Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 244 (20.5.1932)
- Date
- 1932-05-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711865--3131-2716476- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 2U 3 Vertreter Intelligente, junge Juden, gegen Spesenbeitrag und Provision aufgenommen. Dauerexistenz. Vorzustellen Montag, den 23. Mai, von 3 bis 6 Uhr, XX, Karl-Mefsel-Straße Nr. U/22 das erste Jubiläum der Bcthar-Zeitschrift Amerikas wurde gefeiert. Aus den Berichten in der Jübiläumsnummer der Zeitung ist auf große Aktivität zu schließen. Der Ken Chikago zählt drei Gedudim. Deutschland. Kenim bestehen: Berlin, Frankfurt, Leipzig, Wiesbaden und Beuthen; Initiativgruppen in Breslau, Gleiwitz, Hindenburg, Hamburg, München, Karlsruhe, Gießen, Magdeburg und Bürg. Rumänien — G a 1 i 1 R e g a t. Systematische Arbeit in den Kenim Bukarest, Jassy, Galati und Barlad. Es wurden reorganisiert Radauta, Piatra-Neanet und Braila. Litauen. Eine Ucbersicht über jüdische Geschichte ist herausgegeben worden. Hachscliara-Arbeitsstätten in der Umgegend Memels organisiert. Pr esse. In New York „Bethar. Monthly Bulletin" Nr. 12 (Jubiläumsnummer). Aus dem Inhalt: Begrüßungen: V. Jabotinsky, Meir Großmann, M. Danzis Schilton Bethar, Prof. Smertenko; Politischer und Kultur-Zionismus von G. Broil; Der Sinn des Bereitseins von V. Jabotinsky; Bethar-Chahiziutli von J. Beder; Zionismus versus Marxismus von V. Mogiliansky; Information, Bilder und Chronik. — In Berlin: „Hamischmar" Nr. 5, das erstemalmit - hebräischer -Beilage (Inihalt: „Sei bereit" von V. Jabotinsky; Zionismus-Kommunismus von Zwi Berest; Bethar-Aurfmarsch in Tel-Awiw von M. Friedländer; "Chronik und eine hebräische Beilage unter der Redaktion von Ä. Heller). — In Riga erschien in deutscher Sprache die Bethar-Zeitschrift „Flammen" Nr. 1 zur Propaganda' unter der deutschsprechenden •jüdischen Jugend. Aus dem Inhalt: Volk in Not — M. Joelsohn; Juden und Nationalsozialismus von Hans Heimo witsch; 2 Legionäre: Schuljugend und Organisation —. S. Löwenberg; Tage und Orte, die uns zu denken geben von S. Kaufmann und die Orient-Messe in Tel-Awiw — B. Loewi. Vom Keren Hajessod Erhöhte Opferbereitschaftf Das Direktorium des Keren Hajessod erließ einen Aufruf an sämtliche Keren - Hajessod - Komitees, in welchem darauf hingewiesen wird, daß die Palästina- Exekutive für die nächsten Monate. 2000 Zertifikate für Arbeitereinwanderung zugewiesen erhalten hat. Es; heißt im-Aufrufe u. a.: Es darf nicht wieder eine Lage geschaffen Werden, wie vor zwei Jahren, als die Palästina-Exekutive daran war, infolge Mangels an Mitteln die Annahme von Zertifikaten seitens der Regierung zu verweigern. Wir müssen jetzt unsere Anstrengungen verstärken. Wir dürfen in diesem Moment keine Schwäche zeigen. Eine Verstärkung unserer Arbeit ist nicht nur wegen der Bedürfnisse der Einwanderung erforderlich. Die S c h u 1 e n der Jewdsh Agency befinden sich in einer schweren Lage Und diese• Verhältnisse bedrohen aufs schwerste das jüdische Erziehungswerk, das unter großen Anstrengungen und Opfern im Laufe einer Generation' geschaffen wurde. Einige landwirtschaftliche Siedlungen, die wir bisher nicht konsolidieren konnten, befinden sich in einer schweren Lage. Juden aus vielen Ländern sind ins Land gekommen, um sich hier niederzulassen. Auch hierfür muß der Keren Hajessod die Bedingungen schaffen helfen. Unser nationales Kapital wird für die Befriedigung der Bedürfnisse verlangt, die das private Kapital zu sichern nicht imstande ist. Wir befinden uns jetzt im zweiten Halbjahr der K.