Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 200 (17.7.1931)
- Date
- 1931-07-17
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite iö DIE NEUE WELT Ht.*» GRABSTEINE FRIEDLÄNDER * DEUTSCH Xtien, l fle#„ SeHenrtettengasse 2, Telephon V-28-1-28 XI« Zeriträlfriedhof, neb. d. i. Tor, Telephon V-18 Ö 83 ^tnillllllitllllllltflllllllltllllllllltlllllllllilllltlllllllllllllllllfä | toqrm%t 1802 | i msrnrnm»' puflUlYi I lEisciwft frnuiiiA | I lentrtdfnkilfn: WIE* In RftiüfftitM Nr. 1 § i r«nidwan8Sttulam pe Mflte 19» 2t5Ä Müoi» Sdtifei I 3 »rtÄQwKlWiiöpitii _ U6MH— SMBv s | Prinii^ nri ZiimMiMfl tat Jim IUI 12$ W&m SMHn« § S. fiwufiiBP P« Wi ira J@!ffiIM>^ 5 JimMnftn in TmM to afctt 1121 311 JMfan Mtöflij s 3 Tätigkeitsgebiet: Oeftarrtlcli, DeutscW fttten, Frankreich. s Belgien. Hailand, Italien, Spanien, Tsehiohoalowakltcha I 5 Ranoblik. Polin, Ungarn, Jugwlawlön, Bulgarien, Griechen- 3 5 land. Türkei, Aegypten und Pillatlna. s niiiuiHiiiMuiiiiifitiirfiiiiiiiiiHMiiiiiiHiiiiiiiinniiiiiiiiiiiirr Photoapparate für S S.SO Wochenraten erhalten Sie komplette Photo - Apparate samt Ausrüstung nur beste Marken mif Garantie für schönste Aufnahmen. RADIO «n eleganter kollerform spielt Uberait ohne Antenne, ohne Erde, sowie all mod. Netzempfänger, mit Auslandempfang ftadiobeatandteile bei 20 Monate Kredit. K»°/„Anzah!g. u l»/0 Kreditspesen. KOFFER APPARATE Luxut»Apparate, Schetlp'attan v S 2.« die neurstert Schlaget in größter Auswahl sowie Mandollnen, Gitarren, Lauten, Violinen, Zithern, Harmonika*, Blasinstrumente erhalten Sie für S 2.50 Wochenraten. FAHRRKDER beste Qualität, mit langer Garantie von 15 S Monatsrate. — Für Fahrräder und Motorräder separate Abteilung s Schlesinger Vi$Sufä BEI BISTELLUNQIN BITTE SICH AUF ,DIE NEUE WELT« ZU BERUFEN I EINLÖSUNG o<Tld SILBER PLATIN au G. A. SCHEID WIIN I, Prani*Jotet««Kal 4t Wien VI, Qumpe«idor»er»tf*ß«8a Wien VI*. KaUeretraÖe 6»^89, Rainer Wien VI. Dttretgits« i unfl VemolfaitlouDgen Die best bewährte unsch * d liehe MEMlL^Htt ffl JJ «J Tl «"Kl au 1 flrbt echt, naturgetreu und dauerhaft von blond bis achwar» Ueberau erhaltlitii /S 2.7-und S 3.50 W. SEEGE«, Wien XV. Wurxbachgasse 19 T*mam*mmmmHmmmmmmmmnmmmmmmmar KINDERWAGEN von S 26. eh iniiiiiiiiiiii aufwärts direkt beim Rrseuaer XX, WAUINSTIiNPLATZ 3 III, BARICH0.4 {ft HMftttnfc 10B) XX« KfestaF»eufeMr«er«ffr. 91 Sorgfältig und reell. S. Hütt Wie* XX, JUaerstraBe 69 LESET UND VERBREITET „DIE NEUE WELT''! flllllllllllllllllllllllllllllHIIlllllllllllllllllllllllllllllilllllllllllillllllllllllll^ Mendt Ruhig Eine Erzählung von Oskar Rosenfeid 2 Anfangs befremdete ihn die neue Umgebung; er saß in der Küche, mit 'den Mädchen an demselben Tisch. Gleichmütigließ er ihren, Klatsch über sich ergehen, ja, er würdigte sie keines. Blickes, wenn, sie tuschelten oder, der Zweideutigkeit' satt, unverschämte Erklärungen machten. Niemals hob ^er den Kopf vom Teller; den Hut auf den Knien stellte. eV Betrachtungen über die' Höfe an, da-die KüchenfensteG dort hinausgingen, und kaum hatte er; seine Mahlzeit rbeendet, entfernte er sich, um keinem der -Hausleute zu begegnen, durch das Tor. So warmer eigentlich beim Dienstpersonal' zu Gast. Nach, und nach entspajhh sich daher eine trockene, durch die «Gewohnheit genährte Freundschaft, ohne aber im ent* ferntesten mit Vertraulichkeit verwandt zu sein. Mendl tat. auch hier selten den Mund auf; er belächelte bloß die Liebenswürdigkeit'der Mägde, die ihm die besten Bissen heimlich zusteckten,, und