, die am Sabbat nicht arbeiten wollen, von ihrem Vertrag entbinden, müßte sie aber dann durch ägyptische Arbeiter ersetzen. Da§ Hakenkreuz in Schweden Bei den im September abgehaltenen Parlamentswahlen du Schweden, sind die Nationalsozialisten zum erstenmal als Wahlwerber aufgetreten. Sie erhielten auf ihr antisemitisches Piragramm — in einem Lande mit verschwiudender Judenzahi — im ersten Wahlgange 14.845 Stimmen. Daß sie kein Mandat erhielten, ist nur auf die Wahlkreiseinteilung zurückzuführen. In der Berliner „C, V Zeitung" schreibt Doktor Heinz C a s p a r i u, a.: „Die nationalsozialistische Bewegung in Schweden beschränkt sich heute im wesentlichen auf zwei Provinzen, auf Göteborg und Värmland. In Göteborg wird mehr die antisemitisch-nationale, in Värmland die antikapitalistisch-soziale Walze gespielt. Göteborg hat leider, zum Teil vielleicht infolge der größeren Nähe zu Deutschland, so etwas wie eine antisemitische „Tradition". Hier erschien schon vor mehr als einem Jahrzehnt das berüchtigte judenfeindliche Skandalblatt „Vidi", hier finden heute die beiden nationalsozialistischen Blättchen „V a r Kam p" (./Unser Kampf") und „Nationen" ihre eifrigsten Leser, hier sind der „Völkische Beobachter" und der „Angriff", der „J. B." und sogar der „Stürmer" an nur allzuvielen Zeitungsständen zu kaufen; hier weht in der Oestlichen Hafenstraße, im belebtesten Geschäftsviertel der Stadt, eine riesige hellblaue Fahne mit gelber Swastika; hier kam es eine Zeitlang dauernd vor, daß Schüler ihren jüdischen Kameraden Hakenkreuze auf die Bämke malten oder in die Hefte kritzelten (beim Verhör gestanden sie dann, dafür bezahlt worden zu sein, und die Honorare flössen — aus deutschen Quellen). Hier trifft man, ganz wie bei uns, in den Straßen uniformierte Furugard-Jünglinge, die ihren Berliner oder Münchener Gesinnungsgenossen in Tracht und Auftreten gleichen wie ein Ein dem anderen; hier wurde während, der Wahlzeit in nationalsozialistischen Versammlungen genau derselbe Tamtam entfaltet wie bei uns. Fahnen, Uniformen, Musik, Heilrufe — nur daß es diesmal nicht „Heil Hitler", sondern „Heil Furugaürd" hieß. Herr Birger Furugard, ein Veterinär aus Deje, ist nämlich der schwedische „Retter". Seine Tiraden richteten sich gegen die „Syetemparteien", die „internationalen jüdischen Finanzpolypen", den Marxismus usw. Die Versammlung im Zirkus war üb e<r füllt. Alber auch wer es versäumte, solche Versamm- 'ungen zu besuchen, konnte unmöglich an der Existenz lor neuen Partei vorbeigehen. Und es ist geradezu ein V u n d e r, daß bei der Riesenpropaganda (wer be« ihlte sie?) ihr Erfolg nicht noch viel größer geworlen ist. Es gab keinen Laternenpfahl, an dem nicht kleine hakenkreuzgeschraückle Plakate hingen: „Schweden den Schweden! Wählt Nationalsozialisten!" oder: „Zerbrecht die marxistischen Ketten! Wählt Nationalsozialisten!" oder: „Schweden! Wenn ihr nicht wollt, daß das internationale Finanzkapital . . usw. Aber auch direkt judenfeindliehe Maueranschläge fanden j sich in Massen. So sah man eine scheußliche Karikatur: drei abstoßend widerliche „Judentypen" in einer erregten Mauschelei begriffen, darunter die j Worte: „Schweden! Wollt ihr, daß diese Leute Schwe-! den regieren? Wenn nicht, wählt Nationalsozialisten!" Selbst der Kreuger-Krach mußte für das antisemitische Arsenal Waffen liefern. „Befreit euch vom jüdischen Kapitalismus!" heißt es da. „Denkt an den Juden- Strohmann (judebulvanen) Kreuger!" Es ist nicht zu leugnen: die Plakate der Nationalsozialisten beherrschen im Wahlkampf das Straßenbild. (Immer von Göteborg gesprochen.) Daß sie es konnten, rührt daher, daß so viele Göteborger heimlich oder offen antisemitisch sind, auch wenn sie es mit Entrüstung von sich wiesen, in irgend eine Verbindung zu den Nationalsozialisten gebracht zu werden. Soweit Göteborg. In