Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 221 (11.12.1931)
- Date
- 1931-12-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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185 Titl. Universitätsbibliothek Wien. I. PrClS 35 QrOSChOII fafirgang S PteH*q' **n lK*e*embe* mi Nr« **f V«b« b« REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S420, Ranzjähriff S16.-;Polen monatlich Zloty 2.-, vierteljährig Zloty 6.- Tschechoslowakel monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.—: Rttmänien monatlich Lei 40.—, vierteljährig Lei 120.—; Dentachland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Balgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 120.—; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierte!, jährig Schweizer Francs 4.50 Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätssir. 6-8, Tel. B-48-504 — Erseheint jeden Freitag Zur Tragödie m der Familie Herd Das schönste ^praktischeste vomTeppidlhailS S+Sdiei'll A.G. GeSchenk: MNOMMMMBMIMMMHMMMMMBMMaMMHM TEPPICHE VORHÄNGE Bauernmarkl 12-14 Keine Filiale! ÜBERWÜRFE grösste Auswahl; billigste preiset Ueberall ♦ ♦♦ Antisemitismus auf Kuba uud in Lettland Die Meldungen, daß in den Stammländern des Antisemitismus, in Deutschland, Polen, Rußland, Rumänien usw., die judenfeindlichc Bewegung an Tiefe, und Breite ständig zunimmt, sind gewiß besorgniserregend. Aber noch bedenklicher sind Meldungen über Judenfeind]ichc Strömungen in solchen Staaten, in welchen es bis in die jüngste Zeit keinen Antisemitismus gegeben hat, Meldungen aus Mexiko. Südafrika, Kanada, den Vereinigten Staaten und den südamerikanischen Republiken. Diese Meldungen strafen die Theorie d e r. ,A s sä rh ir„ lationsj u den, wonach, der .Antisemitismus durch den Fortschritt der "Zivilisation verdrängt wird, wieder einmal Lügen. Sie erhärten die zionistische E rk e n n t u i s. daß die Judenfrage einer besonderen Lösung bedarf; daß sie gesondert von allen Menschheitsproblemen als nationales behandelt werden muß. Zu den jüngsten Meldungen sind folgende hinzugekommen. * Havanna, Ende November. In politischen Kreisen von Havanna, der Hauptstadt von Kuba, erregt eine antisemitische Rede des Parlamentsmitglieds Dr. Menciä auf einem Bankett zu Ehren des früheren Außenministers und des jetzigen Senatsmitgliedes Senor Francisco Mario Fernandez großes Aufsehen. „Wir. werden, uns", sagte Dr. Mencia in seiner der wirtschaftlichen Lage auf Kuba gewidmeten Rede, »von den d r e ctk i g e n -J ud e n nicht abwürgen lasse u." Es war dies das erstemal, daß auf Kuba ein antisemitisches Schimpfwort wie „dreckige Juden" gebraucht wurde. In politischen Kreisen weiß man, daß Dr. Mencias Bemerkung auf den amerikanischen Geschäftsträger auf Kuba, Herrn Guggenheim, .der Jude ist, gemünzt war und eigentlich die Kuba-Politik der Vereinigten Staaten stigmatisieren sollte. Die kubanische Presse aber zeigt sich 'bemüht, diesen Eindruck zu verwischen und stellt die Sache so dar, als ob das Schimpfwort der jüdischen Bevölkerung auf Kuba gegolten hätte, obwohl <liese Bevölkerung im allgemeinen sehr wenig bemittelt und weit davon entfernt ist, irgend eine wirtschaftliche Hegemonie ausüben zu können. .. . Der M i l/i t ä r g o u v eine u v der Provinz Ifavanjia auf Kuba, wo jetzt Kriegszustand herrscht, hat den „J ü d i s c he ri K u 11 u r vevei n" in Havanna g e-; schlössen und den 500 Mitgliedern des Vereines L airicles vre r w ei s u n g s b e f c h 1 e zugehen lassen. Die-. Maßnähme wird damit begründet, daß der Vereiu kommunistische 'Propaganda.' treibt.' Dies führte zu einem Konflikt-zwischen dem Militärgouverneur einerseits und der: Zivikdmihistration und den Gerichten anderseits. Da« Gericht in Havanna hat nämlich entschieden, daß gegen' den jüdischen Kultur verein keinerlei Beweise vorliegen, daß er mit Kömmunismus etwas zu tun.'