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Die neue Welt · 1932-06-24 · Heft 249 (24.6.1932) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
6 (1932)
Issue
Heft 249 (24.6.1932)
Date
1932-06-24
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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186 TiH. Universitätsbibliothek Wien, I. Preis 35 Groschen Jahrgang 6 Freitag« den 24« Juni 1932 Nr. 249 V.o. b. REVUE nähi1gZloty6.-; Stolen _ monatlich vierteljährig 1J0, vfertel- Jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, Tel. 8-48-504 — Ersdieint jeden Freitag Lord Passfield in Moskau r Er wird als Antizionist geleiert Lord Passfield, dessen Weißbuch vom Jahre 1930 tiefste Empörung in der ganzen jüdischen Welt hervorgerufen hat, hält sich zurzeit in Moskau auf. Sein Besuch fiel sonderbarerweise mit dem Aufenthalt des jungen Hedschasprinzen in Moskau zusammen. Die Londoner jüdische Wochenschrift „The Yewish Weekly" stellt über Passfield und Moskau nachstehende Betrachtung an: „Lord Passfields proletarisches Fühlen kam jüngst, als er in Moskau weilte, zum Ausdruck. Er fand dort alle führenden Kommunisten mit dem feierlichen Empfang des Sohnes des Ibn Saud von Hedschas, der sich auf einem Besuch Rußlands Iii Moskau aufhielt, sehr beschäftigt. Passfield trat ein wenig zur Seite, bis der junge Prinz das Land verlassen hatte. Jetzt haben die führenden Kommunisten Zeit, dem Staatsmann, der sich in der großen Welt durch das Weißbuch vom Oktober 1930 einen Namen gemacht hat, volle Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist interressant zu vermerken, daß Passfield am Bahnhof von einer Anzahl führender Kommunisten als der Mann begrüßt wurde, der ,gegen den bourgeoisen Nationalismus der Zionisten ankämpf e\ Man kann nun mit einiger Ungeduld darauf warten, ob Lord Passfields konservative Kollegen im Haus der -Lords bereit sein werden,, einen. Antizionismus zu' unterstützen, der sich o^f^^^/viIlv.Uebraein8^m1lng ' mit der Sowjetregleruiig deklarieriH ■ Der jüdische Weltkongreß •Die Organisation der. volksbewußt eingestellten Judenschaft „American Jewish Congreß" geht unter 1 Leitung ihres Ehrenpräsidenten Dr. St. W i s e daran, einen Jüdischen Weltkongreß vorzubereiten, der .die Aufgabe haben soll, alle aktiven Kräfte des Weltjudenfünts in den Dienst des Kampfes um jüdisches Recht zu Stellen. Für den 14.' August d. J. ist nach Genf, die /Jüdische . Konferenz"' einberufen, an welcher die Vertreter aller jüdischen Gruppen teilnehmen und über die Maßnahmen' für die Einberufung eines Jüdischen Weltkongresses beraten sollen. Viele europäische und amerikanische Organisationen haben ihre Teilnahme »h der' Genfer Konferenz bereits zugesichert. /;-,*■"•.' ' Es sind aber bereits Stimmen gegen die Konferenz laut geworden. Die Vertreter eines Teiles der e n g 1 iichen Judenschaft haben sich gegen den Plan eines 'Judenkongresses ausgesprochen, mit der sonderbaren Begründung, daß ein Judenkongreß dem anti-, semitischen Märchen 'von ein er alljüdischen Weltverschwörung neue Nahrung geben würde! Weiters wird aus New York gemeldet: Der Präsident, des von Louis Marshall begründeten American Jewish Committee, P.n Cyrus Adler, veröffentlicht im Namen des Committyee eine Erklärung, in der in außerordentlich scharfer Form von dem Plan, eine jüdische, Weltkonferenz zur Vorbereitung eines jüdischen Weltkongresses in diesem Sommer in Genf abhalten zu: lassen, abgerückt wird. Der American Jewish Congress und sein Ehrenpräsident Dr. Stephen S.'Wise werden als die Urheber des Planes der jüdischen Weltkönferenz in der Erklärung Cyrus Adlers s q h a r f kritisiert. Die Einberufung einer. jüdischen Weltkönferenz'wird als ein Fehler'bezeichnet, der noch einea u ß e r o r d e n 11 i c h e T r a g w e i t e haben könnte,: und es wird gesagt, daß die Verwirklichung dieses Planes der jüdischen Sache keinen' Nutzen, wohl aber mannig-» fachen Schaden bringen könnte. In der Erklärung des American Jewish Committee wird daran erinnert, daß im Jahre 1929 auf Initiative gerade der American Jewish Congress ein Ueberein4 kommen zwischen Congress