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Die neue Welt · 1932-07-29 · Heft 254 (29.7.1932) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 254 (29.7.1932)
Date
1932-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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!&■> Preis 35 Groschen lattrgang 6 Freitag, den 5 Tiil Universitär Nr« 254 V« b« b« REVUE BEZU0SBED1NQUNQEN: Ot» Tschechoslowakei monatlich Zloty 8.— monatlich Ig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRI CK ER Redaktion n. Verwaltung: Wien IX, Universit&t*str. 6-8, Tel. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Ein tragischer Irrtum In Zentraleuröpa lebt fast eine Million Juden. Seit Jahrhunderten im deutschen Sprachbereich wirkend, schaffend, an allen geistigen, kulturellen und ökonomischen Fragen teilnehmend, stehen diese hunderttausende Juden im Augenblick vor einer Schicksalswende — die deutschen und österreichischen Juden. Vielleicht noch nie vorher hat in diesen Ländern, in Deutschland und in Oesterreich, der Druck gegen diesen Teil der jüdischen Volksgemeinschaft so heftig eingesetzt, so krasse Formen angenommen. Und vielleicht noch nie vorher hat dieser Teil der jüdischen Volksgemeinschaft so sonderbar reagiert. . Das in Zentraleuropa seßhafte Judentum hat nicht nur für die Geschichte dieser Länder selbst, sondern auch für ganz Europa Leistungen vollbracht, die nicht leicht übersehen werden können. Stolz auf die Emanzipation, die ihnen den Weg zur sogenannten inneren und äußeren Freiheit ebnete, hat es sich unbedenklich, voll ehrlichen Eifers und Willens, der Mitarbeit an allen Zweigen europäischer Kultur zugewendet: kein Gebiet der Wissen-, schaft, der Kunst, der Literatur, der Wirtschaft, des staatlichen Lebens vermißt, dessen Teilnahme in den letzten hundert Jahren. Namen wie die Gelehrten Prof. Ehrlich, Einstein, Willstädter, Freud, Künstler wie Max Liebermann, Gustav Mahler, glanzvolle dichterische Erscheinungen von Heinrich Heine bis Franz Kafka," Phänomene des politischen Lebens von Stahl bis Rathenauiumreisse.n ein Stück, zentraleurppäische^ und .allgemein-europäischer Geißtesgeschichte.-Und diesem Judentum, das aus der Entwicklung moderner Kultur nicht wegzudenken ist, droht heute Verderben. Ein Jahrhundert gewaltiger, bedingungsloser, aufopferungsvollster Leistungen für die Interessen der beiden Wirtsvölker, für ihr geistiges und materielles Wohl vertan? Es ist schier unglaublich, daß nach dieser Vergangenheit, innerhalb welcher beispielsweise auch die großen sozialen Bewegungen von Juden mitgeschaffen und mitgelitten wurden, 70 Millionen deutscher Menschen mit nie geahntem Haß gegen den Splitter dieser jüdischen Volksgemeinschaft anrennen. Hier und dort sind Erscheinungen zu verzeichnen, die der künftige Historiker wahrscheinlich als Marksteine völkergeschichtlicher Wandlung bezeichnen wird. Und sonderbar! Dieser markante Wendepunkt steht gerade im Zeichen der Juden- Streitfrage. Hat sich die mitteleuropäische Judenheit rvon ihr ist hier die Rede — geirrt? Ist der Weg ein Irrweg gewesen? Konnte sie glauben, daß ihre schier grenzenlose Energie Halt finden müsse? Und heute! Diese Juden, zunächst Deutschlands, aber auch schon Oesterreichs, stehen vor einer eisernen Wand. Die Stunde gebietet ihnen, angesichts der Vorgänge eine Entscheidung zu treffen. Und aus der Entscheidung selbst kann man schließen, wie die emanzipierten, kulturstolzen mitteleuropäischen Juden ihr Schicksal sehen, bzw. gestaltet wissen wollen. Sie, die zum nicht geringen Teil in Deutschland ihre Organisationsform im sogenannten Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gefunden haben, nehmen u. a. auch zu den kommenden Reichstagswahlen Stellung. Ihre Parole, ihr Einbekenntnis lautet; „Es gibt keine Partei der deutschen Juden.., Entscheiden wir uns für die große Forderung: Wahrheit, Recht und Friede im Deutschen Reich!" Also immer noch das Bestreben wie in den letzten Jahrzehnten -—- als wäre in-: zwischen nichts geschehen —. verwurzelt zu sein' und verwurzelt angesehen zu werden. 