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Die neue Welt · 1931-12-18 · Heft 222 (18.12.1931) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 222 (18.12.1931)
Date
1931-12-18
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 222 Aus Deutschland Beitage der »Neuen Weh« für Deutschland Filialredaktion und Administration i »Neue Welt«, Berlin C% BurgsfraRe »IV, Nr» 07 Die Juden von Mecklenburg Vertrieben! — Was gibt ihnen der deutsche Liberalismust — Was gibt ihnen der deutsche Zionismus t — Nichts I Die Großstadtjuden in Deutschland verleben jetzt bange Tage. Die Judenhetze umtost sie. Aus jeder Zeitung schlägt ihnen heißer Haß ins Gesicht, in den Augen ihrer Mitbürger glimmt es böse. Aber noch kann die nackte Gewalt an diese Juden in Berlin, Hamburg, Frankfurt usw. nicht heran. Ihr Leben dünkt beneidenswert, wenn man an die entsetzliche Situation denkt, in welcher die Juden in gewissen kleinen und mittleren Städten Deutschlands leben müssen. Diese, in kleinen Häuflein beisammenwohnend, sind dem Terror der Straße und dem Terror der Behörden schutzlos preisgegeben, ihre Geschäfte, von Boykottagitatoren umstellt, sterben ab, ihre Kinder machen an den Schulen ein entnervendes, demoralisierendes Martyrium durch ... Sie können nicht bleiben! Sie müssen weg! Wohin? * In der Zeitung der deutschen Assimilationsjuden, im Organ des „Zentralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", findet sich unter dem kindisch-prahlerischen Titel: „Ein Weckruf an das deutsche Volk!" ein Aufsatz, in welchem es heißt: „In diesen Tagen verließen deutsche Bürger ihre m e c k 1 e n b u r g i 6 c h e H e i m a t s t a d t, in der sie und ihre Familien seit Generationen gelebt hatten; im Landesmuseum hängt die Uniform eines ihrer Vorfahren, der in den Freiheitskriegen als Freiwilliger gekämpft hat. Haftet an diesen Menschen ein Makel, der sie zwang, ihre Existenz aufzugeben und die Wurzeln zu zerschneiden, die sie in mehr als einem Jahrhundert mit der Heimaterde fest verbunden haben? Oder hatten sie, wie so viele in dieser Krisenzeit, die wirtschaftliche Existenzgrundlage verloren? Nein! Sie waren Juden, und diese Tatsache allein stempelte sie zum Symbol der Schuld und machte ihr Leben unerträglich. Die Masse sucht nach sinnfälligen Ursachen ihrer Not. Und so primitiv und banal es klingt: der Jude ist zum Schuld symbol geworden, gemacht worden. Seit den Tagen der Revolution haben Grüppchen, Gruppen, Bünde und Parteien sich bemüht, die deutschen Juden zu diffamieren. Je nach dem agitatorischen Bedarf stimmte man die judenfeindliche Tonart und paßte sich dem Geschmack des jeweiligen Publikums an. Man zog alle Register vom Ritua 1 mord bis zum Kulturantisemitismus der Vornehmen auf." „Noch scheint uns eine Frontbildung aller anständigen Menschen über die Parteigrenzen hinaus in unserem Vaterlande unmöglich, die Deutschland die Schrecken des Bürgerkrieges und den Makel der Barbarei ersparen wollen! Aber die anderen, die stumm geworden sind gegen moralische Forderungen, sollten wenigstens das „W ehe-wenn-sie - losgelassen" bedenken. Bei den Plünderungen in der Leipzigerstraße zu Berlin wurden Geschäfte jüdischer und nicht jüdischer Inhaber demoliert, und die Zahl der nichtjüdischen Opfer vom Kurfürstendamm-„Spaziergang" ist größer als die der jüdische n." „Wir halten es für unsere Pflicht, die Wachsamkeit der Männer zu schärfen, denen