Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 202 (31.7.1931)
- Date
- 1931-07-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 1208 kommissiön in der Hand trug. An diesem Tischa be Ab, dem zweiten nach dem verhängnisvollen Tischa be Ab im Jahre 1929, mit dem die palästinensischen Unruhen begannen, war die Trauerfeier zum erstenmal auf Grund der Bestimmungen des Berichtes der Klagemauerkommission geregelt. Die Polizei beschlagnahmte Flugblätter, die die revisionistische Jugend verteilen wollte. In diesen Flugblättern war zur Ablehnung der im Klage mauerbericht getroffenen und auch von den berufenen jüdischen Instanzen angenommenen Regelungen . aufgefordert worden. Die Stadtverwaltung von Haifa darf nur in England kaufen — Verletzung des Mandatsprinzips der offenen Tür Jerusalem, 27. Juli. Die Regierung hat die Gemeinde« Verwaltung von Haifa beauftragt, das Röhrenmate« r i a 1 für die Kanalisationsanlage der Stadt in England zu kaufen. Bisher bezog die Gemeindeverwaltung die Kanalisationsröhren aus Belgien und Deutschland zu einem niedrigeren Preis, als sie in England zu haben sind. Die Regierung hat die Stadtverwaltung auch daran gehindert, die Röhren von der Röhrenfabrik in T e 1 * A w i w, mit der die Stadtverwaltung von Haifa einen Vertrag abschließen wollte, zu beziehen. Die Anordnung der Palästina*Verwaltung steht im Widerspruch zum Artikel 18 des Palästina! Mandats, in dem festgelegt wird, daß in Palästina eine unterschiedliche Behandlung von Waren aus irgend einem dem Volkerbund angehörenden Staate nicht gemacht werden darf. Durch einen Vertrag wurde diese Bestimmung auch auf die dem Völkerbund nicht ange* hörenden Vereinigten Staaten ausgedehnt. Auf diese Be* Stimmung des Mandats hat erst vor kurzem der Unter* Staatssekretär für die Kolonien Dr. Drummond Shiels im Unterhaus in der Beantwortung einer vom Abg. Colone! Howard B u r y gestellten Anfrage hingewiesen. Howard Bury hatte damals gefragt, ob die Kontrakte zur Lieferung der Maschinen für die Werke am Toten Meer mit b r u tischen Firmen abgeschlossen worden seien. * So sieht die „Förderung" des Aufbaues des jüdi* sehen Nationalheimes aus. Die Juden bauen Industrien, unter größtem Aufwand von Energie, und die Regierung verbietet die Verwertung der Produkte dieser Industrien im Lande. Wo bleibt da die Zionistische Exekutive? Bis* her hat sie allerdings eine Haltung an den Tag gelegt, welche die Regierung in ihrer Mißachtung nur ermutigen konnte. Die aus eigener Kraft geschaffene, solide, auf» strebende jüdisch*palästinensische Industrie war immer das verspottete und mißhandelte Stiefkind aller zionisti* sehen Leitungen. Dafür wurde die kleinste Sache, die aus gesammelten Geldern mühselig geschaffen wurde, als grandiose Leistung hingestellt. Die wegwerfende Art, in welcher;der frühere Präsident Weizmann wiederholt von der kommerziellen und industriellen Tätigkeit in Palä* sfcina sprach, war charakteristisch. Kein Wunder, wenn die Regierung sich zur Mißachtung dieser Industrie be» rechtigt glaubt. Arabische Aktion gegen die Institution der versiegelten Waffendepots in den jüdischen Kolonien Jerusalem, 27. Juli. (J. T. A.) Die arabische Tageszeitung „AI Jamea el Arabia", das Organ des Obersten Mosleoiitischen Rates und des Großmufti, wurde wegen Veröffentlichung mehrerer Artikel, in denen in aufreizender Weise gegen das Bestehen ver* siegelt er Waffendepots in den jüdischen Kolo* nreh Stejung genommen worden war, vom Chefsekretär der