Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 234 (11.3.1932)
- Date
- 1932-03-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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gelte 6 gefragt, wie sich die Uebernahme der Ehrenmitgliedschaft einer radauantisemitischen Vereinigung durch den Kriegsminister mit der vom Innenminister Pieracki am 8. Februar im Sejm abgegebenen Erklärung, daß die Regierung jeden Versuch, Konflikte zwischen den Nationalitäten hervorzurufen, streng ahnden wird, verträgt. In der Interpellation wird erwähnt, daß der im November v. J. stattgefundene Kongreß dieser Jugend- Legion von keinem Geringeren als dem Premier Sla vek begrüßt worden ist. Die Annahme der Ehrenmitgliedschaft dieser Legion durch den Marschall Pilsudski, heißt es zum Schlüsse der Interpellation, könnte im Auslande als Sanktionierung des antisemitischen Programms dieser Legion durch den Marschall verstanden werden. * Der neue Lemberger Stadtpräsident und frühere Vizewojwode Drojanowski hat den bisher von der Stadtgemeinde Lemberg für das Armenwesen der jüdischen Gemeinde geleisteten Zuschuß in Höhe von jährlich 50.000 Zloty gestrichen, ungeachtet dessen, daß die Juden in Lemberg 35 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Eine Intervention des Präsidenten der jüdischen Gemeinde, Sejmdeputierten Jäger, gegen diese Maßnahme blieb ohne Erfolg. Zum Protest gab Deputierter Jäger seine Dein i s s i o n als Präsident der Kultusgemeinde. Präsident Jäger gehört im Parlament der Regierungspartei an. * Nach einer zwei Tage dauernden Aussprache nahm der polnische Sejm das besonders von den Deputierten des Jüdischen Klubs scharf bekämpfte Gesetz über Refarmierung des Mittel- und Privatschulwesens an. Vor der.. Abstimmung gaben Dr. S o m m e r s t e i n und G r.ünhaum,Erklärungen ab. '.. Dr. Sommerstein führte aus: An den staatlichen Mittelschulen existiert für jüdische Schüler eine Art Numerus clausus, darum besuchen drei Viertel der jüdischen Jugend private Schulen, die ausschließlich aiis Mitteln der jüdischen Bevölkerung erhalten werden. In Warschau, wo etwa 400.000 Juden leben, besuchen kaum 100 jüdische Schüler die Staatsmittelschulen. Die also für die jüdische Bevölkerung unentbehrlich gewordenen Privat-, Mittel- und Volksschulen werden durch das heue .Gesetz sehr schwer betroffen. Das gleiche gilt für die Fachschulen. Zu den staatlichen Fachschulen hat die jüdische Jugend keinen Zutritt. Den jüdischen Privat-Fachschulen aber werden Konzessionen nicht erteilt. .Dies, stört die Aktion der Berufsumschichtung der jüdischen Bevölkerung außerordentlich. Kann es die Regierung nicht begreifen, daß durch solche Sabotage der jüdischen Arbeit der polnische Staat geschädigt wird, da das Schicksal einer wirtschaftlich erschütterten, drei Millionen starken jüdischen Bevölkerung in Polen döeh schließlich den Staat selbst erschüttern muß. Zahlreiche jüdische junge Leute inPolen—sind* schon* jetzt gezwungen, an ausländischen Universitäten zu studieren, da man sie an .polnischen Universitäten zurückweist. Das neue' Schulgesetz bringt eine weitere Erschwerung in Form eines maskierten Numerus clausus, indem es für den -Eintritt' in die Hochschulen. Sonderprüfungen vorschreibt, wobei' der Schikanierung jüdischer Prüfungskandicjate»' Tür und Tor geöffnet werden. ......Abg.; Grünbaum wies darauf hin, daß das neue Schulgesetz: die Existenz der jüdischen Lehrerseminare untergräbt; die .jüdischen. Schulen bleiben ohne qualifiziertet Lehrernachwuchs. Aus Ungarn Iii dem Prozeß gegen den Oberleutnant Ladislaus V an nä y wegen'Teilnahme an der Vorbereitung des