Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1931-07-03 · Heft 198 (3.7.1931) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 198 (3.7.1931)
Date
1931-07-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2711790-2711817--2597-2715902
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seife 10 DU* NEUE WELT Mr. m „Schatz" („Haozar") unter der Regie eines der be* kanntesten russischen Regisseure, Dicky, anfangs 1929, von der palästinensischen Presse anders beurteilt wurde als von der gesamten jüdischen Presse der Galuth. Der Palästinenser des modernen Jischuw hat seine eigenen Maßstäbe. Er fordert nationales Theater pa* lästinensischen Geblüts oder internatios nales Theater europäischen Genres. Daß dieses Repertoire für das Galuthjudentum nicht immer oder nur teilweise verwendbar ist, versteht sich von selbst. Habima muß deshalb diese Dissonanz über sich ergehen lassen. Unbeirrt arbeitet sie an ihrer historischen Mission weiter: die Brücke zu bauen, die von Erez Israel zur Galuth führt. Sie wird ihre Mission erfüllt haben, wenn sie als naturalisiertes Palästinensisches Theater das ursprüngliche, urwüchsige, dem Klima und Milieu des Landes entnommene palästinensisch*hebräische Theater zu uns bringen wird. Denn das ist ja der Sinn der jüdischen Heimstätte: Renaissance des Galuthjudentums durch den neupalästi« nensischen Inhalt. Mit diesen allgemeinen Bemerkungen über die Habima wollen wir uns hier begnügen. (Sie sind bloß als ein Ab* schluß einer kleinen Studie über „Das jüdische Theater der Gegenwart", erschienen auch in der „Neuen Welt", Februar 1931, gedacht, wo ich unter andern .indischen Kunstrichtungen der Gegenwart die „Habima" ausführlich behandelt habe.) Neben der Habima muß hier die hebräische Oper von Golinkin erwähnt werden, mit ihren berühmten Auf* führungen von „Rigoletto", „Barbier von Sevilla" und anderen. Leider haben die finanziellen Mittel nicht aus* gereicht, um dieses Theater erhalten zu können. Auch die Unterstützung durch die amerikanische Judenheit hat nicht den nötigen Erfolg gebracht. Was noch im heutigen Palästina den Namen Theater verdient, ist der „Ohel" (Zelt). Ohel ist ein Arbeiter* theater unter der Regie von Halewy. Dieses dem Futuris* mus zuneigende Theater ist keine ständige Bühne im europäischen Sinne. Es besteht aus einer Gruppe junger Schauspieler, die von Zeit zu Zeit irgend ein Stück ein* studieren, es auf die Bühne bringen, 20* bis 30mal spielen, sich dann zurückziehen, um mit einem neu einstudierten Stück wieder'vor das Publikum zu treten. Das Repertoire des „Ohel" weist keine einheitliche Linie auf; Es ist ge* mischt und entnimmt seine Themen biblischen Motiven — „Jakob und Rahel", „Jeremias" usw. — oder proletarisch* sozialistischen, wie „Die Fischer" und andere. Ab und zu auch kleinere Skizzen jüdischer Klassiker, wie Perez' „Kabbalisten" und ähnliches. Auch hier wie überall noch nichts Festes. Alles ein Suchen und ein Werden. ■'. ..' .in. ' ,. '; > . Anfänge origineller Art bildet dagegen die hebräi* sehe Revue mit ihren beiden bekannten Kleinkunstbühnen „Kunkum" (Teekrug) und „Matate" (Besen) in Tel*Awiw, unter der Führung und Leitung des bekannten hebräischen Schriftstellers Avigdor Hameiri. Leichte Szenen, genom* men aus der Tagtäglichkeit des Lebens, satirisch*poIitische Revue mit Heranziehung sämtlicher aktueller Probleme: Zionismus, England, Araber, Juden; Exekutive und zioni* stische Opposition. Zwei Szenen, die mir noch gegenwärtig sind, sollen hier zum besseren Verständnis als Beispiele angeführt werden: Die Szene stellt eine Synagoge am Vorabend des Versöhnungsfestes dar, an dem bekanntlich das „AI Chet" gesagt wird und jeder alle möglichen Sünden aufzählt, die er. im Laufe des Jahres begangen