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Die neue Welt · 1931-07-10 · Heft 199 (10.7.1931) · page 14

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 199 (10.7.1931)
Date
1931-07-10
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 14 DIE NEUE WELT Nf. 19» GRABSTEINE FRIEDLÄNDER & DEUTSCH Wien, l. Bes., SeÜensieiiengaaae 2, Telephon U-28-7-28 XI., Zentralfriedhof, neb. ä. 7. Tor, Telephon ü*18-0-85 ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiitiiiiiiiiiififiiimii^ E äagrUQdst 1892 § | LßöensuErsIctierunss- DUflIIIYf I I Gesellschaft .nnUlllÄ \ | Zentradirektion: WIEN I., Riemergaase Nr. 2 I tosictangsües'anti per Mitte 1930 2450 MilHoasn Sdiiillnq vollelnsezabltes iktlenkapttai WM.OÖO.-Sthilllng 5 Prämien- und Zinseneinnahmcn im Jifctt 1929 125 Millionen Sdiilling 5 Garanlitmittel per Ende 1923 300 Million«! Sdiilling Anszablungen an Venltherte im Jährt 1929 30*5 Milllonto Sdiilling Tätigkeitsgebiet: Oesterreich, Deutsches Reich, Frankreich, s Belgien. Holland, Italien, Spanien, Tschechoslowakische 5 s Republik, Polen, Ungarn, Jugoslawisn, Bulgarien, Griechen- E land, Türkei, Aegypten und Palastina. s niiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiif RADIO Photoapparate für $2.50 Wochenraten erhalten Sie komplette Photo - Apparate samt Ausrüstung nur beste Marken mit . Garantie für schönste Aufnahmen, in eleganter Kollerform spleltUberali ohne Antenne, ohne Erde, sowie alU mod. Netzempfänger, mit Auslandempfang. Radiobeatandteile bei 20 Monat« Kredit. 10% Anzahlg. u l°/0 Kreditspesen. KOFFERAPPARATE Luxus-Apparate, Schallp'atf en v. S 2.- dh? neuesten Schlaget in größter Auswahl sowie Mandolinen, Oifarren, Laufan, Violinen, Zithern, Harmonikas, Blasinstrumente erhalten Sie für S 2.30 i Wochenraten. 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Er entschädigte sich für die erste Enttäuschung seines jungen Lebens, ohne jemand dafür verantwortlich zu machen, durch tolles Wandern über die Berge und tagelanges Fernbleiben, dem bei dem begrenzten Sinn seiner Eltern keine Bedeutung beigemessen wurde. Wenn ihn Zweifel an Gottes Allmacht befielen, von der soviel in der Schule erzählt wurde und die schwarz auf weiß in der Bibel niedergelegt war, ergriff ihn ein Staunen über seineeigenen seltsamen Vorstellungen; er wagte nicht, sich selbst recht, dejj unwiderleglich sicheren Büchern unrecht zu geben. Ohne Geschwister, oline Kameraden aufwachsend, verbarg er das Wanken seiner Zuversicht in. sich. Da geschah es, mitten im Frühjahre, daß ein Wolkenbruch über dem Städtchen niederging. Vom pech« schwarzen Nachthimmel krachten die Güsse, und die Flut schoß über die Hügel mit einer Macht, der sich die Häuser hinter den Dvorky widerstandslos ergeben mußten. Der Glasermeister stand mit Weib und Sohn stumm, wie versteinert, in der Stube. Da kam Mendl, als wollte er Gott auf die Probe stellen, der Gedanke, den .Segensspruch über-den Regen zu sagen. Als er aber auf einen Stuhl sprang, um das Gebetbuch herunterzuholen, bog sich der Kasten vornüber und begrub Vater und Mutter unter sich.. .Mendl schrie zähneknirschend auf. Seine Fäuste drohten dem Himmel, fröstelndes Zittern rann über seinen Körper. „Warum mir dies, warum mir dies", mur* melte er. „War ich nicht demütig? Habe ich