Rechtsputsches, der vor dem Militärgericht stattfindet;^-, der Prozeß gegen die übrigen Teilnehmer wird vpr dem Zivilgericht folgen — sagte der aus dem Gefängnis, vorgeführte Mitbeschuldigte Arpad Raad aus, es sei wohl „int Prinzip" besprochen worden, daß „wir 5 0 0 f et t e. J udenauf der General wiese hinrichten vyollen", aber das alles war Phantasie, der ganze Plän war unsinnig, undurchführbar. ' Es folgte'die Einvernahme des Werkführers Franz G y u I a i'-'Äjf ol n a r, der gleichfalls Angeklagter des Desperadoputsches ist Er war es bekanntlich, der seinerzeit in Gemeinschaft mit dem Angeklagten Vannay den j ü di s c h e n Abgeordneten und ehemaligen Justizminister Wilhelm V a z s o n y i. auf offener Straße überfallen hat. Als Motiv zum Putsch gab . er an, daß die Patrioten nicht weiter zusehen konnten, wie das Land unter der B ürokratie, den Juden und den Freimaurern leide. Wir sind nicht, sagte, er, Feinde, von Gömbös (dem jetzigen Heeresminister); er steht uns am nächsten, denn er ist ein Rassenschützler, der seinen ,Pri»zipien auch als Minister treu geblieben ist. Der Fechtmeister Franz Toth, der die Seele des Putschversuches war, sagte aus, Vannay habe wohl von einem Bombenanschlag gegen die Synagogegesprochen, doch waren diese Reden nur darauf angelegt. Stimmung zu machen. Auch sonst versuchte Toth,die-ga,nze Angelegenheit des Putsche« als Bagatelle hinzustellen, ,, ■ .. iyach<Jem die Verhandlung für längere Zeit unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattgefunden hatte, wurden am i, Marz weitere Mitbeschuldigte als Zeugen öffentlich vernommen. Es kam dabei zur Sprache, d«fi manche Mitglieder des Geheimbundes „Tu- DIE NEUE WELT_ HDD (Pessach) in Bad Gastein Kurhotel Bristol : Nr. m Promotion Dienstag, den 8. d. M., um 12 Uhr mittags, fand im Festsaal der Wiener Universität die feierliche Promotion des Frl. Lilly Lipsker, Tochter des Herrn Heinrich Lipsker, Direktor des Ufa-Ton-Kinos, zum Doktor der Philosophie statt. Anläßlich der Promotion des Frl. Lilly Lipsker zum Doktor der Philosophie gratuliert herzlichst Samuel Bloch, Wien. ■II Aller Komfort, Thermalbäder im Hause III ^ßlge Preise III Anmeldungen bis 25. März erbeten r a n i s c h e Jäger" erklärten, sie würden es „den, Juden heimzahlen", wenn sie zur Macht kämen. Der Zeuge Zoltan Erdelyi, der an den Putschberatungen teilnahm, sagte aus: Bei den Zusammenkünften hielt Berky blutrünstige Reden. Er sagte, die Juden würden auf die Generalwiese zusammengetrieben, „dann folge unsere Ernte". Die Maschinengewehre würden aufgestellt werden, und wenn die Juden innerhalb einer Stunde nicht eine Milliarde hergäben, würden sie, über den Haufen geschossen werden. Gyulai-Molnar brüstete sich auch mit seinen „Mannen", auf die er sich stütze. Der Zeuge und Mitbeschuldigte Georg Piroska hat auch in der Csongrader Bombenaffäre eine Rolle gespielt. Er war angeklagt gewesen, mit einigen Mitverschworenen ein Lokal, in dem der Csongrader jüdische Frauenverein eine Festlichkeit ver-, anstaltete, überfallen und mehrere an dem Feste teilnehmende jüdische Männer und Frauen er-; Schossen zu haben. Sein Freispruch erregte seinerzeit peinlichstes Aufsehen. Eine Kommission zur Ueberprüfung der „Fremden44- Ausweisungen in England London, 8. März. Der Innenminister Sir Herbert Samuel hat ein Komitee zur Ueberprüfung der Fälle von Ausweisungen von Ausländern aus England eingesetzt, dem Colonel 1°. D. Samuel, Direktor der Bankfirma M. Samuel & Co. und Schatzmeister des Jewish Board of Guardians (Jüdische Armenbehörde), ferner der frühere Chefsekretär der Palästina-Regierung Sir Wyndham De e des