Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 207 (4.9.1931)
- Date
- 1931-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 207 DIE NEUE WELT *.«*•{»*» Seifell war der Beschluß, den Prozentsat* der Juden herabzusetzen, aber so zu ton, als meinte man nicht die Juden; die Zahl der Juden «t .begrenzen und vor den anderen die Tore zu schließen. So erschöpfte sich in dieser Hinsicht die Tätigkeit der Colleges im Finden von speziellen Argumenten, statt dafür au sorgen, die eigenen Institutionen auszuibaiuen.M Wie dieser christliche Schulmann feststellt, konnte die Zuriickdrängungstendenz die Positionen der am Verfolgung und Druck gewöhnten jüdischen Lernbegierigen nicht erschüttern. Mit eiserner Energie verfolgen die jüdischen Studenten ihr Ziel. Ihr garnzes Streben ist dahin gerichtet, sich mit Wissen für den Lebenskampf auszurüsten, während der Amerikaner sich im seinen Interessen vielfach zersplittert. Ein ähnliches Gesicht zeigt die Lage der nddht rein anglosächsischen Lehrer an den amerikanischen Schulen. Diesbezüglich äußert sich Clyde R. Miller, der Direktor des Erziehungsdienstes und Lehrerdnstituts an der Columbia-Universität, in prägnanter Weise. „Es ist unter den gegenwärtigen Umständen für viele jüdische Absolventen schwierig", erklärt R.Miller, „einen Posten zu finden. Wenn eine Sofouldirektion einen freien Posten ausschreibt, so ist für die Besetzung der Stelle das Religionsbekenntnis entscheid and." Des weiteren äußert sich Dr. A. T. Case, Professorin für Pädagogik an der Columbia-Universität, dahin, daß vielfach schon die Erziehung in den unteren amerikanischen Schulen die Grundlage für den künftigen Rassenhaß und die Aversion gegen eine andere Religion legt. „Wir finden", erklärt die Dame, „nicht nur ein krasses Mißverstehen zwischen jüdischen und christlichen, sondern a/uoh zwischen katholischen und protestantischen Zöglingen." Das sind nur Ausschnitte aus der Fülle von Debatten und Diskussionen über das Problem der Lage der jüdischen Bevölkerung Amerikas, eine Diskussion, die an und für sich schon beweist, daß der Antisemitismus dort mächtig im Anmarsch ist. Die Tribüne ffldfidie „Ehrenrettung" „Die Neue Welt*4 erhielt folgendes Schreiben: Graz, August 1931. Geehrte Redaktion 1 Hier in der Steiermark hat sich ein Steuerskandal abgespielt, in dessen Mittelpunkt die Grazer Großfinma S. Rendi stand. Die Firma wurde zu einer sehr hohen Steuerstrafe, mehrere hunderttausend Schilling, verurteilt. Die antisemitische Grazer Presse nützte den Umstand, daß der Firmenchef ein Jude ist, weidlich aus, und brachte Artikel Über die „Jüdischen Betrüger", welche nicht nur das Christenvolk aussaugen, sondern auch den armen Staat Oesterreich schamlos betrügen. In Nr, 221 der „Grazer Tagespost" ließen mun die Inhaber der Firma S. Rendi eine „Am f klämng" erscheinen, welche ihre Reinwaschung besorgen sollte. Viel war nicht zu waschen, die ziemlich großzügige Steuerhinterziehung wurde glatt zugegeben. Der Versuch einer Entschuldigung fiel sehr lang und sehr unwirksam aus. Die Firmeninhaiber scheinen das selbst empfunden zu haben und suchten nach einem „Schlager*4, um Gnade in den Augen der antisemitischen Verfolger zu finden. Und sie brachten auch richtig einen solchen Schlager zustande. Zu ihrer „Ehrenrettung** brachten sie die Tatsache vor, daß sie, die Juden, fast ausschließlich arische Angestellte haben, fast keinen Juden. Es heißt in der „Aufklärung" wörtlichi „Eine große Belastung unseres Unternehmens besteht auch in den gesetzlichen Kollektivvertragen mit unserem Personal. Wir beschäftigen 70 Fixangestellte (nebenbei bemerkt: n <u r dredNiehtarier) und zeitweise 70 Hilfsaribeiterinnen . . .** Wieviel Unwürdigkeit liegt in diesem „nebenbei"! Antisemiten! Schont mich! Ich bin zwar ein Jude, stelle aber fast gar keine Juden an. Zur besonderen Illustration sei noch bekanntgegeben, daß der erste Farmenchef, Herr Renda, eine TONFILM VON FRITZ LANG URAUFFÜHRUNG TÄGLICH IM APOLLO BEGINN 8/i5»*7, ^10 MONOPOL: TEL. A-83-5-50 KOPPELMAMN * CO« Hauptstütze der „Union österreichischer Juden" ist und jahrelang Präsident aller G r a z e r Juden gemeinden war. Höher geht's nicht mehr. Was sagen Sie dazu, geehrte Redaktion?. Hochachtend Di. I n.