Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 242 (6.5.1932)
- Date
- 1932-05-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen Jahrgang 6 tieitaq, den 6* Mai 1932 Nr. 242 V.b. b. m Universitätsbibliothek Wien. I. R EVU E BEZUOSBEDINOUNGEN: Oesterreich mouatHch S 1.50, vierteljährig S4.20. ganzjährig S 16.—; Poleni monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Ztoty«.-; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.-; Jngoslawlen mqnatJfch Dinar 14.-, vierteljahrig Dinar 40.-; Ramlnlen monatlich Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.-; Deutschend monatlich Mark1.-, vierteljährig M Lewa 120.-; Italien monatlich Lire 5.-, vierteljährig Lire 14.-; Schweiz und die übrl {Ihrig Schweizer Francs 4.50 Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig gen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. viertel» HERAUSGEBER. ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, üniversitStsstr. 6-8, Tel. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag 11 M at Große Herzl-Gedenkfeier Mittwoch, den 11. Mai 1932, halb 9 Uhr abends, im Festsaal des Hotel Continental GEDENKREDE: Dr. DAVID ROTHBLUM Künstlerischer Teil: JOSE? SCHILDKRAUT (Rezitation) :: Prol. Julius* Wotfaohn Bariton H. S. Urstein Jüdischer Gesangs verein Karten von 60 g bis S 4.— im Sekretariat und in der Administration der „Neuen Welt", II., Untere Augartenstraße 38, Tel. A-45 6-34, Paula Stricker, II, Hollandstraße 10, Tel. A-48-1-89 ^^^^^^^«■^■■■■■■■■■■■■■»■■■MnanMBHBIHMMHHB Dem Palästuia*ParIanient entgegen Vom Londoner Berichterstatter der „Neuen Welt" Der Zionismus der „Near East" — Süße Perspektiven — Ein Fall, in dem Herr Brodetzky von seinen literarischen Fähigkeiten keinen Gebrauch macht — Verhandlungen Wauchope — Die „geräuschlöse" Kur der Exekutive — „Davar" droht der Opposition mit einem neuerlichen Pogrom — Was in Palästina vor sich geht — Der gut gesinnte „Forscher" und der liberale Verwalter Was soll dies aber letzten Endes Dr. H. R., London, 30. April 1932. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir uns in Palästina mit riesigen Schritten der Realisierung der Passfieldschen Idee eines gesetzgebenden Rates nähern. Die diesbezüglichen Berichte sowohl der gut informierten „New York Times" als der „Vossischen Zeitung'1 entsprechen leider vollkommen den Tatsachen. Jedem denkenden Menschen wird ohneweiters klar sein, daß unter den gegebenen Umständen ein gesetzgebcndei Rat gleichbedeutend ist mit. arabischer Selbstherrschati und diese ist. wiederum .das Synonym für eine letztgültige Einwanderungssperre Palästinas und für die 'arabische. 'Fe4eratiun.-- ^tTd'.'ist die Ursache,,^warum diejenigen Kreise, welche die Idee des gesetzgebenden Rates lancieren,»mit dem Versuch begonnen haben, die öffent-' liehe Meinung für, die Guillotinierung der weiteren jiidi-' sehen Palästina-Wanderung und . die arabische Federation zu gewinnen. Es ist fast überflüssig zu betonen, daß an der Spitze dieser jüdischfeindiiehen Propaganda die offiziöse „Near, East and I n d i a" marschiert. Hier sind zwei aufs Geratewohl herausgegriffene Stellen: „Die natürliche Vermehrung der arabischen Bevölkerung beträgt ungefähr 25.000 Seelen jährlich, so daß es jedem Dürchschnittsbeobachter klar ist, daß die wissenschaftliche Entwicklung der palästinensischen Landwirtschaft schon ganz legendäre Formen annehmen müßte, wollte man zu diesen 25.000 noch irgend eine beträchtliche Zahl jüdischer Einwanderer hinzufügen. Dies ist keine politische, sondern eine wirtschaftliche oder, besser, eine praktische Frage. Der Zionismus befindet sich gegenwärtig in einem Umformungsprozeß, weil er, ohne es offen einzugestehen, begriffen hat, daß die politischen Ambitionen der zionistischen Bewegung aufgegeben werden müßten, und zwar nicht infolge der angeblich feindlichen Haltung der Mandatarmacht, sondern einfach infolge des Druckes der rasch anwachsenden arabischen Bevölkerung. Auf welche Weise die britische Politik , mit , der Stellung der Jewish Agency unter solchen Umständen zu einer Verständigung gelangen kann, können wir nicht beurteilen. Es müßte auf jeden Fall ein neues und permanentes Programm gefunden werden. Denn nur eine Politik, die auf den bestehenden Realitäten fußen