Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-09-18 · Heft 209 (18.9.1931) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 209 (18.9.1931)
Date
1931-09-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711828--2736-2716052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

ÄsHe 10 DIE NEUE WELT Nr. 209 Jüdischer Musikabend (Volkstümliches Konzert) Sonntag, den 27. September 1931, halb 8 Uhr abends, im Konzertsaale (Theatersaal) „Post", L, Fleischmarkt 24 J. Segal-Rosenbach (Tenor) Mitwirkend: Prof. Jos. Zimbler, Samt. Schwager. Am Flügel: Kapellmeister Rudolf Back» Programm: Lieder, Volkslieder, jüdische Volksmelodien, chassidische und Hochzeitstänze (Violine), jiddische Rezitationen. Karten von S —.80 bis 2.50 beim Jüdischen Hochschulausschuß, IX., Zimmermannplatz 8, Bücherstube Rath, II., Taborstraße 20a, Keren Kajemeth, I., Kärntnerstraße 28. Die Not der jüdischen Jugend in Deutschland Immer stärker wirken sich die Folgen der wirt* schaftliohon Not bei der heranwachsenden ■ Jugend aus. Schon die Unterbringung eines männlichen oder weib* liehen Lehrlingsmacht heute vielfach die größten Schwierigkeiten.' Die - Jugend selbst wird dürch die Er* kenntnis dieser Situation nicht nur wirtschaftlich, sondern auch seelisch stark betroffen. Der Zentralerem jüdischer Staatsbürger hat deshalb Jugendlichen und Menschen, die mit dieser Jugerid als Berater und Arbeit* geber in enger Fühlung stehen, verschiedene Fragen vor* gelegt, durch die ein Bild von der gegenwärtigen und zu« künftigen, von der wirtschaftlichen und seelischen Lage dieser Jugend gewonnen werden kann. In der „C.*V.* Zeitung" veröffentlicht Alfred L e v i die Antworten, denen zu entnehmen ist: Die Leiterin einer jüdischen Mädchen* Mittelschule .schreibt: „...Daß unter der wirt* schaftlichen Not das Familienleben leidet, ist eine nicht seltene Erscheinung. So entsteht der Wunsch nach an* derem persönlichen-Zusammenschluß, und so erklärt sich die besonders große Anteilnahme der Schülerinnen an Jugendorganisationen aller Art. Jüdische Fragen, auch der Zionismus, haben an Int er ess e verloren/dafür stehen allgemeinpolitische Fragen im Vordergrund des Interesses." Der Leiter der jüdischen.Knabenschule teilt mit: „Es ist kein Einzelfall mehr, daß schon die Entwicklung jüngster Schüler durch das Wirtschaft* liehe Elend zu Hause beeinflußt wird. Mir fiel da im Unterricht eines Tages ein Schüler auf, ein Junge von 11 Jahren, der plötzlich verängstigt und einge* schüchtert zum Unterricht kam. Trotz mehrfacher strenger Ermahnungen brachte er ein Heft, das die Klasse sich zu beschaffen hatte, nicht. Nachher stellte sich her* aus, daß der Schüler zu Hause die paar Pfennige nicht bekommen konnte,. die. er < zur Anschaffung des Heftes gebraucht hätte. Ein anderer Junge im gleichen Alter trägt auf seinen schwachen Schultern die Verantwortung für eine ganze Familiei Der Vater liegt im Krankenhaus, die Mutter krank zu. Hause. Der Junge besorgt den ganzen Haushalt. Er kauft ein, hilft in der Wirtschaft, sorgt für die zahlreichen Geschwister, von denen er der älteste ist. Solche Kindheitserlebnisse gehen nicht spurlos vorüber. Diese Jungen fangen ganz früh an, sich um alle Fragen des Lebens zu kümmern. Leider ist vielfach zu beobachten, daß die Schüler aus ihrer Rat* losigkeit heraus zu eine? politisch radikalen Ein* Stellung gelangen, von der ich nicht glaube, daß sie sie fördern kanni" Der Leiter des Jüdischen Arbeitsnach* weises teilt mit, daß 60 Prozent der Väter, deren Kinder in den letzten Jahren in den Beruf gegangen sind, K a u f 1 e u t e waren, daß aber die Jugendlichen in immer steigendem Maße zur Betätigung in der Produk* tionswirtschaft drängen. 