und deretwegen er jetzt Gott um Verzeihung bittet. Diesen religiösen Rahmen nutzt der Regisseur aus und läßt alle zionistischen Parteien vor dem „Amud" ihr Sündenregister aufzählen und Beichte ablegen. Es erscheinen die Schauspieler in karikierten Masken bekannter zionistischer Parteiführer. Man hört so Professor Magnes, den Führer des Brith Sch'atom, wegen „tipshut*peh" (Mundgeschwätz), Ka* plansky, den Führer der Arbeiterpartei, wegen „Kalut* Rosch" (Leichtsinn) beichten. So treten alle andern zioni* stischen Parteien der Reihe nach auf und beichten ihre Sünden.' Das Publikum freut sich, von der Bühne herab Bekenntnisse zu hören, die ihm im tagtäglichen Leben ver* sagt sind. Oder eine Szene politisch*satirischer Natur: Die Bühne stellt eine Zauberszehe dar und ein Magiker zeigt seine Schwarzkünste. Er. läßt Dinge entstehen und ver* gehen, wie es ihm beliebt. Und zuletzt kommt das Effekt* vollste: Auf seinen Pfiff erscheinen auf der Bühne zwei Menschen: Der eine in der Maske von Louis Marshall, dem bekannten Mitbegründer der „Jewish Agency", und der aridere in der Maske eines armen Chaluz. Dieser Magnat — sagt der Zauberkünstler jetzt zum'Publikum' — hat einen. Dollar und der Chaluz hat gar nichts. Durch ein Zauberwort aber geht der Dollar des Reichen zum Armen über. Die Musik beginnt zu spielen. Es ertönt das Zauber* wort .-.Jüdische Agenz" und das Geldstück befindet sich in der Hand des Chaluz. Aber sofort erhebt sich ein Lärm. Der Chaluz beschuldigt den Zauberer des Betrugs, denn das Geldstück in seiner Hand ist kein Dollar, sondern ein Cent. Nun klärt der Zauberer den Sachverhalt auf: Das Geldstück, das vom" Magnaten zum Chaluz überging, war ein Dollar, aber bis es in die Hand des Chaluz gelangte, ist nur ein Cent geblieben. Also Kritik an der Wirt» schaft des Zionismus, dessen Beamtenapparat große Summen der Fonds verschlingt. Das Publikum bat auch hier:seine Freude daran, daß die Bühne Wahrheiten festzuhalten versteht, über die das Leben gerne hinweg* sieht. Die palästinensische Revue — immer besucht von einem tausendköpfigen Publikum —» ist schon eigene Blüte des jüdischen Bodens. Entnommen dem Milieu der neuen Heimstätte. Urwüchsig, natürlich und spring* lebendig. Deswegen hat sie auch eine Zukunft. Und dies ist psychologisch sehr erklärlich: Revue ist aktuelle Augenblicksdramatik. Tagesszenerie. Für die Revue wt das „Werden" im Leben kein Manko. Im Gegenteil. Ge» rade die vagsten Linien können dort festgehalten 'werden. Anders das Theater, das „gewordenes Leben" braucht. Die Geschichte läßt sich nicht forcieren und überspringen. Mit der festen Linienausprägung der neuen jüdischen Heimstätte kristallisiert sich auch das Leben der jüdischen Renaissance und führt zur Schaffung des hebräischen, rein palästinensischen Theaters. Ein internationaler Rechtsraub Zur Entscheidung in der Klagemauerfrage Von Bolingbroke Die Klagemauer ist also arabisches Eigentum. So hat es der zur Prüfung dieser Frage bestimmte internationale Ausschuß entschieden. Sonderbare Wege gebt das internationale Recht. Entstellt ein Streit zwischen einem Mächtigen und einem Schwachen, so ist es nicht au erleben, daß dem Schwachen auch cinmail Rech/t zugesprochen wird. Ist detr schwächere^Vertragspartiner obendrein noch waffenlos, so kämm er sicher gehen in der Annahme, daß ihm sein Rech/t weginterpretiert, wird. Ein sonderbares Ding auch die Kommissionen, die von Zeit zu Zeit zwecks Prüfung gewisser Zustände nach Palästina entsendet werden. Handelt es sich um eine für die Mandatarmacht heikle Angelegenheit, so wird eine ausschließlich aus Engländern zusammengesetzte, von der englischen Regierung direkt ernannte Kommission entsendet. Wenn es sich aber um Fragen handelt, wo es, nicht