-H.-Arbeit. Ueberall müssen wir unsere Arbeit verstärken. Wir kennen die furchtbare Lage in den meisten Ländern. Es gibt aber keinen anderen Weg. Gerade in der Zeit der Not und Gefahr müssen wir unseren Glauben, unsere Energie und unsere hartnäckige Entschlossenheit erweisen. Hindernisse dürfen nicht zur Einstellung oder Schwächung unserer Arbeit führen. Der Aufruf wendet sich schließlich mit einem Appell an alle Freunde und Mitarbeiter des Keren Hajessod, mitzuhelfen, daß die Zahl der Zeichner erhöht und die Beiträge auf dem des Keren Hajessod würdigen Niveau gehalten werden. In diesen Tagen werde die Opferspende für den Aufbau des Volkes gefordert. Auf jedem unserer Genossen lastet eine schwere und entscheidende Verantwortung. Dr. Weizmann verläßt Südafrika Dr. Chaim Weizmann, der die diesjährige Keren-Ha jessod-K ampagne in Südafrika mit Erfolg geleitet hat, und Frau Vera Weizmann, die beide vor mehreren Wochen in Durban nach einer ihnen zu Ehren gegebenen Festveranstaltung mit mehreren anderen Festgästen an einer Fleischvergiftung nicht unbedenklich erkrankt waren, sind nun vollkommen wiederhergestellt und traten am. Freitag, den 13. Mai, die Rückreise nach Europa au. Vom Jüdischen Nationalfonds Jubiläumsaktion des ' Keren Kajemeth. Bisheriger Gesamteingang rund S lt.000. Garten Familie Friedrich Sinnreich. Auf diesen in der laufenden Woche begründeten Garten sind S 1000 eingegangen. ,,C 1 a r a-Ma r g ul les-Ha in . Durch die im Laufe der Woche eingegangenen weiteren S 500 wurde der erste Garten im „Clara-Marguhes- Hain" komplett. Lieder aus Palästina. Das Hauptbüro des KKL. hat hebräische Lieder mit Text und Noten in Postkartenform herausgegeben, Preis 15 g per Karte; im KKL-Büro erhältlich. Briefpapier mit Palästina-Ansichten sind vom Hauptbüro des KKL. herausgegeben worden. Preiß einer Serie (ein Dutzend) mit verschiedenen Ansichten S 1.80. Im KKL«' Büro erhältlich. Die Säuberung des polnischen Staatsapparats von Juden Sämtliche jüdischen Beamten der Arbeiterversicherungsämter iu Bialystok und Lomza, unter ihnen Beamte, die länger als zehn; Jahre Dienst tun, wurden plötzlich entlassen. Obwohl als Motiv Sparsamkeit angegeben wurde, wurden dennoch sofort Nichtjuden an die Stellen der entlassenen Juden gesetzt. Unter der Judenschaft herrscht über dieses Vorgehen größte Entrüstung. Man weist darauf hin, daß in der Bialystoker und Lomzaer Industrie jüdische Arbeiter in großer Zahl beschäftigt sind, die nun im Arbeiterversicherungsamt ohne Vertretung sind und dort kein Verständnis finden. Gegen die Entlassungen wurde beim Innenministerium Einspruch erhoben. Abermals aniijüdischer Exzeß in Wilna Nationaldemokratische Studenten überfielen abends in Wilna zahlreiche jüdische Pass-anten, unter ihnen die Mitglieder einer jüdischen Theatertruppe, die nach Ende der Vorstellung gerade das Theater verließen, und schlugen sie nieder. Mehrere der Angegriffenen trugen Verletzungen davon. Keiner der Exzedenten wurde verhaftet. Antisemitische Exzesse In Rawa-Mazowiecka, unweit von Lodz, hat die im Sportverband „Sokal" organisierte nationaldemokratische Jugend am vergangenen Sonntag abends antijüdische Unruhen großen Stils veranstaltet. Mit Stöcken und anderen Schlagwerkzeugen bewaffnete Gruppen stürmten einen Saal, in welchem eine jüdische Pianistin zu wohltätigen Zwecken musizierte, riefen „Schlagt die Juden!" und fielen über die Konzertbesucher her. | ^iiiiiiiiiimniiii«» Zahnarzt