.haj,. . uttfl daß die Schließung des Vereines ungesetzlich war. .Der . Mil'itärgouverueur gibt aber.-, nicht nach und es wird befürchtet, daß die Vereinsmitglieder,.demnächst das La n d werden verlassen müssen. Es wurden zahlreiche, vor nicht langer Zeit eingewanderte Juden zwecks Landesverweisung verhaftet. * Riga, 8. Dezember. In einer Sitzung der Unterrichts kommission des iettländisehen Sejm teilte' der Leiter des deutschen Unterrichtsdepartements, Herr Waxmut, mit, maß die nationalsozialistische Bewegung in vielen deutschen Mittelschulen Lettlands in beunruhigender Weise Fuß gefaßt hat und daß oft jüdische Schüler dieser Schulen von ihren deutschen Kollegen verhöhnt und geschlagen •werden. Auch die deutschen Studierenden an den Universitäten hahen sich der Hitler-Beweg u n g angeschlossen. Daraus, sagte Waxmut, befürchtet er Schweres für die .Zukunft .der deutschen Minder- Bei Kopfschmerzen, nervösen, rheumatischen und gichtischen Schmerzen wirken Togal-Tabietten rasch und sicher. Wenn Tausende von Aerzten dieses Mittel verordnen, können auch Sic es vertrauensvoll kaufen! In allen Apotheken. Preis S 2.40. MCH/U«? FÜR DEUTSCHLAND __ (Seile 6)_. heit. Die Lage in den deutschen Schulen ist dadurch besonders kritisch, daß die Nazi-Gruppen in den Schulen einem argen Antisemitismus huldigen und daß darum zwischen der deutschen und der jüdischen Jugend eine Atmosphäre der Feindseligkeit entsteht, die den Geist des Erziehungswesens Lettlands, eines Landes, in dem verschiedene Nationalitäten wohnen, zerstört. In schwarzen Heimische Waren Ein Freund, der aus Südafrika zurückkehrte, er* zählte von einem Juden, der im Zululand gelebt und dort ein Negermädchen geheiratet hat. „Was konnte ich tun? Ich kam vor 20 Jahren hierher, ringsum kein Jude, alle Zulus, schwarz wie Pech. Da sagte ich mir: Garn zulu towa! (Wortspiel auf „Garn su letowa" — Auch das ist zum Guten.) Auch schwarze Tage kann man gemäß dem schwarzen Zulumädehen deuten, ohne Sophistik; reell das andere Gesicht der bitteren Wirklichkeit, die helle Seite der Katastrophe sehen. Ich weiß, daß das Wort „hell" wie Spott klingt im Zusammenhang mit. solchen Zeiten, aber ich glaube ebenfalls an das Vorurteil, daß die Juden eines der stärksten Völker sind, mit Nerven, die aussehen wie löcheriges Spinngewebe und in Wirklichkeit dick sind wie Drahtseile, also fähig sind, in einer Stunde der Verwirrung zu begreifen, daß der wildeste Hurikan schließlich ein Wind ist, den man benutzen kann, das Schiff dorthin zu lenken, wohin man will — natürlich kein Schifflein, sondern ein großes, ein sehr großes Schiff. Aber das sind wir. In Palästina haben die schwarzen Tage schon vor zwei Jahren begonnen, der Historiker aber wird sagen, daß es '.cit dem Weltkrieg keine anderen zwei Jahre gab, innerhalb deren der Jischuv sich so verstärkt, so viel Gesundung erfahren hätte. Unzählige Löcher seiner wirtschaftlichen Struktur hat der Jischuv in diesen zwei Jahren geflickt, nicht duroh Almosen, sondern aus eigenem Lebensstoff. Herr Jizchak B r o d y, ein ameri* konischer Zionist, der Palästina gut kennt und in der zionistischen Arbeit noch eine große Rolle spielen wird, hat kürzlich eine Schrift veröffentlicht, wo die ver< schiedenen Waren aufgezählt werden, die der Jude in Palästina nun zum Eigenbedarf verfertigt. Ich lese und