schadet, daß die Juden recht behalten, wie. z. B. um die der heiligen Stätten, so ersucht die Mandatarmacht den hohen Völkerbund um die Entsendung einer internationalen Kommission. t Es handelt also in einem solchen Fall die britische Regierung präzise nadi den \&fa>rnatic<na.len, wenn auch nur formalen Bestimmungen, wie es ansonsten die Mandatarmacht tun muß. Die Juden sind durch die voim Völkerbund eingesetzte Kommission gesdrlagen 'worden. Auch die Klagemaiuer — arabisches Eigentum* Sonderbar. Es gibt in Palästina keine einzige heilige Stätte, die nicht den Juden ihren Ursprung verdankt, keime, die rein christlichen oder gar mohammedanischen Ursprungs wäre. Aber die Gräber der Exzi Mer1 Abraham, Isak und Jakob in Heb roh sind aräbische heilige Stätten, die die Juden nicht, einmal betreten dürfen, ebenso wie das Grab Mosis arabisches Heiligtum ist, dem sich die Juden nicht nähern .«dürfen, llbcl ,z>|pm Grabe Rachels dürfen die Juden, wenn esv die :faö<4$förcÜgen arabischen Herren des Landes zu erlauben geruhen, ausnaihmsweise einigmal jährlich erscheinend'l* um h der Mutter Israels ihr Leid zu klagen. Das .Grab des Propheten Elia h u ist arabisch, ja sogar das Grab Josefsaus Aegypten, jener ganz weltlichen Figur, die mit Gott und Religion kaum mehr zu tun hat als der; arabische Wächter, der an dem Grab Wache hält und die Besucher mit ausgestreckten Händen um Bakschisch anbettelt. Nicht anders steht es um die christlichen heiligen Stätten, wie das Grab des Naizareners in Betblehenij der Gottesmutter Maria, des Ortes Gethsemane und des Berges Neibo, Stätten und Namen, die von jüdischer Vergangenheit, Rubin und Leid getränkt sind. Von all diesen Heiligtümern ist nichts in jüdischen Händen — und jetzt hat man den Juden das Recht auf den letzten Ueberrest abgesprochen. Hinimelschreiendes Unrecht! Diesmal von einer internationalen Körperschaft begangen! Betrachten wir den Haranvesdi-Sdierif näher, von dem die internationale interalliierte Kommission so glatt behauptet, daß er das alleinige Eigentum der Araber darstellt! Gewiß, er ist das größte Heiligtum der weißen Zivilisation. Warum? Weil er gleichzeitig das größte jüdische Heiligtum ist; Weil er den Berg Moriah in sich schließt, mit dem der Name des größten Königs von Israel, des Königs Salomo, verknüpft ist; das Grundstück, auf dem das erste Haus der monotheistischen. Gottesidee stand, und nicht deshalb, weil dort, der Araiberkalif Abd ©1 Malek viel, v^el später für Allah einen achteckigen Tempel errichtete. Und die Rechtsfrage? Wie kamen die Araber in den „Besitz" des Haram-esch-Scherif? Der Kalif Omar hat Jerusalem mit Waffengewalt erobert, seit welchem Zeitpunkt die Araber mit 200jähri|ger Unterbrechung — die Kreuzfahrer warfen die Araber aus dem Haramesch-Scherif hinaus — dort hausen. Die Moschee Elaksa ist eine christliche Basilika, die Basilika des byzantinischen Kaisers Justiaian. Die internationale Kommission scheint also der Ansicht zu sein, da.fi die Araber durch ihre vor 600 Jahren erfolgte Besitzergreiifiung „ersessenes" Recht auf den Haram-esch-Scherif haben. Gibt es aber in einer Res sacra ersessenes Recht? Man kann Kirchengüter ersitzen, aber ein Ersitzen in einer Res sacra ist im juristischen Sinne auch nur als Begriff ummöglich. Wie kann man Götter, Heilige, heilige Stätten ersiteen? Setzen wir den Fall, daß die heilige Grabeskirche in den Besitz irgendeiner buddhistischen Sekte gelangt, die dort seit 40 JoJiren ununterbrochen ihre Gottesdienste öbbä/lt — verlieren die Christen durch diese Tatsache ihr Eigentumsrecht auf die heilige Grabeskirche? So ein „ersessenes" Recht ist juristisch absurd, theologisch und moralisch nicht einmal verstellbar. Aber gut Die Araber haben durch ihre 600jäihrige