Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 244 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 244 DIE NEUE WELT Menschen ihres Alters „vernünftige" Dinge tun — und selbst doch auf den harten Bänken schlafen bleiben und doch immer wieder Almosenbrot essen. Namenlose Helden der Jeschiwah —, sie seilen, dal? selbst das einzige, was sie hier erwerben können, der Geistesadel, für die Judengasse im Wert zu sinken beginnt, sie sehen, was Genossen mit ihren Geistes- und Fleißkräften an Universitäten und in Metropolen erreichen könnten, sie werden älter, sie werden fünfundzwanzig und dreißig, sie haben noch immer keinen einzigen zagen Schritt in die ' Erwerbswelt hinausgetan, alle Tore sind schon hinter ihnen zugeschlagen, alle Möglichkeiten der Lcbensgestaltimg sind verschenkt, noch immer ist nicht mehr erreicht, als ein paar Pfennige jeschiwahunterstützung und die graue Aussicht auf einen Schwiegervater, der für sein sitzengebliebenes Mädchen einen „Lerner" in den engen Heringsladen hineinnehmen wird —, und doch steigen sie wieder auf die hundert Fuhren, zweimal im Jahr neu sich entschließend, fahren zum Hügel von Telsch, nach Pessach und nach Sukkoth, an Sommer und Winter vorbei. Fünf Rabbis Die Wahrheit zu sagen: Es ist nicht ganz einfach gewesen, os auf solche hundert Fuhren zu bringen. Wenn Telsch die Leistung vollbrachte, dann ausschließlich mit dem Geist seiner Führer, der Rabbis. Muß von denen die Rede sein, so wäre auch hier wieder, rein rapportmäßig, zu sagen: Sic waren weltberühmte Thoragrößen, Verfasser dieser und jener Werke, und sind hochbetagt und weitverehrt dann und dann ge 6torbcn. Aber daß damit am Wesentlichsten vorbeigesprochen würde, ist ja klar. Es genügt natürlich nicht, ein paarmal mehr den Talmud gelernt zu haben, etwas mehr zu wissen als die Wissensdurstigen, unr eine Jeschiwah leiten zu können. Es genügt nicht, einfach bärtig zu sein, mit einer hohen Pelzmütze, sehr klugen Augen und immer über die Bücher gebeugt —, so etwa, wie der kleine Moritz sich einen Rösch- Jcschiwah vorstellt. In Telsch hat es, wie in allen Talmud-Hochschulen, erbitterte Kämpfe gegen und für die Rabbis, um die innere Wahrheit gegeben, seit die Jeschiwah besteht. Hier mußten die Rabbis mehr sein als sdilicht gelehrt Sollte ich aber sagen, was sie in Wirklichkeit waren, Rabbi Elicser Gordon, der Gründer, und sein Nachfolger Rabbi Jossef Leb Bloch und Rabbi Chaim Rnbbiimowitz—, dann gerate ich in Schwierigkeiten. Denn eben damit haben sie ja Telsch fünfzig Jahre lang halten können, daß sie nicht ein paar starre Prinzipien, ein mit wenigen W'ortcn nennbares System aufgestellt haben; sondern daß sie als Ganzes, , a.ls erzieh'Mirde MßDsdiejt mit. ilu-em.. gan.ze-% Weltbild,: .in .aus. alle,, die,, bei ihnen gelernt haben, ihie Sdiüler, cingegam,'»'/.! sind. In. jeden anders, in jeden nach dem Niederlv'impfen anderer Widerstände, aber doch: in jeden . Gewiß, es gibt ein ausgebautes, eigenes Telscher philosophisches System. Aber dies Prinzip, von Rabbi Jossef Leb Bloch geschaffen, heute von seinen Söhnen lehrend interpretiert, war beinahe verborgen. Was wir Sdiüler vom ersten Tag ab sahen, spürten, womit wir rangen, wozu wir unsere Zufluchten nahmen, was ünauswisclibar in unserem Blut sitzt —, das ist die V erkörperung dieses Prinzips, der Rabbi, wie er ging' und stand, wie er betete, wie er sprach, wie er seinen Tag eingeteilt hatte, wie er einem Ereignis begegnete, wie er den Besucher mit. Fragen einkreiste und mit kurzen Hinweisen