in Wien wünscht für seine Schwester, Akademikerin, einen intelligenten Ehepartner Arzt, Anwalt, Kaufmann, Beamten Unter Chiffre an die Adm. „Eventuell Einheirat'* der „Neuen Wein Dem Starosta, der dem Konzert beiwohnte, gelang es nicht, die Huligans zu beruhigen. Als das Publikum fluchtartig den Saal verließ, wurdees draußen von anderen Huligan-Gruppen empfangen. Die Huligans schlugen unbarmherzig auf die Besucher ein und hörten auch, als die vom Starosta alarmierte Polizei auf dem Tatort erschien, damit nicht auf. Am Montag wieder«* holten sich die Exzesse. Kleinere und größere „Sokal"« Gruppen verteilten sich über die Stadt. Jeder Jude, der! ihnen in den Weg kam, wurde niedergeschlagen, Greise, Frauen und Kinder wurden nicht geschont* Mehrere jüdische Bürger erhielten ernste Verletzungen durch Messerstiche und Schläge, so u. a. L. Schuhmann, Jakob Gerszonowicz, Jizchak Jakubowicz, Fräulein; Mania Web, Fräulein Grünbaum, Lea Kreczmer, J. Gut-, mann, I. Vogel, Rubin Bagncki, J. Broner. Mörderisch1 bis zur Bewußtlosigkeit geschlagen wurde der von seinem Enkelkind geführte 65jährige erblindete Meier B i a I k o w i c z. Die Huligans ließen den aus mehreren Wunden blutenden blinden Greis hilflos auf der Straße liegen. Zwölf Sokalisten wurden verhaftet, aber nach] Intervention des „Sokar'-Kommandanten sofort wiedei; freigelassen. Ein iridit gefeiertes Volksfest Von Esriel Carlebadi Hundert Fuhren Es fahren auf zwanzig, dreißig litauischen Landstraßen, von kleinen, verschüchterten Städtchen her, rüttelnde, holprige Bauernwagen auf einen Hügel zu. Sie schaukeln langsam durch die dünne morastige Schicht auf den Wegen, durch den „nach-Pessach-'digen Dreck", klebrigen Auftakt der Saison der offenen Haustüren und des sabbatlichen Spaziergangs in die Felder. Es sitzen auf diesen Wägelchen Jungens mit Milchgesichtern und blauen Kappenmützen, sitzen und ßchnuppern mit tiefen Atemzügen in die halbsommer liehe Luift. Bei Wegfurchen ipurzeln sie durcheinander, ärgern sich über den Morast, vier die Pferde ermüdet und die Reisezeit, verlängert,- und streiten sich über die Qualitäten der Rabbiner in den verschlafenen Dörfern, die dann und wann hinter den Feldern auftauchen. Die Kuchenpäckchen der Mütter und ein bißchen Bettzeug haiben sie zum' Kutscher unters Stroh geschoben, manchmal greift einer danach, verteilt und knabbert. Um die Minohahzeit steigen sie ab, herunter ins Feld und beten. Gegen Abend dann, schon dicht vor dem Hügel, auf den sie von allen Strahlenrichtungen her zugestrebt hahen, treffen die Fuhren einander. In breiter Reihe, eine hinter der anderen, holpern sie eine krumme Chausse hinauf. Dann halten sie. Auf dem Marktplatz des Hügels, zwischen ein paar Holzhäusergassen, die als Ganzes Telsch heißen. Die Jungens klettern von den Wagen und recken die gemarterten, zerschütterten Glieder. Nichts Besonderes ist an diesem Vorgang. Jeden Sonntag nach Pessach steigen Dutzende junger Rekruten des lieben Gottes, ausgehoben und angemustert von keiner anderen Macht als der des jüdischen Geistes, am Telsoher Marktplatz ab und stellen sich fürs Sommerhalbjahr ihrem Dienst. Das ist seit je so. Was den Vorgang gerade in dieser Woche bemerkenswert macht, ist allein, daß er sich jetzt genau zum hundertsten Mal ereignet. Ich weiß, ich könnte das kürzer und prägnanter sagen. Ich brauchte nur zu schreiben: „Die Jeschiwah von Telsch begeht an diesem Pessach ihren fünfzigsten Grund ungstag", und es könnte sich dann jeder selbst