Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 197 (26.6.1931)
- Date
- 1931-06-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. m den Schaden, den dieser übereilte Schritt .Weizmanns unserer Sache zufügen werde, sind übertrof t en; nach allen den Maßnahmen der Palästina-Regierung der letzten wenigen Wochen, die trotz des MacDonald-Briefes uns geboten wurden, wagt es Dr. Shiels hier in Genf von der geschaffenen Basis der „Kooperation" zu sprechen und er geht so weit, daß er den von Weizmann unterschriebenen Wechsel der Mandatskommission vorzeigt. Und nun weist Shiels daiauf hin, daß die Araber mit dem an Weizmann gerichteten Brief MacDonalds u nzufrieden seien, da sie der Ansicht seien, daß er gegen ihre Interessen das Weißbuch abändere. „Das geben wir nicht zu*\ sagte Shiels, man kann aber daraus sehen, wie schwierig es ist für die Regierung, beide Teile zufrieden zu stellen: „es scheint unmöglich zu sein (bei dem momentanen Rassenausblick), in einem gewissen Umfange eine Partei zufriedenzustellen, ohne zugleich bei der anderen im gleichem Maße eine Unzufriedenheit hervorzurufen". Also stets das alte Spiel — die balance of powers. Im weiteren Verlauf seines Berichtes schildert Dr. Shiels den wirtschaftlichen Fortschritt im Lande; ungeachtet der ungünstigen Umstände entwickelte sich das Land, was am besten durch/ das1 Anwachsen der Zolleinnahmen bis zur Höhe von fast 1 Million Pfund im Jahr 1930 bewiesen wird. Es sei dabei merkwürdig, daß diese Steigerung der Zollcingänge in einem Jahre erfolgt, da die jüdischen Leistungen und Investierungen zurückgegangen seien. Fortschritte im Bau der Hafenanlagen in Haifa und der Beginn der Tätigkeit der Shell Company, sowie der Abschluß des "Vertrages mit der Irak Petroleum Company wegen Errichtung einer Röhrenleitung nach der Bay von Acca seien wichtige Ereignisse im Wirtschaftsleben Palästinas. Die Lage der Landwirtschaft sei aber nicht zufriedenstellend gewesen; die allgemeine wirtschaftliche Depression hat ihre Wirkung auf die Industrie .weniger ausgeübt als auf die Landwirtschaft. Dazu kamen teilweise ungünstige Witterungsverhältnisse, eine Mäuse- und eine Heuschreckenplage. Man sei gezwungen gewesen, Abschläge von der Zehntensteuer zu machen. . Diese Uebersicht dient Shiels als Uebergang zur Frage des berühmten Land-Developments-Planes. Man muß es ihm lassen: er hat es geschickt verstanden, das Schwergewicht der Situation auf das Wirtschaftliehe zu verschieben. Nachdem die Juden ihre Bereitwilligket, mitzuarbeiten auf Grund des MacDonald- Briefes, erklärt hatten, bleibt noch den Widerstand der Araber zu brechen und dies wird sich mittels, des Land- Development-Planes ~ einer Anleihe von 2,5 Millionen Pfund in erster Linie zugunsten der Araber — erreichen lassen. Wer kann was dagegen haben? Und schon kündigt Dr. Shiels als ersten Schritt die Ernennung eines Directorsof Development an. Dieser werde an Ort und Stelle sich nicht von irgendwelchen schon bestehenden Plänen oder von angenommenen Schätzungen leiten lassen, sondern wird unabhängig auf Grund von Tatsachen und eigenen Feststellungen vorgehen. So begegnet Shiels der jüdische nKritik an Simpsons Bericht und bricht ihr die Spitze ab. Und so schließt Dr. Shiels seine Erklärung stolz mit dem Hinweis darauf, daß Seiner Majestät Regierung, unter Beachtung der politischen Tatsachen und Erfordernisse, ihre Tätigkeit auf die ökonomische Verbesserung speziell durch den Development-Plan konzentrieren wird, „in der Hoffnung, daß dadurch