Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 233 (4.3.1932)
- Date
- 1932-03-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2711613-2711843-2711854--3009-2716343- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 233 DIE NEUE WELT &ft*f Anfrage über die Lage der Juden in Rumänien im englischen! Parlament In der Sitzung des englischen Unter-' hauses richtete Colone 1 Josiah Wedgwood an den Außenminister die Frage, ob ihm seitens des britischen Gesandten in Bukarest Informationen über* antisemitische Ausschreitungen in Moldavia in der Nähe von Jassy zugegangen sind und ob' er von der für die jüdische Minderheit in Rumänien* wachsenden Gefahr Kenntnis habe. An Stelle des Außenministers Sir John Simon antwortete der Unterstaatsjsekretär im Außenministerium Captain Eden. Der Gesandte Seiner Majestät in Bukarest, sagte er, ist ersucht worden, zu berichten, was sich dort ereignet habe und ob irgendeine Entwicklung nach der angedeuteten Art festzustellen ist. Der Desperado-Putsch in Ungarn vor Gericht Vor dem Budapester Militär gerichtshof begann der Prozeß gegen den einzigen militärischen Angeklagten des Desperado-Putsches; Oberleutnant Ladislaus Vannay. Der Prozeß gegen die Zivilangeklagten wird später folgen. Die Putschaktion hatte bekanntlich auch antisemitisches Gepräge:1 es war geplant worden, Juden, bei denen Geld vermutet werden konnte, als Geiseln zu nehmen und sie nur gegen hohes Lösegeld freizugeben. Auch waren Judenmorde und ein Anschlag auf die Hauptsynagoge in Budapest geplant. Der Angeklagte Vannay war einer der beiden Desperados, die seinerzeit den Führer der ungarischen Juden und früheren Justizminister Abgeordneten Dr. Wilhelm Vazsonyi auf dem Wege zum Abgeordnetenhaus überfallen und schwer mißhandelt haben. Vazsonyi starb kurz darauf an den Folgen der erlittenen Aufregung. Vannay wurde wegen leichter Körperverletzung zu 100 Pengö bedingt verurteilt. Kurz darauf trat er in das Heer ein und wurde zum Oberleutnant befördert. Vor Gericht erklärte er, daß Feldmarschalleutnant Rajcs ihn protegierte und daß das Verhältnis zwischen ihm und Rajcs so warm gewesen war wie zwischen Vater und Sohh. Vartnay suchte sich darauf hinauszureden, daß der Putsch nur zur Abwehr des Kommunismus arrangiert worden war, gibt aber zu, daß aus den Pütschführerh bereits ein Ministerium gebildet worden war. Die Frage des Verhandlungsleiters, ob in den Beratungen der Putschführer''darüber gesprochen wurde, daß man eine große Panik, erregen müsse, und ob nicht , von einer gewissen „Müllkiste" vor der Synagoge die Riede war, beantwortete Vannay mit Ja. Das hebräische Buch im Wandel der Zeilen Von der Handschrift sunt Buchdruck — Der jüdische Kampf gegen das hebräische Buch Seine Zukunft Von Ludwig Bato Eine furchtbare seelische und wirtschaftliche Krise lähmt die Tatkraft der Judenheit und das hebräische Buch, das vor wenigen Jahren aus den Wirren des Galuth die FluchtnachPalästina ergriffen hatte, um sich dort eine feste Burg zu bauen, muß in erster Linie daranglauben. Es hat fast den Anschein, als ob sich das jüdische Volk von seinem Schrifttum abwenden und auf seinen Ehrentitel, den ihm die Araber in alter Zeit durch die Benennung „Volk des Buches" verliehen haben, verzichten wollte. Das hebräische Buch hat im Laufe der vieltausendjährigen Geschichte des jüdischen Volkes schon verschiedene Krisen; erlitten und »sieghaft überdauert Solange das hebräische Buch nur in der Gestalt von Handschriften in die Öffentlichkeit trat, waren seiner Verbreitung