mich nicht angeschickt, um deine Gnade zu1 beten? Du bist ein heim* tückischer Gott, da du solche Opfer forderst! Was hab' ich dir getan? Warum mir dies, warum-mir dies! Herr im Himmel!" Seine Worte gingen in-Flüchen unter und im fernen Rollen des Donners. Wie irrsinnig rannte er auf die Gasse.. ... Diese Nacht grub tiefe Spuren in Mendls Gemüt. Es war ihm, als hätte sie den eigentlichen Teil seines Lebens abgeschlossen, und was hinterher kam, wahren nur belanglöse Episoden, an denen er wie ein Fremder teilnahm. Nicht nur, daß sein gläubiges Herz sich zu ver* härten begann — er rächte sich auch an allem, was vor« hergegangen' war, indem er es besudelte, verspottete. Wo waren seine Träume von gläsernen Palästen geblieben, wo seine trotzige, jugendlich blühende Zuver* sieht? Aus der Höhe, zu der seine Seele sich geschwungen, war er ins Leere, Formlose gesunken. In seinen Augen, die dunkel und feuchtglänzend waren wie das üppige Haar, lauerte ein Schimmer von Wahnwitz; die Lippen verzerrten' sich zu'einem'spöttischen, Lächeln; den Kopf trug er vorgebeugt, indes die Hände am Rücken ver« schlungen lagen. So sah man ihn oft die Dvorky entlang schreiten, und wenn er vor' sich her murmelnd stehen blieb, den Blick zu : Bodenr, gerichtet, dann schüttelten manche die Köpfe und riefen einander zu:. „Seht her, Mendl ist verrückt geworden." Es muß zugestanden wer» den, daß Mendls Betragen den Krämern des Ortes nicht gefallen konnte. Abgesehen davon, daß er ihnen weder in Haltung noch in Rede glich, stand sein Schlendern in schroffem Gegensatz zu der strengen Nützlichkeit ihres Tuns. Es-gab zwar einige,-dieihn um die Ungebunden* 'heit seines Daseins beneideten, aber der unverfälschte Erwerbssinn und das ererbte Festhalten an der Familie, am Besitz, ließen ein offenes Bekenntnis nicht aufkommen. Um' diese' Zeit starb Mendls einziger Verwandter, der väterliche Oheim Jakob Schindelmacher. Mendl stand nun allein in der Welt, und da die Gemeinde die Obsorge für ihn'übernommen hatte, mußte er sich wohl oder übel ihrem Willen fügen: er trat beim Schuster Fiedler als Lehrling ein. Damit hatte sein uneingeschränktes Leben einen Abschluß gefunden. Nun kamen Jahre der bittersten Verdrossenheit. Der Schuster sah auf flinke, pünktliche- Arbeit, und er ließ keinen Fehler durchgehen und mochte wohl auch mit seinem Lehrling nicht unzufrieden sein. Aber es kam vor, daß Mendl,. seines gefesselten'Daseins müde, widerspenstig ward, den. trockenen Fragen des Meisters Erwiderung versagte,'und durch sein stummes, verstocktes 'Wesen die Hausleüte zu Tätlichkeiten hinriß. Oft verließ-er wortlos die Werkstätte und erschien erst am nächsten Morgen wieder, den Kopf zur Erde geneigt, mit zerrauftem Haar .. und 'wildblickenden Augen. Dem Gemeindevorstand blieb dann., nichts anderes übrig, als Mendls Aufnahme beim Meister durch Versprechungen zu erbitten. Derlei Anfälle wiederholten, sich, wenn der Frühling mit Regen und 'Wetter hereinbrach, alljährlich. Gewitter lockten ilm ins Freie; mit der Kappe in der Hand ließ er Sturm und Wasser über sich ergehen; er hob die Arme in die Höhe und. schrie in den Himmel; er lief die Aecker hinauf, jauchzend und sich schüttelnd, klatschte berauscht in die Hände, daß die Kinder, wenn er in den Dvorky erschien, erstaunt