** * {Antwort der Redaktion« W$r sagen gar nieths. Die Sache spricht für sich. soll Ihr erster Gedanke Ihr Bett sein Lassen Sie Ihre Federbetten, Decken und Matratzen jetzt WB» 5 mt 4*1 4*nk 1*4* ^fck S Wh 1 umarbeiten. Fertigstellung von früh bis'abends. 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Das sind Geschäfte, und vor diesen Geschäften stellen Araber, Armenier, Kurden, Drusen, Abessynier, Juden und verrichten allerlei Arbeit: schinden Schakale, entweiden Lämmer und braten sie an Ort und Stelle, dörren Häute, fangen Fliegen, gähnen, kneten Teig, machen Fervel an, melken Ziegen* betteln um Bakschisch; Blinde mahlen Kaffeekörner, Schuster flicken Schuhe, ein Meer von Schuhen (vielleicht deshalb sieht man dort auch so viele Barfüßige); Karren mit verschiedenem Grünzeug, Nüssen, Mandeln, Gewürzen* Mein Begleiter ist der hebräische Dichter Zwi Knill, wir kaufen Obst, bummeln und essen. Ich als Europäer stecke die Schalen in die Tasche, um sie nicht auf den Boden zu werfen. Aber mein Begleiter macht mich darauf aufmerksam, diese Taktlosigkeit nicht zu begehen und die Schalen lieber auf das Pflaster, unter die Füße zu werfen; denn wenn ich Ordnung und Reinlichkeit einhalte, werden mich die Araber als Provinzler ansehen und mich als Greenhorn behandeln. In dieser Hinsicht ist der Orient wirklich das ersehnte Land, für unsereins, ich sage es euch, ein Paradies. Der Weg geht treppauf, treppab über krumme, schlüpfrige Steine und auf den Steinen faules Obst, Bananen» Kokosnüsse, da und dort der Kadaver einer Katze. In diesen Gäßchen spazierten wir am Vortag des Pessach. Die Juden kauften für Pessach ein und tausende Araber waren zum Nebi Musa-Fest gekommen, Araber von jenseits des jenseitigen Jordanlandes und aus den entferntesten Winkeln. Neger, Geistliche, zigeunernde Touristen — das alles lärmte, schrie und bewegte sich in den schmalen Gäßchen der Altstadt. Ein seltsames Bild! Man könnte schwören, daß es keine Wirklichkeit sei, sondern ein orientalischer Farben- und Tonfilm eines Meisterregisseurs. So spaziert zum Beispiel ein braungebrannter Kerl, in königliche Kleider gehüllt, mit einer Krone, wie die des Königs Ahasveros im jüdischen Theater, geziert mit „Gold" und „Silber", mit einem seltsamen Ding um den Bauch, und schlägt Tschinellen und singt die großartige Neuigkeit heraus: Ein wunderbares Getränk habe ich, Sodawasser! Und ein anderer, ein Araber, mit verschiedenen Instrumenten bewaffnet und einem Dolch hinter dem Gürtel, drängt sich hervor, schreit und macht dir den Vorschlag, dich, wenn du nur willst und du dich hieher setzest, zwischen Ja und Nein schnell wie der Blitz herunterzurasieren und zu scheren, daß dir nur so der Atem vergeht. „Es fehlt nur noch ein Kamel in dieses Tohuwabohu", sage ich zu meinem Begleiter, und kaum kannst du dich's versehen, ist er schon da, der Brudex, stößt sich elegant und stolz vor, Seiaden nrft seinen zwei Höckern — .jetzt fehlt nur noch ein Esel", und schau nur hin, ist er auch, schon da. Habe die Ehre, hereinspaziert ins Gedränge, man muß ihm den Weg freigeben. Na, es. ist nur recht und billig, einem Esel den Vortritt zu lassen — immer mein Prinzip! Das Bild ist wundersam exotisch, Tauseridundeine Nacht Du bist -verwirrt, entzückt;, bist mit all deinen Sinnen eingefangen: mit dem Gesicht, mit dem Gehör und die Nase — die ist ganz mit Beschlag belegt Du bist in eine andere Welt hineingeraten von vor tausenden Jahren; kaum zu glauben, daß dort draußen das 20. Jahrhundert ist Ein Stück altertümlichen Lebens, mit Sack und Pack eingepökelt und konserviert für Generationen! Und plötzlich läßt sich in dieser exotischen Atmosphäre die Stimme in einfachem Jüdisch hören: „Az ich sog ejch — Madamenju, az ich hodewe di hun fun Purim on!" (Wenn ichs Ihnen sage, liebe gnädige Frau, daß ich das Huhn seit Purim mäste!) Ich drehe mich um: die Stimme gehört einem Wesen, das in eine gestreifte Bettdecke gehüllt ist, eine rote Mütze über einem Kopf voll Haar, Bart und Pejes hat in die ein zerknittertes Gesicht eingerahmt ist, ein Jude, ein Geflügelhändler. Zwischen »wei langen gedrehten Pejes zappelt ein Junge in einem langen Sackkleid und irrt da umher. ^Junge, sprichst du Jüdisch V- „Gewiß." „Und Hebräisch kannst du auch?