der Provinz Värmland, dem zweiten Herd der Bewegung, wo Herr Furugard residiert, wurden bei der letzten Volksz&hlunng ganze 133 Juden ermittelt. Es gibt hier sicher viele Leute, die noch nie einen Juden gesehen haben. Infolgedessen läßt sich hier mit der judenfeindlichen Heilslehre nicht viel anfangen. Ebenso wenig mit der antimarxistischen. Denn die wirtschaftliche Lage ist vielfach go verzweifelt, daß die Bevölkerung eher proals antisozialislisch ist. Die unzufriedenen, durch die Industrialisierung verelendeten Bauern sammeln sich unter den radikalen Bannern. Besonders die leicht entflammbare Jugend hat sich Hprrn Furugard angeschlossen, und man darf die weise Vorsicht des schwedischen Gesetzgeber« preisen, der nur solchen Personen, die im Jahre vor der Wahl das 23. Lebensjahr vollendet haben, das aktive Wahlrecht zubilligt. Hätten in Schweden schon die Zwanzigjährigen an die Urne treten dürfen — das Ergebnis würde wesentlich anders aussehen. Der schwedische Nationalsozialismus hat, so sieht es aus, die Schlacht verloren. Alber es wäre ein Trugschluß, wollte man meinen, er sei erledigt Die Niederlage erfolgte mir, weil die Propaganda sich im wesentlichen auf Göteborg und Värmland beschränkte. Keineswegs sollte man annehmen, daß die offenbaren Widersprüche, die das „Programm" der Nazis birgt, die Wähler abgeschreckt haben oder gar eine Gewähr dafür bieten, daß die „Bewegung" sich nicht noch weiter ausbreitet." Awrora Kabans Erzählung „Der Will na er Gaon sah zu ..." ist zuerst in der Ghaivkower jüdischen Monatsschrift „Die Rote Weit", dem führenden Organ der Jewsekzia (Jüd. Kommunistische Partei) 1929 erschienen. Sie löste wegen ihrer angeblich bourgeoisen, konterrevolutionären Auffassung der russischen Judenfrage solch einen Sturm der Entrüstung in den Kreisen der jüdischen Kommunistisen aus, daß der Redakteur der „Roten Welt", Sch. Epstein, seines Amtes enthoben woirde. Der Leiter des Arbeitsamts, Kejsser, legte das Hörrohr des Telephons ab und tat wieder einen Blick auf das junge Mädchen. „Iah sagte Ihnen schon, daß es bei uns für Sie keine Arbeit gilbt." Des Mädchens fragende Augen ruhten starr auf dem Gesicht des Amtsieiters. Sie ließen die ganze Zeit nicht ab. „Was schauen Sie so?" fragte er „ich sagte Ihnen ja schon vorhin..." Peinliohes Schweigen. „Sie sind, scheint's, besserer Herkunft. Vater ließ Sie Gymnasium studieren, oder nicht?" Uind da das Mädchen nicht antwortete, sondern inainemfort mit den Augen verloren ülber das Kabinett irrte, nahm der Leiter es unter den Arm, führte es seitwärts hinaais zur Tür und sperrte sie van innen. Das Schloß klappte dumpf krächzend zu. Das Mädchen blieb auf der Treppe stehen. Marmorne, glatte Treppe. Zu beiden Seiten tiefenwärts unendlich lange, schmale Korridore. Sie blickte nach beiden Seiten, ails wollte sie die Tiefe der Korridore messen, dann nahm sie eich ein Herz, lief zurück zur Tür hin, die sioh vonliin grausam und bös hinter ihr geschlossen hatte, und begann mit Montag, den 31. Oktober, um halb 9 Ubr abds im großen Saale XX., Jäg er Straße 30,1. Stock Große KULTUSWÜHLER- VERSAMMLUNG Referenten : Oberbaurat Robert Stricker« Pr. Josef Löwenherz Juden/ erscheine! in Nassen! Das Zentralwahlkomitee der „zionistischen Liste" ■HHBi^BnK^jiniijuiLHiiMiiiiiiuiiiuiiiuiiiiniiMijJiiiiiiiMUiiiiiiMiiniiiiujHiJiniu Nette jüdische Frau geht zu Familie, auch zu alleinstehender Dame oder Herrn als Stütze im Haushalt oder als Wirtschafterin. Uebei nimmt auch jede Art von Wäsche zum Ausbessern. Zuschriften unter „G. B.M an die Expedition des Blattes. Antireligiöse Kundgebungen in Moskau Wie erst jetzt bekannt wird, hat die städtische Moskauer Kino-Gesellschaft „Gorkino" an das Exekutivkomitee des Moskauer Sowjets das Ersuchen gerichtet, ihr die Moskauer Große Synagoge (Chor- Synagoge) zu übergeben, die sie zu