Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 204 (14.8.1931)
- Date
- 1931-08-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nf. SN Die Rache Freuds an den ihm mehr unbewußt als bewußt verhaßten Christen sei eben die Psychoanalyse. Freud erzählt in seiner zunächst anonym erschienenen Studie über die Moses*Statue des Michelangelo, wie er vom Standort der Statue vor dem drohenden und fürchterlichen Bilde Mosis fliehen mußte; er fühlte sich als einer derer, die vor etlichen tausend Jahren das goldene Kalb um« tanzt haben. Für Maylan, der für stilistische Feinheiten des Schriftstellers Freud überhaupt kein Verstand* nis zu haben scheint, ist auch der Moses ein Vater* Symbo1, und Freuds Bekenntnis seiner Flucht der Aus* druck seines charakterfstischen jüdischen Minderwertig* keitsbewußtseins. Die Psychologie sei, so schließt Maylan seine Ausführungen, eine jüdische Angelegenheit, und deshalb sei es kein Zufall, daß die meisten Analytiker Juden seien. Es ist nun interessant, nach den Ausführungen der nationalsozialistisch eingestellten Theoretiker, die die Psychoanalyse aus dem Judentum ihres Schöpfers zu verstehen suchen, ähnlichen aus der Feder eines Juden zu begegnen. Im Aprilheft der „Neuen Schweizer Rund* schau" findet sich ein Aufsatz von J. Karmel, „D a s jüdische Element in der Psychoanalyse" betitelt Hier sind „eine Unzahl verschiedener Charakte« ristika" angegeben, die bezeugen sollen, daß die Psycho* analyse nur von einem Juden geschaffen werden konnte, daß die Freudschen Gedankengänge mit den Haupt* gedanken der Thora und sein Geist mit dem jüdischen Geist in vollem Einklang stehen. Der Stolz, der aus diesen Zeilen eines Juden spricht, ist ebenso verständlich wie der antisemitische Haß, der die Behauptungen Maylans belebt. So manche Stellen in ihren Ausführungen klingen überzeugend; ich könnte aber, ihrem Beispiel folgend, eine Unzahl spanischer Texte aus Calderon und anderen spanischen Autoren an* führen, aus denen mit ebensoviel Recht auf den spani* sehen Ursprung der Psychoanalyse gefolgert werden könnte. Die Gefahr solcher Behauptungen dürfte uns aber nach den angeführten Zitaten der Herren Seiliiere, Dwels* hauwers und Sumner klar sein. Wenn auch gewisse Ueber* einstimmungen zwischen jüdischen Texten und der psychoanalytischen Theorie ohne Zweifel anzuerkennen .sind, so darf man doch nicht vergessen, daß es nur wenige Gedanken gibt, die noch niemand vorher gedacht hat, und daß solche Uebereinstimmungen nichts beweisen. Das „persönliche Gleichnis" Freuds muß ohne Zweifel untersucht werden, wenn wir die Psychoanalyse auf ihren Wahrheitsinhalt prüfen; vor zu schnellen Verallgemeine* rungen muß aber mit allem Nachdruck gewarnt werden. Und doch ist der Erfolg der Freudschen Lehren bei den nichtjüdischen Deutschen ein schlagender Beweis gegen die zu schnelle Verallgemeinerung. Auf einer vor einigen Monaten im Münchener Steinicke«Saal veranstalteten öffentlichen Diskussion mußte Maylan mir dies auch zu* geben. Dieser Umstand läßt, wenn man die viel geringere Verbreitung der Freudschen Lehre in den romanischen Ländern in Betracht zieht, auf eine tiefe Uebercinstim* mung des „jüdischen" und des „deutschen" Geistes achließen. Hiebei bleiben freilich diese Aus« drücke nur inhaltsleere Worte, solange nicht eine ein« wandfreie Definition des Begriffs „Jüdisch" vorhanden ist. Wird die Frage des jüdischen Elements in der Psychoanalyse diskutiert, so muß man an eine tief« schürfende Bemerkung Nietzsches denken, der lebhaft bedauerte, daß heutzutage die Bücher nicht mehr anonym erscheinen. Wäre das Lebenswerk Prof. Freuds der großen Öffentlichkeit anonym übergeben worden, so wäre es wahrscheinlich niemandem eingefallen, darin nach jüdi=> sehen Elementen, nach Rasseeigenschaften, nach den Spuren jüdischer Geistesart zu suchen. Man hätte sich einfach damit begnügen müssen, es ganz sachlich und lediglich auf seinen Wahrheitsgehalt zu untersuchen. Sechste Bundestagung des