** „Ich kann. Aber die heilige Sprache darf man an Wochentagen nicht sprechen. Die Zionisten, die Chaluzim, ausgelöscht sei ihr Name, die sprechen die heilige Sprache an Wochentagen." „Hast du die Ziondsten nacht gern?" „Gewiß. Versinken sollen sie. Sie haben die Welt unglücklich gemacht4* » In das Gespräch mengt sich eine jüdische Frau. „Man darf nicht so sprechen, Junge, die Chaluzim sind auch Menschen. Nicht heute sei's gedacht in der Zeit der Praot (Unruhen) haben sie uns gerettet Alle waren damals gegen uns. Die Araber, die Engländer, die Christen. Ein Wunder noch, daß die Chaluzim für uns waren.** Plötzlich tauchen jüdische Waren auf: Mazze, Tfillin, Talesim, Zizzos, Machserim, Siddurim» Jarmulkes, und auf einem der dunklen Eingänge ein Plakat: „Zuuwi vorhanden ist zu verkaufen Zobelstrejmels im Kol ha* Sorten Jarmulkes mit seidenen Zitzen gegen bares Geld wie auch auf Nutzgeld be mekaeh haechowe." Wir sind da dem sogenannten jüdischen Gäßchen der Altstadt Ein filzbärtiger Jude in einem wallenden Mantel mit einer „Marinarke" über dem Mantel und auf dem Kopf eine Kopfbedeckung, von der man im Zweifel ist, was sie besagt: eine Mütze und keine Mütze, ein Hut und kein Hut ein Maharadscha und kein Maharadscha« Es ist eher ein Kissen* eingewickelt an ein Handtuch. Er lauft und ruft: „Nehmt Vetter, nehmt einen Kaienderl Ohne Geld, umsonst, ich will kein Geld." Ohne Geld? Bitte. Ich nehme den Kalender, und so er in meiner Hand ist legt der Jude eine Bettlermiene an und streckt die Hand aus: „Und wo ist der Piaster?*4 Wir gehen weiter, bergauf. Das Gäßchen wird immer enger, wir biegen rechte ein, dann links, dann wieder rechts, und plötzlich — JErikennen Sie es?", fragt; mein Begleite«. „Gewiß, ich erkenne es." Eine Wand mit großen, bleichen, farblosem Steinen — Die Klagemauer, Ein blasser, hagerer Jude mat langem, schwarzem, majestätisch zerfetztem Kaftan, mit breitrandigem Samthut, lehnt mit der bleifarbigen Stirn am kalten Stein, die Hände aufwärts gereckt — in soviel stummtragischem Pathos, daß man damit zehn Tragödien bedienen könnte. Und dort ein heimisches Männchen mit einer Mütze, schütterem Bärtchen, hält ein Siddur in der Hand und wiegt sich hin und her, ein Jude aus der Dybuk-Atmosphäre, und noch eine Gruppe etlicher Alter mit verweinten Augen schmiegt sich an die Wand, als wären sie schon seit zweitausend Jahren hier und behüteten den heiligen Udberrest, und eine Frau düsteren Auesehens lauft hin und her, küßt küßt die Steine, einen nach dem andern, steckt Bittzettel in die schwarzen Steinspalten, rasch, rasch, als würde man sie ihr entreißen wollen. Der Seite zu auf dem Boden sitzen alte, verkrüppelte Bettler, graue, eingefrorene Skulpturen, wie .aus Sandstein gehauen. Ein englischer Soldat, mit einem Couan-iDoyie- Büchel in der Hand, ist der Maschkiach über die Gebete, er ist der Registrator unserer Tränen ... Es wird mir traurig ums Herz. Ist das alles, was ich sehe, ein Bild der Wirklichkeit? Kein Traum? . . < Das alles iet doch Meines:, meine Wand, meine Brüder, und diese Weinenden gehören doch nicht einem andern Volk an, es sind meine Juden. Und wie beneide ich dö« fremden europäischen Zuschauer, diese Touristen, die aus ihren Ländern kommen, mit ihren Kodak-Apparaten dastehen, durch Lorgnons „beobachten", photographieren wie die Juden weinen. Ich kann das nicht. Bin zwar Europäer mit Augengläsern, mit einer Krawatte, angestopft mit Zivilisation, getränkt mit Kultur, Weltlichkeit und Modernismus, Mitglied der menschenfreundlichen zivilisierten Weltfamilie, mit allen meinen erkämpften Rechten, die Glück bedeuten, aber irgendwer sagt mir im Herzen: Na, du, Tunkeier aus Europa, kannst auch zur Wand hinfallen, kannst auch eine Träne lassen zusammen mit deinen Juden. Groß ist der Niederbruch . . , Schweren Gemüts verlasse ich den Platz. Mein Bekannter^ der ameri. kandsche Harry Cohen, der Fabrikant, geht mit mir mit, er und seine Misses und sein Junge mit dem Kodafo Er heitert mich auf: Was die für Stelle gefunden haben, eine so teure Sache wie die Klagemauer hineu«