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Die neue Welt · 1931-04-24 · Heft 188 (24.4.1931) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 188 (24.4.1931)
Date
1931-04-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 DIE NEUE WELT ltfr. fW WIENER KINDERHEIM GR ADO (VILLA sezessioN) direkt am Strande, im eigenen Haus, ärztliche Leitung, geschultes Personal. Saisonbeginn 1. Juni 1931. Auskünfte und Prospekte: Dr. Erna Spitzer. VI, Webgasse 25, Tel. B-29-705 (3 bis 5 Uhr); Frau Prof. Templer, tX, Mariännen- gasse 33, Tel. B-43-8-98 „Kollektivisierung" der Landwirtschaft hat' den Hafl gegen die Juden vermindert. In der Tat haben die Juden zu handeln aufgehört. Sie sind jedenfalls in großem Maß den nicht jüdischen Händlern gewichen, insoweit man eben, im allgemeinen in Sowjetrußland von einer Kaufrii'annsklasse 'sprechen kann. Die Juden begriffen schließlich, daß es sich nicht verlohne, ein paar Mouate oder ein paar Jahre lang auf dem Seil zu tanzen, Geld zu sammeln, um zu guter Letzt doch verhaftet, aller Rechte beraubt und auf die Solo wie jtsky-Inseln. oder. nach. Naritu verschickt zu werden. Den Händen der Tscheka war jedenfalls nicht zu entschlüpfen. Man ergab sich in sein Schicksal und zog so die entsprechenden Konsequenzen. Die Mehrheit der sogenannten unproduktiven Elemente unter den Juden würde sich gerne p r o d u k t i v i s i e r e n lassen, aber das ist nicht so; leicht. Bis, in die zweite Generation hinein wird vermerkt, daß der und der nicht von der proletarischen Adelsklassc stamme, uud er wird weder in die Fabrik noch in die Kolonie hineingelassen. Die Juden wollten in ihrer Mehrheit schließlich doc hnicht mehr handeln und füllten die Reihen der Lastträger, Schwarzarbeiter, kurz taten alles, um nur der steten Tscheka-Angst zu entrinnen. Als vor kurzem in Moskau z. B. ein Prozeß gegen 15 Krämer stattfand, die der Spekulation mit Petroleum angeklagt waren, gab es unter ihnen nur einen Juden, und das ist sympathisch! Wir sagten uns: Der Bürger leidet Not; er muß, kauft er etwas auf dein freien Markt, unerhörte Preise zahlen, der Verkäufer war häufig der Jude. So haßte der Käufer den Krämer, der' größtenteils mit dem Juden identisch war. Jetzt hat sich die Lage geändert, der Jude als Händler ist weniger sichtbar, der Antisemitismus ist schwächer. Und dann: die Kollektivisierung! Jedes Stück Boden, das die Juden vor ein paar Jahren bekamen, war verbunden mit dem Haß seitens der ni ch t j ü dis ch e n B au e r n, denen es schien, daß man ihnen ihr Eigentum, den Boden, auf den sie ein Recht haben, wegnehme. Aber es kam die Kollektivisierung und nahm faktisch den Boden allen weg, Juden und Nichtjuden. Die „Brot-Saat" kam und die Regierung begann,; allen Brot „abzukaufen", zu den offizielle^ Preisen, um Groschen. Alle waren in gleicher Weise leidtragend. Wenn auf der Wolga Schwarzbrot fehlt» so hungern jüdische Kinder auch . in der Krim. Sie hungern so, daß sie auf die Versorgung mit Nahrungsmitteln durch ausländische jüdische Gesellschaften warten. Die Juden verloren die Lust' am Boden. In die Krim gingen im Jahre 1930 2000 jüdische Familien und; m ehr a l s 1 000 f 1 ü c h t e t e n zurück. Im heurigen Frühjahr wurde der Ueberwanderungsprozeß nicht einmal zur Hälfte ausgeführt. Von den vorgemerkten 35QO Familien für die Krim, wurden mit Not 1300 zusammengesammelt und viele von ihnen strömen jetzt schon zurück. Und von den vorgemerkten 2200 Familien;für Boden in der Ukraine fanden sich nicht einmal 25 0 Bereitwillige. Man verzichtet auf die Gnade. Man will nicht ein Jahr lang arbeiten, um der Regierung den Weizen für 1 Rubel das Pud abzugeben, zu hungern und dann von der Regierung für 3 Rubel das Pud Korn zu kaufen. Einen Unterschied in dieser Beziehung gibt es zwischen Juden und Nichtjuden nicht. Und wir nehmen an, dasvVolk habe endlich eingesehen, wie es den Juden geht uaj'd verstehe die Grundlosigkeit eines Judenhasses in der. sozialistischen Republik. Eine so bequeme Theorie haben wir uns geschaffen und wollten glaubeu, daß wir recht haben, und wollten hoffen, daß die einstigen antisemitischen Zeiten nacht so rasch wiederkehren werden. Wir haben un6 geirrt Ein Sturm .des Judenhasses wütet wieder. Wenn man nur die Liste der Exzesse gegen die Juden vom letzten Monat betrachtet — alles berichtet und bestätigt von der Sowjetpresse — so stehen einem die Haare zu Berge. Entweder war unsere Theorie irrig, oder es sind neue Momente im russischen Leben aufgetaucht die. einen Sühdenbock verlangen, ein Opfer, das jüdische Opfer. * ■ Ich frage mich selbst: Ist vielleicht eines dieser Momente das, daß die Juden, sich wieder als Spitzen der Sowjetverwaltung zeigen? Es gab eine Periode, da , alle jüdischen Führer .