Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 241 (29.4.1932)
- Date
- 1932-04-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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185 TS«. Universitätsbibliothek Wien. 1. Preis 35 Groschen lahrgang 6 freitags den 29« April 1932 Nr« 241 V.b. b. REV U E BEZUOSBEDINQUNOEN: Oesterreich monatlich S l^SO, vierteljährig S4.20. ganzjährig S16.-; Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.-; 1 Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vlertetjährjg Kc 13.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rumänien monatlich Lei 40;-, vierteljährig Lei 120.—,* Oetrtsehlaod monatlich Mark 1.-, vierteljährig Mark 3.-: Bnlftarien monatlich Lewa 40.-, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.5a viertel« jährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGE B E R ROß ERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. (f-tf, Jet. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Ein Sieg des Anti* §enn'ti§imi§ In Wien: 75 Prozent der Polizei und 40 Prozent des Bnndesheeres unterm Hakenkreuz Am 24. April haben die Nationalsozialisten in Deutschland und in Oesterreich gewaltige Erfolge er rungen. Die Parole vom Kampf gegen das Judentum bis aufs Messer hat sich als überaus mächtig erwiesen. Wie mächtig das antisemitische Schlagwort die Massen anzieht, hat im österreichischen Wahlkampf viel deutlicheren Ausdruck gefunden als im reichsdeutschen. Die reichsdeiltschen Nationalsozialisten haben, von der Judenfrage abgesehen, mit wirtschaftlichen und politischen Forderungen gearbeitet. Verweigerung weiterer Zahlung von Kriegsentschädigungen, Wiedergewinnung ehemaligen Reichsgebietes, Wiedererlangung > der Kolonien, Ausbau der Wehrmacht, Wiederauf rieh cung des großen Deutschen Reiches in seiner alten, mächtigen Form. In Oesterreich von alldem keine Spur. Kriegsentschädigungen . werden nicht gezahlt, spielen daher keine Rolle. Staatsgefühl, Patriotismus in'politischem Sinne ist nicht vorhanden. Wiederaufrichtüng des alten Oesterreich, seiner Wehrmacht und seiner Weltstelluhg werden von niemandem gefordert. Die Idee von der -Vereinigung Oesterreichs mit Deutschland istkein unterscheidendeb Merkmal. Sie wird .von der' Sozialdemokratischen" Partei Oesterreichs zumindest so nachdrücklich vertratet) .;wie von den Hakenkreuzlern. Im österreichischen Walrlk/ampf hat die Judenfrage den' Ausschlag gegeben. -Ejergroße Erfolg der . Nationalsozialisten in öe^erfetcrl. ist" ein reiner Erfolg ':d'es/'ä.-n ti.sem^i tis.c'freh '.PV<i'g;'ramm^..';:* •. ,>' ::.: 4. . .: ■ . . ■■■ . Die Gefährlichkeit, der Lajje der Juden in Oesterreich, ist durch den Umstand charakterisiert, daß fast a 11 e; B e a m ten d e r s t aa t.l i c Ii e nBehörderi das Hitlersche Programm des blutrünstigen Antisemitismus voll und ganz akzeptiert haben. In der Provinz hat die Beamtenschaft in ihrer.Gesamtheit, in Wien haben nachweislich 75 Prozent.aller Polizisten und über 40 Prozent aller " Bundessaidaten nationalsozialistisch gewählt.. .Da» heißt: der jüdische Bürger, der seih Recht sucht, Schutz für Leben, .Ehre und Eigentum, sieht, sein Schicksal von Menschen bestimmt, die von der Nichtswürdigkeit und Gefährlichkeit.der Juden zutiefst überzeugt sind und die Austilguiig aller. Juden mit a 11 e n und auch den barbarischesten Mitteln herbeisehnen. Wohin muß das führen?« Einen Vorgeschmack haben die österreichischen Juden bereits zu verspüren bekommen. Am Tage nach der Wähl wurden an der Wiener technischen Hochschule jüdische Studenten blutiggeschlagen, gezwungen, bloßfüßig zu tanzen, jüdische Hörerinnen über, das Pflaster und die Treppen geschleift, eine „judenreine Woche" proklamiert. Polizei war nicht da und die Vertreter der Hochschulbehörden, vom Pedell bis zum Dekan, lächelten freundlich... . J ' ' . '.' Von welcher der österreichischen Parteien haben die Juden Hilfe' zu erwarten? Außer der nationalsozialistischen sind nur zwei von Bedeutung: die christlichsoziale und die sozialdemokratische.