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Die neue Welt · 1932-10-14 · Heft 265 (14.10.1932) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 265 (14.10.1932)
Date
1932-10-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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18? Titl. Universitätsbibliothek Wien. 1. Preis 35 Groschen 'Jahrgang 6 Freitag, «leit 14« Ofctofcer 1*3* Nn 205 V« b« bi HERAUSGEBER: R 0 BE R T S T R ICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, UmversHätsstr. 6-8, leLB-48.504 — Erscheint jeden Freitag Die tägliche Judennot Lösung t 24 Stunden Arrest Die Wirklichkeit macht furchtbaren . Ernst. Sie bezieht heute Uwe Symbole aus dem ökonomischen Leben, und während die Zertrümmerung der Wirtschaft weiter voar sich geht, rumort es überall dort, wo sich Kräfte regen, die leben wollen. Was? Schon wieder Judennot? Will der Schrei nicht verstummen? Haben alle Versuche einer Umschichtung Schiffbruch gelitten? Fürchterlich klingt uns der Ruf der Jugend in die Ohren: „Wir wollen leben!" Von den huniderttauseniden 16jährigen Jungen greifen wir den einen heraus, von dem die Tageschronik Notiz nimmt. Es ist der elternlose Jakob B. in Warschau, der mit zwei Dollar m der Tasche die Reise nach Palästina antrat tmc in Wien vor dem Jugendgericht landet«. Die Gerichtssaalrubrik gilbt uns Aufschluß über diesen Fall. Erzählen war aktenmäßig schlicht- Der t6ähvige Jakob, eine Doppelwaise aus Warschau, batte den Entschluß gefaßt, nach Palästina auszuwandern. Mittellös, wie er war— er besaß 2 Dollar —, versuchte er als Schwarzfahrer nach Palästina zu kommen. In Warschau kroch er unter <Jen Schlafwagen des mach Wien abgehenden Zuges und.yerbrachte drei Tage aufdem. Drehgestell des .WagenS. Endlich; Wiejr.;j .'iÄü«'•' dem Nachbarwaggon hörte er dlie wuchtige Melodie der . T i-k w all, die von glücklichen, legalen Palästinaf a h r e r n angestimmt wurde, und als er unter dem Wagen hervorkroch, bemerkte er zu seinem Entsetzen, daß sein Wagen abgekuppdi war. Bis hjeher nnd nicht weiter! Er sprang iiifoar das Geleise, lief dem „1 e g a 1 e n" Waggon nach bis sich die Harid eiines Kriminalbeamten auf seine schwache Schulter legte und ihn vors Jugendgericht brachte. - Nun stand der 16jährige Jakob aus Warschau wegen Uebertretung des Betruges vor dem Richter. „Ich war mir darüber klar", gestand der Junge, „daß ich einem tödlichen Unfall auf der Fahrt ausgesetzt sei, aber schließlich ist der Tod einem Leb e n v o II er En tb ehrnngen, einem Leben ohne Hoffnung vorzuziehen," „Schwarzfahren ist Betrug", erklätrte der Jugendrichter, „24 Stunden Arrest." Damit ist der Bericht in dear, Tageschronik zu. Ende. Der Bericht ist zu Ende, das Leben geht weiter.; Man braucht nicht erst mit der hochtrabenden Terminologie der höhen Staatskunst zu operieren, man braucht nicht erst die Ideologtie der verschiedenen zionistischen Instanzen in das Licht des Alltags zu rücken, um zu erkennen, daß das bisherige System deir „I n f i 11 r i e r u n g" keine Abhilfe der Judennot schafft. Herzls seherischer Gedanke von der Nutzlosigkeit der Infiltrierung und von der einzigen Lösung: Masseneinwanderung, findet täglich seine Bestätigung. Es herrscht Feiertagsstimmung, wenn Von' irgend woher ' ein paar hundert Ghaluzim ihre Immigrationsreise nach Palästina antreten. Es blinken Tränen rührseliger Dankbarkeit in den Augen der zionistischen Offizialität, wenn die erweiterte Agency den Mut aufbringt, wieder einmal ein paar tausend Zertifikate anzufordern! Auserwählte, von der Huld des Schicksals Begnadete sind es, die den „Weg ins Land" freibekommen: Musterschüler sozusagen,! unter Millionen' Hunderte, welche ' die 1 Früchts 35jähriger zionistischer Arbeit zu' genießen würdig, befunden werden. 