und Committee dahingehend getroffen wurde, daß in allen allgemein jüdischen Ange legenheiten, in denen eine gemeinsame Aktion beider Organisationen möglich ist, das American Jewish Com mittee vom American Jewish Congress zu Rate gezogen werden sollte. Trotzdem wurde in dem so außerordentlich wichtigen Fall der Einberufung einer jüdischen Welt konferenz nach Genf das American Jewish Committee vor eine vollendete Tatsache gestellt, die es aber nicht an* erkennen wolle» BEILAGE ***** FÜR DEUTSCHLAND Judenrazzia in Berlin Es geht nur um Ostjuden Die „Neue Welt" erhielt aus Berlin folgenden Bericht: Die Berliner Polizei beginnt den Ostjuden roh an den Leib zu gehen. Seit einiger Zeit veranstaltet sie systematisch Razzien auf Juden. In der der Gegend der Grenadierstraße-Rosenthalerplatz, wo der jüdische Handel konzentriert ist, erscheinen täglich Autos mit Polizisten, welche die Cafes schließen und die anwesenden jüdischen Kaufleute visitieren. Wer kein persönliches Ausweisdokument bei sich* führt, wird verhaftet und aufs Polizeipräsidium gebracht. Hiebei fehlt es nicht an beleidigenden, antisemitischen Ausdrücken seitens der Polizeibeamten, die bekanntlich unter der Leitung des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten Grzesinzki stehen. Wenn . alle Dokumente in Ordnung sind, und es sich bTofl - herausstellt, daß z. B. die Visen mit ein paar Tagen ' Verspätung eingeholt wurden, werden die Betreffen« - den mit hohen Geldstrafen belegt und einfach' - aus Berlin ausgewiesen. Täglich werden an die tausend Juden auf solche Weise behandelt. Aus Furcht vor roher Behandlung, meiden auch jüdische Staatsbürger diese Gegend« * In den, jüdischen Zeitungen Deutschlands und in den sogenannten freisinnigen Blättern, welche sonst jede von antisemitischer Seite ausgehende Verfolgung, Mißhandlung oder Anrempelung von Juden ausführlich verzeichnen, findet sich keinerlei Vermerk und Kritik über den neuesten „Judensport" der Berliner Polizei. Der reichsdeutschc jüdische Freisinn glaubt offenbar, daß durch Ablenkung der Gefahr auf die Ostjuden seine Judenfrage gelöst erscheint. Eine sehr fragliche Rechnung. Wer die Topographie Berlins kennt, weiß, daß der Weg. von der Grenadierstraße zum Kurfürstendamm nicht allzuweit ist. Entartung auf beiden Seiten Von Dr* H. Rose Das Schlagwort- „K-o m m u n i s m u s" ist-letztfens in der jüdischenPresse Nach einem', f ünf zetajähpgen Schweigen, #r ein« EJu* von Artikeln .und allerhand Abhandlungen. -Das ist an "sich eine Erscheinung, die zweifellos begrüßt werden sollte. Schon seit langem ist der Kommunismus zu einem Problem im Zionismus geworden, das eine grundlegende Auseinandersetzung erfordert Und trotzdem muß in aller Offenheit gesagt werden: die Art, wie dieses Problem vom Großteil der jüdischen Presse angefaßt wurde, läßt unwillkürlich den Gedanken aufkommen, daß es vielleicht besser wäre, wenn unsere Oeffentlichkeit, statt auf diese Weise einzugreifen, weitere fünfzehn Jahre Stillschweigen gewahrt hätte. Die Beziehung der Gesamtheit der jüdischen Pressewelt zu unserer linksradikalen Radaufront, ist die einer grundsätzlichen Verständnislosigkeit gegenüber dem Grundproblem. Diese kommt schon in der landläufigen Ansicht zum Ausdruck, derzufolge der jüdisch-kommunistische Vandalismus angeblich ein Zeichen der neuen Stimmung des arbeitenden jüdischen Menschen sei, der eine Revision der wirtschaftlichen Klassenverhältnisse anstrebe. Nun handelt es sich im Grunde weder um eine „neue Stimmung", noch um etwas, was mit „Arbeitspsychologie" und „Klassenerlebnis" zu . tun hätte. Das Phänomen, von dem hier die Rede ist, ist der altbekannte Wurm der jüdischen Missionsidee. Mit dieser haben wir uns auseinanderzusetzen. Es ist nichts Außergewöhnliches darin, daß es unter Juden Kommunisten gibt: leider gibt es kein Volk, das davor behütet worden wäre. Beachtenswert ist jedoch die auffallende nationale Selbstaufopferung sdialektik, die das Wesen und den Pathos des jüdischen Kommunismus darstellt und ihn von der Philosophie der kommunistischen Bewegung aller anderen Völker kardinal unterscheidet. Dieser spezifisch