natürliche Grenzen gesetzt. Es bildete gewissermaßen Eigentum einer bevorzugten Klasse, Volksgut wurde es erst nach der Erfindung der Bachdruckerkunst. Und in der Tat bedeutet Meister Gutenbergs Handwerk nicht nur für die mensch-, liehe Kultur im allgemeinen, sondern auch für die Geschichte der hebräischen Kultur den Beginn einer neuen Epoche. Mit einer für das Mittelalter geradezu verblüffenden Geschwindigkeit verbreitet sich die Buchdruckerkunst über ganz Europa, begegnet aber nicht überall offenen Armen. Vor allem verhält sich die Kirche,.der die neue Erfindung durchaus nicht angenehm ist, weil ihr vor der Aufklärung des Volkes bangt, kühl ablehnend. Aber nicht nur sie, auch die vornehmen Humanistenkreise in Italien, die damals ganze Heere von Kopisten beschäftigen, blicken mit scheelen Augen auf die ersten gedruckten Werke. Nicht als ob sie vor dem Volkstümlichwerden des Buches. Angst hätten, nein: sie verachten das Gedruckte als etwas Plebejisches, dessen jeder habhaft werden könne, und halten fest an den feinen, kalligraphierten Codices, den Schätzen der Auserwählten. Und moeh ein Feind ersteht der neuen Kunst: der Islam. Seine Machtgestalt, die Türkei, geht in ihrer Abneigung, die sich aus Furdht vor Neuerungen und vor der Entweihung des Korans durch Drucklegung nährt, so weit, daß in erster Zeit das Druckgewerbe bei Todesstrafe verboten ist. Die Ideengänge der Kirche, die Eifersucht der Humanisten und die Kulturfeindlichkeit des Islams sind dem jüdischen Wesen fremd. Das buchliebende Volk der Juden, dem man im Laufe der letzten Jahrhunderte des Mittelalters tausende und abertausende wertvolle Bücher handschriftengeraubt hatte, um sie in Flammen aufgehen zu lassen, und das nun seine Folianten als seltene Kostbarkeiten seiner geistigen Heimat hütet, begrüßt sofort mit' Begeisterung den Glücksfall, fürderhin die Dokumente des Judentums in zahllosen Kopien vervielfältigen zu können. Die Juden begreifen sofort die umwälzende Bedeutung des gedruckten hebräischen Buches fUr das zerstreute Volk. Diese Freude gibt sich in verschiedenen Hymnen kund, die zu Ehren der neuen Kunst im jüdischen Lager angestimmt werden. So heißt es in einem zeitgenössischen hebräischen Gedicht von ihr: .Die Krone bin ich aller Wissenschaft, Geheimnisvoll, ein Wunder, rätselhaft. Die Schrift erzeug' ich ohne Stiel und Schaft, Die Zeilen reihe ich, daß auch keine klafft, Das Buch vollend* ich ohne Schreibers Kraft. Deborah, die des Schreibers Griffel noch begafft, Hätt' staunend sich emporgerafft Und sich aus mir ein glänzend Diadem verschafft.44 1475, also neunzehn Jahre nach dem Erscheinen der Gutenberg-Bihel und z eh n Jahre nach Drucklegung des ersten Buches in Italien, überhaupt, verläßt in R e g g i o. d i, C a 1 a b.r i a — in einer Gegend, v^o es jetzt schon seit Jahrhunderten keine Juden mehr gibt — das erste heb.rfische Buch die Druckerpresse: der bis zum heutigen. Tage so volkstümliche Bibelkommentar Raschis. Gleichzeitig erscheint am entgegengesetzten Ende Italiens, in P i e v e. bei Padua, der rabbinische Gesetzeskodex „Ar bau T u ri m" in ,Druck. Das dem Volke teuerste JBuch, die B.i b.e 1 selbst, wird *im hebräischen Qewande^erst nach weiteren dreizehn . Jahren im. lömlwdisqheifeiSoncino gedruckt! . , Ungefähr gleichzeitig - entstehen hebräische; Offizinen auch auf der spanischen Halbinsel» denen b^ld ähnliche Einrichtungen — wenn vorläufig auch nur unterirdisch — in der T ü r k e i folgen. An der Herstellung1 dieser Bücher sind vom Korrektor bis zum Setzer