Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 6 (1932)
- Issue
- Heft 225 (8.1.1932)
- Date
- 1932-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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187 m UMver.Uatsb^eU Wien. Preis 35 Groschen Jahrgang^ Piefcag, «ton «. Mim« t#t« Mr. MS V.b. b, BEZU0SBED1NQUNGEN: Oesterreich monatlich S 1Ä>. viertel ährlg S4.20. ganzjährig S16.-; Polen monatlich Zloty2.-, vierteljahrig Zloty 6.- - - - - - — - -........... - oslawlen monatlich'Dinar 14.—. viertel ährig Dinar 40.-: Rumänien monatlich -" ' " latllch Lewa 40.-, vlerteltthri Schweizer Francs 1.50; vierte: R- II II ' Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc 15.^; Jugoslawien monat^ HBJ II ■ ■ H| Lei 40.-* vierteljährig Lei 120.-; ÖeltscblW monatlich •1^2 V Lewa ,20,""! ,ta"en ™onat,,chLir* 8,~»vlerieljUirlg Lire 14.-; Schweiz nnd die übrigen Länder monatlich Schw Jährig Schweizer Francis 4.50 t HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätssir. 6-8, Tel. B-48-504 — Erscheint jeden Freitag!■! Hl in i 11........ii.........' ..... ■■ - -------r ■ i i wmmmmimiimmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm ■■ ■ i................. ■ i i —— Zur Tragödie in der Familie Herd (Seite 4) De? jüdi'sdt?persi'§die Abgeordnete Chaim hingerichtet Für sein Jüdisches Volk gestorben! Ein Zionist, ein vom Geiste Theodor Herzls beseelter Mann ist vor seinen König, einen asiatischen Despoten, hingetreten, und hat Recht für sein: jüdisches Volk gefordert! Der Zorn des von Henkern „umgebenen Despoten vermochte: den Heldenmut des Juden nicht zu brechen. ' : Die Jüdische Telegrapberiagentur meldet aus der"Hauptstadt Pe'rsiens, aus Teheran, daß; dort vor einigen Tagen der Vertreter der Judenschäft lm~ persischen Parlament S c h m u e 1 J e c h:e s k e 1 Ch a i rn hingerichtet wurde:;.: ■ - '.' ' . *. •' '.'', iNach der persischen Verfassung wählen die 60,000 Judendes Landes in einer besonderen Kurie ej n,e.^ deputierten in das .P^rfftrheflit.. Sie entsandten .Scfonuel Jecheskel Cha^,.^)Aen Zionisten, einen ^mutigen .und intelligenten ,-M&nn. Chaim würde'auf Grundier Besehuldigüng^ in eine Ver- ,clas L eben d^s SAh'afc^iyer^ '^p^ltt-f . iu'*' stfaii ^'mv'T' o^VVy^ry u.r.t£e;i lt. Unter den - Juden. Persiensglaubt nie- ^ind|,-4aß ."diese Anklage" ge^en-Chaim irgendwie |d^üijd[et j-^a-r»; män^gjaubtvielmehr, . , daß Chaim ein: Opfer seines jugendlichen Tempernments und seines aufrechten und mutigen ppjreiejjs für .die[ Rechte und Interessen der :; persischen' Juden, das gewissen persischenBehörden unbequem war, geworden ist. . 1 Als Deputierter Schmuel Jecheskel Chaim verhaftet wurde, war er-35'Jahre alt, zur Zeit seiner Hinrichtung hatte er das 40. Lebensjahr erreicht. Er stammt aus Kerm anschah in der Nähe - der Irak-Grenze. Er besuchte in der Jugend die Schulen der Alliance; Israelite' Universelle, arbeitete während des' Krieges im- Büro der englischen Vertretung in Persien und kam, als die englischen Streitkräfte Persien verließen, nach Teheran, wo er sich, im öffentlichen lieben außerordentlich hervortat. Er leitete eine energische Kampagne für Neuorganisation der jü d ischen Gern einden, 4er. Schulkomitees und der Hilfskomitees ein und wurde einer der F ü h r e r der Zionistischen. Organisation. Die Jüdenhäit Persiens entsandte ihn als ihren Vertreter in das Parlament, nachdem sie ihren früheren Parlamentsvertreter Doktor Loghmän wegenseines Versagens in der •Verfechtung der Interessen der jüdischen Bevölkerung aus dem Parlament zurückgezogen hatte/ Deputierter Schmuel Jecheskel Chaim wurde im,Mai 1926 verhaftet,.kurz darauf aus. der Haft entlassen, aber : im Oktober 1926 neuerdings, verhaftet ' und, * ungeachtet der von der Z i o n i s t ischen. E £ e k ü t i v e wiederholt zu seinen Gunsten unternommenen Interventionen, bis zu s ein, er Hinrichtung u n u nt er brochen g e f a ri g e n g eh a 11 e n. Die Zionistische Exekutive hatte Chaim im Mai 1926 auf Vorschlag der Zionisten Teherans zu ihrem. Vertreter in Persien in der Angelegenheit der . Ä u s w a n d e r u n g persischer" Juden nach Palästina ernannt. Als Chaim im Oktober '1926 zum zweiten Male in Haft genommen wurde, hieß es, die Polizei hätte Beweise in der, Hand, daß Chaim mit in eine Verschwörung verwickelt sei, die die Beseitigung des Schahs, des Kronprinzen, hoher O f f i ziere und einiger M i, t g 1 i e der des Parlaments, ferner die Bildung einer neuen Regierung zum Ziele hatte. Die Polizei erklärte, die Verschwörung sei so gut organisiert gewesen, daß sie, wäre sie nicht rechtzeitig aufgedeckt worden, Erfolg gehabt hätte. Persisch-jüdische Persönlichkeiten erklärten demgegenüber, daß Chaim, mit dem-sie ständig in Berührung gestanden hatten/zwar ein leidenschaftlicher Politiker sei und als Jude ständig gegen die Verfolgung der jüdischen Bürger durch die Behörden protestiert hatte, daß er auch ein aktiver Zionist sei, daß er aber nichts mit irgend einer politischen Verschwörung zu tun gehabt habeti konnte. Qffcn wurde erklärt, daß' die Regierung nur darum Chaim aus dem Wege räumen iwolle, weil er allzu un er sehr o ckcin d ie In t ere ssen de r verfolgten Juden vertritt. Kürz nach der Verhaftung Chaims verbreitete sich das' Gejücht, daß er K i n g e r i c h t,e t worden ist. Das. Gerücht stellte: sigh^.als .u',n'r^.C:h-i;i'g'-'heraus. Diei Ziomstie'Ä sich' um die Freilassung Chaims uu^ der i persischen 'Regierung. düröh, ' den;' englisc^h Konsul den Vorschlag» 'Chaim zu erlauben,; n a c h Palastina a u s z u w a n d e r n. .Alle diese1 Bemühungen waren erfolglos. . . Im Verlaufs dieser Verhandlungen.:wurde von autoritativer persischer . Seite erklärt, Chaims wirkliches1 Vergehen.war nicht Teilnahme an einer .Verschwörung, sondern die Absendung eines Briefes an den Völkerbund, in dem er sich, als Mitglied des persischen Parlaments, bitter über die Behandlung der Juden in Persien beschwerte- Der V ö 1 k e r b und hatte auf diesen Briff hin eine Anfrage an die p e r s i s ch e Re- BEILÄGE (Seile 6> FÜR DEUTSCHLAND Bei gidif fedien Schmerzen/ Nerven* und Kopfschmerzen sowie b. Schlaflosigkeit wirkt Togal rasch u. sicher. Togal-Tabletten lösen die schädl. Bestandteile im Blut und führen eine bald; Linderung u.vollständ. Genesung herbei. Fragen Sie Ihren Arzt. In all. Apoth. S 2.40. g i e r u n'g gerichtet, woraufhin der S c h a h .den jüdischen Deputierten zu sich kommen ließ und ihn aufforderte, dem, Völkerbund mitzuteilen, daß hinsichtlich der Behandlung der Juden durch die persischen Behörden alles wieder ..in Ordnung se i. Deputierter Chaim erklärte, sich bereit, ein solches Schreiben nach folgenden Beding u.n g en abzusenden: Erstens solle der die Juden unterdrückende Polizeichef entlassen werden, zweiten? solle mit der Unterdrückung der Juden in Persien wirklich ein Ende gemacht werden. De,r, Schah ger.iet über diese. Forderungen in Zorn,; um so mehr als der von Chaim an- . gegriffene Polizeichef ein naher v V ei'wandter - - vohfihm ist/Chaim wuMe sofort verhaftet un4 v/egen Ver^^^ol^^ den Schab zum Tode verurteilt. Nach der Verhaftung von Schmuel Jecbesjk^ Chaim im Jahre 1926 schrieb ein prominenter persischer Jude über die Lage der Juden in Persien folgendes: „Unterdrüc k't, v e r f o 1 g t, v e ra'ch tet sind die persischen Juden in ihrem eigenen Lande, vergessen sind sie auch von dept jüdipehen Gemeinschaften in der Welt. Niemand kennt sie, keiner fragt, nach ihnen, sie selbst haben weder Kraft noch Energie mehr, irgendwas zum eigenen