einem großen Kin ohause umbauen will. Da« Exekutivkomitee beschloß, die Synagoge der Kinogesellsclhaft zu übergeben. Gegen diesen Beschluß* appellierte der Synagogen vorstand beim Zentralexekutivkomitee, das den Beschluß des Moskauer Sowjets annullierte. Der sogenannte P o 1 j a k o w-S aal im Gebäude der Chor-Synagoge, der früher den Synagogenmitgliedern und den jüdischen Organisationen als Versammlungssaal diente, wurde schon im vergangenen Jahr verstaatlicht und den estnische n und finnischen Arbeitern als Kulturzentrum übergeben. Die „kriegerische« A<t freiste n" (Apikorsim) nützten diese Sachlage aus und veranstalteten im Saale zur Zeit der Gottesdienste in der Synagoge am R o s c h Haschanah und Jörn Kippiur antireligiöse Kundgebungen ganz besonderer Art. Die Außenwände der Synagoge waren mit antireligiösen Losungen beklebt. In die Andachten in der Synagoge klangen die antireligiösen Ansprachen der kommunistischen Redner hinein, die die Stimme des Voxbeters übertönten. Zwischendurch spielten Musikkapellen. Die Redner charakterisierten die Chor-Synagoge als eine „Festung des jüdischen Klerikal ismu s". Die Versammlung, die im Poljakow-Saale während der Kol- Nidre-Andacbt in der Synagoge abigehalten wurde, war von rund 1000 Personen besucht, außerdem befand sich im Synagogenihof eine große Menschenmenge, die den Reden und Musikdarbietungen folgte. beiden Fäusten zu klopfen, hartnäckig zu. klopfen, in Erbitteming und. Nervosität. Das Schloß gab ein Zittern von sich. Die Tür war blind — ohne Scheiben. Drinnen drehte der Schlüssel sich, fieberig etlichemal oim. Jenseits der Tür war des Leiters erzürnte Stimme zu hören. Wie zum Trotz würgte sioh das Sohloß mit dem Schlüssel und verweigerte das Oeffnen der Tür. Und diesseits klopfte das Mädchen ohne Unterlaß. Schließlich gab's einen Klang und mit einemmal öffnete sich die Tür. Der Leiter wollte alsogleich losschreien, »ah aber ein schwer erschrecktes Gesicht vor sioh und die Stimme blieb ihm im Hals stecken. „Was wollen Sie von mir?" „Arbeit.4' Kaum, daß man sie verstand. „Iöh sagte Ihnen doch schon, daß für Sie...** Das Mädchen ließ ihn nicht zu Ende sprechen. „Towardschtj, ich will doch auch mur arbeiten." „Schon gehört, sdhon gefrört", sagte Kejsser weich und schlug die Hände auseinander, „aber es gibt nichts." Nodh einmal schrie das Mädchen in das geräumige Kabinett hinein, öchrie verzweifelt, voller Schreck, verloren und ausweglos: „Arbeit", und schlug aur Tür hin. Im Zimmer blieb das Wort „Arbeit" hängen, schwer und klebrig. Kejsser hatte nicht einmal schon mit diesem Mädchen, das nicht looker läßt, au tun gehabt, das sagt, es spiele Piano und wünsche, irgendwohin auf Arbeit geschickt zu werden. Im übrigen wollte er sie gar nicht registrieren, nachdem das Arbeitskontrollamt sie von dem Posten, den sie eine Zeitlang bekleidete, weggeschickt hatte, aber es hilft nichts — registrieren muß man sie laut Gesetz. Kejsser kennt ifrre Eltern. Der Vater Hersch Rabelski war einmal Eigentümer mehrerer Häuser in der Stadt, und da kann er ihr doch keine Arbeit geben! Na, zugegeben, daß sie gut Piano spielt und vielleicht im Kindenheim verwendet werden könnte — aber es gibt dringendere Fälle: genug Jungkommiunistinnen und Zöglinge von Kinderheimen, die im Ortekindertheim das Klavderspielen erlernt haben; spielen vielleicht nicht so gut, sind aber unsere Leute. Kejsser weiß ganz gut, daß Hersch Rebelski bereits ein halbtoter Mensch ist, davon leibt, was er aus seiner Wohnungseinrichtung Stüok für Stück erlöst. Was aber läßt sich tun? Jeden Tag hat sie ihm auf Russisch gesagt: „Towarosdhtj, ohodschu priobsohtjsia kturudu — pomagite." (Genosse, ich bitte um irgend eine Arbeit, helfen Sie.*') Dabei ihre Augen: awei erloschene Flammen» die sich danach sehnen, aufm- Des» Wilnaer Gaon sah zu ♦ ♦♦ Von Awrom Rah a n