-.a'bgebaut" wurden. Sje gingen in die . Verbannung, wurden langsam von ihren Posten entfernt, aus ihrer Machtstellung geworfen. Tro.tzky, Kameuew, Sinowjew, Radek, die ganze jüdische. „Garde" des Bolschewismus, gab ihre „Demission". Die Sowjetregieruag war eine Periode hindurch fast judenrein, j Jetzt ist es anders. Wir haben in der Sowjetregierung ] vier jüdische Minister: L i t w i n o w, den Volkskommis-' sär für Aeußeres, den Verkehrskommissär R i c h i m owif«ch» den Handelsminister Rosen bolz, den Landwirt#cbatemiw«ter Jakowlew. Und die Stellvertreter der Volkskommissäre in der Regierung sind größtenteils Juden. Der Präsident der Staatsbank ist der Jude Kai mano witsch, seine beiden Stell Vertreter Juden Das springt in die Augen, das reizt auf. Das ist die Wiederholung eines Zustandes, der bereits, verschwunden war. Er ist wieder da, mit ihm auch der Antisemitismus Es ist natürlich keine restlose Beantwortung der Frage. Der Antisemitismus hat tiefere Wurzeln und objektivere Gründe sogar , in der sowjetistischen Union Und sogar, wenn dieRegierung.wirklichdie Judenexzesse ausrottenwill und über die besten Kräfte zu deren Bekämpfung verfügt! Aher auch dieses, äußere Moment darf nicht bagatellisiert werden, ebenso wie die verstärkte Anteil nähme der Juden an den Regierungsgeschäften. Wohl bekommt das nicht in einer Zeit, da das Land hungert Wenn ein Volk nackt und barfuß einhergeht und ein Schuldiger da sein muß, spielt jede „Belastung" jüdi scherseits eine Rolle. .Wieviele Fünfjahrpläne wird man bei Gott in der sozialistischen Union noch braueben, um wenigstens hier den primitivsten, .wildesten Exponenten der Juden frage, den Antisemitismus, loszuwerden? Hebräifdi und Ifraelfeendeutfdi* Aus der Wiener Zeitschrift „Die Fackel (Herausgeber Karl Kraus) Nr. 847 bis 851 von Ende März 1931 erfahren wir von einer geplanten Protestkundgebung gegen die Unterdrückung der hebräischen Sprache und Kultur in Sowjetrußland. Die' Aktion geht anscheinend — nähere Umstände sind uns unbe kannt — von einigen^jüdischen Herren in Deutschland aus, Dichtern, Essayisten, Philosophen. Der Dichter Arnold Zweig hat, wie aus der „Fackel" zu ersehen ist, auch an deren Herausgeber Karl Kraus einen Brief gerich tet, der die Aufforderung enthält, die Protestkundgebung mitzuunterzeichnen. Arnold Zweig führt in einer Nachschrift Namen von Persönlichkeiten an, die bereits unter zeichnet haben. Es sind dies Jakob Wassermann, Ar? tur Holitscher, Martin Bub er, Ch. N. Bialik, S. Tschernichowski, Jakob Klatskin, Arnold Zweig. Karl Kraus lehnt die Unterzeichnung der Kundgebung ab. Er hat allerlei Gründe für sein Verhalten. Zunächst will er nichts davon wisseu, „seiner Stellung zu kulturpolitischen Angelegenheiten außer halb, seines eigenen publizistischen Gebietes Ausdruck zu geben". Dann prahlt er damit, daß er keine Kenntnis von der Materie habe und daß ihm die Beziehung zu ihr fehle. Zu guter Letzt erklärt * er^ daß ihn als deutschen Schrift: steller die Unterdrückung der deutschen Sprache weitaus mehr; augehe, zumal die Unterdrückung der hebräischen Sprache in Sowjetrußland „auch nicht entfernt an die Verfolgungen und Schädigungen hinan reiche denen d ie d e u.t s c h e S p r a c h e durch deutsche Redaktionen ausgesetzt ist, was ja vielfach auch eine jüdisch - kuflltjUiTeile Angelegenheit b ed'e'.'ultetV . Der Verband demokratischer Zionisien übermittelt auf diesem Wege seinem Schriftführer^ Herrn Peisach WÜHL der seit der Gründung des Verbandes mit Hingebung und in vollendeter und selbstloser Weise die schwierigste Arbeit für den Verband geleistet hat, '-: die herzlichsten Glückwünsche zu seinem? 