Besten zu unternehmen. Die persisehe Judenheit ist ein abgestandenes Gewässer i m j ü.d i s c b e n L e b e n g e w o r d e ri'* Engii§dier Brief Selbstverleugnung und Gleichberechtigung Von Dr. H. Rosenblum, London. Vor kurzem schrieb ein lettländischer Nationalist — also auch ein Antisemit;—s einen längeren Artikel, in dem er zu erklären .versuchte, weshalb die englisch e n Jude n würdig sind, Ministerstellen in ihrem Lande einzunehmen, doch die lettländischen' Juden eine solche Ehre nicht verdienen, ruhig sitzen und aus dem englischen Beispiel keine „Konsequenzen" ziehen sollen. Die englischen Juden — so:! führte der lettländische Patriot aus — sind brave Leute-und treten nicht überall mit ihrem Judentum hervor. Sie reden die Landessprache und sind innerlich mit England ^b verwächs'enii daß kein Grund vorhanden sei, sie nicht ans Ruder' zu lassen. Dagegen seien die lettländischen — wie überhaupt alle osteuropäischen Juden --rr „wenig zivilisiert",, d. h. enger verbunden mit der jiddischen Sprache und der. jüdischen Welt, uud sehftn es ungern, wenn ihnen in der Politik oder im Wirtschaftsleben ein Unrecht zugefügt wird. Menschen, die sich so „unpatriotisch" benehmen, müßte man, vom Regieijungsruder fernhalten. Also sprach der lettländische Za.rathustra... Deutsche Droschkenkutscher, die,im Kriege;durch .Zufall Millionäre wurden, werden „Raffkes" genannt, da . sie trotz ihres Reichtums meist dieselben groben Flegel bleiben;;die/' sie früher waren. Der lettländische Patriot; ist. ein Beweis dafür, daß es nicht nur finanzielle, sondern auch politische „Raffkes" gibt... Wenn bei einem 'Volke wie die Letten, die noch gestern mit Leidenschaft für ihre lettische Sprache urid lettische Nationalität Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen s>nd durch eiD beigefügtes E bezeichnet kämpften, ein Journalist aufstehen und uns Juden „be* schuldigen" kann, daß wiT uns allzu sehr um unsere jüdische Sprache und jüdische nationale Freiheit bemühen, so ist dies ein Zeichen dafür, daß nicht, nur die finanziellen, sondern auch die national-politischen. Kriegsgewinner ein grobes Fell haben. Dies nur nebenbei. Im Grunde hat aber die L a g e d e r e n g 1 i s c h e n J u d e n mit ihrer Sprache und ihrem angeblich kühlen Verhalten jüdischen Interessen gegenüber gar nichts zu tun. In. welchem Zusammenhang ■ stehen denn jiddische Sprache und jüdisches Gefühl zu Gleichberechtigung und Toleranz überhaupt? Der Dreyfus-Prozeß brachte seinerzeit die französischen Juden an den Rand der Verzweiflung, obwohl sie wunderschön Französisch und nur Französisch sprachen und, seit Napoleon, mit Judentura- und Judaismus weder eine Verbindung hatten, noch zu haben wünschten. Statt Ministerportefeuilles gab man den französischen Juden ©inen Dreyfus-Prozeß. 1 Und zahlt denn die Welt im allgemeinen heute einen besseren Preis für Verzicht auf nationale Eigenart? Die Tatsachen reden da eine klare Sprache. Die deutschen Juden 'legten „nach bestem Wissen und Ge- wissen" alle „nationalen Vorurteile", wie jüdische Sondersprache, jüdische Kleidung und jüdisches Nationalgefühl, beiseite/Ihr deutscher Patriotismus und ihre Vaterlandsliebe erreichten einen solchen Siedegrad, daß einflußreiche - deutsch-jüdische Gemeinden mit' echt deutscher Gründlichkeit und Energie gegen „die Ostjuden, die Deutschland'überfluten", protestierten. Noch jetzt bildea die Zionisten in Deutschland ein Häuflein, das seine Anhänger hauptsächlich aus Studenten und aus demjenigen Teile der Juden rekrutiert, deren „Bödenstandigkeit" zumeist überaus zweifelhaft ist. Zur Ehre der wahren deutschen (oder teutschen) Juden, muß gesagt werden, daß sie wirklich mit dem „angeschwemmten Zionismus" herzlich wenig zu tun haben und daß sie