PaJästinasRegierung, M. A. Young, verwarnt. Im Zusammenhang damit weisen die jüdischen Zeitungen darauf hin, daß es Artikel solcher Art wären, die dep Ausbruch der Unruhen von 1929 herbei* geführt haben, und daß die Hetze der arabischen Presse gegen die Institution der versiegelten Waffenlager um so auffälliger sei, als in der letzten Woche allein 26 Ära* her w e gen Besitzes verbotener Waffen-ver» urteilt wurden. Nicht nur in der arabischen Presse, sondern auch in' Versammlungen stellen die Araber die Forderung nach Beseitigung der versiegelten Waffen* depots in den jüdischen Kolonien auf. In Nablus wurde eine Versammlung abgehalten, in der u. a. auch der Führer der arabischen Scout*Organisation eine aufreizende Rede hielt. Er schloß seine Ansprache mit den Worten: „Euer Boden, euer Leben und euer Eigentum sind in Ge* fahr.. Wenn wir, nicht rechtzeitig aufwachen, werden wir mit den jüdischen Waffen getötet werden. Proteste sind wertlos. G e H e n wir zur Tat über!" Jüdische-Arbeiter aus Afuleh wegen Widerstandes ' gegen die Polizei angeklagt Jerusalem, 23. Juli. (J. T. A.) Gegen sieben von den zwölf jüdischen Arbeitern, die vor einem Monat in Afu* leh anläßlich einer Demonstration für das Recht jüdi* s ober Arbeiter, bei dem Bau der durch Afuleh füh* rohden Straße beschäftigt zu werden, verhaftet wor» den wafen, wurde ein Verfahren wegen Teilnahme an einer unerlaubten Versammlung und tätlichen Widerstands ge'g'eh'Jie Polizei eingeleitet. {'^ KX^ie seinerzeitige Kundgebung der jüdischen Arbeiter wjirä^y«wnstjMlet, weil das Regierungsdepartement für öffentliche ÄrbeWen den Bau der durck Afuleh führenden Straße, einem arabischen Unternehmer übertragen hatte, der ausschließlich, arabische Arbeiter aus Jüdisches Fräulein lllllllllllillllllllllilllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll das perfekt schneidern und kochen kann, für kinderlosen Akademikerhaushalt in Großstadt Schlesiens gesucht Mädchen vorhanden. Meldungen an Frau Edith Lachmann, Breslau, Anger 13 der Umgebung Jerusalems beschäftigte, obwohl es in Afuleh selbst arbeitslose jüdische Bauarbei* ter gab. Bei dem Zusammenstoß zwischen den demon* strierenden Arbeitern und der Polizei wurden drei jüdische Arbeiter verwundet und mußten ins Hospital ge* bracht werden. Selbstmord wegen Verweigerung der dauernden Aufenthaltsbewilligung in Palästina Unter tragischen Umständen hat der 72jährige Je» huda Abraham Cohen in TekAwiw Selbstmord be* gangen. Cohen, der in der Kolonie Kirjath Schaul ein Grundstück und ein Haus besaß, hatte, nachdem er auf Grund eines Touristenvisums aus Saloniki nach Palästina gekommen war, ein Gesuch um dauernde Aufenthalts* bewilligung eingebracht. Er hatte auch durch Bescheini* gung des Palästina*Amtes der Zionistischen Organisation in Saloniki den Besitz von 400 Pfund nachgewiesen. Aus Verzweiflung darüber, daß sein Gesuch trotzdem abge* wiesen wurde, hat der Greis seine Kleider in Brand ge* setzt und ist an den erlittenen schweren Verletzungen gestorben. * Jerusalem, 20. Juli. Wie die Jüdische Telegraphen* Agentur erfährt, sollen alle seit der letzten palästinen* sischen Volkszählung illegal nach Palästina eingewan* derten Juden, deren Zahl auf fast 10.000 geschätzt wird, im Wege einer allgemeinen Amnestie anläßlich der be« vorstehenden Volkszählung die gesetzliche Aufent* haltsb ewilligung und das Recht zur Eintragung in die Volkszählungslisten erlangen. Mußte Cohen erst sterben? Ernennung eines rabbinischen Beraters für