als Hüter der Ordnung und als Wahrer der Verfassung der Schutz aller deutschen Staatsbürger anvertraut ist. Ihr Wille ist rein, aber sie wissen wenig von den berechtigten Sorgen der deutschen Juden. Dieses Wissen wollen wir mehren, nicht allein um unseres Schicksals willen. In gleichem Maß steht das Ansehen unseres Volkes und unseres Staates auf dem Spiel!" Das ist der Gruß, den der große „Zentralverein" seinen Mitgliedern aus Mecklenburg auf den Leidensweg mitgibt. Diesen aufgedunsenen Worteschwall, sonst nichts. Diese Kleinstadtjuden waren gewiß gutgläubige und pünktlich zahlende Mitglieder des Zentralvereines. Jahrzehntelang haben die Zeitungen und Wanderredner des deutsch-jüdischen Liberalismus sie dahin belehrt, daß der Antisemitismus eine vorübergehe n d e Erscheinung, eine vorübergehende Verirrung des deutschen Geistes ist, daß es Hauptsache ist, sein Deutschsein fort und fort zu betonen, den Z i o n is m u s, welcher von der Judennot und dem Sonderschicksal des jüdischen Volkes spricht, als Irrlehre abzulehnen. Tut man das, wird alles gut werden. Jetzt müssen die so schön belehrten und gut organisierten mecklenburgischen Juden das Ranzel schnüren, mit ihrem kleinen Kapital und ihrem großen Leid in eine fremde Großstadt ziehen. Das Kapital wird zerrinnen, das Leid wird wachsen. * Aber es ist ja auch ein Zionismus in Deutschland? Was gibt dieser Zionismus reichsdeutseber Prägung den jüdischen Elendsflüchtlingen aus Mecklenburg? Nichts! Theodor Herzl hat mit prophetischem Blick die Tragödie des jüdischen Mittelstandes vorausgesehen und eine Bewegung geschaffen, welche den jüdischen Bürger mit «einem Kapital in den Juden Staat überführen soll. Der von ihm geschaffene politisch-ökonomische Zionismus will die reale Erfassung jüdischer Menschen, wie sie gehen und stehen, und ihre Versetzung ins Jüdische Nationalheim. Diesem Herzl-Zionismus hat der „deutsche" Zionismus den Krieg erklärt. Von Deutschland ging die Propaganda für jenen „Zionismus" aus, der vom jüdischen Bürger, vom jüdischen Menschen nur Geld und Geld verlangt, für ein „geistiges Zentrum", für eine „Auslese" in Palästina, für die Schaffung einer „neuen, besseren Gesellschaft, an der die ganze Welt lernen soll". Einen „Zionismus", der für edel-kommunistische Experimente schwärmt, voll Verachtung auf die mittelständischen „Krämer und Wechsler" herabblickt. So haben sie einen Zionismus geschaffen, dem die vertriebenen, verzweifelten Mecklenburger Juden nichts bedeuten und der den Mecklenburger Juden nichts bedeutet. Einen Zionismus, der an der wirklichen Jude n not achtlos vorübergeht und damit aufhört, Zionismus zu sein. * Der Zionismus-Revisionismus erstrebt die Rückkehr zu den politischen und ökonomischen Ideen Theodor Herzls. In diesen Tagen schwerster Not obliegt ihm die Aufgabe, Herzischen Zionismus in die Tat umzusetzen. Zu dieser Aufgabe gehört vor allem die Erfassung und Organisierung jenes schwer bedrohten jüdischen Mittelstandes, der noch ein kleines Kapital besitzt, das in Europa und Amerika und anderswo nutzlos verrinnt, aber in Palästina die Grundlage einer gesunden E x is t e n z sein kann. Einige tausend Mark in der aus den Fugen geratenen Weltwirtschaft sind nicht«, in Palästina bedeuten sie, mit Fleiß und nationalem Aufbau willen gepaart, neues Leb e n. Pipr, Zionismus-Revisionismus muß ungesäumt Institutionen und Gesellschaften bilden, welche durch "Erteilung von Rat und Hilfe dem sonst zum Üntergang verurteilten jüdischen Mittelstand die Rettung und Liquidierung seiner letzten Mittel und; ihre Ueberführung in die Wirtschaft Palästinas ermöglichen. So will es der echte Herzl-Zionismüs. Das E1 e n d s b i 1 d von Mecklenburg mahnt zur Eile! r. st. Notschrei eines Reichsdeutschen Kleinstadtjuden Unter dieser' Spitzmarke veröffentlicht die Berliner J. T. A. folgendes Schreiben eines jüdischen Bürgers aus Leutershausen: Am Sonntag wurde in Leutershausen ein 22jähriger jüdischer Viehhändler dort von dem nationalsozialistischen S.-A.-Mann Kernstock aus Wiedersbach bei Leutershausen ohne jeden Grund mit einer Stahlrute mit vielen Schlägen über Köpf und Gesicht geschlagen, vollkommen blutüberströmt suchte er, weil er ganz unbewaffnet war, sich durch Flucht zu retten. Er wurde aber von dem Nazi-Rowdy wieder eingeholt und nochmals mit der Stahlrute mißhandelt und konnte sich mit Mühe und Not in das Haus eines -anderen jüdischen Bürgers r e 11 e n und so vielleicht der Gefahr entgehen, ganz erschlagen zu werden. Dies ist aber n i ch t d e r e i n z i g e F a 11, daß in Leutershausen die Juden sich Tätlichkeiten gefallen lassen müssen. Einen 13jährigen Realschüler haben vor etwa drei Wochen etwa zehn Nazis überfallen und schwer mißhandelt. Da aber keine weiteren Zeugen in der Nähe waren, konnte Anzeige nicht erstattet werden. Auch ich wurde im Juli dieses Jahres, nachts, als ich dort allein auf der Straße ging, ohne jeden Grund von zwei Nazis überfallen und mit Faustschlägen und Fußtritten mißhandelt. Wegen dieser Sache schwebt zur Zeit ein Verfahren, da ich die Sache angezeigt habe und auch Zeugen benennen konnte. Diverse Vorstellungen beim zuständigen Stadt m a g i s t r a t wegen der andauernden Belästigung der jüdischen Bürger waren ohne Erfolg; da der allergrößte Teil des ganzen Ortes (mindestens 80 Prozent) selbst lauter Nazis sind, könaen und wollen sie nichts dagegen unternehme n. Selbst alte jüdische Frauen von mehr als 70 Jahren werden auf der Straße angepöbelt, und zwar von 15- bis 20jährigen Lausejungen. Ja, man schämt sich nicht, vor ihnen auf der Straße auszuspucken. Die kleinen V o 1 k s s c h u 1 j u n g e n, die bei der Hitler-Jugend sind, halten abends nach 9 Uhr noch Nachtübungen ab. An und für sich sind die ganzen Verhältnisse in Leutershausen ja scüon fast in ganz Bayern bekannt. Die Zahl der jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres Berlin, 15. Dezember. Im „Fridericus" veröffentlicht ein Herr Zimmermann einen langen Artikel „Die Juden im Kriege", in welchem behauptet wird, daß im Weltkriege im deutschen Heere insgesamt 5827 Juden gefallen seien. Demgegenüber gibt Dr. Löwenstein im „Schild" bekannt: „Wir haben durch Umfrage eine jedenzeii nachprüfbare Liste von 10.8 74 Namen jüdischer Gefallener des deutschen Heeres im Weltkrieg gesammelt. Von diesen konnten bisher allein 9774 im Zentral-Nachweiseamt Spandau so identifiziert werden, daß in obiger Liste bei 9774 Namen die Nummer angegeben ist, unter der in Spandau das gesamte Stammrollentmaterial über den Betreffenden eingesehen werden kann. Von weiteren 220 liegt die eingeholte standesamtliche Bestätigung vor. Eine genaue Liste wäre nur zu erzielen, wenn das ungeheure Material des Zentral-Nachweiseamtes einmal durchgearbeitet ist. Die bisher auf Grund der vorsichtigen Statistik von Silbergleit und Segall