größerer Wohlstand und eine bessere . Verständigung zwischen den beiden Rassen nach und nach in Palästina hergestellt werden kann". Das ist die Stellungnahme der Mandatarmacht in der heutigen Lage gegenüber dem Mandat. Ein Bericht über eine englische Kronkolonie braucht nicht anders zu läuten. Nichts über das Objekt und das Subjekt des Mandats — das große jüdische Volk in der Diaspora. Keine Immigrationsfrage, keine Landfrage — nur die Frage der wirtschaftlichen Entwicklung der beiden Teile der Bevölkerung! * Es läßt sich schwer voraussagen, wie sich die Mandatskommission diesmal bei der Prüfung der Sachlage verhalten wird. Wir sind eher pessimistisch gestimmt. Es ist nur menschlich, wenn man von Beruhigung des Landes'hört und gleichzeitig von für das Wohl beider Teile der Bevölkerung berechneten Maßnahmen unterrichtet wird und dazu seinen Segen gibt. Erklären doch die Juden selbst, daß auf Grund des MacDonaldschen Briefes an Dr. Weizmann die Basis für die Kooperation mit der Mandatarmacht hergestellt ist. Die Mandats-Kommission braucht doch nicht päpstlicher als der Papst zu sein. Diese Vorgänge zeigen, wie richtig wir gehandelt haben, als wir hier in Genf zur Aufklärung unseres Standpunktes den Weg der Information der internationalen Presse durch öffentliche Empfänge gewählt haben. Es kommen manchmal sonderbare Entgleisungen vor, wie wir es aus dem soeben erschienenen Artikel von W. Martin im „Jourai de Geneve" vom 15. d. ersehen können. Der sonst gut informierte und mutige Journalist, der wiederholt tapfer die Interessen der Gerechtigkeit verteidigte, stellt sieh nunmehr auf den Standpunkt, daß nach dem „Irrtum mit dem Weißbuch" eine Kooperation der Juden mit der Administration und den Arabern, im Hinblick auf die genau umschriebenen Aufgaben, heute nicht mehr eine Unmöglich- keit UH, Ebenso ist die Herrn Martin gegebene Information betreffend das Kräfteverhältnis auf dem kommenden Kongreß nicht korrekt: die Wahlen zeigen, daß das Vertrauen der jüdischen Massen in Dr. Weizmann gerade tief erschüttert ist. Es wäre vorsichtiger gewesen, die Wahlergebnisse abzuwarten. Aber ein anderes Genfer Blatt, das freilich nicht die politische Bedeutung des „J o u r n a 1 d e G e n e v e" hat, das bei dem erwähnten Presseempfang vertreten war, das offizielle Blatt des Kantons von Geneve, die „F e u i 11 e d'A v i s d e G e n e v e" vom 16. Juni, findet die richtigen Gedankengänge bei der Beurteilung des Shiels'schen Exposes. Sein Redakteur M. W. Sues sagt: „Der englische Vertreter stellte die Frage so dar, als ob das Problem darin bestünde, die Lebensbedingungen im Lande zu verbessern, um auf diese Weise die politische Annäherung zwischen Arabern und Juden zu erreichen." Dieses ist aber das gerade Gegenteil der zionistischen These, die die Anwendung der in der Baifoür-Öeklaration enthaltenen Zusage verlangt, bevor man eine gründliche Verbesserung der palästinensischen Wirtschaft in Betracht ziehen kann. Es ist äußerst wichtig zu konstatieren, daß. im Gefolge des MacDonaldschen Briefe s E n glä n d a I» ei-n e conditio sine qua non die Verständigung zwischen denjuden und den Araber ns hinstellt, eine Verständigung, von der die letzteren nichts hören wollen. Was kann nun Israel noch von dem feierlichen Versprechen erwarten, welches in ihm die hehre Hoffnung erweckt hat?" Der 17. Kongreß wird klar den Willen des jüdischen Volkes zum Ausdruck bringen, den Willen, seine Heimat auf Grundlage der bestehenden internationalen Verträge wieder zu erlangen. Faule