Koniinentalbundes zionistischer Mäddienveveinjgungen Die diesjährige sechste Tagung des Bundes fand vom 12. bis 15. Juli in Nove Strbske Pleeo, dem wunderbaren Kurorte der Hohen Tatra, statt. Die Versammlang bot ein buntes Bild: Gruppen aus der Tschechoslowakei, Ungarn, Polen, Karpathorußland und Oesterreich waren vertreten und es herrschte ein fröhüahes Sprachengewirr. Sonntag nachmittag wurde die Bundestagung eröffnet. Frau Marie Pollak, Wien, begrüßte die Delegierten und Gäste, gedachte in ihrer Eröffnungsrede Theodor Herzls, dessen schöpferische Ideen den Zionismus geschaffen haben, und erwähnte in ehrenden Worten den Freiheitskämpfer und Frennd der zionistischen Bewegung, den Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik T. G. Masaryk. Frau Pollak betonte besonders die Bedeutung der Zusammenarbeit mit den jungen Gesionungsgenossinnen aus Polen. Dann hielt Herr Dr. Oskar Neuina nn aus Bratislava, Delegierter des KKL Hauptbüro, einen 'interessanten und aufschlußreichen Vortrag Uber seine jüngste Reise durch Palästina. Am nächsten Tage folgte der Rechenschaftsbericht der Bundesleitung, aus dem hervorging, daß die Arbeit des Kontinentalbundes im letzten Jahre großen Aufschwung genommen und die Hachsohara-Beweguag in den Gruppen des KB sich gut entwickelt bat Besonders erfolgreich gestaltete sich die Zusammenarbeit und das gute Einvernehmen mit der WIZO. Auch mit dem Hechaluz trat der KB in nähere Beziehung und wurde für die Mädchen des KB, die nach Erez auswandern wollen, die Möglichkeit geschaffen, im Rahmen dieser Organisation Hachschara zu machen und Zertifikate zur Einwanderung zu erhalten. Aneohließeod an des Rechenschaftsbericht des Bundes wurden die Tätigkeitsberichte der einzelnen Gruppen verlesen. Interessant ist die Verschiedenheit östlicher und westlicher Ideenwelt, die hier zum Ausdrucke kam und in gegenseitiger Ergänzung den Boden für fruchtbare zionistische Arbeit bereitet. Der Bericht der Delegierten des Kontinentalbundes beim Wizo-Kongreß in Basel, Frau Dr. Henriette Lichtenetein-Rappaport, ergab mehrere Vorschläge für die künftige Zusammenarbeit zwischen Frauen und Mädchen. Frau Dr. Martha Hof mann, Wien, Delegierte der Wizo-Zentrale in London, brachte in ihrem Referat über die Wizo-Konfercnz neue Gesichtspunkte für Frauenarbeit und Frauenziele im Zionismus. Die Delegierte der WIZO der Tschechoslowakei, Frau Vally Waldstein aus Uzhorod, nahm an allen Debatten regen Anteil und zeigte besonderes Verständnis und Interesse für die Arbeit des KB. Der zweite .Aibend der Bundestagung war der zionistischen Politik gewidmet. Herr Ingenieur Otto Braun, Wien, sprach über die gegenwärtige Lage im Zionismus und von zionistischer Problematik. Fräulein Rosl Müller, Wien, sprach über die Bedeutung sozialer Arbeit in theoretischer und praktischer Richtung und berichtete ""über die verschiedenen Aktionen, die der KB in Palästina bereits durchführte. Fräulein Ilse Kantor, Prag, berichtete in launiger Weise über die Tätigkeit der Mädchen des KB für den KKL. Nachdem der alten Bundesleitung das Absol-utorium erteilt wurde, erfolgte die Wahl der neuen Leitung. Ein Mitglied der neuen Bundesleitung entwarf in kurzen Zügen das künftige Arbeitsprogramm. Die allgemeinen Richtlinien werden beibehalten. Besonderer Nachdruck wird wieder auf die Arbeit für den KKL gelegt. In einer Resolution wird es den Mitgliedern zur Pflicht gemacht, an der Ausrüstung auswandernder Chaluzim tätigen Anteil zu nehmen. Am letzten Tage folgte das Referat von Dr. Susanne Müntz, Wien, über die Stellung des KB zur Politik. Der Kontinentalbund sieht seine vornehmste Aufgabe in der Erziehung seiner Mitglieder zu produktiver zionistischer Arbeit Er betont die Unparteilichkeit des Bundes, der in seinem Rahmen jedwede politische Betätigung vermeidet, seinen Mitgliedern jedoch durch objektive Darstellung der jüdischen und zionistischen Ideenwelt die Möglichkeit eigener zionistischer Meinungsbildung gibt. Frau Marie