wieder befreite. Er mit seiner Sprechweise und seiner Situationenanalyse, den immer wiederkehrenden Grundbegriffen seiner Weltanschauung und der Tonleiter seiner Enipfindungsäußerungen, er hat sich uns so tief eingegraben, daß keiner unter uns ist, der nicht jede Stunde jeden Tages von jedem Ding, das ihn antritt, genau wüßte: dies und das hätte der Telscher Raw dazu gesagt. Dies hat das Phänomen an Idealismus ermöglicht, dies war der Kitt, der den Bau fünfzig Jahre lang 'ilolt, dies , war der Trieb, der hundertmal die Fuhren wieder besteigen ließ: der Rabbi, der in uns selbst, in unserem Blut saß. Ein Schüler allein Mit solcher. Substanz konnte Telsch alt werden, konnte die größte Jeschiwah von Europa weiden. Mit solcher Substanz konnte es wagen, sich entgegen'"'dem Brauch und der Anschauung der talmudi^ sehen Welt, ein streng geordnetes Klassensystem innerhalb der Jeschiwah und eine Vorschule für sie zu schaffen, in der auch profane Lehrfächer zur Geltung kommen, so daß niemand zu ihren Schülern gehört, .der Wicht eine der unserer Mittelschulabsolventen adäquate 'Allgemeinbildung besitzt. - Ein Telscher sein, heißt eben, mit der Jeschiwah, mit den Rabbis durch dick und ,dünn gehen, selbst gegen eine Welt, die sich mehr nach rechts, und eine andere, die sich mehr nach links orientieren will. Ein Telscher sein, heißt die selbstgewählte Disziplin der Jeschiwah lieben, aller Ekstase mißtrauen, das Unterscheidungs- und Definitionsvermögen -schulen, alle. Rahulistik hassen, keine bestaunte Koryphäe, kein Amtsjude, kein Rabbiner werden wollen, aber auch kein Schönredner und kein Besitzender der weltliehen Welt. Telscher sein, beißt einen Dienst haben, still, stetig, für Israel etwas leisten, ohne das Israel nicht sein kann, ohne das die jüd'sche Welt keinen Bestand hat, namenlose Energiezelle im Kraftreservoir der Thora sein. Und ganz persönlich gesprochen heißt es: an eeiuem inneren Menschen arbeiten, sich die Orientierung und das Gleichgewicht des Herzens schaffen, keinen Schritt leichthin tun, keinen schlechten Trieb unbekämpft. unabgebogen lassen. Dafür gibt es die persönlichen, die nicht talmudischen Ansprachen der Rabbis, die gemessen betrachtenden Gespräche mit älteren Schülern, die tägliche Stunde aufwühlender Sclbstprüfung über den Büchern jüdischer Moralphilosophie. Und noch persönlicher heißt es: neugierig auf die Jeschiwah sein, von keinem Tagesereignis hören können, ohne sofort ins Lehrhaus zu laufen, um zu erfahren, wie es darauf reagiert. Zu wenig Aufhebens Wenn ein anderes Volk solche Gestalten hätte, wenn ein anderes Volk solche Idealisten besäße, die Welt und nicht zuletzt wir selbst würden vor ihnen in Hochachtung ersterben. Sie und ihre Führer wären Nationalhelden, ihre Lehrst.ätte ein berühmter Wallfahrtsort. So aber, weil es unser ist und für uns geschieht, imponiert es uns nicht. Fünfzig Jahre Manifest für den jüdischen Geist, hundert Semester Verneinung der Umwelt, Tausende von Eltern, die das Beste, was sie hatten, der Erhaltung unserer Geistessubstanz geschenkt haben, Zehntausende von Menschenleben, die darüber eingegrenzt, Kräfte; die nicht ausgespielt, Werte, die nicht in Münze gesetzt wurden, das kann sich bei uns vollkommen - unbeachtet, in der Abgeschiedenheit eines kleinen litauischen Städtchens vollziehen. Niemand hängt es an die große Glocke. Auch die nicht, die sonst so gern von jüdisch-mensdilidicr Größe unserer Pioniere reden. So wird das Jubiläum von Telsch nicht das, was es unter normalen Umständen geworden