Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 248 (17.6.1932)
- Date
- 1932-06-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711869--3168-2716517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Preis 35 Groschen Freilag, den 17. Juni 1938 REVUE Jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6-8, 7et. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag JUDISCHE VOLKSPARTEI Regiebeitrag 30 g ""Mittwoch,am 22. Juni, um V99 Uhr im Saal des Cafe Palace, VI, Mariahilferstr. 99 MASSENVERSAMMLUNG Gegenstand: WAS WERDEN WIR JUDEN TUN! Referenten: Dr. D. Bukspan e David Nebensahl Oberbaurat Robert Stricker Aus dem Lager der Andern Die Christlidisozi-len, Sozialdemokraten Die Christlichsozialen, Die christlichsoziale Partei in Oesterreich, welche mehrere Jahre hindurch in der Judenfrage eine gewisse Mäßigung beobachtete, hat jetzt auf mehreren Parteikonferenzen den Beschluß gefaßt, die antisemitische Note stärker zu betonen als bisher. Die Zeitschrift. „Die Bür g e rmcister-Zeitun g", Organ der christlichsozialen Bürgermeister Oesterreichs, widmet dieser Frage einen leitenden Artikel, in welchem es heißt: „Sind es wirklich Befürchtungen über ein unheildrohendes Geschick der jüdischen Bevölkerung, die die sogenannte bürgerliche Presse in Aufruhr bringt? Das zwar nicht, aber 120XJ00 jüdische. Wähler sind für den Marxismus in Gefahr und da verlohnt es sich wohl, Unruhe in deren Kreise' zu bringen und wenn notwendig, gar eine Pogromstimmung zu ierzett.gen, -wenn man sie gebrauchen kann. ' 'Wer in späteren Jahren einmal objektiv >dic' Geschichte der Nachkriegszeit betrachten wird, den wird es sicherlich sogar verwundern, daß gerade in dieser Zeit der Antisemitismus immer und mehr verebbte. Niemals seit Menschengedenken war das Judentum so offens i v und so erfolgreich offensiv wie in diesen Jahren und niemals war die christliche Bevölkerung: so in die Defensive gedrängt wie heuzutage. Ohne Beispiel steht es in der Weltgeschichte, was gerade in Oesterreich von jüdischer Seite, zwar nicht von allen gewollt, aber .doch von ihrer Seite aus, am. Österreichischen Staat und an dessen christlicher Bevölkerung begangen wurde.- Ein Jude war es, Viktor Adler, der die Axt an die Monarchie gelegt hatte und ein Kaiser-, haus, das ruhmreich acht Jahrhunderte geherrscht hatte, in die Verbannung stieß; ein Jude war es, Julius D e u t s c h, der das Heer zu einer Parteigarde machte, Üer die Volkswehr und die Soldatenräte schuf, die in der " Umsturzzeit plündernd in Oesterreich herumzogen; ein Jude war es, O 11 o Bauer, der in seinem Linzer; Programm Oesterreich gleichsam in einen Sowjetstaat umwandeln wollte und ein Jude ist es, Hugo Breither, der das unermeßliche Unglück über unser Wien brachte. Man muß auf Steuereintreiber' bis ins . Altertum zurückgreifen, um auf ein Beispiel eines so unbarmherzigen, grausamen Steuersystems zu .kommen, das so wie heute Land und Leute bedrückte. Wenn heute noch Tag um Tag dieser eine Jude ein Heer von Exekutoren gegen christliche Gewerbetreibende aussendet,' die das letzte auspfänden, wenn ein einziger Jude die Macht hat, so grauenhaftes Unglück, so viele Tränen, ja so viele Selbstmorde in jeder einzelnen Tagesstunde im christlichen Wien hervorzurufen, so ist nur die unsagbare Geduld unerklärlich, mit. der sich dies alles eine christliche Bevölkerung von den Vertretern des „unterdrückten" Judentums gefallen lassen konnte. Wer ist es, der am meisten g e g e n d e n c h r i s t- 1 i c h e n Glauben hetzte, die : A b f a 11 b e w e g u n g einleiteten: Juden, fast durchwegs Juden. Man lese nur die .Namen in den täglichen ■Versammlungsankündigungen, der „Freidenker" im „Abend"! s , Wir,wollen der jüdischen Bevölkerung nicht unrecht tun. Nicht sie war es, die das alles, gewollt.'Nicht' sie h'at es gewollt, daß die Juden, die heute noch die Stadt beherrschen, solch fürchterliches