schüttelte; den Kopf, wenn sich in;den einzelnen Häusern das Menü wiederholte. ' Das traf öfters ein^ Denn da man mit Rücksicht auf den Kost* geher ein sättigendesaber wohlfeiles Mahl bereitete, geschah es, daß Mendl eine ganze Woche nichts anderes als Milchbrei foder Knödel vorgesetzt bekam. , Obwohl er seinen Unwillen: mit keinem Worte kundgab, war es; irnmerhin an der Art zu merken, wie er zugriff; später konnte man sogar sein 'Danksystem ausfindig machen. , Wjenh ihm das Essen ganz besonders mundete, ging eir niit . dem deutlich gesprochenen „Küß die Hand" fort."Nach'einer mittelmäßigen Mahlzeit mur* melte er: „Guten'Tag"; wobei er noch in'der Stube seinen Hut auf setzte. Die. ärinlichen Hausväter bekamen niemals ein Wort des Dankes zu hören.. Mendl war zufrieden, aber, es war-ikzin■■■stilles.Auf» jauchzen in ihm, ntir; ein dunkles, -verstörtes; Sinnen,. ein Hinhorchen zu dem!Weben auf 'den-Feldern, und er lächelte - versonnen; „wenn. v er -ringsum die., M enschen be« trachtete, -.wie »•si,e^%r.ejm- Tagwerk nachgingen. Für ihn g^b es;,nichts züVbesorgen als einige Dienste.,,die der Vor« steher anordnete, jjh^ obwohl' sie geringfügig waren, brachten sie ihn'denhobh in den?Kreis der:Gemeinde. Am Vorabend des^Sabrjats, ließ i er-bei Berl den - Trinkbecher für den S.egenss'prücji mi ihn der Komödiant, in ein. Gespräch zu ..verwickeln. Am Sabbata'uSgang .stellJe-, er/; die . Geräte jm , Tempel zurecht. Kein Tag verging, ohne daß man ihn zum Gottesdienst rief; denn da die• Gemeinde klein war und die Krämer von ihren Laden:, schwer abk'omniien könnten, war. die Anzahl der' zehn. Ber.sönen ohne ,Mendlschwer/zu erreichen. Man. gewöhn,ter sich v nun : bald—an Mendts " störrisches West)»!' wenn er, in der letzten Bankrejhe Iktehehd^ plötz» HcH JJn ■ einhelles -Laqhen" ausbrach u'nd,,;'von .'$ep; Unu stehenden zurechtgewiesen, seinen Platz '^eiligst}, .verließ. Ja;;^ wagte es'sogar,'die heiligsten Gebete durch Auf* schlagen der Sohlen zu r. stören.. Wenn man sich nach 'de^ Ö;sten wandte,Vupi. die Sehnsucht nach Zion zu;be* zeugen, blickte' er' den , Frommen grinsend, ins Gesicht. Und5.'sobald ihm. darnach der Vorsteher.' mit der Entzie* frufcV' der- Kpst^a'ge '"drphte;" schüttelte er hur gleichgültig den Kopf, als ginge ihn die Strafe' nichts an. Aber lange blieb es nichjt so. Erwar ein ,unwandelbarer- Bestandteil der . Gemeinde geworden, die typische Figur des .NichtstttetM, des Ortsarn;en,edenvje<ler unterstützt. Fremde, die zfctlen Gräbern ihrerf Väter,;gekommen waren, ließen stets et»*f Geld^rK.--.'^ViMen4i -zurjuc^ Alljährlich vor den .«rajikn Feiertagen" erhielt er Kleider, und wenn sie auch mlfc. ip^*c]kito; Schnittes ' entbehrten/' sein wilder '0mlmm^!^^,;fkr^ die Art, djer' Züsammenstellüng eM|^>.|^t^:-Ftn. grüner,;.' krcmpenloser.;; Hut i jtoimtmmmmmmwi'iii.i* >'< .i'n«:........»i..., .....-, ■; ....., reichte nur wenig über die mit Falten - gekerbte Stirn, worunter die schwarzen Augen wie aüs einer Höhle drohten; den Schlußrock trug, er offen, so daß das auf» geschlagene Hemd die breite, gebräunte Brust-sehen ließ, während die engen, gestreiften Beinkleider ihre Falten erst unten über die farblosen. Sandalen warfen. Per Nacken, in, den das wirre, schon gebleichte Haar hinein? wuchs, war frei, vom Kinn führte eine scharfe Linie über den Adamsapfel. " , * . Er liebte es,' in den Stünden "Vor und nach den Mahlzeitenj in der Stube eines befreundeten Raseurs:, zu sitzen,,- besonders an kalten, stürmischen Tagen; wenn die Sonne nur