1925 wählten noch 50,31 Prozent kaufmännische Berufe, 1927 33,51 Prozent, 1930 nur noch 26 Prozent. . Der Geschäftsführer des Zentralverbandes jüdischer Handwerker empfiehlt die Wahl der Bauberufe: Tischler, Klempner, Schlosser, Töpfer, Maler, Tapezierer, Heizungsfachmann sowie die feinmechanischen Berufe, wie Optiker, Orthopäde, Radiotechniker. Auch Damen* und Herrenfriseure haben Aussichten, während von der ganzen Bekleidungsindustrie, wie Schneider, Schuhmacher, Hutmacher, abgeraten wer* den muß. In einem Gehilfenverein sind 120 jüdische Lehrlinge zusammengeschlossen, von denen nicht wenige Söhne von Akademikern, Beamten und Kaufleuten sind. Rückfrage bei Lehrherren und Meistern hat in der größten Zahl der Fälle ergeben, daß man die Arbeit der jüdischen Kräfte schätzt und vor allem einen Wert darin ""sieht, daß sie in engste Fühlung mit dem werktätigen Volk kommen und dort zeigen, daß der Jude an der Drehbank und auf dem Baugerüst sich ebenso bewährt wie in der Wirtschaft und Wissenschaft. Ein Vertreter der Metallindustrie sagt: „Die Juden müssen alles daransetzen, um in engsten Zusammen* hang mit der Produktion zu kommen und ihre Beteiligung an den verwaltenden Berufen und an der Warenvermitt* hing auf einen vernünftigen Prozentsatz herabschrauben. Nichtjüdische Arbeitgeber glauben häufig, daß jü» dische Arbeitnehmer von vornherein Un* ruhe in den Betrieb bringen. Sie verallgemeinern einzelne Beispiele. Deshalb liegt gerade auf den jüdischen Arbeitnehmern die Verpflichtung, eich in den Betriebes von jeder politischen Propaganda zurückzuhalten. Damit werden sie den jüdischen Arbeitnehmern den Weg in die nichtjüdischen Betriebe ebnen." Der Direktor eines großen Bankunternehmens glaubt, daß mit wenigen Ausnahmen die Zukunft der Juden in der produktiven Wirtschaft, wie Landwirtschaft und Elektrizi tätsind u* s tri e, liegt. Der Direktor eines führenden Elektrizitätsunter* nehmens warnt hingegen davor, heute noch auf irgend einen Berufszweig als besonders aussichtsreich hin* zuweisen. Der Direktor eines großen Waren h ausver* b a n d e s weist insbesondere auf die Folgen der Maß* nahmen zahlreicher großer Industrie* und Handelsuntcr* nehmungen hin, die Juden nicht mehr neu ein* stellen, und betont demgegenüber die Notwendigkeit, daß 'jüdische Arbeitgeber, soweit sie Neuein* Stellungen vornehmen, die Not des jüdischen Mittel* Standes nicht unberücksichtigt lassen. Ein Arzt meinte, ein Arzt könne heute noch sein Existenzminimum verdienen, wenn er Tüchtiges leistet. Bei den Zahnärzten sind die Aussichten sogar ■ besser. Bedenklich stimmt, daß es bei dem hervorragenden wissenschaftlichen Anteil jüdischer Mediziner beispiels* weise selbst an der Berliner Universität keinen Or* d i n a r i u s, der Jude ist, an der Medizinischen Fakul*; tat gibt. Der befragte jüdische Student sieht die Lage wesentlich schlechter. An der Universität ist er täglich Angriffen wegen seiner Zugehörigkeit zum Judentum ausgesetzt. Die Aussichten für eine Anstellung als Lehrer sind gleich Null. Die jungen Lehrer werden abgebaut und in der Politik tobt der Kampf gegen die jüdische Lehrerschaft. Die radikalisierte Studentenschaft hofft, für sich dadurch Stellen freizubekommen, daß man die Juden, die sie heute innehaben, entfernt. Der jüdische Akade* miker findet heute fast überall verschlossene Türen und muß erkennen, daß „Beziehungen" das einzige ist, was ihm eine kärgliche Existenz verschaffen kann. Diese Dinge haben natürlich auch eine erfreuliche Seite: Der jüdische Student, der immer mehr Werkstudent ist, kommt schon früh in Berührung mit dem praktischen Leben und mit allen Schichten des Volkes. Vielleicht läßt sich von hier aus eine Hoffnung für die Zukunft gewinnen. Die jüdische Siedlung in Hankau vernichfei Shanghai, 9. September. (J. T. A.) Die ' katastrophale