u. a. in. angehören. Sir Herbert Samuel hat damit eine a 1 t,e Fo rderung des Jewish Board of Deputies erfüllt, der sich wiederholt bei der Regierung darüber beschwert hat, daß viele jüdische Ausländer, oft ' Familienoberhäupter, die seit Jahrzehnten in England, leben, wegen ganz geringfügiger Vergehen des Landesv verwiesen werden, ohne daß ihnen die Chance gegeben wird, gegen das. erstrichterliche Urteil appellieren zu können. AUS PALÄSTINA. Tagung der Jüdi§dien Nationalversammlung Palästinas Unzufriedenheit der Linken in England — Arlosorolfs Expose — Wichtige revisionistische Resolutionen angenommen — Der Jischuv einig I - Die zweite Vollversammlung der Assefath Haniwcharim (Jüdische Nationalversammlung Palästinas) wurde am 29. Februar in Tel-Awiw mit einer großen Rede des Vorsitzenden der Versammlung Ben .Zwi eröffnet, m der dieser die Organisation der jüdischen Gemeinden im Rahmen der Knesseth Jisrael, eingehend besprach, sich dann der Erörterung der britischen Politik in Palästina zuwandte und feststellte, daß die im Brief des Premierministers MacDonald an (,Dr. Weizmann gegebenen Versprechungen nicht erfüllt wurden. Ben Zw» gedachte der jüdischen Opfer , der arabischen Schießerei in Jad Jur und der auf einer Wandertour getöteten Heinrich Stahl und Frl. Zohar-Goldstein. Er beglückwünschte den Leiter des Jüdischen Nationalfonds M. M. Ussischkin zu seiner 50jährigen Arbeit in der zioni> stischen Bewegung. Die Versammlung bereitete Ussischkin. eine begeisterte Ovation. Ben Zwi verlas zum Schluß eine vom High Commissioner General Sir Arthur Wauchope gesandte Botschaft, in der dieser die Versammlung begrüßt. Das Mitglied der Zionistischen Exekutive und Führer des Misrachi H. Farbstein, der soeben in Palästina eingetroffen ist, richtete an den Jischuw in Palästina den Appell, alles zu tun, um die Hindernisse, die den polnischen Juden bei ihrer Einwanderurig, in Palästina begegnen, aus dem Wege zu räumen. 1; Es folgten Ansprachen vom Bürgermeister ' von-: Tel-Awiw Mayer Dizengoff und vom sephardischen; Oberrabbiner Rabbi Jacob M e i r, sowie Referate von Rabbi Ostrowski über die Gemeindetätigkeit und von Henriette Szold über die Arbeit des Departements für soziale Fürsorge. In der Abendsitzung hielt der Leiter der zionistischen Exekutive in Palästina, Dr. Chaim Arlosoroff, ein zweistündiges Referat über die politische Lage des Zionismus. Er warf der Regierung vor, daß sie gegenüber dem jüdischen Jischuw eine Art Non-cooperation zvir Anwendung bringt. Die in dem Brief des Premierministers MacDonald an Dr. Weizmann angekündigte Politik werde nicht durchgeführt,' die Einwanderung von Juden werde in einer Weise beschränkt, daß sie' einer Einwanderungssperre gleichkommt. Der Bericht des Landentwicklungsdirektors Lewis F r e n c h, von dem der Jewish Agency eine Abschrift bisher nicht gegeben worden ist, werde sich äußerst ungünstig auswirken. Dennoch seien bessere Beziehungen und eine engere Zusammenarbeit mit der britischen Administration in Palästina unentwegt anzustreben; auch sei ein modus vivendi für eine Zusammenarbeit mit den gemäßigten Arabern anzustreben. An die Rede Arlosoroffs knüpfte sich eine eingehende Aussprache. Die Sprecher de« Revisionisten fragten, was der Jischuw tue, damit die He brät? ehe Universität in Jerusalem den Stempel des nationalen Geistes trage.. Nach einer Sitzung, die die ganze Nacht dauerte, wurde in Tel-Awiw die zweite Session der Assefath Haniwcharim (Nationalversammlung) geschlossen. In dieser Sitzung wurden alle Parteidifferenzen zurückgestellt und das Projekt des legislativen Rats (Parlament) und die Vorschläge