angenommene Zahl von 12.0 0 0 jüdischen Gefallenen dürfte nach obiger Liste, die natürlich nur einen Teil der Gefallenen erfassen konnte, alsdann wahrscheinlich beträchtlich überschritten werden. Jedenfalls ist die Minde6tzah! vou 12.00 0 jüdischen Gefallenen ab* ■sicher auzusehen. Es ist eine Schmach, daß wir üeute noch gezwungen sind, die Blutopfev tausender deutscher Soldaten akten- «näßig festzustellen, damit verlogenste Parteihptze aie nicht aus dem Gedächtnis des deutschen Volke? stiehlt." Weitere Synagogen-Schändungen Berlin. 10. Dezember. In den letzten Novembpr» tagen wurden in Lüneburg von bisher unbekannt gebliebenen Tätern 15 kleine bunte Glasscheiben der Synagoge durch Steinwürfe zertrümmert. Auch die Fenster der Synagoge Freystadt (Westpreußen) wurden eingeworfen. Die Judenordnung des Drillen Reiches Berlin, 14. Dezember. Der Sozialdemokratische Pressedienst verbreitet eine Zuschrift eines Standartenführers der Berliner Nationalsozialisten. Darin beißt es: „Die Parteileitung der N. S. D. A. P. hat für den Fall ihrer Machtübernahme, mit der in kurzer Zeit gerechnet wird, besondere Richtlinien zur „Lösung der Judenfrage" ausgearbeitet, die streng vertraulich behandelt werden. Aus taktischen Gründen hat man augenblicklich auch jede öffentliche Erörterung der Judenfrage abgeblasen. Mau fürchtet außenpolitische Wirkungen besonders in London und Paris. Für die Praxis aber liegt bereits ein genauer Plan für sämtliche Bezirke vor. Die Hauptpunkte dieses Programms sind folgende: Sämtliche in Deutschland lebende Juden haben kein Staatsbürger recht. Die Fähigkeit, öffentliche Aemter zu verwalten, besitzt kein Jude. Sämtliche Beamten, wie Lehrer, Richter, Regierun g s a n g es t e 111 e usw., werden 6ofort entlassen. Ein Jude kann vor einem deutschen Gericht kein Zeugnis ablegen oder Schöffe sein. Sämtliche in Deutschland lebenden Juden werden unter ein besonderes „Recht" gestellt. Sie haben eine besondere Steuer zu bezahlen und untersteben besonderen, örtlich zu regelnden polizeilichen Vorschriften, die u. über ihre Aufenthaltserlaubnis zu entscheiden haben. Kein Jude darf Anwalt sein. Die Ausübung jtJpr ärztlichen Praxis durch Juden an C h r i ste? ist nicht gestatte! Das Schachten wird verboten. Sämtliche staatlichen Unterstützungen sowie die staatliche Anerkennung der „jüdischen K u l t Urgemeinschaft" fallen fort. Sämtliche seit 19J4 io Deutschland naturalisierten Juden verlieren da« deutsche Staatsbürgerrecht und werden als lästige Ausländer abgeschoben. Ein besonderer Untersuchungsausschuß wird sämtliche jüdische Geschäftsunternehmen, insbesondere Warenhäuser, Banken. Großhandel sowie gewerbliche. Unternehmungen auf das schärfste kontrollieren und bei eventueller „Volksgefährlichkeit" enteignen und in den „Besitz des deutschen Volkes" überführen. Ein besondereö Gesetz gilt der Bekämpfung der „j ü d is c h e n Kulturb.eschmutzung". Jüdischen Theaterinhabern wird die Konzession entzogen. An leitender 1 Stelle , von Zeitungen dürfen keine Juden stehen. Alle Presseerzeugnisse, die in jüdischen Händen sind,: müssen dieses an ihrem Kopf verzeichnen. Ein besonderes Gesetz wird alle jüdischen Schriftsteller und Journalisten zur Rechenschaft ziehen, die sich „unberechtigterweise in deutsche Verhältnisse" einmischen. * Die „deutsche Volk&gemeinschalt" behält sich aus* mmttuia

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