trübselig durchs Gewölk. schielen konnte. Es war nicht gerade die Gesellschaft des Raseurs, die ihm den Aufenthalt verlockend machte; aber hier verstand der Geselle/ ein kleiner, flachsblonder Kauz, auf der Zieh* harmönika zu spielen/ und er. tat ps an. kühlen, Abenden, wenn' .keine. Kundschaft; mehrzu erwarten - war, „..in;SO trefflicher Weise, daß Mendl, im Lauschen unermüdlich, die Erinnerung an die volksartigen Lieder irfdffs -Frauen» bäd mitnahm. .Und noch jemand gab es da: ein weißes, lustiges' Hündchen, das zugelaufen war- und -Mendls Für* sorge,: mit einer geradezu fanatischen-Anhänglichkeit belohnte.' Obwohl der Geselle, ein Waise wie Mendl, über ihn die sonderbarsten Gerüchte aussprengte und beson» ders . an Sonntagen es nicht Unterlassen konnte, ihm. ein ' , / ■' spitziges Räuschchen anzutrinken, kamen die beiden den» noch nicht auseinander; ihre Freundschaft war — nicht zuletzt durch das Verhältnis zu Flock, dem Hündchen — fest gegründet und dauerhaft, wie zwischen zwei Men» sehen, die mit sich selbst in Eintracht le.t>e,n. Und wenn Mendl . auch mit .dem Gesellen keine Zwiesprache hielt, war 'eine hejkere Zuversicht in seinen Augen immerhin zu lesen, in den verstörten Augen des Ueberfjüssigen, in dem verwitterten Gesicht, dem die Wucht der Jahre zahllose Falten eingeritzt hat. 7-'..'■" In der Gemeinde mißtraute man - Mendls neuem Umgang. Man hörte allerlei von den tollen Spaßen des Räsiergesellen, seine Anekdoten von PhiUsterdummheit undA*frömmelei eilten von Mund zu Mund,'entstellt, ver* zerrt, mit einem Mäntelchen -von Anstößigkeit umhängt, so daß vom Original kaum mehr das Wesen zurüqkblieb. All,dies und besonders das Bewußtsein, Mendl insolcher *Ges'ellschjaft aufwachsen < zu sehen, peinigte;'die Gemüter ' der behäbigen Bürgerschaft. '<Dazu kam hoch. ^daß Le,ute, .. die dem Raseur den Zulauf der wohlhabenden Kundschaft - mißgönnten,, mit ängstlichen Mienen, als könnten sie die Duldung derlei Vorkommnisse vor ihrem Gewissen nicht verantworten, von Gelagen zu flüstern''wußten, von Ausbrüchen : einer unerlaubten Liederlichkeit. Der Vorsteher hatte sich zwar überzeugt, daß dort fast ausschließlich Spülwasser entleerter Schniipsfässer getrunken <'^werde, ' nichtsdestoweniger; galt die Rasierstube als Sündenpfuhl, •den zu;betreten kein Krämer/ der etwas auffseinen, ehr* - sämeh-N^men hielt, tagsüber., gewagt: hätte.. Dennr Mendl selbst pflegte oft mehrere Tage hintereinander/' vom Ges seilen - begleitet, in •'• berauschtem^ Zustande auf die Gasse zu treten/: torkelnd und gröhlend, und an einem Sabbat* nachmittag--'.fiel es ihm sogar ein, vor deni' Hause des Vorstehers:Lärm zu( schlagen,! sich wie e^^ähnsinniger zu gebärden,!unflätige Worte, .diie;er irfee^dw-oJin den Schenken;r der Dvorky aufgefangen, in die belustigte Menge zu schreien;! Er fuchtelte mit der Kappe, er warf die' Hände :in die Luft, und er brüllte, daß die Adern auf den,'S|hl|fen emporschwollen. „Hundsfott! Galgenvogel! B^eutels^chneider! Feiges Schaf! Mastschv/ein!" Von allen Seiten^strömte Volk herbei. Die Marktweiber ließen ihre .'»:-,. "^■f*" Gemüsesäcke im Stich, um sich an Mendls Ausbrüchen zu ergötzen. Man stieß und fluchte, einige schwenkten die Hüte, und mittendurch schlängelte sich Berl, der - Komödiant. „Sperrt ihn ein, den Tagedieb!. Nein, steinigt ihn,, wenn er tut das Maul aufreißen gegen den Vor* steher . . ." Mendl schrie unablässig weiter. Doch als ihn einige Gemeindemitglieder aufs Amt abführen wollten und mit schweren