betreffs einer arabischjüdischen Round-Table-Konferenz durchbesprochen. Die revisionistische Fraktion, die 16 Mitglieder zählt und die zweitstärkste Gruppe in der Assefath Haniwcharim darstellt, hat unter diesen Umständen beschlossen, in den Waad Leumi (Nationalrat) einzutreten. Im Zusammenhang damit wurde die Zusammenstellung des Waad Leumi, an dem sich die Revisionisten bisher nicht beteiligten, geändert. Im neuen Waad Leumi sitzen jetzt 10 Arbeiterparteiler, 5 Revisionisten, 2 Allgemeine Zionisten, 2 Misracbistein, 2 Sephardim, 1 Ycmenit und 1 Frauenvertreterin. Bezüglich des Legislativen Rats (Parlament) wurde die Resolution, die in der vorjährigen Tagung angenommen wurde, beschlossen. Die Resolution wiederholt den Beschluß des Waad Leumi vom Oktober 1930, welcher besagt, daß der Jischuv eine parlamentarische Institution, die die Entwicklung des jüdischen Nationalheims zu. unterbinden bestimmt ist, weder anerkennen u o c Ii sich an ihr beteiligen wird. Diaue Resolution wurde noch dahin ergänzt, daß „die gegenwärtige politische Lage keinerlei Anlaß gibt, die heutige Stellungnahme zu ändern, im Gegenteil, noch fester in ihr zu verharren". Die revisionistischen R-esoIutionen- (Dr. Weinstein)" gegen die Vorschläge betreffs einer Round-Täble- Konferenz gegen - die panislamische Konferenz und gegen die arabische Föderation wurde ebenso angenommen wie die Resolution der Allgemeinen Zionisten (Dr. Mossinsohn) gegen das Projekt, Palästina in jüdische und arabische Kantone einzuteilen. Die Assefath Haniwcharim nahm ferner, einstimmig die Resolution betreffs des L a n d e n w i c k 1 u n g splans für Palästina an, worin gesagt wird, daß die palästinensische Judenheit jedem Plan entgegentreten wird, der die Interessen der jüdischen Entwicklung ignorieren und die jüdische Einwanderung, sowie den Jüdischen Bodenkauf begrenzen sollte. Beduinen-Vandalismus in Palästina Zehn Beduinen wurden unter, der Beschuldigung, den das Besitztum des kanadischen Juden .4 .«.eher Pierce in der Nähe von Tel Mond umgebenden Zaun niedergerissen, die jüdischen Arbeiter, die dort beschäftigt waren, belästigt und auf dem Anwesen Zelte errichtet zu haben, verhaftet Auch die den ungarischen Juden Mauthner und Varahy gel.ür^jden Böden wurden von Beduinen widerrechtlich betreten. Auf dem dem K e r e n K a j e in e t h gehörenden Boden in der Haifabucht wurden von bisher, unbekannte» Tätern 80 0 Eukalyptusbä ume heraus--»,:ssi;ii. Spuren der Täter führten in das Dorf Shafrarni. Die palästinensischen Obstzüchter fördern Zollfreiheit für Palästinafrüchte Das aus Francois Gelat, Shukri Effendi Tuzi, Mohammed Effendi, Abdul Rahoum, Kenyon, Rokach, Rabinowitsch und Riklis bestehende Komitee palästinensischer Obstzücht er, das - die gemeinsamen Interessen aller jüdischen und arabischen Züchter vertritt, sandte an die großen Londoner .Tageszeitungen telegraphische Appelle, dahin zu wirken, daß Palästina als britisches Mandatsterritorium der Vergünstigung djer Einbeziehung in das Imperial Preference Scheine und damit der Befreiung von Importzöllen für, in England eingeführte Waren teilhaftig werde. , Die Citrusfruchtzüchter (Orangenzüchter) Palästinas befürchten, daß der Gitrus-Export von Palästina nach England unter den Einfuhrzöllen außerordentlich zu leiden haben wird. Unter den arabischen wie unter den jüdischen Obstzüchtern macht sich . steigende Empörung darüber bemerkbar, daß Palästina-Waren in Großbritannien zollpflichtig sind und daß somit Palästina nur die Nachteile der Zugehörigkeit zum British Empire zu spüren hat, ohne aus dieser Zugehörigkeit auch Vorteile zu genießen. ,