Klagemauerfragen. Jerusalem, 24. Juli. (J. T. A.) Für die in der Entscheidung der Klagemauerkommission vorgesehene Stellung eines bevollmächtigten Vertreters des Rabbinats von Jerusalem, der einen ständigen Kontakt mit der Palästina-Regierung zum Zweck der Regelung des jüdischen Andachtsdienstes vor der Klage« mauer aufrechterhalten soll, wurde vom Jerusalemer Oberrabbinat im Einvernehmen mit Rabbi Sonnenfeld, dem Oberhaupt der Agudas-Jisroel-Gemeinde, Rabbi Isaac O r n s t e i n, nominiert. Das Problem der PaIästina*KoIoiHsation i. D a s E sehen Konsbnis der politi stellation Der 17. Kongreß enthebt uns zum ersten Mal der Notwendigkeit, Kritik an dem Gewesenen und noch zum großen Teil Gegenwärtigen im einzelnen zu üben. Die Entwicklung innerhalb des Jahrzehnts seit Bestehen des politischen Zionismus und der gegenwärtige Zustand des Siedlungswerkes sind schon an sich Kritik genug, Wir brauchen nur das Resume zu ziehen und ein Programm zu entwerfen, das wir nicht einmal ein neues Programm nennen können, denn bis jetzt bestand bei der zionistischen Leitung über haupt kein Programm. Das Resumö des heutigen Zustandes läßt sich in wenigen Worten ausdrücken. Außer der privaten Kolonisation, die sich zum großen Teil der rentablen Kultur des Orangenbaumes zugewandt hat, gehört die ganze übrige Kolonisation in Palästina zur Kategorie der unterstützten Kolonisation, die zum größeren Teil von, der Pica und zum kleineren Teil von der Zionistischen Organisation finanziert wurde. Die erste ist eine privatphilanthropische, die letztere eine n a t i o n a 1 p h il a n t h r o p i s c h e. Wir haben uns vor dem großen Philanthropen Baron Edmund von R o t hs c h i'ld für seine große nationale Leistung in Dankbarkeit zu verbeugen. Als Einzelleistung eines Philanthropen ist sie hervorragend und an sich groß, nicht freilich ah den Bedürfnissen eines Volkes gemessen. Wie alle philanthropischen Leistungen bleibt sie in ihrem Ausmaß beschränkt und ist doch eine große Leistung. Einen anderen Maßstab müssen wir an unsere nationale Leistung anlegen. Seit bald 15 Jahren wurde dem Zionismus die ihm von seinem Schöpfer bei seiner Geburt aufgeprägte politische Gestalt öffentlich anerkannt Es kam die Balfour-Dcklaration und fünf Jahre später das Mandat. Eine neue Aera der politischen Möglichkeiten öffnete sich. Das jüdische Volk der ganzen Welt begann zu hoffen, daß die Wiederherstellung seiner Heimat im Bereich der Wirklichkeit liegt Man müßte nur zufassen, handeln. Und da geschah etwas Unfaßbares, von niemandem Vorausgesehenes: Die verantwortl i c b. en -Leiter der Volksbewegung, in deren Hände die Aufsicht und die Pflege des Mandats gelegt wurde, haben ihre Aufgabe nicht verstanden. Sie haben n,|eht eine politisch fundierte und ökonomisch bedingte Volksbewegung neu geschaffen, sondern die alte philanthropische Infiltrations-Kolonisation mit den gleichen Methoden fortgesetzt. Kein St aa tage danke, keine Staats methoden. > . > Nur wenige Zahlen. Der uns vorgelegte Bericht der Exekutive stellt fest, daß bei der letzten Zählung in? April 1930 in den vom Keren Hajesspd begründeten oder unterstützten Siedlungen insgesamt 7556 Menschen geiabjt haben, sage und schreibe 75QO Personen, nicht etwa Familien. An Familien gab es 1864 und noch dazu 765 Alleinstehende! Das ist das Ergebnis der zehnjährigen direkten Kolonisationstätigkeit der Exekutive. M^; we^de nicht ein, daß die, indirekte Wirkung der Ko;loöisatiönsarbeit eine um so größere .war, 'AJle die pr^wfete