Pollak schließt die Tagung mit innigen Worten. Sie vergleicht die Geschichte des tschechischen Volkes, auf dessen gastlichem Boden die Tagung des Kontinentnlbundes schon zu wiederholten Malen stattfand, mit der Geschichte des jüdischen Volkes und eifert an, der ausdauernden Energie dieses Volkes nachzustreben. Von der Hebräischen Universität Sitzung des Kuratoriums und des Akademischen Rats Das Kuratorium und der Akademische Rat der Hebräischen Universität in Jerusalem haben in Zürich unter dem Vorsitz des Rektors der Universität Utrecht, Prof. L, S. Ornstein, mehrtägige Beratungen abgehalten, an denen der Kanzler der Hebräischen Universität, Dr. J. L. Magnes, Dr. Gyrus Adler, N. Bentwich, Prof. S.. Brodetsky, Prof. Martin Buiber, Prof. A. Frankel, Prof. J. Hademard, Dr. M. B. Hexter, Josef C. Hyman, Prof. T. Levi-Civita, Dr. Schmarja Levin, Dr. E. Lipman, Dr. S. Löwenstein, Richter Julian W. Mack, Charles J. Rosenbloom, Frau S. Rosenbloom, Prof. L. Roth, N. Sokolow, M. M. Ussischkin, Rabbi Dr. Stephen S. Wise sowie S. Gineberg als Protokollführer und Dr. Kohn als Sekretär teilnahmen. Dr. M a g n e 6, der unmittelbar vor Beginn der Konferenz aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, erstattete einen Bericht über die Entwicklung der Universität in den letzten zwei Jahren. Er führte u a. aus, einer Erweiterung der Tätigkeit der Universität sei der Mangel an Mitteln hindernd im Wege gestanden, weshalb er sich genötigt gesehen habe, eine Tournee durch die Vereinigten Staaten zu unternehmen, um die künftige aktive Mitarbeit der dortigen Freunde der Universität zu organisieren. Es wurde eine Vereinigung amerikanischer Freunde der Hebrä iß ch en Universität unter dem Vonsitz von Dr. Aibraham Rosenbach zu dem Zwecke gebildet, die Idee der Hebräischen Universität in weitere Kreise zu tragen und neue materielle Unterstützung für die Arbeit der Universität zu finden. Die Tournee war insofern erfolgreich, als durch sie die Erhaltung der bestehenden Abteilungen gesichert werden konnte. Jedoch wird strengste Sparsamkeit geübt werden müssen. In der auf den Bericht folgenden allgemeinen Aussprache wurde die Frage der künftigen Ausdehnung der Lehrtätigkeit, insbesondere in den naturwissenschaftlichen Fächern, erörtert. Sodann wurden die Berichte des von der vorigen Sitzung des Kuratoriums eingesetzten Subkomitees entgegengenommen. Es wurde beschlossen, den von einem englischen Freunde der Universität gestifteten Lehrstuhl für das Studium der Probleme des internationalen Friedens dem Wunsche des Stifters entsprechend „Chaim- Weizmann-Leh rstuhl für Internationales Friedensxecht** zu nennen. Die Besetzung des Lehrstuhls wurde einem Komitee des Kuratoriums übertragen. Auf Grund der Vorschläge des Subkomitees wurde beschlossen, systematische Kurse in Biologie als Hauptfach mit abschließenden Prüfungen und in Allgemeiner Physik als Nebenfach einzuführen. Ferner wurde beschlossen, Mathematik zu einem Hauptfach an der;Univereit$ zu erheben und im Rahmen des mathematischen Instituts eine Dozentur - für angewandte Mathematik zu errichten, sobald die hierfür erforderlich«! Mittel zur Verfügung stehen werden. Sodann wurde die Frage der akademischen Verwaltung der Universität besprochen. Es wurde ein Subkomitee eingesetzt, das Schritte zur Sicherung des rechtlichen Status der Universität als einer akademische Grade verleihenden Institution einleiten .