Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 212 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Titl. Universitatsm Wien. 1. Preis 35 Groschen Jahrgang 5 Freftag, den t« Oktober i#3f Nr* St« V«bi b* BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.-; Poleni monatlich Zloty;2,^, vlertemrig Zloty 6.--, Tschechoslowakei moitatHch KÖ Ö.-, vierteljährig Kc 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.-, vierteljährig Dinar 40.-: RamSnleri monattich Lei 40.-, vierteljährig Lei 120.*-; Deutschland monatlich Mark 1.-, viertel ährig Mark 3.-; Bulgarien monatlich Lewa 40.-, viertdU^rfg Lewa 120.-; Itaifen inonatlich-Llfe5.«-< vierteljährig Lire 14.—; Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, Tfertefjährig Schweizer Francs 4.50 HERAUSGEBER: ROBERT STRIC KER Redaktion u. Verwaltung: Wien IX, Universitätsstr. 6*8, Tel. B-48-504 — Er scheint jeden Freäag R E V U E iSiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiu I Vcrband demokratischer Zionistcn | | Mittwoch, 14. Oktober 1931, um 7,9 Uhr | s abends im Herzl-Saal des Verbands« E heims, IL, Untere Augartenstraße 38 S I VORTRAG I S Referent; E | Oberbaurat Robert Siricker | 1 Gegenstand: S | England und der Zionismus | Die revisionistiscfaeBewcgung | E Regiebeitrag 20 g S 7iiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiisiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii? - Angesichts des Siegeslaufes der antisemitischen Nationalsozialisten in Deutschland suchen die sozialistischen und liberalen, insbesondere aber gewisse jüdische Kreise, in der folgenden Erwägung Trost: Ein Eintritt der ini ganzen Auslände wegen ihres Faschismus und ihrer Roheit berüchtigten . Hitler-Leute oder gar die Ueber>io)bLftje der Regierung durch sie ist ausgeflossen,-weil Eng* Fand,» Frankreich^ die Vereinigten Staaten und ' andere mit einer solchen deutschen Regierühg nicht verhandeln würden. Die Welt scheint aber anders zu denken als die Berliner Journalisten und Politiker. So schreibt c(as englische Weltblatt „M a n c h e s t e r G u a. rd i an", eine gewiß nicht rückschrittlich eingestellte Zeitung, über die Eventualität ..eines Eintrittes der Hitler-Leute in die deutsche Reichsregierung: „Der Einfluß der Großindustrie, die Wahlsiege der Nationalsozialisten, die Entwertung des englischen Pfunds, die Verschärfung der Wirtschaftskrise und das Anwachsen des Defizits im Reichshaushalt drängen die Brüning-Regierung immer weiter nach r ech ts. Brüning hegt keine persönliche Vorliebe für die Hitler-Leute und nicht den besonderen Wunsch, mit ihnen zu regieren. Aber er wird bald vor die Entscheidung gestellt sein, entweder die NationalSozialisten in die Regierung aufzunehmen oder die Verfassung aufzuheben, denn er kann nicht länger auf die Unterstützung der Sozi aide m o k raten zählen. Für ihn und die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften ist die Läge unhaltbar geworden. Die sozialistischen Führer müssen fortwährend von der Regierung materielle Zugeständnisse an diie Arbeiterschaft fordern, der Reichskanzler aber kann weiterhin die Forderungen nicht erfüllen, selbst wenn er es wollte. Dadurch werden die Sozialisten genötigt, in Opposition zu treten, und der große Tag - der Nationalsozialisten ist gekommen." „Die finanzielle Lage der. deutschen Nation ist so empfindlich geworden, daß es falsch wäre, ZTn/glauben, daß eine deutsche Regierung, in welcher ' N a t i o n a 1 s o z i a I i s t e n sitzen oder gar vorherr sc h e n, in auswärtigen Angelegenheiten starrsinnig . und unklug handeln würde. Da mun. in Betracht gezogen werden, daß ja die Nationalsozialisten weniger antienglisch und an t i f ranzösi s c.h