staune. Pessach 1929 erst sah ich auf der Tel« iAwiwer Ausstellung die Produktion Palästinas und traute meinen Augen schon damals nicht. Aber das war Kinder* spiel im Vergleich damit, was Herr Brödy über den gegenwärtigen Z u s t a n d erzählt. Man wird kom* Jrhenden Pessach für die neue Messe, für Tozereth Haarez (Produkte Palästinas), ein Gebäude von dreimal so, großem Umfang brauchen als für die vorige. Eine Freun« din, eine unpolitische Dame, eine einfache TeUAwiwer Hausfrau mit ihren täglichen Sorgen schreibt so: „Sie werden uns nicht erkennen. Jüdische Milch, Käse, Butter, Gemüse essen'wir." (Ich lese und erinnere mich, daß Tel* Awiw im Jahre 1925 den Arabern eine halbe Million Pfund für Gemüse zahlte.) „Selbst eigenen C a c a o trinken Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeh« liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet Von ySadimar J^botin^kv , unsere Kjnder. '^onunen Sie hierher. Ich werde Ihnen eine Schüssel Spaghetti kochen, genau so saftig wie in Italien, aber aus eigenem Teig. Die Fischkon* serven werden immer besser. Schlafen werden Sie auf jüdischen Leintüchern und sich im Winter mit eigenen Bettdecken zudecken. Auch das Tisch* tuch, das Handtuch und die Vorhänge sind hiesiger Provenienz. Die Kinder sind vom Kopf bis Fuß mit Pro* dukten des jüdischen Handwerks angezogen, und auch ich selbst zu drei Vierteln, wiewohl ich noch nicht ganz dem Modischen entsagt habe! Möbel habe ich gerade der Mode wegen hier gekauft — wo gibt es denn schönere?" (Ich weiß wo. Daß sie es aber nicht mehr weiß, ist ein gutes Zeichen.) , Man lebt jetzt in Palästina billiger als früher. Das kommt nicht nur daher, daß Ware (sogar Tozereth Haarez) und Wohnung billiger geworden sind, sondern weil man sich innerlich den Gedanken der Bodenstündigkeit zu« eigen gemacht hat. Nicht umsonst hat man nach der blutigen Konvulsion des Jahres 1929 in den jüdischen Häusern das Lied gesungen: „Wir werden nicht weichen, Ihr, die Feinde, werdet verschwinden, aber wir werden nicht weichen'." Auch ein Lied ist ein Stück Psychologie, und eine gesunde Psychologie schafft eine gesunde Wirtschaft. Wohlstand ist kein Selbstzweck Der zweite Grund besteht darin, daß der Jischuw in den letzten zwei Krisenjahren zionistischer ges worden ist. Wenn -dn Palästinenser diese Zeilen liest, wird er wohl ausrufen: „Nein." Ich aber sage: Ja. Ich weiß wohl, daß der subjektive zionistische Enthusiasmus heute in Palästina noch weniger zu spüren ist als in der Galuth, daß man dort sogar proportionell direkter Verzweiflung häufiger begegnet als bei uns. Es ist aber eine Frage, ob subjektive Gefühle des Einzelmenschen ein Beweis für die Massenstimmung sind. . Bis vor kurzem lebte der bürgerliche K r e i s in Palästina bewußt oder unbewußt nach europäischer oder amerikanischer Art. Es schien ihm eine gewisse Lebensweise, ein gewisser Stan* dard notwendig, , es war oft schwer, ja selbst* mörderisch, diesen Standard aufrechtzuerhalten. Aber man schämte sich, ihn zu ändern. Dieser Wahnsinn, das: Leben eines Pionierlandes den Gebräuchen einer fernen, generati.onenalten Gemein« 9 c h a f t anzupassen — der beginnt allmählich zu ver» schwinden. Jene Freundin schreibt: „Wie man einst auf Pariser Toiletten stolz war, so beginnt man jetzt auf ein Paar heimische Schuhe stolz zu sein. Sie erinnern sich an unsere Jugend in Bern, wo wir uns über die schweizerischen Studenten wunderten, die mit ge* flickten Aermeln umherliefen und einander sagten: »Sieh, wie geschickt mein Schätzte ist, wie sie das gestrige Loch gestopft hat." Bei uns herrscht noch nicht ganz