Strafen; drohten, sagte er, rnit" dem Finger auf die Brust weisend: „Gut, das alles bin icfo!" Der Geselle krümmte sich vor Lachen, und auch das Volk gab seiner Freude über Mendls lüstigen Streich zum Ausdruck. Am nächsten Tag lag er schon in-den ersten Morgenstunden im Wald. Es tat ihm wohl, zu fühlen* daß hier das Unbeholfene seines Wesens brach liegen durfte. Im Umgang mit den Krämern der Stadt versagte er; hier, wo er schweigen durfte, wo der Wald mit Farben und Lichtern und zierlichen Gewächsen zu ihm sprach, verebbte die Scheu vor den Menschen. Es war, als läge ein Traum in ihm verborgen und erhellte ein kleines Fleckchen in seiner Seele mit seinem Widersjqhein,. und es waren nicht allein die frommen Erinnerungen, die vor* überzogen, auch Schmerz und Wehmut meldeten sieb, aber das Sausen des Waldes, die mannigfaltigen Stimmen, denen er lauächte, schwemmten die Gegenwärt fort* und darum lag alles leicht und friedlich vor ihm, und ein glückliches Lächeln erschien auf seinen schmalen, blut* leeren Lippen. Wie lächerlich fand er das - beschränkt6 Hasten der Menschen'.uriten im Tal? Dort, wo er lag und hindämmerte, gab es keine Zweifel mehr." Er. dachte über die religiösen Gebräuche seiner Gemeinde - nicht mehr nach. Ihr Gott hatte ihn einst verlassen,; ihrem Gott tat er allwöchentlich' mit. der Geste der Ueberlegenheit Gefälligkeiten, weil sie vom Vorsteher genehmigt waren. Jetzt aber entdeckte er einen anderen, milderen, zu dem er wie zu einem Bruder reden konnte, der ihn niemals in Versuchung führte und darum Blut von seinem Blute war, Geist von seinem Geiste. Mit diesem hieß es nun wandern. Und es war,gar nicht einmal schwer, ihn zu ver» stehen/ Wenn er aber diesjem göttlichen Gefährten eine Zeitlang gedient hatte, konnte es geschehen,, daß er sich nach einer stärkeren, 'gewaltigeren Mächt sehnte, ja;' ei ward ihm ein Bedürfnis, niedergedrückt, zermalmt zuwerden'. So kehrte er denn die spitzen Pfeile der Demü,!fci* gung, der Vorwürfe und Schmähungen -gegen sich selbst. Je empfindlicher sie träfen, desto größer war die Be* friedigung über die' erlittene Schniach, und darum konh.te er sich an derlei Strafen kaum genug tun. Er war sich dessen nicht bewußt, daß er sich von seinen Jugend;- träumen, täglich mehr entfernter'auch' war; ihm' der. Ge*. danke fremd, sich für einen vom Schicksal persönlich gekränkten Menschen zu halten.. Er trug die Last seines Daseins wie etwas Selbstverständliches, mjt dumpfen Sinnen, ohneinneren' -Aufschrei; ohne -die:-ohnmächtige Empörung des Erniedrigten.-tf : ' . ' r Seine Augen waren erlöschen, von dein frühere^ Glanz war kaum noch ein Aufleuchten vorhanden. Des Gesicht, sah wie gegerbt aus. Die. gebleichten Haarsträhne traten' von" der' Stinte-, in deinen Falten der Jammer seines Alters lag, tief in den Nacken zurück. Die Beine holten nicht mehr kräftig aus; langsam trügen sie ihn durch die. Dvorky/. so daß, die Gassenjungen Zeit hatten, mit seinen Rockenden Allotria zu treiben. Und wenn,sie Grimassen machten und Spottverse hinter ihm hersagten, dann sehritt er bedächtig, mit gesenktem Kopf, wie unberührt vom Unrat der Gasse, zum Tempel hin, um im, Fraueribad zu verschwinden. Sein Leben war allmählich noch stiller ge< worden; nachdem, man sich an seine Schrullen-gewöhnt hatte, blieb er verschont, . .(FortgetZUIlg fo)gt.) ekentflmer. Verleger. Herausgeber and Jyerutm'rillclier .99j^t«iir Oberbaarat Robert Stricker. Druckerei« and Vortags-A.-G. Igaaz Steiuraana beide Wiea IX» Univ«rsjtäts$traöe 6—a