wird, kann auf Erfolg rechnen." („Near East and India" vom 17. März 1932.) Es gäbe somit keine ernstliche Möglichkeit für die Einleitung einer-Politik, die eine beachtenswerte jüdische Einwanderung nach Palästina zur Grundlage haben soll. Und weiter: ' . »Seit der Einführung des Mandatssystems ist eine grundsätzliche - Aehderung der Situation zu vermerken... Es sind unter den Arabern Ideen zur Geltung gelangt, die die Inkorporierung-ins britische Reich ausschließen... Es ist ganz »begreiflich,-daß die Gründung eines großen arabischen Bundes ein Dorn in Auge denjenigen sein ,;rriuß; deren einziges Interesse in Westasien die Gründung: eines '„Jüdische^rNatiönaUieims": ist;? dies, bedeutetaber keineswegs, daß letzteres: (das Jüdische Nationalheim. Dr.;H. R.) irgend' eine reale Bedeutung haben könnte. Wir glauben,* daß . esjetzt nur .vereinzelte Leute gibt, die allen Ernstes mit einer jüdischen Majorität in Palästina, rechnen. Solche Phantasien sind nunmehr den Revisionisten überlassen worden. (Gegen d i e s e-Aeußerung des; offiziösen Blattes, des Kolönialamtes hat der sonst so.- dementilustige Brodetzky unseres Wissens keine Protest-, briefe weder, in die „Near. East" noch in die „Times".; geschickt... Dr. H. R.) Allgemein, wird von einer Vei\ ständigung mit den Arabern auf Grund der sogenannten I Parität gesprochen bedeuten? Glauben vielleicht die Zionisten, daß sie da durch die Blicke der Araber vom arabischen Hinterland, von deren Brüdern in Irak, Syrien, Transjordanien und den Hijaz-Najd abwenden werden? . . . Schwer zu glauben Das jüdische Nationalheim wird, sollte man daran überhaupt festhalten, auf der Grundlage der .'.Verständigung mit den Arabern gebaut sein müssen, was eine eventuelle Verständigung mit den verschiedenen arabischen Regierungen beinhaltet." („Near East and Indie" vom 24. März 1932.) Daß diese „Verständigungspolitik^ die die Nullifizierung des Zionismus zur Voraussetzung hat, keine bloße Theorie ist,;zeigen die Verhältnisse in -Palästina und die Verwaltungshiaßregeln des.'; neuen Ober^ommiss^rs.. Die arabische Zeitung ,,E1 Ächräm" teilt „aus einer hochoffiziösen arabischen Quelle" mit, daß „der gesetzgebende Rat kürzlich in Palästina zur Wirklichkeit werden wird". Eine ähnliche Meldung ist gleichzeitig im wohlunterrichteten arabischen „Feiestin" erschienen. Dies zeigt uns, in welcher Fläche sich die Unterhaltungen Wauchopes mit den arabischen Führern bewegen. Gleichzeitig erfahren wir aüs einer ausgezeichneten Londoner Quelle, daß der Oberkommissär auf Wunsch der Londoner Zentralstellen die Frage des gesetzgebenden Rates auch mit Herrn Arlosoroff bereits b e s p r o c h ein habe. Es ist infolgedessen eine bewußte Irreführung der öffentlichen Meinung, wenn die Londoner Exekutive erklären läßt, daß ihr angeblich über diesbezügliche Pläne und Absichten des Oberkommissärs „nichts bekannt" sei. („Zeit" vom 5. April.) Natürlich ist die Londoner Exekutive über die betreffende Diskussion Wauchope-Arlosoroff auf dem laufenden. Sie weiß, daß Wauchope den Gedanken des gesetzgebenden Rates ernst in Erwägung zieht. Auch ist sie sich darüber im klaren, daß Arlosoroffs Reise nach dem Amman keineswegs den bloßen Zweck hatte, dem hochwohlgeborenen Herrn Abdullah „Good bye" zu sagen... Außerdem: Wie kann der. Exekutive die Aktualität des gefährlichen Parlamentskomplexes' „unbekannt" sein', wenn sogar die „Jüdische Rundschau" die Tatsache diesbezüglicher englisch-zionistischer Verhandlungen zugegeben hatte? Wenn Arlosoroff über diese Verhandlungen vor einem Monat der Assefat Hanifcharim berichtete? Wenn kein anderer als Brodetzky auf seiner jetzigen Palästina-Reise einem Jpurnalisten. in Aegypten gesagt hat, daß „im Laufe der nächsten zwei bis drei Monate die Regierung wichtige Beschlüsse betreffs der politischen Lage in Palästina fassen wird"? („.Hasith Haam" vom 25. März 1932.) Wenn gleichzeitig Sokolpw in Amerika von der alsbald stattzufindenden jüdisch-arabischen Verständigung spricht? (Aus einem Eigenbericht der „Chwila", Nr. 4610.) Wenn sogar die uns so freundliche „Near East"'(vom 21. April) ihre Zufriedenheit zu den Vorschlägen der Jewish Agency bezüglich einer jüdisch-arabischen Kooperation geäußert hat?... Was kann unter solchen Umständen das beruhigende