Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 197 (26.6.1931)
- Date
- 1931-06-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis 35 Groschen Ti«. Uni 105 .faJlYgttfMf 5 ^ttfcWWiofhefc Freftag, den **« I«mf f #*1 Nr« t*7 Vab« bi R EVUE lährig Schweizer Francs 4.50 liährig Zloty 6.—; aalen monatlich vierteljahrig IJ50, viertel- HERAUSGEBER; ROBERT STRICKER Redaktion a. Verwaäang.-Wien IX, Universität***. 6-8% Tel. B-48.504 — Erscheint jeden Freitag Aefitucfl Alles wieder billiger! beim SPORTVATTER Achtung 285 Seiden-SSrUmpfe AA Qualitäls« . Marke „Hellas" .9V Rollseckerl I, WlPPLINGERSTRASSe 20 Wer Mit den Wiener ChrisHicIisoziale und Sozialdemokraten rufen in schöner Eintracht: „Die jüdischen Beamten müssen weg! Der arme Hausierer, der müde von Wirtshaustiscli zu Wirtshaustiseh schleicht, muß für das jüdische Großkapital einstehen. Der angeheiterte Spießer grphlt ihm; „Blutsauger, Wucherer" entgegen, schreit ihm die Namen der jüdischen Geldbarone zu und schlägt ihm dann die Schachtel mit den Schuhbändern und Zahnbürsten aus der Hand. Die Juden, die es angeht, sitzen im Luxusrestaurant und das Christentum .verbirgt in Brunst nach dem Trinkgeld sein arisches Rückgrat vor dem jüdischen Bauche.......... Das ist nun einmal, die ^Gerechtigkeit der Vorstädtkneipe und das ist auch die Gerechtigkeit der hohen Politik. i, ...... - Vor einigen Tngen fand in Wien eine große Bankbeamten versamml ung statt. Tagesordnung: De^Zu^amm^ Redner: derJchrietfichsoziale ftationalrat Prof. Dr. D r ex e 1. Unter den Anwesenden: Eine offizielle Vertretung defi^Reichsvereins der Bankbeamten". Das ist die von: Juden gegründete und gestützte sozialdemokratische Gewerkschaft der Bankbeamten. Professor Dr. Drexel gilt als weißes Schaf unter den schwarzen. Er hat sich bisnun sehr freiheitlich gebärdet,, ist nie antisemitisch hervorgetreten, ein Liebling der Rechten und Linken. £> Dr> Drexel sprach zunächst davon, daß die Juden l allgemein, auch von ihm und seiner Partei, als die. befähigten und berufenen Führer auf dem Gebiete, der Finanzwirtschaft angesehen würden. „Aücifc-wir haben diese Legende für volle Wahrheit genommen, haben es für richtig angesehen» daß die-hoobsten Bankposten jüdisch besetzt sind. Aber jetzt-ist die Legende zerstört!" sagte der Redner. iDennr'fetzt hat es sich erwiesen, daß jüdische Direktoren blühende'Institute ruiniert haben. Der österreichisöhe Staat, fuhr der * Riedner fort, muß die Institute retten. Er hat die Pflicht, die schuldigen jüdischen Direktoren von ihren Posten zu entfeme», zu bestrafen und durch ch r ist 1 i che zu ersetzen.' Damit aber ist nicht geniig getan. Es wird notwendig sein, auch kleinere und kleinste Beamte •abzubauen.; „Nur jüdische Beamte dürfen abgebaut werden! Kein C h r ist darf postenlos werden. Das ist ein Gebot der »Gerechtigkeit*. Wir-werden darüber wachen, daß es erfüllt werde!" rief Nätionalrat Dr. Drexel in den Saal. , Nach ihm stand der Vertreter des sozialdemokratischen „Reichsvereins" auf, der offiziell erschienene; Herr Sekretär Dr. Walitza, und erklärte, daß er den Ausführungen des geehrten Herrn Referenten vollkommen beipflichte..