Hochflut, welche Stadt und Provinz Hankau zum großen Teil vernichtete, wobei Hunderttausende Menschen ums Leben kamen, hat auch die kleine jüdische Siedlang in .ddr Stadt H a n k a u zerstört. Vor einiger Zeit waren aus Charbin und Shanghai mehrere, hauptsächlich aus Rußland stammende jüdische Emigranten nach Hankau gekommen, hatten dort verschiedene Industrie- und Handelsberufe ergriffen und manchen Zweig der Wirtschaft von Hankau zum Blühen gebracht. Diese jüdischen Kaufleute, Industriellen und Handwerker haben nun durch die Hochflut ihr ganzes Hab und Gut verloren, sind obdachlos und befinden sich gleich den übrigen Einwohnern von Hankau in einer äußerst bedrohlichen Lage, da die Rettungsaktion für die Unglücklichen durch das Steigen der Hochflut stark behindert ist. Theater/ Kunfft und iiiiiiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiillliiiili f e r a tu i% Warum macht man keine jids dischen Tonfilme in Hollywood? Der jüdisdi-amerikanische Journalist H. Ehrenreich erzählt: Ich stellte an den ibekannten jüdischen Schauspieler und Filmdarsteller E. Tenen h o 1 z, der mehrere Jahre in Hollywood arbeitete, einige Fragen, die den Tonfilm-Besudier interessieren, darunter auch folgende: „Hat man in Hollywood versucht, einen jiddischen Film zu machen? Es gibt noch in New York allein fast eine dreiviertel Million Juden, die Jiddisch sprechen!" Tenenholz erwiderte meine Frage mit der Erzählung folgenden Falles: Er wandte sidi in dieser Angelegenheit an den wiebtigeten Faktor eines erstklassigen Studios und verstand es, diesen für die Idee der Herstellung eines jiddischen Films auch tatsächlich derart zu erwärmen, daß er den jüdischen Schauspieler zu sich zu einer grundlegenden Besprechung einlud. Es sah aus, als wurde endlich der Gedanke, einen jiddischen Film im großen Hollywooder Stil zu madien, verwirklicht werden. Einige Tage später bekam Tenenholz den telephonischen Bescheid, er möchte ins Studio des Direktors Jüdische Bühne, II, Praterstr. 60 (Cafä Astor) Ab Montag, 21. September 1931, Gastspiel des populären jüdisch-amerikanischen Künstlerpaares R«ch«l Rpfflin* tot* und Morris NO'fkoH in der Komödie „Das Wolgamädel" 3 Stunden Lachen Volkstümliche Preise 222 Milch Trink-und Speisehalle 2E2 Uesetarlsche and dlfitische Speisen MFilou II*. Mm RogartemtraBe 13 ■ fcllVll Eingang Försterg. 7 Volkstümliche Preise Bis 12 Uhr nachts offen kommen. Er fand ihn zwar liebenswürdig, aber abgekühlt . . . „Hier seilen Sie", sagte ihm der Direktor, auf einen Berg von Telegrammen zeigend. Ks waren Telegramme aus araerikaniedien Städten, die eine diditc jiidiedie Bevölkerung besitzen, Berichte voi, den Vertretern der Filmgesellschaft über die Möglichkeit jiddischer Tonfilme. Alle waren negativ. Aus weldiem Grunde? Der Direktor beantwortete die Frage: „Wenn ein guter englisdier Film herauskommt, sind w i r Juden die ersten, die ihn sehen wollen, ebenso ist es mit deutsdien, französischen oder russisdien Filmen, die ins Land kommen. Bei einem jüdisdien Film werden wir zurückhaltend sein und abwarten, bis die nichtjüdischen Kreise hineingehen. Wenn die nichtjüdischen Besucher kommen, kommen wir jüdisdie auch. Nun muß ein solcher Film, wenn er den Namen meiner Gesellschaft trägt, ein paar hunderttausend Dollar kosten und zumindest das Doppelte hereinbringen, wenn er rentabel sein «oll. Sidi aber darauf verlassen, daß die Nichtjuden sich den jüdischen Film ansehen, damit er Anwert beim jüdischen Publikum bekomme, das können wir nicht." Damit war dieser Fall«'erledigt. Eine andere große Hollywooder Filmgesellschaft hatte bereits alles für einen jiddischen Tonfilm vorbereitet, die Schauspieler engagiert, das Szenarium und die Dekorationen fertiggestellt. Es handelte sich um die Verfilmung