sind. Sie sind'vor allem an tisozia 1 i s t iseh . . ' Daraus geht hervor, daß die Mordprozesse und der Judenpogrom auf dem Kurfürstendamm nicht den abschreckenden Eindruck auf das Ausland gemacht haben, den die jüdisch-liberalen und jüdischsozialistischen Kreise in Deutschland voraussetzten. Diese Kreise haben eben ein allzu kurzes Gedächtnis. Haben seinerzeit Jie scheußlichsten Judenpogrome das fortschrittliche England und Frankreich daran gehindert, recht herzliche Freundschaft mit dem Zaren zu pflegen? Warum sollen ein paar Judenblutspritzer auf ihfen Braunhemden die deutschen Nationalsozialisten bei England und Frankreich unmöglich machen? Den Zionisten bereitet „Manchester Guardian" keine Ueberraschung. Sie wissen, daß es nichts nützt, sich hinter andere zu stellen, sich auf die Gunst anderer zu verlassen, seien sie noch so „liberal" und „sozialdemokratisch". Sie glauben nur BelErkälfungskrankheiien/rlieiiinallsdien/ .gichtischen und nervösen Schmerzen pind Togal-Tahlerte« unübertroffen. Togal scheidet die Harnsäure aus und geht daher direkt zur Wurzel des Uebels. Fragen Sie Iiiren Arzt. — In allen Apotheken, Preis S 2.40. an Selbsthilfe, an die Kraft der gesamten jüdischen Nation. Man nennt sie darum Phantasten. Aber Phantasten sind die, die anders denken. Wie aus „Manchester Guardian" zu ersehen ist. »cf Judinmof d im Lande Masaryks Die sieben Märtyrer von Velky Vitfez Ein Geschworenengericht in Prag. Auf der Anklagebank siizt ein Mann namens H o r a k, im Jahre 1919 noch Korporal der tschechoslowakischen Armee, die damals in der Slowakei gegen die eingebrochene Rote Armee Bela Kuns kämpfte. Unser Horak war kein gewöhnlicher Korporal, sondern ein sogenannter tschechoslowakischer Legionär, ein Soldat der mit der Glorie der Volksbefreiung ausgestatteten Mannschaft. Im- T^ande der Slowaken gab es damals gewitterschwüle Stimmung, die Rotarmisten befanden sich im Vörniarsch, die tschechoslowakischen Soldaten ipa : Rückzug, und wie in solchen Fällen üblich, warfen die Begriffe; „Verrat^:^und J5S$ipnage" beliebte Sehlagworte zur Bem^tolüng, von' S'ßjblAppen».^Und wer sollte in einein C^biet,:: das, vvqn>\:mjs^t'^^Sk Nationalitäten* beSf^ljnt ist,,leichter und bequemer der Verräterei und der Spionage bezichtigt werden können, als eben der — Jude? Korporal Horak, der tschechoslowakische Heldenlegionär, ließ sich in dieser Beziehung nicht lumpen. Sieben junge Juden, vier Söhne der Familie Fleischer und drei Söhne der Familie Lef kovic- (darunter ein Kriegsinvalider und ein 14jähriger Gymnasiast) gerieten durch ein unglückseliges Geschick in seine Hand. Gemütlich, in Hemdärmeln, ein Gewehr in der Hand, wie zur Jagd gehend, empfing er sie, berief sich auf einen nichtvorhandenen Befehl, der ihm die Eskortierung aufgetragen haben sollte. Und er eskortierte. Denn diese Juden hatten Geld und Uhren bei sich. Zuerst Prügel, Fußtritte, Geld- und Uhrenraub, dann Knall um Knall, dann Erde darüber. Die Mütze schief auf dem Kopf, ließ der Korporal das Grab der sieben Juden hinter eich, den beteiligten Soldaten zurufend: „Ein guter Fang heute! Schluß mit der Komödie! Na zdarT' Das burschikose Wort von der „Komödie" nach dem siebenfachen Judenmord sagte der Held auch später noch zu einer Kommission, die ihn anläßlich eines ersten Prozesses vor dem Militärgericht an den Tatort führte. Er war nämlich schon einmal dieses siebenfachen Judenmordes angeklagt, der Korporal Horak. Man beließ ihn damals auf freiem Fuß und gab ihm Gelegenheit zu flüchten. Jetzt, nach sechs Jahren, wurde er neuerlich vors Gericht gestellt, nicht etwa vor das zuständige slowakische Gericht, sondern vor eine Präger Geschworenenbank. Man will wissen, daß