„ * - Holde Eintracht feindseliger Brüder! Seit zehn Jahren bekämpfen sich Sozialdemokraten und ■ Christlichsoziale in . Oesterreich bis aufs Messer. Kein Mittel war und ist ihnen zu schlecht, weÄnes um Schwerz und Rot geht. Und nun durchdringtein Lichtstrahl , das dunkle Zornesgewölk. Pater; und Parteisekretär liegen sich in den Armen. Sie;haben; sich geeinigt. aufdenHinauswurf der Juden, Das Gerede von der „rücksichtslosen Bestrafung" der großen Direktoren kann nur bei Uneingeweihten Gruseln erregen. Die christlichoozialen und die sozialdemokratischen Geldinstitute «i intim und zu lang mit diesen Direktoren Geschäfte gemacht, gepackelt und geschoben. Lang« jährige Freunde, wissen zu viel, einer vom anderen. Bestrafte, gar grausam bestrafte Bankdirektoren? Der Artikel wird in Oesterreich nicht erzeugt Büßende Geldmagnaten? Nun ja. Sie werden einige Zeit für Ausfahrten das geschlossene Auto wählen und Opern- und Konzertbesuche unterlassen., Die Saison neigt ja ohnehin dem Ende zu. Im Herbst ist alles beim alten. Aber Ritter vom Worte werden die roten und schwarzen Herren bleiben, wenn es um die kleinen jüdischen Bankbeamten geht. Die jüdischen Skontisten, Korrespondenten, Buchhaltungsgehilfen, Telephonisten und Galopins, die werden drankommen, die werden fliegen. Das wurde versprochen, das wird eingehalten. Hier wird dje christliche und sozialdemokratische Gerechtigkeit walten, rücksichtlos, unerbittlich. * Der „Reichsverein*4, dessen Vertreter dem geehrten Referenten vollkommen beiplichtete, als dieser den Hinauswurf der Juden ankündigte, wurde von Juden gegründet, besteht der Mehrzahl nach aus Juden, strammen Sozialdemokraten, die nie etwas von einer nationalen jüdischen* Schutzorganisation wissen wollten. Es lebe die Internationale! Die holländfedien Zronislen klagen an Für den Judensiaaf — Für Herzl — Gegen die VerziditpoKtik Wei'zmanns Finanz« und Kolonisalionssystem Gegen sein Die Gesamtorganisation der Zionisten Hollands hat ein „Memorandum zu den Fragen des 17. Kongresses" herausgegeben. Es stellt einen Protest gegen die V e rleugnung der Judenstaatsidee und des H e r z \ s c h e n Z i o.ni smu s dar. Eine wuchtige Anklage gegen das bisherige System, der zionistischen Kolonisation und Finanzwirtschaft. Das Dokument ist um so bedeutender, ajs es nicht -die1 Willensäußerung irgend eine?, oppositionellen Gruppe,, .sondern die jder G C.s a m fz i o n i- ' "■' s t e'a*s.,c h a f t ei%e sY*##u^^ bringen nachstehend die^ wichtigsten Punkte. Die sogenannten Endziele des Zionismus. Schon seit einer Reihe von Jahren verlangen wir, daß die Exekutive eine Kongreßerklärungüber, das zionistische Ziel in Palästina herbeiführe. War haben diese Forderung nicht erhoben, um ein Bedürfnis dialektischer Uebung zu befriedigen, sondern weil das Baseler Programm, unter dem man sich lange Zeit etwas Eindeutiges vorgestellt hat, seine Eignung als Programm verloren hat. Dies kommt, weil seit Jahren in zunehmendem Maße versucht wird, dem Zionismus in der Form von Interpretationen des Baseler Programms und der Balfour-Dekläration neue Zielsetzungen aufzunötigen, in denen verleugnet wird, was man sich seit je unter dem Sinn des Baseler Programms vorgestellt hat und was man faktisch auch heute noch als Zionismus propagiert. Der fortschreitende Abbau zionistischer Zielsetzung wurde anfänglich von der Exekutive toleriert, später begünstigt, und schließlich hat der Präsident der Organisation in der Sitzung des Aktionskomitees vom August 1930 in Berlin ausdrücklich die Vorstellungen verleugnet, die er nach seiner eigenen Angabe zur Zeit der Balfpur- Deklaration von den zionistischen Ziele« gehabt hat und die er damals selbst in der schroffsten und extremsten Form propagiert hat. Wir halten die Lösung der Judenf rage unverändert für Sinn, Zweck und Exi*te nzberechtigung des Zionismus. Wir sind überzeugt, daß die Lösung der Judenfrage die Bildung eines