11$ Einbekenntnis ist aber dennoch ein Verzweiflungsruf Der langerwartete FrenduBeridit Vielsagende Einzelheiten Von B* Haskel (Johannesburg) Die nachstellenden Darlegungen sind der Extrakt eines Vortrages, den der Wirtschaftsfachmann und Publizist B. Haskel in Johannesburg (Südafrika) kürzlich gehalten hat. Aus sicherer Quelle Louis Frerich wurde bekanntlich ausgesandt, die ersten Schritte für den vielgenannten Landentwick-. lungsplan zu unternehmen, in Wirklichkeit zum Zweck, „überzeugendes" Material zur Rechtfertigung der Thesen von Simpson und Passfield zu sammeln. Ich beschuldige Simpson oder French nicht ausgesprochener Unehrenhaftigkeit Wenn ein Mann von solchem Kaliber zur Erforschung geschickt wird, so macht er sein Geschäft nicht, bevor er sich gründlich umgesehen hat. Er ist ja kein dummer Kerl. Er war seit Jahren im Dienst der britischen Regierung, gewohnt, in den Termini der offiziellen Politik zu denken. Er weiß sehr wohl, daß, wenn er sich anschickt, einen Bericht auszuarbeiten, der im Gegensatz steht zur offiziellen Politik, sowohl er als auch sein Bericht ins Wasser fällt. Herr Frdnch kam daher nach Palästina als offizieller .Mann, als. Entwicklungsplan-Direktor, der, wie gesagt,.' sein Geschäft kennt, kurz, er vergaß nicht für einen Augenblick, wie die Sache anzupacken sei, Vom ersten T^ feiner Ankunft ^fflac^te, er klatv^däß.'"'er-^ Sinipsöhs Ergebnisse zu „verbessern", zu „verdeutlichen". gedenke. Er- 'hielt, in Her SPälestine Economic Society .in. Jerusalem einen Vortrag über die Methoden der Kolonisation in Pundjab (Indien). Gegen Ende des Referats zog er Parallelen zwischen, dem Pundjab und Palästina, und es kam die Absicht deutlich zum Vorschein, daß seine Bemühungen dem vernachlässigten, niedergehaltenen, landlosen arabischen Fellachen gegenüber der Aggressivität des jüdischen Immigranten gelten. Frenchs Bericht ist der Öffentlichkeit noch nicht bekannt. Offiziell ist er am 9. Juni der Jewish Agency und der Arabischen Exekutive zur Einsicht übergeben worden. Freiich selbst begab sich am 8. Juni für zwei Monate nach London, wo er, nach seiner Angabe, zu einem bestimmten Zweck, den ich bald erwähnen werde, anwesend seih will. Es freut mich nun sehr, daß meine Information über den French-Bericht, die ich als durchaus zuverlässig nun vorlege, mir weder direkt noch indirekt seitens der Jewish Agency zugekommen ist, so daß mich der Vorwurf eines Vertrauensbruches nicht treffen kann. Der beanständete Bericht Der am letzten Dezember nach London gegangene French-Bericht besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil enthält die Hauptprinzipien für die Entwicklung Palästinas und fünf Fundamentalbedingungen zum Zweck der Vorbereitung des Bodens für das Entwicklungswerk: 1. Der Kataster Palästinas muß so rasch wie möglich fertiggestellt werden. (Seit zehn Jahren ist er in Angriff genommen.) 2. Das als Müsch ah bekannte Land, das von mehreren Eigentümern im Besitz gehalten wird, muß unter den einzelnen Eigentümern aufgeteilt und jeder einzelne Besitzer zur Beschäftigung herangezogen werden. 3. Lokale Ehtwicklungssteilen müssen ins Leben gerufen werden in jedem Dorf, das einwändfreie Berichte über das tatsächliche Eigentum eines jeden Besitzers im Dorf laufend zu erstatten hat. 4. Es muß eine effektive Kontrolle über jede Bodentransaktion bestehen. 