Fisdie und Schlage dazu Die Londoner Arbeiterregierung hat bekanntlich im Parlament, und jetzt vor dem Völkerbund, die Erklärung abgegeben, daß sie eine Anleihe von zweiund-' einhalb Millionen Pfund für die Entwicklung Palästinas auflegen will. Die Forderung der Zionisten, den Anteil der jüdischen Kolonisation an den Erträgnissen dieser Anleihe festzulegen, hat sie dem °>>*SiS'roBBIMUHMBH^ Präsidenten Weizmann gegenüber schroff abgelehnt Sie will die Aufteilung der antizionistischen und antisemitischen Palästinaregierung überlassen. Das heißt: Die Juden werden so gut wie nichts bekommen, die Araber fast alles. Dafür werden die jüdischen Steuerzahler in Palästina die Anleihe zu verzinsen und zu bezahlen haben. Unter solchen Umständen haben dem Zionismus freundliche englische Politiker, wie Wedgewood und andere, den Zionisten abgeraten, für die Anleihe einzutreten. Sie haben prophezeit, daß die Anleihe, welche den Juden nichts bietet, benützt werden wird, um den englischen Steuer- ,zahler gegen den Zionismus aufzuhetzen. Sie haben allzubald Recht behalten. Die zweitgrößte Londoner Tageszeitung, „Daily,Expreß", nimmt in einem Leitartikel zur Erklärung des englischen Vertreters Dr. Shiels vor dem Völkerbunde Stellung und schreibt: „Unseren englischen Landwirten droht vollständiger Ruin. In den letzten sechs Monaten sind im Handelsregister über 100 Bankrotte landwirtschaftlicher Firmen verzeichnet worden. Unsere Regierung aber erklärt, daß sie der Landwirtschaft nicht die geringste finanzielle Hilfe angedeihen lassen kann. Zur gleichen Zeit erklärt Dr. Shiels in Genf, daß die Regierung vom Parlament die Ermächtigung zur Emission einer Anleihe von zweieinhalb Millionen Pfund für die Landwirtschaft in Palästina fordern wird. Die Regierung hat vor kurzem für eine internationale Bank für Kreditgewährung an die mittel- und osteuropäischen Landwirte 120.000 Pfund gezeichnet. Jetzt will sie 2,500.000 Pfund für die Landwirtschaft in Palästina garantieren. Seit 50 Jahren hat sich die englische Landwirtschaft nicht in so großer Not befunden wie jetzt. Sie wendet sich um Hilfe an unsere Regierung. Und diese antwortet: Wir können nichts für euch tun. Wix können nur zwei Sachen tun: 1. Durch Krediterteilung an die Landwirte Mittel, und Osteuropas diese In die Lage -versetzen, sich zu entwickeln und noch erfolgreiche)» gegen eueb auf eurem englischen Markte zu konkurrieren. 2. Wir können euch der Hilfe berauben, um die Juden und Araber in Palästina zu unterstützen 1" Klagemauer und palästinen Judenheil Ussfsdilrfns oppositionelle Stellungnahme — Die Rerärionasien — Me Orthodoxen Der Richterspruch in der Klagemauer*Frage hat in der ganzen jüdischen Welt die lebhafteste Erörterung ge* funden und allgemeine Erregung ' hervorgerufen. In Palästina selbst hat die Entscheidung mannigfache Be* ratungen gezeitigt, und wenn auch zurzeit von politischen Schritten noch nichts zu hören ist, so dürfte sich doch im entsprechenden Augenblick eine einheitliche Stellung* nähme auswirken. Die palästinensische Presse kommen« tiert die Einzelheiten• und stellt fest, daß dU arabi* sehen Führer sich sogar mit den für sie überaus günstigen ^.Beschlüssen nicht zufrieden geben wo 11 en und eine Protestaktion vorbereiten. Von Dan bis Berscheba gibt es jetzt nur ein Gespräch: über den Richterspruch der Klagemauer*Kom* mission. Es ist fast ein Jahr vergangen, daß die Inter* nationale Kommission des Völkerbunds ihre' Unter* suchungsarbeit hier in Jerusalem führte. Im Dezember 1930 überreichte