Dementi der Londoner Exekutive bedeuten? Nur eines: Sie fürchtet, daß die. letztens eingesetzte unverschleierte Berichterstattung der; großen Presseüber die wahre Situation in Palästina den Juden Angst einjagen ■ und das feine Gewebe der „Verständigung" zerreißen werde. Die bisher bekannt gewordenen Aeußerungen-der Exekutivmitglieder über die politischen Ver- - Alle im redaktionellen - Teil befindlicher, entgelt». liehen Notizen s*nd durch ein beigefügtes E bezeichnet HerzhNummer der //Neuen Well" Zur Ehrung des Andenkens an den verstorbenen Führer Theodor Herzl -wird die nächste Nummer unseres Blattes interessante Originalbeiträge enthalten, die ' ein Stück zionistischer Zeitgeschichte widerspiegeln. Aus dem Inhalt heben wir hervort Theodor Herzls Tagebuch-Aufzeichnung, betreffend die Verwertung des Marmorek-Heilserums zur Finanzierung der zionistischen Organisation, in Faksimile. Die neuentdeckten Tagebuchblätter Theodor Herzls aus der vorzionistischen Periode 1882/87. Der erste Brief Theodor Herzls an. die englischen Zionisten aus dem Jahre 1898, textlich begleitet von Dr. Tulo Nüssenblatt. Herzl und Vambery, von Ludwig B a t o. Ueber die letzten Jahre des großen Mitstreiters Max Nordau, von Prof. Yahuda. Diese und andere Originnlbeiträge werden* durch einen Aufsatz eingeleitet, der Herzls seelischintime Haltung zum Befreiungswerk des jüdischen Volkes zeichnet. * Der Preis dieser . Nummer (35 g) bleibt unverändert. Vorausbesteli imgeji bei der Administration, Wien, IL, Untere Augartenstraße 38. ,.handlungen waren überaus peinlich redigiert: ihr Ziel war, die Juden, durch'„verständnisvolle, geräuschlose Kuc** /^l^e*mSrk*t in das Parlamentsuetz hineinlangsam und zuspielen. Das. Aktionskomitee, dessen Einberufung auffallenderweise immer wieder verschoben wird, sollte bereits fertige Tatsachen vorfinden. Nun kam aber plötzlich die Presse dazwischen und begann unverhüllt und brutal vom kommenden Parlament in Palästina zu sprechen. Dies brachte die Gefahr, die mühselige Arbeit der Exekutive auf den Kopf zu stellen. Deshalb das nervöse Dementi, das natürlich nichts an den Tatsachen zu ändern vermag. Und wenn der „D a w a r", der im Dienste der Verzichtskreise steht, zu seinem alten Mittel greift und den politischen Kampfton des amerikanischen Zionismus wiederum, wie zur Zeit Basels, mit Pogromdrohungen begegnet („Ist Ihnen das Jahr 1929 und die darauffolgenden Ereignisse noch immer nicht genug?" „Dawar" vom 25. März 1932), sp zeigt da» bloß, daß die zionistische Liquidation alle Anstalten trifft, um die Opposition gegen die etwaigen konstitutionellen Veränderungen in Palästina von vornherein kaltzustellen und die auf dem Rücken des Zionismus gebaut« „Verständigung" ungestört zu Ende zu führen. Den aus guter palästinensischer Quellp einlaufenden Informationen gemäß soll L. French in seinem ersten Bericht die zionistische Tätigkeit in Palästina als ein „unmoralisches Uunterfangen" charakterisiert haben. Die Jewish Agency sei gegenwärtig bemüht, die Veröffentlichung dieses Berichtes zu verhindern, aber der Oberkommissär (von dessen Judenfreundlichkeit so viel erzählt wurde) schenke diesen Bemühungen keine Aufmerksamkeit. Er rät den Juden, ihre Hoffnungen nun auf den zweiten Bericht des Herrn French zu übertragen, der angeblich den Eindruck des ersten Berichtes abschwächen werde... Es wird ferner mitgeteilt, daß der erste Bericht von French, der durchaus im Geiste des Passfieldschen Weißbuches gehalten ist, gegenwärtig von einem stilistischen Fachmann umgeschrieben wird: Dieser soll den Auftrag erhalten haben, die Ideen von French unangetastet in etwas freundlichere Ausdrücke zu kleiden, denn der Brief MacDonalds an Weizmann habe gezeigt, daß die jüdische Masse gerne die bitterste Pille schluckt, wenn diese vorher in Zucker getaucht wird. Der Bericht selbst werde aber einen Inhalt haben, der einen gesetzgebenden Rat mit einer „englisch-jüdischen Majorität*' den Zionisten als „Rettung" erscheinen lassen wird. Die Juden würden nach Veröffentlichung des Berichtes um diese Rettung geradezu flehen. Darin ist der Schlüssel für die Tätigkeit unserer Freunde zu suchen: des uns so gut gesinnten „Forschers" French und des so liberalen und den Juden' zugeneigten Verwalters Wauchöpe.