Benützung das Eigentumsrecht auf den Haram-esch- Scherif. Und die Juden, die die Klaigemauer 1800 Jahre lang benützen, sollen das Eigentumsrecht auf diese Mauer nicht ersessen haben? Die internationale Kommission führt zur Begründung ihres Standpunktes an, daß die Klagemauer einen Bestandteil des Haramesch-Schierif bildet, als ob die hohe Kommission noch nichts von einem „gemeinsamen Gut" gehört hätte. In Wirklichkeit liegt die Rechtslage so: Die Benützung des Haram-esch-Scherif durch die A.raber ist eine Usurpation. Das Volk der Juden ist existent, und es ist daher unmöglich, heilige Dinge einer lebenden Religion z>u ersitzen. Der Berg Moriab, das Grundstück Salomos, der Tempelplatz des Gottes Israels sind Eigentum des jüdischen Volkes. Und wenn dieses Volk um des Friedens willen auch auf sein Eigentum verizichtet, so hätte dodi die internationale Kommission soviel Anstandgefüäü haben müssen, ihm zumindest die Klagemauer zuzuerkennen. Die Entscheidung dieser Kommission ist der würdige Abschluß der zwölfjährigen, durch Pogrome und Rechtsbeschränkungen, Rechtsraub und Demütigungen gekennzeichneten Mandatarherrechaft der Engländer. Die Kongreßzeitung, welche täglich in Basel er* scheint, ist in der Buchhandlung M. Rath, "Wien, IL, Tab or s-tr.aße. 20a, erhältlich. Mexiko und der Antisemitismus In der letzten Zeit drangen wieder einmal Nachrichten aus Mexiko über Judenverfolgungen nach Europa. Verbürgte Nachrichten mit allen Einzelheiten antisemitischer Roheitsakte, wie wir sie aus den polnischen und rumänischen Gebieten, ebenso wie aus West- und Mitteleuropa zu'hören gewöhnt sind. Die .jNeue Welt" hat authentisches Material der Jüdischen Telegraphen-Agentur und der amerikanischen Presse wiedergegeben; also Berichte von Nachbarzeugen, aber auch die Besorgnis des mexikanischen Konsuls in Lettland, der seine Landsleute im Interesse der mexikanischen Wirtschaft vor Judenverfolgungen warnte. Wir sind gewöhnt an die Methode der offiziellen Stellen, notorische Judenpogrome in. ihren Ländern dem Ausland gegenüber zu leugnen, diesmal aber sieht die Sache ejn wenig krasser aus. Der in Wien weilende Expräsident von Mexiko, Emilio Portes Gil, erzählt in einer Wiener Tageszeitung, daß der Begriff des Antisemitismus im mexikanischen Sprachschatz gar nicht existiert, daß man Mexiko falsch verstehe, daß man die Juden heute ebensowenig wie seinerzeit.die katholiscbeKirche verfolge und daß die Juden selbst daran schuld seien, wenn man sie sich nicht gefallen lasse. Die Geschichte vom Topf, den man nie entliehen, unversehrt zurückgegeben und schon zerbrochen bekommen-habo, wird hier durch eine vierte Pointe bereichert. Wie immer man dieses Märchen betrachten mag, eines ist sicher, daß wieder eine jüdische Zufluchtstätte bedroht*ist. Wir haben gehört, daß jüdische Händler von ihren Standplätzen vertrieben, jüdische Handwerker aus ihren Werkstätten verjagt, jüdische Feldarbeiter vom Boden verdrängt weiden. Und wir vernehmen eben aus dem Munde des mexikanischen Expräsidenten, daß neue Maßnahmen gegen die Auswanderer östlicher Provenienz getroffen werden. Diese Maßnahmen stehen im Zusammenhang mit den amerikanischen Ausweisungen der Juden, die in Mexiko ein Obdach gefunden haben und jetzt wieder nach ein paar Jahren Ruhe und Arbeit zum Wanderstab greifen müssen. Also nicht nur Absperrung gegen Juden, sondern auch Ausweisung jener, die bereits „seßhaft" geworden sind. Unter welchem Titel auch die Verfolgung der Juden vor sich gehen mag, ob Religion oder Rasse oder unerwünschte Freunde, jedenfalls beweist das jüngste Beispiel, das Beispiel Mexiko, wie hoffnungslos verwirrt das Judenproblem ist. Das, grausame Phänomen des Begriffs „Juden-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.