«oll. Es wurde ein ständiges Komitee des Akademischen Rates, bestehend aus dem Vorsitzenden des Rates und zwei anderen in Europa wohnenden Mitgliedern sowie drei in Amerika ansässigen Mitgliedern, zum Zweck der Beratung der Universitätsleitung in Fragen der akademischen Verwaltung eingesetzt. Zum Vorsitzenden des Akademischen Rates wurde Prof. Ornstein gewählt. Schließlich wurden die Bezeichnungen der akademischen Grade festgesetzt, die nach den ersten Graduierungsprüfungen im November dieses Jahres verliehen werden sollen. Es wurde beschlossen, den Professor an der Berliner Universität Dr. Gotthold Weil zum Mitglied des. Kuratoriums zu ernennen und ihn einzuladen, das nach dem Tode von Dr. Horovitz verwaiste Amt des beaufsichigenden Direktors des Orientalistischen Instituts der Universität zu übernehmen. Schließlich wurde eine Resolution angenommen, in der der Kanzler aufgefordert wird, im Einvernehmen mit der Jewish Agency bei der Palästina-Regierung um Erleichterung der Einreisebewilligung . für jüdische Studenten vorstellig zu werden. Der Dozent für Zoologie Dr. Fritz Bodenheim e r wurde zum außerordentlichen Professor ernannt. Richter Mack teilte mit, daß die neuen Pläne für das Rosenibloom-Hauptgebäude der Universität vollendet seien. >Die Errichtung des Gebäudes wurde durch die Freigebigkeit von Frau S. Rosenbloom, die an der Sitzung des Kuratoriums teilnahm, ermöglicht. * Amerikanische Stipendien für die Hebräische Universität Der Präsident der Gesellschaft amerikanischer Freunde der Hebräischen Universität, Dr. A. S. W. Rosenbach, teilt mit, daß 1? neue .Stipendien an' der Hebräischen Universität in Jerusalem von den jüdischen Brüderschaften der Vereinigten Staaten gestiftet werden. Die einzelnen Stipendien betragen 100 bis 500 Dollar jährlich und werden auf Grund eines Prüfungswettibewertbes zu Beginn des Herbstsemesters zur Verteilung gelangen. Außerdem hat der Frauenbund, de6 Tempels in Cleveland zu Ehren Rabbi Abba. Hillel S i 1 v e r s ein Stipendium von 500 Dollar gestiftet. Unter den Vereinigungen, die Stipendien iüß Hörer der Hebräischen Universität gestiftet haben, befindet 6ich ferner der Verband amerikanischer} Studenten (Stipendium von 100 Dollar), 9 Religio n.6 s c h u 1 e n haben gemeinsam ein Stipendium von 160 Dollar gestiftet. Andere Religipnsschulen haben jährliche Büchexpreise ausgesetzt Chronik der Wodhe Abschiedsabend für Colonel Kisch in Jerusalem Am 26. Juli fand in Jerusalem unter dem Vorsitz von Henriette Szold ein vom Waäd Leumi veranstalteter Aibschiedsabend für den aus seinem Amte ausscheiden* den bisherigen Vorsitzenden und politischen Leiter der Palästina-Exekutive der Jewish Agency, Colonel Kisch* statt. Colonel Kisch hielt eine Ansprache,- in der er ausführte, er habe in den neun Jahren seiner Tätigkeit in Palästina den Jischuw in doppelter Gestalt gesehen. Er habe einerseits mit ihm Schmerz und Gefahr geteilt, anderseits aber auch die große Einwanderung des Jahres 1926, den Aufstieg der Siedlungen im Emek und die Eröffnung der Hebräischen Universität miterlebt. Wenn er auch nicht immer mit den Ansichten des Jischuw übereingestimmt habe, habe er doch stets gefunden, daß seine Instinkte gesund waren. Zum Schluß dankte er allen seinen Mitarbeitern und insbesondere Heirrietta Szold und Ben Zwi dafür, daß sie ihm die Durchführung seiner Aufgaben erleichtert haben. Weitere: Ansprachen hielten der Bürgermeister von Tel Awiw Mayer Dizengoff, der Vertreter der Jüdischen Gemeinde Haifa, Levin, der Vertreter der Histadruth Golum, Melzer, im Namen des Misrachi und Stempfer im Namen der Kolonie Petach Tikwah. Ritualmordaberglauben in Balgarien Sofia, 8. August Die Mitglieder der kleinen jüdischen Gemeinde der nordbulgarischtvn Stadt Wratza, in der zum erstenmal vor 30 und zuletzt vor 2 Jahren Ritualmordbeschuldigungen gegen die Juden erhoben wurden, sind infolge eines sonderbaren Vorfalles, der sich in den letzten Tagen ereignet hat, in lebhafte Unruhe versetzt worden. Vor dem Yorstand der Jüdischen Gemeinde, Herrn Priraow, erschien ein bulgarischer Maurerarbeiter und stellte ihm den Antrag, zum Zweck „rituellen Gebrauchs" durch die jüdische Gemeinde das Blut eines Kindes zu kaufen, das er zu schlachten beabsichtige, um mit dessen Leber ein krankes Mitglied seiner Familie vom Tode zu retten. Denselben Vorchlag wiederholte er in Anwesenheit einiger Zeugen. Primow erstattete Anzeige an die Polizei, die den Maurer verhörte, ihn aber dann wieder auf freien Fuß setzte. Die Sache befindet sich jetzt im