mit .Fingern auf ihn zeigten. Das waren Augenblicke, in denen sich sein sonst verschlossener Mund öffnete. Lag es daran, daß die Er* innerung an den Untergang seiner Eltern (ip seinem ver* störten Gehirn erwachte und ihn zu reden zwang — jedenfalls ward sein Geist heller, .Hände und Füße be* hender, die Lippen aufgetan. ' ' Durch solche Streiche brachte es M'endl dahin', sich die Gunst der Gemeinde zu verscherzen. Der Vorstand, ein kleiner, runder, gutmütiger Kaufmann, bei dem er seit dem Tode Jakob Schindelmachers Unterkunft gefunden hatte, hieß ihn die Dachstube räumen, und da der Ge* danke an die Wiederherstellung des Frauenbades endgültig fallen gelassen wurde, konnte Mehdl das ver» lassene, unbenützte Bassin beziehen. In einer mondhellen Nacht — die Schustersleute schliefen; schon — warf Mendl sein Bündel durchs Fenster in d^sf neue Quartier. Er selbst lagerte auf dem Felde hinter den Dvorky, den .klaren Sternenhimmel über sich. Dieser Einzug in das neue Heina war Mendls zweites großes Erlebnis. Nun, da er in der unmittelbaren Nachbarschaft des Schustermeisters lebte, waren -Seine Gewohnheiten einer steten Beobachtung ausgesetzt und, was'ihn noch-härter traf: er mußte, um das friedliche Em Verständnis aufrechtzuerhalten,,, an <Jer häuslichen Tätigkeit der Schustersfämilie teilnehmen^ Das waren . schwere Jahre für den schweigsamen Lehrling, der Prügel Scheltworten vorzog und für; :dqv-,es' nur eine gelinde Strafe war, von den gemeinsamen Mahlzeiten ver* wiesen zu werden. Er hungerte und fror in, dem kalten, mit Stroh ausstaffierten Bassin; niemals kam ein Wort der Klage von ihm, das Gefühl des Verwaisten- Ver* lassenen war etwas, das er nicht, kannte. Er grübelte auch nicht über sein Geschick. Teilnahmslos, mit . stieren Augen, blickte er aus der düsteren Werkstätte n auf den Tempel. Er hatte einen Ledersctyurz > über ' die Knie gelegt,, und seine Hände ruhten darauf. \ , Je älter er wurde, desto weniger Sinn, fand. er;'in der Arbeit. Der Tag hatte nur Mußestunden für ihn,'und da; der Meister die Nutzlosigkeit seiner Ermahnungen und Strafen, einsah, wurde Mendr.,seiner. LehrHngspflichten allmählich enthoben. Nun schien ihm das lieben leichter und. selbstverständlicher, da sich seinen1 Neigungen kein 'Widerstand erhob,, die Zeit war«unbegreirat; «um,Morgen, BEI BESTELLUNGEN BITTE SICH AUF ,DIE NEUE WELT' ZU BERUFEN I EINLÖSUNG von _ GOLD SILBER PLATIN 0. A. SCHEID WlfiN 1, Franz-Josets*Kal 49 Wien VI, Oumpendorter8traße 85 Wien Vli, Kaiserstraße 61/69 Rainer. Wien VI. Dürergasse i Die b e a t b e w ührte unschädliche »MIIHtctm f 11 «f Jf ■! \W Iii WmMki t»1 ik r;l fitbt echt, naturgetreu und dauerhaft ron blond bis achwar* Ueberau erhältlich S 2.— und S 3J0 W. SEEGE«t. Wien XV, Wuribachgasse 19 i Sorgfältig und reell. S. Seh., Wien XX, JägerstraQe 69 LESET UND VERBREITET // DIE NEUE WELT"! zum Mittag, zum Abend hin, und niemand störte ihn dort oben am Waldrande, oder wenn er die Regengüsse mit ausgestreckten Armen auf seinen entblößten Kopf klats sehen ließ. An den alltäglichen Geschäften ging er mit einem undeutbaren Lächeln vorüber. Man sah ihn durch die Gäßchen gehn, ohne Plan und Gedanken, sorgenlos, den leichtbekleideten, gebräunten Leib den Wettern preisgegeben, den Kopf ein wenig zur Seite