jüdischen Gemeinwesens mit solcher Selbstverständlichkeit erfordert, wie man sich diese bis jetzt nur im Rahmen eines Judenstaates vorstellen konnte. Unerläßliche Vorbedingung für jede spätere Entwicklung im Sinne einer L ö s u n g d e r J u d e n f r a g e ist die Bildung einer jüdischen Major i t ä t in Palästina. Denn die Judenfrage ist sowohl in ihren materiellen wie auch vor allem in ihren geistigkulturellen Aspekten eine ausgesprochene Minoritätenfrage und nur eine jüdische Majorität ermöglicht die freie Entfaltung der jüdischen Volks kraft und Volksart, ohne weiche eine Lösung der Judenfrage unmöglich ist. Demnach ist uns die jüdische Majorität in Palä- Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt« liehen Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet, sfina nicht Zweck an sich, sondern mir Vorbedingung, aiber unerläßliche Vorbedingung jeder ferneren Entwicklung, welche die Lösung der Judenfrage herbeiführen kann. Dies muß vom Kongreß ausgesprochen w e r d e n. Die Zionisten, welche eine diese Ziele reduzierende Deklaration befürworten oder sich gegen, jede Zielsetzungserklärung aussprechen, haben nicht die gering s t e W a h r s c h e i n 1 i c hk e i t aufzeige»,können, daß dadurch der vorhandene arabische Wi de rstand gegen*v die Politik des National Home geschwächt werden könnte, wie sich denn die in Frage kommenden arabischen Kreise durch keinerlei Konzessionen in bezug auf die zionistische Zielsetzung (Churchill-statement) in ihrer abweisenden Haltung haben beeinflussen lassen. Da wir bei Preisgabe des Mäjoritätsstrebens eine Lösung der Judenfrage durch den Zionismus für unmöglich halten« sind wir überdies an einer arabischen Zustimmung zu einem National Home, das seiner wesentlichsten Bedeutung beraubt ist, nicht interessiert. Nach unserer Meinung liegt die Bedeutung einer deutlichen Zielsetzungsdeklaration in der Tat noch viel mehr auf politischem als auf ideologischem Gebiet. Es ist sicher, daß die Zionistische Organisation jedes Recht verlieren würde, den Zionismus als Lösung der Judenfrage und auf Grund einer Darlegung der Judenfrage zu propagieren, wenn der Kongreß die Berliner Deklaration Doktor Weizmanns nicht deutlich desavouiert, Sicher würde sich auch die ideologische Zersetzung in einem weiteren Zerfall der Zionistischen Organisation manifestieren. Vor allem aber beherrscht die Majoritätsfrage unsere politischen und die eng damit verknüpften kolonisatorische» Probleme. Unserer Ansicht nach, muß also der 1?« Kongreß aussprechen, daß der Zionismus in Palästina nach der Erlangung einer jüdischen Mehrheit im Gesamtterritorium Palästinas strebt, als der unerläßlichen Vorbedingung zur Lösung der Judenfrage. w Frage der Leitung. Seit dem Krieg sind Entscheidungen über die jtu bildenden zionistischen Leitungen von der Persönlichkeit Dr. Weizmanns beherrscht gewesen. Jede Diskussion über diesen Gegenstand bekommt daher eine stark persönliche Note.-. Uns ist dies unangenehm. Wir haben immer versucht, die Frage der Leitung von sachlichen Gesichtspunkten aus zu beurteilen, so« weit dies möglich ist Zum Teil ist es aber aus dem angegebenen Grund nicht möglich. Wir bedauern dies, ohne es ändern zu können. Trotz Dr. Weizmanns wiederholter Ver« Sicherungen, diesmal k«iue Kandidatur für die Präsidentschaft annehmen zu wollen, rechnet man vielfach mit dem Gegenteil. Wir stehen hinter niemand in Anerkennung seiner außerordentlichen Hingabe und seiner unermüdlichen Arbeit im Dienste des Zionismus unter oft widrigen Umständen zurück. /