1 Inzwischen aber pocht die Faust der Not, der Entbehrung, der'Hoffnungslosigkeit an den Toren der jüdischen Massensiedlungen. In Polen vegetieren die jüdischen Handel- und Gewerbetreiben-' den, ihre Söhne, und Töchter haben Mühe, sich-von den extrem-radikalen Umsturzwelien fernzuhalten, indes' die kleinen Kinder der Verwahrlosung, ja dem physischen und moralischen Untergang preisgegeben sind. Das bisher glücklich gepriesene Amerika kann die jüdischen Massen, kann auch die' jüdische Intelligenz nicht mehr ernähren. Die f ruchtbaren südamerikanischen Republiken sondern Teile des jüdischen Proletariats ab. Ob Wien oder Bukarest oder Sofia oder London überall steht" jüdische Jugend bereit, sich zu retten^ Palästina aufzubauen.; Wenn ein 16jä'hriger Waisenknabe es unternimmt, auf dem Drehgestell eines Waggons von: Warschau nach Palästina zu fahren, so ist das nicht die Robinsonade eines jugendlichen Schwärmers, nicht die Lust nach dem Abenteuer, nicht die Sehnsucht nach einem Phantom. Nein. Die Wirklichkeit macht furchtbaren Ernst. Was muß unser Jakob aus Warschau gelitten haben, zu welcher Erkenntnis muß er gelangt sein, wenn er sich anschickt, die lebensgefährliche Fahrt zu wagen! Verstehen wir dies ..Zeichen der Zeit? Begreifen wir die Mahnung des Tages? Hören wir auf den Aufschrei unserer Jungen: „Wir wollen leben!"? Die Schwarzfahrt;,des Warschauer Waisenknaben auf dem Drehgestell! eines EisenbahnwagigoniS ist Symptom,, und $ym/bol zugleich: Symptom für die fürchterliche Judennot, Symbol für die Labilität der1 bish ImmigratiohspoliUk. Alles drängt zur- EntscneiHung. Hunderttan&endte-junge Juden"Virollie^'ScÄliu^'m'^^eli' mit ihrem Gäluthschidksal4 und-'isin das La^d^gehettf das ein weltpolitischer' Augenblick "ihnen nach Jahrtausenden nochmals ' verheißen hat. Oeffnet die Tore Palästinas, denn unser Volk will leben! Die tägliche Judennot wird nicht mit 24 Stunden Arrest beseitigt werden. : 6\ 'r> Die Wahl zur Wiener Juden" gemeinde Gemeinschaftsliste der allgemeinen Zionismen und Zionisten-Revisionisten Die Wiener allgemeinen Zionisten und Zionisten- Revisionisten hoben beschlossen, für die am 4 Dezembetr h J. stattfindenden Wahlen in den Vorstand der Wiener Kultusgemeinde eine Gemeinschaftsliste zu bilden. Die Liste wird die Bezeichnung „Zionistische Liste" tragen. Die Palästina-Regierung bewilligt 4500 Einreisezertifikate für das laufende Halbjahr Jerusalem, 9. Oktober. Die Pailästina-Reigieriung hat der Jewiah Agency für die laufenden sechs Monate (Oktober 1932 bis März 1933) 4500 E in .red 6 ezer tif aka t e für O'halu'zijn und Ciha l uz o tili, 3000 Zertifikate füY Männer und 1500 Zertifikate für Frauen, zur Verfügung gestellt. Es ist dies die höchste Zahl von Zertifikaten, die die Palästina-iRegiieriUing «seit Bestehen der kontanigentierten Ohailuz-Einwanderunig für' eine bestimmte Periode bewilligt hat. Dies wird von der öffentlichen Meinoinig als Zeichen dafür angesehen, daß die Regierung Palästinas und mit ihr die englische Regierung den wirtsohaftliohen Fortschritt in Palästina als konstant betrachten und insbesondere die Entwicklung der jüdischen Arbeit als so günstig ansehen, daQ , sie das Verlangen nach Zuführung weiterer .'Tausender! Ar-- beiterhande rechtfertigt Die Jewteh Agency hatte um die Bewilligung von 6750. Zertifikaten für das laufende;: Halbjahr naoh-* gesucht.' ' Für die Arbeitsperdode Aprü/Septemlber 