Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 200 (17.7.1931)
- Date
- 1931-07-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2711790-2711819--2625-2715932- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10 DIE NEUE WELT Nt. 200 Export vonPaläsiina*Prodtikftctt nadi dem Kontinent Von Gustav Wilder (Schluß.) V. Der palästinensische Wein am Europamarkt Während ich trotz der Wahrscheinlichkeit vom Preisrückgang im großen und ganzen den Markt der Zitrusfrüchte in Europa sehr optimistisch beurteile, ist die Lage des Weinmarktes hier viel weniger günstig. Damit hängt zusammen, daß die Palästinaorange in erster Liitie von den Nichtjuden gekauft wird, während der Pa* lÄstinaAVein in Zentraleuropa im wesentlichen auf das jatiische Publikum beschränkt bleibt. Daran wieder trägt nicht der ganz hervorragende Palästinaer Wein schuld, sondern Umstände, die sich unserer Einwirkung entziehen. Zunächst ist die Weinproduktion in Zentral* e u t o p a in den letzten Jahren stark gestiegen; es waren gute Wein jähre und der österreichische, ungarische, tsche* chpslowakische Wein kam in guten Qualitäten und zu sehr billigen Preisen auf den Markt. In Wien z. B. wird Wein besserer Sorte heute im Detailverkauf zum selben Preise wie das Bier verkauft — 4 Piaster der Liter! Im Verhält« nis dazu ist der palästinensische Wein rm Detailhandel viel zu: teuer. Der billigste Palästinawein kostet hier 3 Schil* ling 8% Piaster per L'itcr und der österreichische Wein« trihker hat ihn wegen seines südländischen Gecshmacks als exotischen Wein weniger gern als den billigeren Eigenbau. Das jüdische Publikum wieder, das interessanter« weise den südländischen Geschmack bevorzugt, trinkt Wein nur bei besonderen festlichen Gelegenheiten. Da* durch wird das ganze «Geschäft zu einem Gelegenheits« geschäft für Liebhaber, die individuell bearbeitet werden müssen. Einen generellen Charakter hat eigentlich nur das Geschäft mit den Edelsorten, wie Tokajer, Muskat, Porter, Carmel Hoc und Sauterne, die bei Fach« letften ganz hohen Anklang finden und sich allmählich als Luxus durchsetzen. Der Detailpreis per Liter von 4 bis 6 Schilling (14 bis 20. Piaster) wäre an und für sich nicht zu hoch, aber in dem verarmten Mitteleuropa von heute kann man ein zahlenmäßig großes Importgeschäft nicht machen. Meiner Meinung nach müssen die Preise der P al äs t i n a w e i n e ausnahmslos herabgesetzt werden. Die gewöhnlichen Sorten müssen billiger werden, damit sie mit dein inländischen Wein Mitteleuropas wenigstens annähernd konkurrieren können, die Edelweine müssen billiger werden, damit sie mit den Edelweinen Frankreichs und Spaniens konkurrieren können, die immer* Hin. etwas billiger' sind als die Palästinaproduktion. Die palästinensischen Kellereien sollen nicht ver* gessen, daß sie sich kaufmännisch in eine ungünstige Situation gebracht haben, indem sie darauf verzichten, ihre Edelweine als eigene Sorten, mit eigenen Namen auf den Markt zu bringen und im Zusammenhang damit einen eigenen Preis festzusetzen. Sie haben ihre Weine nach den Sorten genannt, die vor 40 oder 50 Jahren nach Palästina importiert wurden und die heute natürlich einen ganz anderen Charakter haben. Aber wenn ein durchschnittlicher Weinliebhaber die Wahl hat zwischen palästinensischem Tokajer und ungarischem Tokajer, palästinensischem Cherry und spanischem Cherry, pa» lästinehsischem Sauterne und französischem Sauterne und wenn dann noch überdies die palästinensischen Sorten auch jnur ein klein wenig teurer sind als die europäischen W?eine, dann kauft er eben den ungarischen Tokajer und verzichtet auf den palästinensischen. Ich glaube, daß die Weinkellereien daraus einige Lehren ziehen müssen: fl. Ein großes Geschäft mit internationaler Kund* sebaft verlangt einen. Preisabbau von wenigstens 20 und höchstens 30 Prozent. 