Unrecht an ihren1 Mitbürgern - begehen, das Jude und > Christ in - gleicher . Weise bedrückt. Doch eine-Mit s chuld trägt sie/weil" sie fast geschlossen ihre Stimmen den Deutsch',': Bauern" und Breitnern gab und sich ihre Presse fast ausnahmslos in deren staatszerstörende Dienste - stellte. Und-warum tat sie dies? Weil seit Jahren in den mit Heiß was sert j> ei ch e r -1 n 5 er a t e. n gefütterten Blättern der und Nationalsozialisten zur Judenfrage christlichsozialen Partei nicht bestehende judenfeindlichc Gedanken unterschoben wurden, die dann den Rathausherren 120.000 Stimmen brachten. Wir wollen keinen Stein gegen diese jüdischen Wähler werfen, aber gesagt sein soll es mit aller Deutlichkeit, daß sie es nur sich selbst und nicht den Christlichsozialen zu verdanken haben, wenn heute von neuem die antisemitische Bewegung in Wien Fuß. zu fassen droht. 120.000 Stimmen sind eine große Sache und sie bedeuten nicht mehr und nicht weniger als die sozialdemokratische Hegemonie über Wien und damit mittelbar auch über ganz Oesterreich. Wenn das österreichische Judentum es versteht, Staatsbürgerrechte nicht nur zu fordern, sondern auch Staatsfyürgerpflichten zu erfüllen, wird niemals eine Feindschaft -^zwischen Christen und Juden entstehen können. Der große Denkfehler des Judentums und vielleicht auch dessen Tragik Hegt eben,.'in der naiven Auffassung?"den' Antisemitismus in der Weise bekämpfen zu wollen, indem sich die kleine Minderheit einer staatsfeindlichen Sozialdemokratie in den Dienst stellt!" Die Sozialdemokraten Rechtsstehende österreichische und reichsdeutsche Zeitungen bringen die Nachricht, daß in der österreichischen sozialdemokratischen Partei Bestrebungen im Gange sind, den jüdischen Einfluß in der Partei zu brechen, jüdische Führer zu beseitigen usw. Ob eine systematische Bewegung in dieser Richtung tatsächlich besteht, läßt sich nicht feststellen. Immerhin mehren sich auch Klagen von jüdisch-sozialdemokratischer Seite über die Machenschaften eines a n t i s e m itischen „F 1 u g e 1 s" in der Partei. Besteht ein solcher „Flügel", so ist dazu zu sagen, daß er besonders in letzter Zeit in gewissen Korruptionsfällen Agitationsstoff findet. Viele jüdische Elemente sind der großen Arbeiterpartei zugelaufen, nicht aus Ueberzeugung, sondern weil sie stark ist. Daß bei diesem Zulaufe die moralisch Minderwertigen allen voran waren, läßt sich leicht vorstellen. Und daß diese bald anfingen „Geschäfte" zu machen, auch. Eine typische, auf diesen Zustrom zurückzuführende Gründung, ist die der „Sozialdemokratischen Kaufleute und Gewerbetreibende n". Sie dient wohl nicht der marxistischen Idee („marxistische*' Kaufleute?!), dafür kann man für sich Lieferungen und .für die Söhne und Neffen ärztliche und juristische Beschäftigung finden. Auch „Kredit"! Nun ist in dieser Gruppe ein Skandal ausgebrochen. Jüdische Führer, vor allen der Nationttlrat Klimberger und der Kommerzialrat Strauß (auch ein „Marxist"!) betrieben schmutzige, betrügerische Manipulationen mit Parteigeld. Dazu kommen andere unsaubere' Verlustgeschäfte, deren Träger Juden sind. Jetzt grollt es in der Arbeiterschaft gegen die Juden. Ist das nur auf „antisemitische Instinkte der Massen" zurückzuführen? Wohl nicht ganz. Das österreichische Judentum ist der Konjunktur, nicht, der Ueberzeugung, ' folgend,, einergroßen Partei nachgelaufen. Beiidieser'Bewegung konnten sich naturgemäß die 'skrupellosesten - Elemente ' in-'denf Vordergrund drängen. Das'Resultat: Verschärfter Anti-,' semitismus in der Sozialdemokratie. > Die Nationalsozialisten Da man den Oesterreicher im allgemeinen als härm*, loser« . betrachtet als seinen * Volksgenossen ' im Reiche,/ glaubt man den Schluß ziehen, zu dürfen, daß die Wiener, Hakenkreuzbewegung .harmloser' verlaufen, wird, als 'die ' in Berlin.'Dieser Schluß ist unrichtig.