- In der christlichsozialen Partei, welche viele Mandate an die National-' Sozialisten abgeben.mußte, herrscht schon'seit langem die Meinung, daß die mäßige' Haltung der Partei in der Judenfrage ihr schwer geschadet habe. Man hat sich von den Hakenkreuzlern den antisemitischen Wind aus den' Segelnnehmen lassen. Außerdem hat der Umstand, daß die Juden fast.'geschlössen für die Sozialdemokratie.eingetreten sind, •den1 Zorn gegen' sie/ hervorgerufen. Noch zwei Tage - vor der Wahl rief der Führer Kunschak in einer Versammlung: „'Jetzt, 'da'die Juden auf. eine eigene Liste; yer-^ •ziehtet; haben, ist'. es! klar, '.daß sie samt: und sonders für den Umsturz und gegen das Christentum, sind!"- Es. wäre töricht, zuübersehen, daß' der rchristlichsoziale . Kurs fortab ein-scharf ^antisemitischer sejn.wird. Man-wird auf den Kurs der Neiiniigerjahre; auf' den . Kurs der Schneider, Gregorig',''Vergani: usw. zurückkommen. ,' ■ * .'i Und die Sozialdemokraten?" Es ist ausgeschlossen^ daß sich diese Partei für die Juden exponiert. Sie,ist keine Jiidenschutztmppe und .kann'keine sein. Sie kann um .jüdische Stimmen 'werben, und; dafür, heimlicherweise, einer beschränkten'Zähl von, Juden-Vorteile zuschanzen. Sie kann die Juden nicht gegen Dritte schützen, sie kann sie nur dulden, und auch nur; bis zu einer gewissen Grenze. Als nach dem Kriege in Oesterreich der Sturm gegen die Ostjuden anhub, heulten die Sozialdemokraten mit den Wölfen. Jetzt heulen die Wölfe gegen , alle Juden. Die Sozialdemokraten werden sich ihnen nicht entgegenwerfen. Der Umstand, daß die österreichische Sozialdemokratie auch jüdische Führer hat, macht die Sache noch fataler. Diese jüdischen Führer sind es ihrer" Stellung schuldig, jede „jüdische" Politik' noch entschiedener abzulehnen als ihre. Kollegen. # Die österreichischen Juden müssen sich zur Selbsthilfe entschließen. Nach all den Enttäuschungen, nach all den mißlungenen Versuchen, unter fremdnationalem, unter liberalem oder sozialdemokratischem Aushangschild Schutz^ zu suchen, bleibt nur der Weg zum Selbstschutz, zum politischen Zusammenschluß auf jüdischer Grundlage. Immer und immer wieder hat die Gruppe der auf nationale, politische Gegenwartsarbeit . eingestellten Zionisten den Ruf zur Sammlung aller jüdischen,' Kräfte in einer jüdischj politischen Organisation erhoben. Der Ruf ertönt wieder.! Vielleicht wird er in dieser Stunde höchster Gefahr end- ( lieh Gehör finden! r. st. Jüdische Volkspartei Mittwoch, den 4. Mal 1932, Uhr abends/im Herzl-Saal des Verbands« httimf, II., Untere Augartenstraße 38 Versammlung Gegenstand: Nach den Wahlen Referenten* Hans Kandl, Dr. Bukspan u.a. Regiebeitrag 20 g Freie Aussprache! Jüdische Volkspartei Oesterreichs! An die jüdischen Mit immer zwingenderer Notwendigkeit tritt -an die Judenheit Oesterreichs die ■ Frage heran, wie sie ihre Zukunft in diesem Lande ^gest^lten will. Seit langem befindet sich die österreichische 'Judenheit in' einer Lage, die deutlich. das Bijd ihtijerer^^^paltüng, und äußerer" IWacht-' Iösigkeit zeigt. Die ö^ste^reichii^che |ndenheit bat/es* nicht ..^ir^tanden, -w^ ^v 'v ihren wirklichen Bedürfnissen pplitischei% wirtschafte;! lieber, sozialer ündvjku,ltureller Natur Rechnung zu tragen und durch organisatorischen Zusammenschluß nach außen einheitlich aufzutreten. Fremde, nichtjüdische Bestrebungen konnten es so zum Spielball parteipolitischer Interessen machen und dadurch alle auf sich selbst bedachten, nur jüdischen Zwecken dienenden Tendenzen im, Keim ersticken. Wir leben in einer Zeit beispielloser wirtschaftlicher Verelendung der österreichischen Judenheit, der schärfsten, unerbittlichsten Angriffe auf garantierte Rechte, auf Leben und Ehre jedes einzelnen Juden. Die jüngsten Wahlen in den Wiener Gemeinderat konnten wieder einmal die traurige Lage der Juden in Wien und Oesterreich in krassester Form beleuchten: auf der einen Seite die zynische Haltung der angeblich nichtantisemitischen Sozialdemokratie, die unter Betonung der Pogromgefahr seitens der anderen, durch ein frivoles Ausschroten dieser Pogromgefahr auf ihren Plakatsäulen die jüdischen Stimmen für sich erzwang; auf der anderen Seite das