ausschließlich Juden beschäftigt. Ihre Tätigkeit wird hochgeschätzt und,-ähulich dem Dienste im Tempel von Jerusalem, als „heilige Arbeit" bezeichnet. Die Zahl der hebräischen Wiegendrucke oder Inkunabeln,- der Drucke, die vor dem Jahre 1500 die Presse verließen,, .wird heute schon mit 170 beziffert. Es ist natürlich kein Zufall, daß die ersten hebräischen Buchdruckereien in Italien, dem Lande 'der Künste und des Humanismus, entstehen. Die Erzeuginisse dieser Offizinen legen Zeugnis davon ab, daß die Juden regen Anteil an den Kulturbestrebungen ihrer Zejt nahmen und daß die Renaissance großen Eindruck auf sie machte, wobei sie allerdings auch ihrerseits diese Bewegung beinfhlßten. Die berühmte jüdische Buchdruck e r fa m ilie Soncino in Italien stellte prachtvoll gedruckte hebräische Bücher, Leckerbissen für Bibliophile, in ihren Offizinen her. Ihr Erbe trat Daniel Bömberg; ein christlicher Edelmann aus Flandern, an, der am Anfang des t6. Jahrhunderts in Venedig eine große hebräische Buchdruckerei einrichtete, in der er in wenigen jähren Bücher im Werte von vier Millionen Gulden drucken^'ließ und zweihundert jüdisch e Setzer beschäftigte. Die Erzeugnisse seiner Offizin sind heute noch unerreicht an Schönheit und Präzision. )k, Nach und nach entsteht eine fast unübersehbare Reihe von hebräischen Druckereien in allen Teilen der Diaspora. Bezeichnend ist allerdings, daß in Deutschland, wo die Buchdruokerkunst erfunden wurde, erst nach 1500. die ersten hebräischen Offizinen entstehen. Allerdings wurden die ersten hebräischen Drücke in Italien meistenteils von deutschen Juden hergestellt. Mit dem Uebergang der Hegemonie im jüdischen Leben auf die deutschen und polnischen Juden verlegt auch der hebräische Buchdruck seihen Sitz immer mehr nach dem Norden und. Osten. Diese geographische Verschiebung vermag aber den Siegeslauf des hebräischen Buches durchaus nicht einzuengen. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war der jüdische Mensch ohne hebräisches Buch undenkbar. Israel lebte in und mit seinem Buche. * Der völksfremden und assimilationssüchtigen Reform des 19. Jahrhunderts war es vorbehalten, in diese Ideologie die erste Bresche zu legen. Die deutschen Reformrabbiner waren sich urchaus im klaren über die Bedeutung des Hebräischen für die Erhaltung des von ihnen zum Untergang verdammten jüdischen Volkstums und liefen Sturm gegen Israels alte Sprache. MimmnwmrnffltMtmwfHwmtmiwtWffflmtmtmirm^ rtimtmiMrtiih"iimMHMtM»MWiiimmmMim<tmtmm»iiwt.^ ........ siegh. kornMehl GROSSFLEISCMHAUEREi /entriß: IX..'Bör^c*. ']<•). [V. A-17-V-r' ». A-)h-S>-34 i e t -e f a tt ' ii i H e > Abteilungen für a n s t a i t e n -Fleisch unter Autsicht des Lhrwürdijjcii Kabb nat* <Her Isr Kultusgemeinde Wien Autozustellung ko«tenlof IX. Barggasse 15 ✓ XVill., Währinfl«r*tiv97 ü niitnintnmiiiN itfmnmmnmmimiiniitMtMniumtitirii Auf derFrankfurterRabbinerversammlung 1845 kam ein wichtiger Antrag zur Behandlung, der da lautete: „Allmähliche Beseitigung der hebräischen Sprache aus dem Gottesdienst und dem Religionsunterricht". Der Führer der Reformbewegung, Abraham G«iger, äußerte sich dahin, daß die jüdische Religion keineswegs der Krücke des.Hebräischen bedürfe und daß ihm der Versuch, den Glauben von der Sprache abhängig zu machen, geradezu als eine Blasphemie erscheine. „Wenn die hebräische Sprache", meinte er, „als wesentliches Moment des Judentums aufgestellt würde, würde üeses als eine natiortaleReligion dargestellt werden, da eine besondere Sprache ein charakteristisches