ausrechnen, daß heute also zum hundertsten Male dort Schüler sich dem Semesterbeginn stellen und daß jetzt wohl zum sechsundzwanzigsten Male zu Telsch der Talmud von vorne begonnen wird. Aber mir scheint, wenn ich es so, rein rapportmäßig, berichtete, machte sich niemand eine rechte Vorstellung davon, was das heißt: fünfzig Jahre Telsch, Natürlich, ich könnte es erklären und hinzufügen: Tausende unserer besten Thoragelehrten, unzählige Rabbiner und Schriftsteller sind in Telsch erzogen worden, und Telscher Geist ist so noch in die abgelegensten und eigenherrüohsten Gebiete jüdischen Lebens aller Länder der Diaspora gedrungen. Aber ich fürchte, auch wenn ich es 00 sagte, würde ich diesem Jubiläum nicht gerecht Es muß, glaube ich, von den hundert Fuhren und nicht von historischen Daten und geschichtsphilosophischen Phrasen die Rede sein, wenn man von Telsch spricht. Es muß die Rede sein Vom Heroismus vpn hundert - Fuhren junger Menschen, vor denen der Rundbau des Lebens weit offen steht und die von allen seinen Toren nur das der Thora wählen. Hundert Fuhren initelli-i genter junger Menschen, die auswandern könnten, wo-< hin sie wollen, lernen was sie wollten, Zukünfte er«t träumen, Gefühle austoben, Herzensgüter verschenken und erwerben, Häuser bauen, Existenzen gründen, Karrieren beschreiten, ihren Familien helfen, ihre; Läden vergrößern--hundert Fuhren junger Men« sehen aus kleinbürgerlichen Stuben, aus Verhältnissen der Enge verzichten auf all das und fahren in diö Jeschiwah. Richtig, es ist nicht bei allen der eigene Eni* schluß allein gewesen, die Eltern haben sie geschickti Richtig,' dieser Idealismus wurde - aufgeboten für eine Sache, die Logikern sinnlos erscheinen kann. Aber am Heroismus der Absage an eine ganze Welt, die im Faktum dieser hundert Fuhren liegt, ändert das nichts« Gesetzt selbst, die Kinder wären hür widerwillig, von ihren Eltern gezwungen, in die Jeschiwah gegangen —, bei welchem Volk, in welchem Land des Welt gibt es noch einmal solche Eltern, eine Masse, eiiw faches kleines Volk, das sich von allem Besitztrieb fortn wendet und mit grandioser Selbstverständlichkeit die; Zukunft der eigenen Kinder für die Zukunft einer Idee opfert? Man wird eine solche Masse, solche Eltern nirgends finden. Gäbe es sie, hätte ein anderes Volk; fünfzigjährigen Geburtstag einer Jeschiwah zu feiern —, es wäre ein selbstbewußtes, auf die Opferbereit» schaft der anonymen kleinen Leute hochtrabend stolzes Nationalfest geworden, von dem die Welt widergehallt hätte. Und unsere Literaturvereine, unsere Zeitungen hätten es sich dann bestimmt nicht nehmen lassen, des langen und breiten über jenes Jubiläum des Geistes „... und wir Juden" zu sprechen. So aber, weil es unser eigenes, nur jüdisches Fest ist, bleibt es ungefeiert, unbeachtet. Niemand macht sich bei uns die Mühe, auszumalen, wieviel* Idealismus in unseren Jeschiwoth wohnt, was es heißt, wenn jedes Jahr Hunderte von Kindern, älter geworden, der Entscheiduugsgewalt ihrer Eltern entwachsen, aus eigenem Entschluß nach Telsch fahren, und das nicht aus verträumter Frömmelei, nicht in mönchischer Entsagung, sondern als wache, alle Wirklichkeiten wirklich nehmende Menschen. Niemand nimmt sich die Mühe, darüber nachzudenken, wie sie es eigentlich anstellen, daß sie Tag um Tag in der Jeschiwah sitzen, lernen und wissen, daß sie hier nichts „e rlernen" werden, sich keinen Posten und keine Zukunft erarbeiten können, sehen, daß um sie herum junge % ^jtkm'Xuem^ Vu/titf moÖjm^M^odmü> Aefomjl?