jüdische Kommunismus ist mit all seinem Irrsinn nichts als der Ausfluß jüdischen Schicksals. Sein Erfolg ist gerade dort auffallend, wo sich die Lage der Judenschaft, als einer zurückgedrängten Volksminderheit, besonders kritisch gestaltet : — Rumänien, Polen, Ungarn; nach Aufkoramen der hitleristischen Welle — Deutschland.; Noch vor acht; und zehn Jahren hatte weder die linksorientierte noch die assimilierte jüdische Jugend Deutschlands etwas vom Kommunismus hören wollen, trotzdem Europa damals unter dem unzweifelhaften Eindruck der „siegreichen russischen Revolution" stand» in. Ungarn und Bayern der Kommunismus die Macht ergriffen hatte, Italien ihm Gefolgschaft zu leisten schien und die ohnehin vom Krieg zerrüttete Volkswirtschaft erschreckende Zustände aufwies. Warum hatte sich damals die jüdische Jugend so wenig nach dem Kommunismus umgeschaut? Weil Hitler damals noch eine Operettenfigur war und der alleinige Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh* liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet nblum (London). Erreger des besondren .jüdischen Kommunismus überall ' und a^lerörts eben derkämpfende J ü d e n!i a ß ist, der die-nervösen und unreifen Elemente der jüdischen Jugend m yah^; T^^^^^^etseßi Ungeachtet dessen, daß die wirtschäftne^ jetzt ü b-e r a 11 ernst ist, hat , der jüdische Kommunismus weder in Amerika, wo die jüdische "Verarmung ungeheure Dimensionen angenommen hatte, noch in den drei baltischen Ländern, in der Tschechoslowakei, Schweiz, Jugoslawien, Belgien, Frankreich Fuß fassen können; denn hier ist noch das rote Tuch des jüdischen Kommunismus — die aktive Judenhetze — verhältnismäßig wenig sichtbar. Es ist der brutale anti-jüdische Verfolgungswahn mancher Wirtsvölker, welche die im Judentum schwächer wurzelnden Zweige unserer Jugend zur Aufgabe ihres Glaubens an den möglichen Erfolg eines rein jüdischen Abwehr- und Regenerationskampfes verleitet und sie in die Arme einer Bewegung treibt, die ihnen diese Welt in Trümmer zu schlagen verspricht. Nun wäre noch die Sache bis da her verhältnismäßig erträglich: die Kommunisten sind nicht die ersten und wahrscheinlich nicht die letzten, denen das Volk auf seinen Wanderungen verlustig geht. Der blutige Ernst beginnt erst mit der nächsten Attraktionsidee der Ueberläufer: da das Zugrunderichten der ihnen Schreck einflößenden Gesellschaft durch blutige Judenmassakers beschleunigt werden könne, so soll eben dieses Opfer im vollen Maß gebracht werden —- und je schneller, desto besser. Derselbe Pogrom, der so oft zur Konsolidierung jüdischen Volksbewußtseins beiträgt, führt hier — auf der anderen Seite — zur nationalen Selbstentäußerung aller Hasenseelen in Israel. Dieselbe Erscheinung, die normalerweise Hebung jüdischen Stolzes und jüdischer Widerstandkraft zur Folge hat, führt hier zur originellen Idee, der reaktionären Pogromwelle mit... jüdischem nationalen Selbstmorde zu begegnen! Wenn sich also ein Otto Heller gerade jetzt und gerade an die jüdische Jugend der von Hitler und Göbbels beherrschten deutschen Länder mit einem nationalen Selbstvernichtungsappell wendet, so. bedeutet es bloß, daß er die Mentalität des jüdischen Kömmunismus wohl begriffen hat. Jüdisches Blut soll somit den Eintritt der allgemeinen menschlichen Erlösung beschleunigen. Wir kennen ' dieses Lied zur Genüge, das Lied' der. jüdischen" S e 1 b s taufOpferungsmission im Dienste der Weit. Vor ungefähr 30 ' Jahren wurde sie vom russischen „Bund" gepredigt; damals hat es geheißen, das Judentum solle, auf die Gefahr hin Pogromen entgegenzugehen, den Fortgang der russischen Revolution beschleunigen, denn was sei schließlich „Judentum" im Vergleiche mit Rußlands Befreiung von der Selbstherrschaftstyrannei? Die „bundistische" Agitation des nationalen Selbstmordes entstammte den blutigen Pogromen der Achtziger- und Neunzigerjahre in Rußland. Noch früher, im Laufe des jüdischen Emanzipationskampfes in Europa» wurde dasselbe Leitmotiv von der Assimilation und deren geistiger Repräsentanz wiederholt; wenn wir wirklich die

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