Moment eines gesonderten Volkslebens ist; die notwendige Verknüpfung des Judentums mit einer gesonderten Nationalität wird aber sicherlich von keinem der Mitglieder dieser Versammlung behauptet." Nein, die Herren Mitglieder der Versammlung hatten dies wirklich und wahrhaftig nicht behauptet und Verneinten mit 15 gegen 13 Stimmen die objektive Notwendigkeit dpr hebräischen Sprache. Diese „Mehrheit" genügte den Radikalen, um über die Sprache Jesaias und der Psalmisten, Salomo ibn Gabirols und Jehuda Halevis, welche die zerrissene Judenheit Jahrtausende hindurch zusammengehalten und in welcher unsere Vorfahren Jahrtausende hindurch ihr Leiden vor Gott geklagt und ihre Hoffnungen ausgedrückt, um über diese Sprache zur Tagesordnung überzugehen, urteilt der Historiker Simon Bernfeld über diesen Vorstoß gegen das Hebräische. Geiger änderte auch später nicht sein. Verhältnis zum Hebräischen. Viele Jahre später stellt er noch mit gewisser Genugtuung fest, daß die hebräische Sprache allmählich in V e r g e s s cn h e i t gerate. Die Klage hierüber, meint er, nütze iiidht und keine Beschwerde ■werde gegen'das Urteil der'Geschichte durchdringen. An einer änderen Stelle betont er ausdrücklich, daß er der rdni¥ri'ti"sche(i'Liö'b'e ^tir' hebräischeh Sprache, wie sie bei einigen jüdischen Schriftstellern zum Ausdruck komme, durchaus nicht zustimme. Aber diese Autoren, fügt er hinzu, haben eben keine Gelegenheit gehabt, andere Sprachen zu erleinen, welcher „Ue beistand" jedoch vön Tag zu Tag abnehme.? Die hebräischfeindliche Haltung Geigers ist wohl nicht im Prinzip, aber um so mehr in der Praxis im tägliehen Leben der Juden des Westens durchgedrungen, wodurch der Bestand des hebräischen Schrifttums in grbße Gefahr geraden ist, Wie, für die Freiheitsbewegung des jüdischen Volkes,, so hat auch nun für das hebräische Blich die Schicksalsstunde geschlagen. Es liegt jetzt an Israel, zu beweisen, daß seine Kraft noch ungebrochen und es noch imstande ist, seine Freiheit, sein Land und seine Sprache wieder zu erobern. Dann wird das dem hebräischen Buche gegnerisch gesinnte 19. Jahrhundert eine vorübergehende Episode in seiner Kulturgeschichte gewesen sein! Samstag, den 5 März 1932, um 8 Uht abends im Kammorkonzertsaal, i. Beziik, Sin^er&traße 16 einziges Konzert J. Segal'Rosenbach Tenor PROGRAMM: Palästinensische 'hebräische, jemenitl-. sehe, arab'sohe), ostiüdiscne (jiddische), italienische Lieder und Volkslieder Populäre Eintrittspreise heater, Kunfit un Hiiiiiliiiiiiiiiiüliiiiiiiiiii! Literatur Gastspiel Paul Baratow J. D. Berkowics; „Moschke Chaser* Die „Jüdischen Künstlerspiele" nennen jetzt Berkowics* vielgespicltes Schauspiel, wohl um den Originaltitel mundgerechter au machen, „Der A bt r ü n n i ge". ■ Nach Tollers „Hinkemann" wieder ein Judenstück, ein Ausschnitt aus dem Schicksal des Galuthjudentums, und fürwahr kein uncharakteristischer. Berkowics' mehr im Epischen lebendiges Talent hat einer volkstümlichen Idee literarischen Atem eingeblasen und die Aufführung hat ihn wieder ins Völkhafte zurückgeführt. Daß Paul Baratow verhaltenes und jäh hervorbrechendes Leid in singulärer Art darstellen kann, konnte er hier wieder bestätigen. Dazu kam diesmal noch ein gutes Stück Regiearbeit, die alle dynumischeu Möglichkeiten des Dialogs und der Szene ausnützte. So' kam eine Aufführung zustande, die an die guten Zeiten des jüdischen Theaters erinnert. Neben Paul Baratow gefielen diesmal insbesondere die Damen Meiseis, Schlifkowitz, Weinberg und die Herren Preis,