iSÄedlungsarbeit in Stadt und, Land sei ein Ergebnis der unmittelbaren Leistung der Zionistischen Oiflajiisation* Des .ist nicht richtig oder nur beschränkt Von Dr. S. E. S os ki n (Eine nicht gehaltene Kongreßrede) richtig. Das in Palästina jetzt pulsierende jüdische Leben ist das Ergebnis der politischen Konstellation, nicht etwa der organisatorischen Leistung der Exekutive, Man könnte vielmehr mit einem gewissen Recht behaupten, daß das, was wir in Erez vor uns sehen, malgre der Exekutive entstanden ist. Es hätte viel größer sein können, hätte es die Exekutive verständen, daß ihre Aufgabe darin bestand, darüber zu wachen, daß die Mandatarmacht solche politische, administrative und ökonomische Bedingungen im Lande schafft, die die Errichtung des jüdischen Nationalheims sicherstellen. Statt dessen wetteiferte die Exekutive mit der Pica in Kolonisation, in philanthropischer Kleinkolonisation, mit dem eben genannten Ergebnis. , Und das hat Millionen von Pfund gekostet, Millionen in der ganzen Welt mit einem großen Aufwand von Energie und unter großen Ausgaben gesammelter 1 Gelderl Mit diesen Methoden können wir das Ziel der : Wiederkehr eines großen Teiles des jüdischen Volkes nach Palästina nie erreichen, wir können uns nur davon : entfernen. Denn der Zeitfaktor ist in unserem Werk; entscheidend: die Zeit arbeitet gegen uns! > Die 1 ä ii d 1 i c h e S i e d 1 u n g Wir betrachten die Aufgabe der Zionistischen . Exekutive nicht in direkter Kolonisation,, sondern in der Ueberwachung, der Kontrolle der Mandatarmacht bei der Erfüllung, ihrer Obliegenheiten aus dem Mandat, die eine landwirtschaftliche Massensiedlung zum Gegen- . stand haben. Allerdings nicht ein bloßes Beiseitestehen als Beobachter, sondern aktives, befruchtendes und förderndes Beraten und Beeinflussen der Mandatarmacht, wozu uns Artikel 4 des Mandats das Recht gibt , und die Pflicht auferlegt, sowie ein rechtzeitiges Ver- > hindern und Ausschalten von allem, was die /Erfüllung : des Mandats verlangsamen oder gar unmöglich machen könnte. Auf dem Spezialgebiet der ländlichen Siedlung sind es die folgenden Punkte, auf die wir unsere Tätig- ' keit konzentrieren wollen: die Schaffung einer > Landreserve für die Bedürfnisse der jüdischen Einwanderer und der palästinischen Araber, die Hineinbeziehung Tränsjor- , daniens in das Bereioh der Wirksamkeit des Mandats, die Anwendung.von intensiven Methoden - der Bodennutzung und staatliche Methoden der Finanzierung der Kolonisation. Ich brauche nicht zu sagen, daß wir nicht die Ansicht teilen, es gäbe in Palästina sq . gut wie kein verfügbares Land. Wir sind aber auch nicht der Ansicht, daß man den Bedarf an Land durch f r e i h ä ndigenKauf decken könne. Die Ergebnisse der letzten; Zeit allein haben hoffentlich bei den Anhängern dieser , Methode der Landbeschaffung für eine Massensiedlung endgültig die Illusion zerschlagen, man werde im , offenen Markt und zu fast gleichbleibenden preisen im Verlauf von vielen Jahren den erforderlichen Boden käuflich erwerben können. Es hat sich sehr bald gezeigt, daß alle Fünf jähr- und Fünfzehn- und Zwajizigjahrpläne, um den gelindesten Ausdruck zu ihrer Charakterisierung zu gebrauchen, nicht seriös sind. Es bleibt kein anderer Weg übrig, als der der Schaffung einer Landreserve durch staatliche Maßnahmen, Angesichts der großen Massen der potentiellen Siedler, ist das höchste Gebot bezüglich der Agrarpolitik in Palästina äußerste Sparsamkeit in der Verwendung des, Bodens. Es gilt vor