wäre:, ein Volksfest. So bleibt es auch am fünfzigsten Geburtstag ebenso zweifelhaft wie je zuvor, ob der Jubilar den nächsten liöch erleben wird 'und nicht schon" in einem Jahr Hungers gestorben sein wird. Aber wenn, was Israel verhüten möge, dies wirklich der letzte Jubeltag von Telsch sein sollte, dann wäre es vielleicht zugleich das. letzte große Fest, das jüdischer Idealismus gefeiert hat. Vorlesung Jehuda Ehrenkranz. Montag, den 23. Mai, 8 Uhr, findet im Architcktenvereinssaal der diesjährige Rezitationsabend Jehuda Ehrenkranz' statt. Das durdiwegs neue Programm umfaßt Ernstes und Heiteres aus, den jiddischen Literatur,, und^ zwar chassidische. Dietlingen) soziale Satiren, Humoresken und Grotesken (Schalom 'Alejchem, Perez, Tunkeier, An'ski ü. a.). — Jehuda Ehrenkranz, der sich zurzeit auf einer deutschen Voritragsreise;befindetr wird .nach, seinem "Wiener Rezitationsabend in einer Reihe belgischer, holländischer und Schweizer Städte am Vortragspult erscheinen. J üdifdie Sports und ililiiiillllt Turn b e w e g u n q Ringen Internationaler Klubringkampf H a k o a h W ie a gegen P o 1 i ze isp o rt v er e i nig u n g.. P r ag Donnerstag, den 26. Mai (Fronleicbnamstag), in Engelmanns Freiluftarene. Die tüchtigen Hakoah-Ringer kommen diesmal mit einer groß angelegten Veranstaltung, die sportlicher Genuß sein wird und deren Reingewinn bestimmt fet, die Entsendung des Schwe-rg e wachtle r Miki Hirsch! zur Olympiade nach Los Angeles zu ermöglichen. Es ist daher zu wünschen, daß diese Veranstaltung von jedem Sportler besucht wird. Trotzdem die Prager Mannschaft Meister der Tschechoslowakei ist, erhofft man einen Sieg der Rlau-Weißen. Der Schwer ge wich ts kämpf Hirse h l gegen K1 a p p u ch, der als Revanchetreff en ausgetragen wird (bekanntlich gelang es Klappuch, den verletzten Hirschl beim Schwergewichtschampionat im Ronacher einwandfrei zu besiegen) dürfte der Schlager der Veranstaltung werden. Die Hakoah hat aus propagandistischen Gründen die Eintrittspreise mit S 1.20 bis S 3 äußerst niedrig bemessen und empfiehlt es sich, die Karten schon jetzt in den unten angeführten Vorverkaufsstellen zu besorgen. Sportklub Hakoah, I., Wiesingerstraße li;~Gronner, I, Graben 29; Brüder Schiffmann, IL, Taborstraße 48; Sporthaus Stadion, IL, Franzensbrückenstraße 22; Sportplatz Hakoah, IL, Krieau; Stafa, VII., Mardahilferstraße; Sportha.us Lazar, IX., Koljngasse.; Ringsektion der Hakoali, IX./Wasagaisse1 23. Touristik- und Skiklub Hakoah. 22. Mai: Kaltenleutgeben—Wöglerin von Mauer führt Herr Ernst Gerßtenfeld. — 22; Mai: Dürre Wand—Oehler - (Voranmeldung!) führen die Herren Dynes und Ing. Krausz, Abfahrt nach Gutenstein Südbahn 6.20 Uhr. : , Hakoah-Ringer gegen Prager Polizisten Eine. große internationale Amateur-Ringerveranstaltung wird am 26. d. in der 15.000 Personen fassenden' Erigelmanh-Arena durchgeführt. Hakoah, der vielfache österreichische Meister,- absolviert einen Klubkampf gegen die Präger Polizisten. Die Sensation des Abends bildet das. Match Hirschl-Klappuch. Hirschl ist derzeit einer der besten Amateurr/inger der Welt und wird auch Oesterreich bei den Olympischen Spielen in Los Angeles vertreten. Hakoah wird in folgender Aufstellung den Kampf bestreiten: Finaus, E. Birsnr bäum, Schlanger, Ochsenhorn, Birnbaum, Müller und Hirschl. * , . Hakoah in Agram erfolgreich Auf dem schweren Agramer Boden' gelang es Hakoah gegen Hask zwei schöne Spiele vorzuführen und ungeschlagen zu bleiben. Die Blau-Weißen siegten am ersten Tag .3:0 und mußten