-Der Zustrom intel- Alle im redaktionellen Teil befindlicher» entfielt« liehen Nötigst) sind durch ein beigefügtes E bezeichnet, <*— ©eifttge Arbeitet —«v graue«, KewBfe, 3u(fer!rattfe, .fjartlei&iße effen Im eigenen ftütttüt täg«f$ bas buntfe S i m o n s 6 t o i. iRdrf) an SKäftrfaUeu unb NSitaminen. 3tt büimen (sdjnitlcn mit Butter eine SDelifateffe. Seljr btquem: (Simonsbtotpäctäfen in ©djititteti. ftn allen auten getutoftfjaublHnflen unb Wätfeteien erfjälttici). Simonobrotfabrtft 3Bteit*ftagran 11 < ' i Sägltctict qjoftüctfnnö — (ggpott ■> lektucllcr Elemente zum Hakenkreuz ist in Oesterreich mächtiger als in Deutschland. Beamtenschaft, Polizei, Gendarmeric und Bundesheer sind in Oesterreich ungleich stärker infiziert. Die Form der Agitation ist womöglich blutrünstiger und aufreizender als drüben. Das Lied vom „Judenblut, das vom Messer spritzt" ist im Reiche in Liederbüchern zu finden. In Wien schreit es in Riesenlettcrn von Plakaten herab. Die Agitation macht vor nichts halt, auch nicht vor dem Friedhof. In Wien darf das Hakenkreuz-Organ „Der Kampfruf" in seiner Nummer vom 4. Juni unbeanstandet im Anzeigenteil folgende, mit breitem Trauerrande versehene Parte bringen: „Montag, den 30. Mai verschied das Mitglied unserer Ortsgruppe Ingenieur Georg Zeidler infolge Entkräftung. Er starb den Hungertod infolge des herrschenden Systems, das wohl für 40 0.0 0 0 Juden Reichtum und Ueberfluß hat, für seine arischen, bodenständigen Volksgenossen aber nicht einmal ein Stück Brot! Die Witwe bleibt in fürchterlichster Not zurück! Parteigenossen: Das Leichenbegängnis muß zur furchtbaren Anklage gegen das herrschende System gemacht werden!", Ist diese Bewegung harmloser? * Üiese Stimmen aus dem Lager der anderen sind Mahnru,fehyfflM?^größter Eindringlichkeit, Mahnrufe zu jüdischer, nationaler Selbstbesinnung, zu jüdisch-politischem Zusammenschlüsse in einer Partei, die nichts als Recht für ihr Volk fordert, auf jede Einmischung in die Angelegenheiten anderer verzichtet. Antisemitismus im Sozialismus Ein bezeichnender Zwischenfall in Amerika 1 l>ie Bemühungen der sozialistischen Internationale, die Rassenfragc und die national© Frage als im Bereich ihrer politischen Ordnung untergeordnet, ja ausgeschaltet hinzustellen, sind älteren Datums. Immer wieder wird der Welt versichert, daß die Arbeiterparteien aller Staaten und Länder auf Grund ihres Programms und ihrer Praxis rassische und nationale Unterschiede nicht kennen, daß sie vielmehr die Konstruktion solcher Gegensätze durch andere; aufs schärfste ablehnen und ihre Auswüchse auszurotten gewillt sind. Das kann man programmatisch* niedergelegt und .publizistisch Tag um Tag ausgedruckt finden. Man muß aber sagen, daß die Internationale, sooft sie sich vor 'die Situation gestellt sah, die Wahrhaftigkeit ihrer Deklarationen zu bekunden, ausgewichen ist, bezw. mit den fadenscheinigsten Motivierungen ihrer Haltung operiert hat. So stand und steht die Sache, wenn es um i n t e rnationale politische Ereignisse des ' Völkersens ging. Aber man sollte meinen, daß in ihren eigenen Reihen rassische und völkische Eintracht herrscht. Das wäre ein Irrtum, da es bekanntlich in allen' •; Nationalitätenstaaten keine einheitliche und ges chlo s s en e'A r b e i t e r pa r t ei gibt, sondern, sozialistische* Formationen,; die nach . nationalen Gesichtspunkten getrennt sind. So gibt es beispielsweise in den-Nationalitätenstaaten Polen -und - Tschechoslowakei nichteine, sondern ein halbes Dutzend sozialdemo- .'kratiischer Parteien, die in Fragen nationaler, ja. sozialökonomischer Natur einander befehden. ' - Die internationale Sozialdemokratie kennt bekanntlich-? auch keine Juden frage. Sie sieht in ihr wie'in allen nationalen und •;• rassischen Fragen ein rein sozialökonomisches Problem, das mit'dem Sieg des Sozialismus alsogleioh verschwinden werde. Und was, wie gesagt, bei den großen Fragen des internationalen Völkerlebens aufgeschienen ist, muß