2. Die Wirtschaftskrise. Europas verlangt, daß Palästina dem Beispiel Griechenlands folgt und sich auf billigere Sorten spezialisiert, statt wie bisher auf die teuersten. Speziell unsere trockenen Weine (Sauterne und Medoc) sind gut, der Carmel Hoc sqgar ganz hervor* ragend, und können bei einem Preis von etwa VA Pfund per Hektoliter (ohne Faß) fob Jaffa konkurrenzfähig mit den besten europäischen Weinen werben. 3. Die Konkurrenzfähigkeit unserer Sorten wird meiner Meinung nach dadurch größer werden, wenn wir unsere Weine mit palästinischen Namen bezeichnen, statt ihnen die Ursprungsnamen der Rebensorte zu be* lassen. Es ist kaufmännisch falsch gedacht, zu erwarten, daß, der nichtjüdische Händler z. B. einen Tokajer aus Palästina beziehen soll. Die richtige Namensgebung für unsere Weine ist aber eine außerordentlich ernste Frage, vpn der das Schicksal des Exports abhängen kann. Meiner Meinung nach müßte eine Kommission von Propaganda* fachleuten einerseits, Weinimporteuren anderseits, ein« gesetzt werden, die die Namen für jede palästinensische Sorte auswählt, am besten Namen nach palästinensischen Orten mit internationalem Klang. < Aber das genügt nicht. Diese Weionamen müssen in alle? Ländern der Welt einheitlich propagiert werden. Heute wird derselbe Wein in jedem Lande Europas unter anderem Namen und in anderer Adjustierung au! den Ma#tt gebracht. Das Ergebnis ist, daß jedes Land eine andere Reklame für den Wein machen muß und daß Leute, die etwa in Palästina eine Wcinaprtc, liebgewonnen habe«, m Europa als Kunden verlorengehen. Noch ein eingeführten Phantasienamen nicht finden können. Diese kleine Aeußerlichkcit schadet dem Weinabsatz mehr als man denkt, weil dadurch gerade Tausende von Palästina« Touristen, die sich hier an die guten Weine gewöhnt haben, in Europa als Kunden verloren gehen. Noch ein Detail: Die Etiketten der palästinensischen Weine sind altmodisch und schaden dem Absatz. Auch hier ist eine Reform mühelos und ohne Kosten durchzuführen. Wird in diesen Kleinigkeiten modern gewirtschaftet, dann werden die palästinensischen Weine auch bei Nichtjuden konkur* renzfähig werden und damit kommt der Weinbau in Pa* lästina auf eine besondere Basis, denn von Kiddusch* weinen allein kann der palästinensische Weinbauer nicht existieren. VI. Honig, Ich sehe hier große Chancen für die Zukunft. Der palästinensische Honig in ist seiner Qualität ganz aus* gezeichnet, in Europa gibt es nichts gleich Gutes. Der Preis wurde vernünftigerweise um 40 Prozent herabgesetzt, seither sind wir bei weitaus besserer Qualität auch im Preis konkurrenzfähig geworden. Nur in der Tschechoslowakei müssen bestehende Einfuhrschwierigkeiten beseitigt werden, um dem Honig eine große Zukunft zu verschaffen — Vorraussetzung ist Reklame. VII. Bananen. Diese sind für uns noch Neuland. Für den Europa* Export kommt ausschließlich der Hafen von Triest mit dem Ziel Wien in Betracht. Derzeit besteht noch ein italienisches Transitverbot, zum Schutz der italienischen Produktion Dieses Transitverbot muß ebenso aufgehoben werden, wie seinerzeit das Durchfuhrverbot für Orangen, sonst gibt es keine Absatzmöglichkeit für Mitteleuropa; Die Qualität der palästinensischen Bananen ist gut, doch befriedigt ihr Aussehen nicht. In Mitteleuropa liebt man die großen Früchte. Die arabischen .Bananen in . Jericho wären deshalb viel besser verkäuflich als die jüdischen Bananen, die zu klein sind. Eine Umstellung der Produ» zenten wäre meiner Meinung nach wichtig. Karfiol, Tomaten usw., überhaupt alle Früh* und Edelgemüse haben dieselbe Chance in Europa wie die Bananen und haben dieselben Schwierigkeiten durch das Transitverbot von Triest aus. Vni. Oele und Seife. , Für den europäischen Markt der palästinensischen Seife habe ich trotz ihrer ausgezeichneten Qualität: keine großen Hoffnungen, da' der Zöll überall außerordentlich hoch* ist. Sie wird vorwiegend nur für streng orthodoxe Abnehmer Interesse haben, die aus religiösen Gründen sicher sein wollen, reine Olivenseife zu bekommen. Hingegen kann der Oel*lmport gute Chancen haben. ■ ■" * ><{ ' ' Zusammenfassend