sich am zweiten Tag gegen den gleichen Gegner mit einem unentschiedenen 2 :2-Ergebnis zufrieden geben. Als gute Torschützen erwiesen sich Mausner und Eisenhofer Die guten Leistungen der jiklisclie.ii Mannschaft w>> len von den Agramer jüdischen Kreisen mit großem Beifall ■ auf-, genommen. ....... Für die kommenden Feiertage Ausschreitungen bei einem „Freundschaftsspiel"!' Hasmonea—-Cricket ./ BeT eUnem TtelirMsbhäftsspiel zwischen Hasmöhea. und Cricket kam es zu großen Skandalszenen, die' vo>n " den Cricketerii verursacht wurden. Obwohl das Spiel keine besondere Bedeutung; hatte, schlügen die Cricketer; eine Spielart ein, die die Beine ihrer Gegner in höcü;-: 6tem Maß gefährdeten. Als Augapfel von Strauß bes'on'-:; ders scharf angegangen wurde und dieser; sich; mit-' f einem absichtlichen Fußtritt revanchierte! stürzten sich," die Cricketerspieler , auf den Hasmonea-Mann undschlugen ihn zu Boden. Es kam zu einer Prügelei, und; der Schiedsrichter sah sich^ genötigt, beim Stande von. 1:3 fair die Cricketer das Spiel abzubrechen. Erfolge der. Hakoah-Handballer , Die Hakoah trug, mit einer Herren- und Damen- Mannschaft Spiele in Graz . aus. Die Herren siegten gegen Hakoah Graz 14 :5 und unterlagen gegen den: Grazer S. C. 10:11. Die Damen, blieben gegen die Damen der Grazer Hakoah 6 :1 erfolgreich. ' " Die Grazer Hakoah «'•••' nahm a.n einem Rundspiel teil und siegte am ersten Tag gegen Südbahn 2:0 und unterlag.am zweiten Tagi gegen Sp o rtk 1 ui> 1:3. .;i Die Hakoah-Jungmannschaft, die zu den besten J.uniorenteams Wiens zählt und in der. Meisterschaft unter den Spitzenkluibs zu fanden ist,; wurde eingeladen, vorigen Soointag und Montag im Rah-, men eines Jugendturniers in Graz teilzunehmen. Die; Wiener konnten die in sie gesetzten .Erwartungen er-, füllen und blieben Sieger im Rundspiel. Helfet der „Einheit"! In der Malzgasse 12 befinden sich die Ausspeisungssäle der „Einheit", die nicht ntar den Aermsten, sondern vor allem dem verschämten Mittelstand weit unter den Gestehungskosten reichlichen Mittagstisch bietet. Man kann als stiller Beobachter sehen und hören,, wie dankbar diese Armen dafür sind, daß man ihnen, ohne daß sie es als ein Almosen empfinden, ein reichliches Essen bietet: Dazu Tcommt noch die seelische Befriedigung dieser Menschen,'ein Essen zu erhalten, das nach dem streng jüdischen Ritus hergestellt ist. , Während der, Pessachfeiertage wurden, Sederabende veranstaltet, welche dem Worte der Hägadah. „Jeder Hungrige komme und esse mit!" praktische Gel-1 tung verschafften. Es war ein überwältigendes Empfinden erfüllter jüdischer Pflicht für alle, die mithalfen. Der Vorstand dieser Anstalt vergaß aber auch nicht jener unglücklichen Brüder, die, auf dem Wege des Rechtes gestrauchelt,,hinter Kerkermauern für. ihre "Tat büßen mußten. In anerkennenswerter Weise hat die Israelitische K u \ t u s g e m e i;n;d.,. e in Wien jene Konten ' getragen die aufgebracht werden mußten, um den Häftlingen de« Wiener Landes- und Bezirksgerichte an. den Pessach-; feiertagen nicht nur die Einhaltung religiöser Pflicht zu ermöglichen, sondern auch diese unglückliche» Manschen in dem Bewußtsein zu erstarken, daß die verzeihende Liebe des Judentums nicht untergehe. t Die Not schreitet fort, die Verelendung der jüdi-, sehen Massen in dieser Stadt wird immer, größer, die Anforderungen an die Wohlfahrtsanstalten der Kultusgemeinde und der Wohlfahrtsvereine sind übermäßig; Es ist daher Pflicht jedes Juden, mehr denn je die WohlfahrtsinstituUonen zu unterstützen.