von Sdiomers Theaterstück „Der grüne Millionär". Nadi den Dispositionen sollte Rudolf Sc h i 1 d k r a u t den Kohlenhändler (die Rolle von Boris Tomaschewsky) und Tenenholz den Sdiuster (die Rolle von Leon Blank) spielen — als plötzlidi ein nenuer Produktionsleiter, der Sohn eines frommen jüdischen Vaters, kam und mit einem Federstridi das Projekt umwarf. Man sieht aus diesen Tatsädicn, sdiließt H. Ehrenreich, mit welch R.Iesensch ritten auch in Amerika die Assimilation vorwa rtsgeht. Die Jüdische Bühne eröffnet am 21. September die neue Saison. Der Theatersaal des Cafe Astor, IL, Prater* Straße 60, wurde einer gründlichen Revonierung unter* zogen. Gleich zu Beginn wartet das Theater, das unter Leitung des bekannten Kapellmeisters Adolf Braslawski steht, mit einem interessanten Gastspiel auf. Das populäre jüdischsamerikanische Künstlerpaar Rachel Rosen« feld und MorisNowikoff wurde für ein kurzes Gastspiet'verpflichtet. Als Premiere wurde die Komödie „Das Wolgaraädel" von J. Rosenberg, Musik von Sekunda, gewählt. Die Direktion bemüht sich, durch billige Preise die Juden wieder für ein Volkstheater zu inter* essieren. Es ist zu hoffen, daß man den Appell der ältesten jüdischen Bühne nicht überhören und ihr Förderung an* gedeihen lassen wird. Jüdischer Musikabend (Volkstümliches Konzert), veranstaltet und ausgeführt von Konzertsänger I. Segal* Rosenbach (Tenor), findet Sonntag, den 27. September d. J., präzise H8 Uhr abends im Konzertsaale (Theater* saal) des Hotel „Post", I., Fleischmarkt 24, statt. Mit* wirkend die Herren: Prof: Josef Zimbler, Violine. Sam. Schwager, Rezitation. Am Flügel: Kapellmeister Rudolf Beck. Es gelangen zum Vortrag nationale, religiöse, chassi* dische Lieder (Hebräisch und Jiddisch). Jüdische Volks* melodien, chassidische Hochzeitstänze (Prof. J. Zimbler, Violine). Jiddische Rezitationen (Sam. Schwager). Preise und Kartenverkauf siehe Inserat. WizosMusikgruppen. Die von der Wizo (Organisa* tion zionistischer Frauen) gegründeten Musikgruppen nehmen am 1. Oktober 1931 ihre Arbeit wieder auf. Wie im Vorjahre, werden auch heuer Kinderchorgruppen ge* bildet, die je nach Altersstufen (Kinder, Jugendliche) zu* sammengestellt werden. Errichtet werden ferner Gruppen für a) Violme und Klavier, b) Zupf* und Blasinstrumente, c) Sprechchor, d) Theoriekurse, e) rhythmisches Turnen. Die Ungunst der Zeit verwehrt es vielen jüdischen Eltern, au die musikalische Ausbildung ihrer Kinder zu denken, und diese Erwägung bestimmt uns, nur einen monatlichen Regiebeitrag per Kind und Kurs einzuheben. Lediglich der sozialen Einsicht und dem selbstlosen Entgegenkommen der sich zur Verfügung stellenden Fachkräfte ist es zu danken, daß wir unsere Arbeit fortführen können. Wir hoffen, daß die jüdische Elternschaft, in richtiger Einschätzung des großen Wertes und der erzieherischen Wichtigkeit der von uns gegründeten Institution, uns ihre Kinder vertrauensvoll zuführen wird. Anmeldungen und Auskünfte schriftlich und telephonisch bei Kapellmeister Lampel, II., Große Sperlgasse 6, Telephon A*49*9*45, und bei Frau Schuck* Popper, IX., Schwarzspanierstraße 15, Telephon A*28*9*87. Für das Präsidium: Sophie Löwenherz, Blanka Federn* Lippschütz, Sabine Paßweg. Für die künstlerische Leitung: Max Lampel. Max Liebermann an die palästinensischen Künstler, Die in Tel-Awiw erscheinende hebräische Tageszeitung „Haarez" veröffentlicht einen Brief Max Liebermanns au M. Dizengoff, Bürgermeister von Tel-Awiw und Präsident des Museums dieser Stadt. Et lautet; „Sehr geehrter Herr! Ihre mir telegraphisch und brieflich übermittelten freundlichen Grüße zu meinem 84. Geburtstag haben mir große Freude bereitet. Haben Sie «nd die Künstlerfamilie U Palä-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.