man das zuständige Kaschauer Geschworenengericht mied, weil möglicherweise auf der Geschworenenbank auch Juden hätten sitzen können, wie ja. überhaupt in dieser Affäre manches Dunkle zu verzeichnen; ist* so das Verschwinden eines Teiles der Prozeßakten, in denen Horak auf das schwerste belastet wird.1 Man will auch ferner wissen, daß das Ministerium für nationale Verteidigung und die tschechoslowakische Legionärgemeinde auf ■ die Voruntersuchung Einfluß genommen haben. < Was ergab der Prozeß? Ein Zeuge .nach dem andern, . zivile; und militärische, bestätigten y o 11 i n h ältlich d i,e •an k lag e, schilderten Alle, im redaktionellen Teil befindlichen entgeh« Beben Notizen sind durch ein beigefügtes £ beecktoet, die grauenhaften Einzelheiten, und vor den Geschworenen erschien eindeutig und unwiderlegbar die Tat eines Mörders und Räubers: der Mord um des Mordens willens, der Raub aus Rab-> gier. Weitab von der Atmosphäre einer militärischen Handlung — ein nackter Raubmord, be-* gangen an Juden, an sieben schuldlosen Juden* Und er, der Raubmörder Karel Horak, durfte wohl glauben, daß ihm, dem tschechischen Legionär, kein Haar , gekrümmt würde, wenn er Juden erschlage und beraube. Hätte er doch seine Mord- und 'Raublust ajich anderweitig austoben können. Der Korporal Horak hat richtig kalkuliert. Die %ager Gesclh^orenen,. haben ihin öf^fnt][ii^L_ und Vor aller Wfefi bestätigt, daß er k ei-mWß^ 'der #Ä d k ei n R ä u b e r i s t, der Korporal Horak, der sieben Juden erschlagen und beraubt hat. Und das Publikum im Saal klatschte fast einmütig Beifall zum Freispruch des Judenmörders. Es hatte die Ohrenzeugenschaft der, gesitteten Welt nichts genützt, nichts die wuchtige Anklage des Staatsanwalts, nichts die restlose Ueberführung des Mörders durch die Zeugen, nichts das erschütterndste Moment der Verhandlung: das Erscheinen der greisen Fi an Fleischer, die um vier ermordete Söhne jammerte und auf die Frage, ob sie Schadenersatz verlange, anwortete: „Nein, i ch w i 11 nur Gerechtigkeit!" Die Vertreter des tschechischen Volkes aber fanden nichts daran, daß sieben Juden erschlagen und beraubt wurden. Das Prager Blatt „Cechoslovenskä Republijka", das dem Herrn Benesch und der heutigen Regierung sehr nahe steht, ja sogar dem Hradschin Masaryks, findet das freisprechende Urteil in Ordnung und versteigt sich sogar zur Verfälschung von Zeugenaussagen, angesichts der aufhorchenden Welt, die das Urteil mit Entrüstung und Empörung aufgenommen hat. Und-die offiziöse „Prager Presse", das Blatt, das für das Ausland bestimmt ist, überging den Schandprozeß, als ginge sie eine Angelegenheit, an der die ■Kulturwelt interessiert ist, überhaupt nichts an. Tat und Urteil sind typisch. Sie enthüllen im grellen Blitzlicht wieder einmal die Tragik der jüdischen Situation. Wenn Tschechoslowaken und Magyaren miteinander Krieg führen, so wird auf jeden Fall der Jude gemordet. Auf jeden Fall ist er das Freiwild, an dem Haß, Rache, niedrige Instinkte sich austoben. Er ist vor allem der Verräter. Für, den Magyaren der Tschechoslowake, für den Tschechoslowaken der Magyare. Der siebenfache ungesühnte Judenmord ist ein Schulbeispiel für die tiefe Lagerung des antisemitischen Instinkts, der sogar in einem Land wuchert, in dem man Pogrome nicht zu verzeichnen hatte; bei einem Volk, das Gestalten wie Masaryk zu; Lenkern seines Staatswesens hat. Ob es zur Revision des Urteils kommt oder nicht, ob der Staatsanwalt mit seiner Nichtigkeitsbeschwerde durchdringen wird oder nicht, wird das Bild nicht verändern, das dieser grausige Mordpozeß entrollt. In diesen Prozeßakten ist tief eingegraben das tragische Geschick des jüdischen Golnthrolkes,