5. Jede Fläche, auf der die Entwicklungsarbeit vor sich zu gehen hat, muß eine entsprechende Wasserversorgung besitzen, sei es aus natürlicher Quelle (Brunnen) oder aus künstlicher Quelle. * Der zweite Teil des seinerzeitigen, im Dezember nach London gegangenen French-Berichtes behandelt die E n t w i c k lungs t e r r i t o r i e n. Zunächst wünschte French, daß die Gesamtfläche Palästinas zum Entwicklungsterritorium erklärt werde. Als aber der High Commissioiier Einspruch erhob, beschränkte French das Territorium auf folgende Flächen: a) Huleh-Distrikt, b) Beisan-Distrikt, c) Jordan-Tal, d) Berscheba-Distrikt. French verweilte ziemlich 1 lang bei den ersten zwei Distrikten, indem er eine Anzahl von Details über ihre Geschichte, Möglichkeiten, Art des Landes usw. erwähnte. Bezüglich der anderen zwei Distrikte erwähnte er bloß, daß es'ratsam sei, sie in das Entwicklungsschema einzureihen. ••,;<->,.,./; Dieser Bericht wurde nach London im Dezember 19 31 gesandt.1 Im Jänner langte die Antwort des Kolonialamtes ein, in der French aufgefordert wurde, einen anderen Bericht vorzubereiten mit mehr definitiven Vorschlägen für das Entwickluhgswerk, In diesem Antwortschreiben wurde auch angedeutet, daß angesichts der finanziellen Lage es unbestimmt sei, ob irgend welche effektive Maßnahmen zur Verwirklichung der von French formulierten Vorschläge ergriffen werden könnten. Die endgültige Fassung Der zweite Bericht wurde im April 1932 abgeschlossen, kam aber erst in der ersten Junihälfte in die Hände des High Commissioners. Man kann aus manchem schließen, daß einige wichtige Aenderungen von French selbst vorgenommen wurden, natürlich in jener Periode, da der Bericht von Jerusalem abging und in die Druckerei nach London kam (der englische Text) oder sich bereits wieder in Jerusalem befand (hebräischer und arabischer Text). Dieser Aprilbericht 1932 beginnt mit mehreren allgemeinen Bemerkungen über die Schwierigkeit, ein effektives Schema in einer so kurzen Zeitspänne zu bewältigen, zumal man es mit einem so schwer erfaß-, baren Element wie den Arabern zu tun habe. French führt die Juden an, die er als Beispiel von Fleiß, es ist ein Ausfluß der Angst, der Ausweglosigkeit, der Fata Morgana. Es gibt also, dekretieren die Centralvereinler, keine Partei der deutschen Juden. Und in Oesterreich? Auch hier gibt es ein ähnliches Blatt solcher Geschichte — in bezug auf die .Judenstreitfrage, in. bezug auf die jüdische Stellungnahme. Es gibt keine Partei der österreichischen Juden, dekretieren bei uns gerade jene Herren, die sich Union der österreichischen Juden nennen. Beide, deutsche und Österreichische Emanzipationsjuden, schlagen nervös um sich, geizen mit dem Geständnis ihrer Ohnmacht, blicken ängstlich aus ihrer liberalen Stube in die Gasse, auf der sich Haß, Verachtung, Bedrohung, Mordruf tummeln. " Deutsche Juden? Oesterreichische Juden? Gewiß, Juden deutscher und österreichischer Staatsbürgerschaft haben keine leichten Stunden. Ihr Schicksal ist wert, daß auch wir, denen solches Geschehen nicht überraschend kommt, wir, deren zionistische Einsicht seit den letzten Jahrzehnten solch eine Katastrophe als zwangsläufig erkannt hat -—, daß auch wir die Not unserer deutschen und österreichischen Volksgenossen mit bangem und erschüttertem Herzen vermerken müssen. "Judennot da und dort. In Deutschland und in Oesterreich. Die Befreiung vom tragischen Irrtum, in welchem die mitteleuropäische jüdische Nation befangen war, wandelt sich allmählich zur Erkenntnis, daß die splendid isolation, die selbstgewählte Isoliertheit einzelner Teile des Gesamtvolkes, sich zu guter Letzt zu Fall bringt. Es,, gibt eine „Partei" der deutschen, der österreichischen, der anderen Juden. Es ist die aus, dem Herzl-Gedanken geborene Solidarität der WeJUj u'd e n h e i t. Eine Solidarität mit klarem Wollen und'klarem Ziel. Ein Trost und ein Weg auch für den gefahrdeteten Teil unserer Volksgenossen, fiir die .deutschen und österreichischen Juden. Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh* Uchen Notizen smd durch ein beigefügtes E bezeichnet Sonntag, 28. August flnktll<hstV,8ührabd». ^^TcÄiÄC^^MB^CB^CWIX 3CjCJHMSÄCWl*ÄlCVMSBC^MBMSiCMl Sophiensäle III"., Marxorg.17 Vortragt Vladimir Jabotinsky und Meer Grossmann 3»!:Un,on K«rttn werden im Sekretariat, Wien, II., Unter« Augartenstraße 38, Tel. A-4Ö-6-34, vorgemerkt Vorverkaufstellen werden noch bekanntgegeben

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