1932 ihat| die Exekutive der. Jewisih Agency;um 3750 Zertifikat«' nachgesucht, es werden ihr aber *niür; 2000 Zertifikate' bewilliigt, von denen 300' für Personen reserviert wiur-' den, die: als Touristen in das Land V gekommen «ind^ und eich dann entschlossen halben,' dauernd im Landen zu verbleiben. Alle tm redaktionellen Teil befindlicher« entgelt* liehen Notizen emd durch ein beigefügte» E bezeichnet Die DAMPFBÄDER für Damen und Herren im DIANABAD sind weltberühmt und unerreicht an Größe und Eleganz der Räume, Zahl und Ausstattung der Bassins/ Komfort und Hygiene Die angenehmste und gesündeste GEWICHTSABNAHME V BILLIGE ABONNEMENTS auch kombiniert mit SCHWIMM- und WELLENBAD HÖHENSONNE-BESTRAHLUNG gegen S 1.— Zuschlag Ministerialrat Hans Oo§1ar antwortet h In Nr. 262. der „Neuen Weh" babe ich;, scharf gegen einen Leitartikel im „Hamburger, Familienblatte" Stellung genommen. In diesem Artikel Wurde als ein „Nadflt teil für uns Juden" der Umstand bezeichnet, daß die geplante Reform des Wahlrechtes für das deutsche Parlament es nun unmöglich macht, Juden in einer Form zu kandidieren, die den Wähler nicht erkennen läßt, daß es sich um einen Juden handelt. Der Verfasser des von mir kritisierten Artikels ist Ministerialrat Hans Goslar, der bis vor kurzem Pressechef der preußischen Regierung war und wegen seines Judentums von der Papen-Regierung des Amtes enthoben wurde. Ministerialrat Goslar schreibt mir: Berlin, 3. Oktober 1932. — Sehr geehrter Herr Gesinnungsgenosse! — Wir haben noch niemals irgendwie die Waffen miteinander kreuzen müssen, und ich fand et deshalb doppelt unbegreiflich, daß Sie mich — in völligem Mißverstehen meines Wollens •— so scharf angegriffen haben. Ich habe eben der „Rundschau", die von mir wissen wollte, was, nun eigentlich los sei, die in Kopie anliegende Entgegnung geschrieben. Ich darf von Ihrer Loyalität erwarten, daß Sie meinen- Zeilen ebenfalls Aufnahme als „Eingesendet" oder an anderer Stelle gewähren werden. Ihr sehr ergebener Hans Goslar. Nachstehend die Engegnungt Im „Hamburger Familienblatt" habe ich vor kurzem ganz nüchtern und sachlich vom verfassungsrechtlichen Standpunkt aus die Frage behandelt inwieweit die Rechte und Interessen der deutschen Juden durch die kommenden Verfassungsreformen tangiert oder gar bedroht werden können. Ich war dabei zu dem Resultat gekommen, daß, wenn die verfassungsreformatorischen Pläne nicht weiter gehen, als die bisherigen offiziösen Ankündigungen das andeuten, die verfassungsrechtliche Stellung der deutschen Juden nicht angetastet wird. Von den praktisch akuten Fragen hatte ich unter, anderem herausgegriffen die ganz zweifellos bevorstehende Schaffung einer Ersten Kammer und die außerordentlich wichtige sich daran anknüpfende Frage, ' welche Möglichkeiten die deutschen Juden »—: diel ja* keine Konsistorialverfassung besitzen, respektive1 keine amtliche kirchliche Vertretung — habere werden, um , in dieser ^höchstwahrscheinlich nach berufsständischen Grundsätzen und nach dem Muster der Ersten Kammern gewisser anderer , Länder zusammengesetzter Institutionen legi« "tim vertreten zu sein. Ich habe dabei ausdrücklich den »Anspruch der deutschen Juden auf eine solche legi- - tirae: Vertretung betont. Ferner habe ich ohne Irgend ein Wort eigener Stellungnahme lediglich rein sachlich referierend dargelegt, daß es bisher „zum mindesten theoretisch möglich war", daß bei dem geltenden System der Listen und insbesondere der Reichs- und Landeslioten bei deutschen Parlaments wählen Parteien die

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