geneigt. Das war nicht mehr der verprügelte, unstet blickende Mendl; ehe? glich er einem Menschen, der die Nichtigkeit des mensch« liehen Treibens eingesehen hat und sie, mit sich selbst im klaren, mitleidig belächelt. Und da er niemals den Lund auftat, Fragen mit einem Nicken oder Achselzucken beantwortend, vergaß man daran, daß et* Emanuel Schindelmacher hieß, und man gefiel sich .darin, ihn Mendl Ruhig zu nennen, mancher nur insgeheim, um sich nicht öffentlich an einem Mitmenschen zu versündigen, mancher mit lauter, selbstgefälliger Entdeckerfreude, als hätte seine eigene Eingebung diesen Beinamen ersonnen. Mendl lebte nun völlig vereinsamt. Seitdem er an keine Pflicht gebunden war, konnten ihn die Menschen um so leichter entbehren, und da er es so liebte, außer* halb des Ortes zu schlendern, kam es, daß er allmählich „ausgeschaltet" wurde. Obwohl er bisweilen von ihm besonders sympathischen Bürgern Flickarbeiten über« nahm, erinnerte man sich kaum noch an Mendl Schindel* macher, den Schusterlehrling. Er selbst trug wenig dazu bei, die Aufmerksamkeit der Ortsleute z.u erregen. Niemand kümmerte sich um den stillen, einsamen Menschen, der die Straßen und Läden mied; kaum, daß die Gemeinde, nachdem seine militärischen Angelegenheiten ge« ordnet waren, ihn als ihr Mitglied betrachtete. — Und doch geschah etwas, das Mendl eine Zeitlang zu einem oftgenannten Menschen machte. Der Schuster Fiedler, ein sonst harmloser und diskreter Mann, meldete dem Vorstand, er habe Mendl, angeheitert und mit vollen Backen kauend, aus einer Schenke treten gesehen. Man stand, lebhaft gestikulierend, auf dem Markt. Mendl schlenderte, ohne zu grüßen, vorbei und war eben im Begriffe, in die Dvorky einzubiegen. Der Vorstand rief. ihn an, Fiedler winkte und schrie ebenfalls, der. Fleisch« hauer schickte seinen Hund .'nach ihm -— Mendl . ging gelassen heimwärts. Da" ließ der. Vorstand, wa'Arschein* lieh mehr um'die Würde seines Amtes zu genießen, als um seine. Ueberzeugung auszudrücken, einen mit hebrai* sehen Zitaten gespickten Wortschwall los, worin es von Schmähungen wimmelte und der mit dem Entschluß endete, Mendls religionsstörende Ausschweifungen ein für allemal unmöglich zu machen. „Man soll (ihn anbinden . und. geben zu: fressen", meinte, der, Fleischhauer, die blutigen Hände am Kopfhaar wischend. Berl, der Komödiant im Ort, klopfte ihm auf die Schulter: „Aber von Ihnen darf man nicht nehmen das Fleisch." Der Vorsteher sagte breit: „Er muß koscher essen, das ist die Hauptsach'." Worauf Berl meckerte: „Wie ist das möglich? Was Mendl anrührt, wird trefe." ■ Fiedler, meinte bieder: „Wir werden ihm versorgen jüdische Kosttage." Damit waren alle einverstanden. Nachtjenv die Fa? milien ausfindig gemacht waren, nahm die Wocheneintei* hing, der Vorstand nach eigenem Ermessen vor*> Hierauf wurde Mendl im Zimmer des Vorstehers „amtlich* ver« standigt. Er erhielt eine säuberlich angefertigte Liste, die Name und Tag enthielt, und schon am nächsten Morgen trat er seinen neuen Beruf als Kostgänger an. (Fortsetzung folgt.) Eigentümer. Verleger. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricker. *~ Druckerei- und Verlag5-A,-G, Ignaz Steiwnana beide Wien. IX. UalversitätsstraBe 6—«. /

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