kann ich über das Europa* gschäft nur eines sagen: Die zehnv Jahre, die ich mich mit dem Absatz von Tozereth Haarez im Ausland beschäftige, haben mir einen ganz ungeheuren Fortschritt gezeigt. In erster Linie ist dies der Zusammenfassung der Produ« zenten in eine Kooperative zu verdanken. Mit Einzel* händlern hätte man nie Geschäfte machen können, erst die Gründung der Kooperative ermöglichte die Schaffung eines Marktes. Die Erfahrung der letzten Jahre zeigte ein ständiges Steigen des Absatzes in Europa; auch ohne eine spezielle Einstellung des jüdischen Publikums zugunsten der palästinensischen Produktion sind die weiteren Markt* möglichkeiten groß. Wenn sich aber die Juden ernsthaft für Tozereth Haarez interessieren werden, dann können die Entwicklungsmöglichkeiten auch nicht annähernd ab*! , geschätzt werden. Bisher allerdings stehen die Juden als Käuferschichte der palästinensischen Produktion merk* würdig kalt, um nicht zu sagen ablehnend gegenüber. Es ist, als ob der jüdische Großkäufer vor dem Wort Pa* lästina Angst hätte. So kam es, daß ein Riesengeschäft der christlichen Konkurrenz kampflos überlassen wurde. An den jüdischen Orangen verdienen englische und deutsche Christen, die den Mut, Initiative und Zutrauen zu den Produzenten Palästinas hatten, während der jüdi* sehe Großhändler, offenbar infolge der zionistischen Agitation, Palästina nur als ein Land beurteile, das für Spendenfonds in Betracht kam, und nicht daran glaubte, daß man dort auch etwas verdienen kann. Es ist hoch an der Zeit, daß er umlernt, wenn er nicht will, daß der ganze Zwischenhandelsgewinn des Palästina«Exports dauernd in nichtjüdische Hand gerät. Schließlich noch ein Wort über die Handels« Politik. Palästina leidet sehr darunter, daß Groß* b r i t a n n i e n bei Abschluß der Handelsverträge sioh nicht um die Interessen Palästinas kümmert. So kommt es, daß Palästina gegenüber vielen anderen Staaten benachteiligt ist Z. B. genießen Spanien und Italien in manchen Ländern Meistbegünstigung, während England daran „ver* gessen" hat, diese Meistbegünstigung auch für Palästina zu verlangen, so daß Palästina für Orangen höhere Zölle zahlen muß als Spanien und Italien. Was das für die Kon« kurrenzfähigkeit unserer Haifa*Orangen bedeutet, kann sich jeder Pardeßbesitzer selbst ausrechnen. Da nunmehr in fast ganz Europa ein System von Vorzugszöllen auf Grund von neuen Handelsverträgen ein« geführt wird, ist die Frage nach handelspolitischem Schutz Palästinas zu einer Lehensfrage für den Jischuw geworden. Die künftige Exekutive wird gut tun, mit ganzer Energie England dam zu veranlassen, den Schutz der palästinensischen Interessen ernsthafter wahrzunehmen als bisher. Von den Juden in Argentinien Die argentinischen Juden, größtenteils rusai« scher Herkunft, haben die Gesellschaft Soprotimis, das Komitee für gegenseitige Hilfe, und die Gesellschaft zum Schutze israelitischer Einwanderr geschaffen. Diese Ge« Seilschaften sind der Zentralorganismus, der alle diese Unternehmungen leitet. Sie zählen mehrere tausend Mit« glieder. Für die schon angesiedelten Juden besteht der Congreso de Obras Judias, der bestrebt ist, die Juden auf die einzelnen Staaten zu verteilen. So wohnen von den 200.000 Juden, die schon argentinische Staatsbürger sind, bereits 80.000 auf dem Lande, sie sind die „jüdischen Gauchos", wie sie in einem Roman verewigt wurden. Andere Institutionen zweiten Ranges sind: die Je« wish Association for the Protection of Girls and Women, welche die jüdischen Mädchen vor dem in Buenos Aires so entwickelten Mädchenhandel schützt, die Hilfskasse, beziehungsweise die Arbeiterbank, eine weitere Bank, welche den Einwanderern aus Osteuropa Geld zum Landerwerb vorstreckt, Spanisch*Kurse, ein Spital mit 205 Betten, eine subventionierte Schiff« fahrtsgesellschaft, ein Stellenvermittlungsbüro mit Filialen in Cordoba, Bahia, Bianca Rosario. Tucuman, Mendoza. Die bevorzugten jüdischen Einwanderer sind Land« Wirte und Industriearbeiter. Nach dem Krieg ist die jüdische Einwanderung bis auf 8 0 0 0 jährlich gestiegen. 