deutschlandähnliche . Anschwellen der Hakenkreuzpartei, die zum erstenmal in Wien*mit 15 ihrer, hetzerischen Vertreter an der Verwaltung der Hauptstadt teilnehmen wird. Unter Terror, wirtschaftlichem und administrativem Druck geübte Entjudung und Zwang zu persönlicher Würdelosigkeit, Bedrohung an Leben und Existenz — in diesem Zeichen fristet das jüdische Volk in Oesterreich sein Dasein. Nationale und ökonomische Entwurzelung droht von beiden Seiten; Im jüdischen Bereich selbst, in seinen öffentlichen und privaten Körperschaften herrscht Ziellosigkeit, Desinteressement, Prinzipienlosigkeit und Kleinmütigkeit. Die Zukunft der 200.000 Wiener Juden wird kleinlicher Hauspolitik zum Opfer gebracht. Die jüdische Gemeinde, berufen, die legale Vertreterin des jüdischen Volksgenossen! Volkstums vor Stadt und Staat, der Regulator des jüdischen Volkslebens zu sein und unsere Rechte zu gewährleisten '/und zu verteidigfen —• die judische. Gemeinde isi.ein Körper geworden, dessen lebenswicht^t^rF.unktio'nen erstarrt sind. Sie hat es , ^ciip^y^^n^ftn, sich dem gewaltsamen Prozeß der JEntju^dung und V ' '.! Diesem Zustand soll ein ende bereitet werden. Die Juden pesteBSf4f^^^ ein Faktor werden, der geeignet ist, sein Geschick, im Rahmen des österreichischen Staates, selbst zu gestalten. Das jüdische Volk in Oesterreich soll nicht willenlos Objekt, sondern Subjekt in allen Fragen seines Lebens werden, in Politik, Wirtschaft, Kultur und Erziehung der Jugend, soll selbst entscheiden, was seinem Wesen frommt. r Schluß mit der würdelosen Gefolgschaft, mit der Ziellosigkeit, Prinzipienlosigkeit, mit; dem Äljesüber-sich-ergeheri-Lassen, mit der schmählichen Rolle als Stimmvieh, das von nichtjüdischen oder entjudeten Führern unter Drohungen und für fremde Zwecke zur Urne getrieben wird! Eine Schar von Frauen und Männern, denen Gegenwart und Zukunft des jüdischen Volkes in Oesterreich am Herzen liegt, hat die Organisierung der jüdischen Massen Oesterreichs in die Wege geleitet: Die Jüdische Volksp'artei! Die Jüdische Volkspartei wird auf demokratischer Grundlage alle jüdischen Kräfte dieses Landes mobilisieren, um dem Verfall und der Zersetzung Halt zu gebieten und dem Willen nach einheitlicher Führung und einheitlichem Ziel zum Durchbruch zu verhelfen. Es darf nicht mehr vorkommen, daß man über das jüdische Volk in Oesterreich zur Tagesordnung übergehen kann! JÜDISCHE VOLKSGENOSSEN! TRETET DER „JÜDISCHEN VOLKSPARTEI" BEI! Für die „Jüdische Volkspartei": Oberbaurat Robert. Stricker, Hans Kandl, Dr. David Bukspan, P. Wühl. Anmeldungen und Anfragen: Jüdisches Verbandsheim, Wien, II., Untere Augartenstraße 38. Große Palästma*Debatte im englischen Parlament Wedgwoods Anklage gegen die Palästina-Ver-' Haltung — Scharfes Rededuell Wedgwood und Admiral Taylor ~ Kolonienniinister Cunliffe-Lister ■, greift ein London, 22. April. (J,' T. Ä.); Am Freitag, den; 22. April, kam es im englischen Unterhaus aus Anlaß'der^ Abstimmung über das K o 1 o n i e n b u d g e t zu ein«1 etwa zweistündigen Aussprache über das P a 1 ä s t i n a- Problem. Der bekannte zionistenfreundliche Arbeiterdeputierte Colonel Josiah Wedgwood gab eine ein- Aile im redaktionellen Teil befindlicher« entgeh* liehen Notizen s'nd durch ein beigefügtes E bezeichnet gehende Darstellung der Lage in Palästina und der Position der englischen Beamtenschaft in diesem Lande. Das ,. Vorgehen der englischen Beamten in Palästina,' sag}* er, stoße nicht allein die-Juden ab, sondern au'cih alle «M e n s c h e n, d i e F r e i h e i t u n d G e r e c h t i g k e i t c lieben. Die englischen Beamten hemmen das jüdische v Autbauwerk und ' enttäuschen > das jüdische Volk immer;mehr.\ Dabei verstehen es die.Beamten nicht einmal, für; Ordnung zu sorgen und den Gesetzen Respekt zu verschaffen.. Als im Herbst 1929 der große, Aufruhr in ^Palästina ausbrach, der sich gegen die Juden und das jüdische' Werk richtete, da versagte die Polizei; 'diese;u n z u v e r 1 ä s s i g e P o1i z e i ist heute noch in Palästina, Bei diesen Worten Wedgwoods sprang Admiral Taylor auf und, forderte von Wedgwood, daß er Be-