sie ihre Beschlüsse dem Kolonialministe* rium in London und erst am 19. Mai 1931 wurden sie vor den königlichen Rat gebracht und vom König als Gesetz sanktioniert. Ein palästinensischer Korrespondent gibt die Stirn* mung im Lande wieder, indem er schreibt: „Ich habe mit Rabbinern in Jerusalem und TebAwiw gesprochen. Mit Persönlichkeiten, die keine Führer und keine Politiker sind. Ich wollte wissen, welche Gefühle die Klägern auer*Sache ausgelöst hat. Im allgemeinen nahmen sie den Richterspruch ruhig und würdig auf. Nach der Ansicht der meisten Rabbiner war nichts anderes zu erwarten. Die Beschlüsse können den religiösen Juden nicht befriedigen, noch viel weniger als den nationalen. Wochen-Kalender Juni im vuon N"snn Tarnu$ 5691 » Freitag 11-* Sabbateingang 8.30 '» Samstag n-y Sabbatausgtng 8.00 parnpn M Sonntag 1S-JV # Montag 14-t 30 Dienstag 15-na 1 Mittwoch 16-ra :;: z : Donnerstag . .,..1, ,... 17-t» ' noro tov njw Aber konnten wir, das nicht erwarten, als vtfr zustimmten, unsere Einwände vor. eine Richterschaft zu bringen, die aus drei Nichtjuden bestand, aus Menschen, die unser Gefühlsleben nicht verstehen? Kann denn selbst der ge* rechteste unter ihnen unsere Trauer und unseren Schmerz teilen? . . Trotzdem sind die Ansichten über die Einzelheiten der Vorschriften unter den Rabbinern geteilt. Jene, die sich um die Aguda konzentrieren, sind geneigt, alles ohne "Widerstand anzunehmen. „Bis Messias kommt, genügt es für uns", sagte der alte Rabbi Sonnenfeld. Die anderen hingegen sind der Ansicht, daß gegen ver« schiedene Punkte eine Aktion unternommen werden müsse, hauptsächlich in der Frage des Schofarblasens, 5 das jetzt ganz und gar verboten ist. Der Jisciwv hat den Richterspruch würdig zur Kenntnis genommen. Die ersten, die schon jetzt ihre Er* regung und ihren Protest kundtun, sind, die Revi.*M s i o n i s t e n. Ihr Organ „H a a rn" nennt; die Entscheid dung „Der Tag der Trauer". Nach dem „Haam" ist all das ,über uns gekommen, weil unsere Kommission und der Verteidiger Dr. Eliasch im Vorjahr vor den Abgesandten des Völkerbunds unsere Forderungen nicht energisch genug vertreten hat. Wir haben, schreibt „Haam", die? selben Fehler gemacht wie vor der Shaw*Kommission. Die Organisatoren unsererseits haben manche Zeugen nicht zugelassen. Dr. Wolfgang Weisl wurde nicht zugelassen, weil die Jewish Agency fürchtete, er werde ihr Konzept stören. Prof. Josef Klausner wurde nicht gerufen, da man annnahm, daß er Forderungen stellen werde, die den Nichtzionisten,Cyrus Adler und Rektor Magnes nicht passen würden. Einen starken Eindruck rief die Rede Ussischkins im Jüdischen Nationalrat (Waad Leumi) hervor. Ussisch* kin sagte: , „Wir haben jetzt nichts mehr zu sagen ange* siebts des Toten auf der Bahre. Ich habe gewarnt, noch bevor wir darangingen, unseren Kotel zu ver* tcldigen — das jüdische Volk müsse feierlich prokla* mieren, daß 4er Kotel Maarawi unser sei. Heilig ist er nur dem jüdischen Volk und sonst niemand. Aber eure Verteidigung wurde nur in der Richtung geführt, die Erlaubnis des Betens und der Aufstellung kleinerer . Gegenstände zu erwirken, die Frage des Scbofar* blasess u. a. zu behandeln. Historische Rechte wolltet ihr nicht geltend machen. Hier habt ihr das Resultat!" Es waren historische Tage, da der Jischuw den Spruch der Klagemauer#Kommission aufzunehmen hatte. * Verbot des „Haam". Jerusalem, 20. Juni. Die revisionistische Tages» zeitung „H * * m" wurde vom High Commissioner b i s auf weiteres verboten, weil die Zeitung am