1928 wurde eine Kasse gegründet (die Schimiluth Hassadim), die den Einwanderern Kredite zum Ankauf von Werkzeugen und Ackergeräten zur Verfügung stellt. Im ersten Monat Wurden 7380 Pesos ver« liehen und 40 Einwanderer mit einem Kapital von 50 bis 60 Pesos untergebracht. Die Einwanderer,schicken ihren Familien in Rußland und Europa 5 Millionen Peso« jährlich. Das Werk der Ansiedlung wird durch das hygienische Werk ergänzt. Ein interessantes Beispiel hie« für ist die Jüdische Liga gegen Tuberkulose, die von Marcus Vengerov 1921 gegründet wurde. Sie zählt 45.000 Mitglieder und hat 60.000 Pesos jährliche Ein« nahmen. Alle jüdischen Organisationsbetrebungen haben zum Zwecke, die größtmögliche Zahl von Juden auf dem Lande anzusiedeln. Die jüdischen Kolonien um« fassen schon 586.479 Hektar. In der Provinz von Buenos Aires befinden sich die Kolonien: „Mauricio" und „Baron Hirsch"; in Santa Fe: „Moisesville" und „Montefiore". In Entre Rios: „Clara'4, „Lucienville", „San Antonio", „Santa Isabel", „Lopez", „Berro", „Curbelo", „W. Moß", „La Gama". In Santiago del Estero: „Dora". In der Pampa: „Narciso Leven" „Baron Hirsch", „El Escabel". In ihnen befinden sich 2903 Kolonisten mit ihren Familien, im ganzen 33.084 Seelen. Außerdem leben Juden in den Nachbardörfern der Kolonien, die die Kolonien be« liefern; es gibt ihrer 7000. In allen Kolonien gibt es Biblio« theken mit durchschnittlich 6000 bis 8000 Büchern, in Spanisch, Hebräisch, Jiddisch, Arabisch und Französisch. Die Kinder der Kolonisten und der ihnen benach* harten Juden werden in 79 Schulen des argentinischen Staates und in 64 religiösen Schulen mit jüdischem Ritus erzogen, insgesamt 16.113 Kindern. Für das moderne Judentum ist es nicht gleichbe» deutend, ob man Landwirt oder Schneider, Maurer oder Advokat ist. Die landwirtschaftlichen Arbeiten sind für Israel viel mehr als ein bloßer Broterwerb. Sie bedeuten eine vollkommene Wiedergeburt der Rasse, trotz der enormen, unglaublichen Schwierigkeiten wirt« schaftlicher und psychologischer Art, die man überwinden muß, wenn man das nomadenhafteste Volk an den Boden fesseln wilL Daher nehmen die jüdischen Kolonisten sozu« sagen die Stellung von Lieblingskindern ein, von Juden erster Ordnung. Dennoch ist noch viel zu tun. Der Kolonist ist bewundert, aber isoliert.' Es gibt keine Ehen zwischen den Juden der Städte und der Kolonien; die Juden der Kolonien leben abgesondert vom jüdischen Kulturleben. Daher konzentrieren sie ihre Hoffnungen auf den Zionismus und als Juden der Avant« garde richten sie ihre Blicke auf Palästina, betrachten ihre Arbeit auf argentinischem Boden als Vorbereitung und hegen die Hoffnung, eines Tages ihren Landbesitz zu verkaufen — ehemalige Pampas, die in Gärten verwandelt sind — um sich für ewig im Lande ihrer Väter zu verwurzeln. Dies gaben sie dem Agronomen I. A. Ettinger kund, der sich gegenwärtig in Südamerika als Delegierter des Keren Hajessod befindet. Ettinger war von tiefer Bewunderung erfüllt beim Besuche der jüdischen Kolonien, die 200 bis 300 Pesos per Hektar wert sind und jeder Familie einen Jahresertrag von 6000 bis 8000 Pesos liefern. Fast alle jüdischen Kolonisten besitzen ein Auto, gewöhn« lieh Rugby, Chevrolet und Hudson. Jeder Kolonist besitzt drei bis vier Kühe und Rinder und ein Vermögen von 15.000 bis 18.000 Pesos in landwirtschaftlichen Geräten, Gebäuden und Vieh. Ihre blühendsten Kolonien sind die von Entre Rios, wo man Mais und Flachs produziert; außerdem produzieren sie viel Milch, Eier und Geflügel. Dennoch ist die Gefahr groß. Fast alle Kolonisten haben in der dritten Generation die Kolonien verlassen, um in die Stadt zu gehen; die zurückbleiben, sind wie gesagt Zionistco, die darnach streben, in Palästina zu leben. Jedenfalls, auch wenn die Juden in Massen das Land verließen, so würde ea schon bearbeitet und vorbereitet sein für die kreolische j_