60, Geburtstage Die Stoppe VI.-VHL des Verbandes deikr. Ztttea;gra^ujler%#f^ Pefsadi WuM aufs herzlichste'zu seinem 60. öeburistage »'S- .;.<f? \kim > & * •* $ m *i •M .« v V .<j"-S» :<• mmmmMf^mf Die Redoktion und Verwaltung „DIE NEUE WELT*' $?AtuUert hcr^ . fahrigen treuen Mitarbeiter Herrn PEISACH WÜHL zu seinem 00. Geburlstage. ±M rattnJi gratuliert ihrem stets hilfsbereiten Freund und Gönner Herrn Peisadi Wühl sunt 60* Geburtstage Nebenbei will Karl Kraus nicht in der Reihe stehen, die sich in dem Aufruf als „Wir, geistige Europäer" bezeichnet. Neben die Herren Ch. N. Bialik, Saul Tschernidhowski und Jakob Klatzkin will sich Karl Kraus nicht stellen, denn, er sagt es ja selbst, er kennt sie nicht und es fehlt ihm die Beziehung zu deren geistigem Gut, das Sowjetrußland unterdrückt. Er kennt sie" nicht und wir unsererseits können nur darüber staunen, wie sie über Nacht „geistige Europäer" geworden sind und so in die Nachbarschaft des Karl Kraus hätten geraten können. Hingegen kennt Karl Kraus seine Wassermann und Holitscher. Sie alle s,ind deutsche Schriftsteller, sie alle bereichern das deutsche Geistesgut, sie alle nahen ihr Leben der deutschen Dichtung geweiht. Sie sind . außerdem Männer durch und durch. Wenn Jakob Wassermann, so oft er seinen Blick nach dem Osten wandte, nur eine beutegierige, barbarische, für die europäische Zivilisation gefährliche Judenhorde zu sehen bekam: wenn dem anderen, Artur Holitscher, der „drei Monate Sowjetrußland" bereiste, Moskau als Paradies und Palästina als Hölle kapitalistischer Ausbeutung erschienen waren, so steht-es ihnen jetzt gewiß zu, gegen die Unterdrückung der hebräischen Sprache in Sowjetrußland zu protestieren. Karl Kraus kann da nicht mithalten. Welch ein Verrat an der deutschen Sprache! Bei Gott, seine Kollegen von der jüdisch-deutschen Kulturbranche nehmen ihre Mission nicht so genau. Da ist der Kraus ein anderer Kerl. Schlaflose Nächte bereitet seinem Herzen die Verhunzung der deutschen Sprache durch jene, die ihn zum Schutz des Hebräischen aufrufen in einem Stil, der selbst schon das Sprachgefühl des deutschen Mannes beleidigt. Aber der deutsche Mann Karl Kraus hat zu guter Letzt recht. Ein Israelit hat bei seinem Leisten zu bleiben: bei den deutschen Belangen. Der Anteil der Juden an der deutschen Reichswehr, Berlin, 19. April. In der „C. V.-Zeitung" vom 17. April veröffentlicht Dr. Leo Löwenstein unter dem Titel „Deutschlands Wehrkraft" einen Artikel, in dem er sich u. a. mit dem Anteil der Juden an der deutschen Reichswehr befaßt. In dem Artikel wird ausgeführt: Mau staunt darüber, daß sich in unserer Reichswehr nur gafnze acht jüdische'Soldaten befinden, obsebon unserem Anteil an der deutschen Bevölkerung 34 Offiziere und 864 Mann entsprechen würden. Daß wir nicht imstande wären, diese in tadellosem Format zu stellen, wird niemand annehmen nach der letzten Kriegsleistuug des .deutschen Judentums, das mit 550.000 Seelen 100.000 Mann zum Heeresdienst stellte,'^ von denen 12.000 geblieben sind und von deneii an der• Front 2000 zu Offizieren befördert wurden. Allerdings wird es allmählich auch die höchste Zeit, daß unsere nicht jüdischen Volkgenbssen; die für'Kräftigung deutscher Wehrmächt eintreten, einsehen,' daß ein ganz wesentlicher Bestandteil unserer Wehrkraft heute mehr als'je in möglichster Vermeidung aller Risse im Innern besteht. Ich glaube, daß gerade bei der heutigen Art der Rüstung die deutschen Juden; der deutschen Wehrkraft nicht nur durch Stellung ihres. Kontingents zum Heere, sondern auch durch ihre besondere geistige Eigenart für die wirtschaftliche und technische Wehrkraft Deutschlands weit mehr leisten könnten, als ihrem kleinen Anteil von 0,9 Prozent an der Bevölkerung entspricht. Dazu wäre allerdings ein Pazifismus dringend; durchzusetzen, nämlich, ein Pazifismus gegen den Krieg und d^n Haß innerhalb der deutschen Grenzen. , , ... . >.: . " . Antisemitische Exzesse in Suczaweni. Czernowitz, 19. April. Wie das „Czernowitzer Morgenblatt" berichtet, wird aus Storozyne-tz gemeldet, daß der Präsident der Jüdischen Kultusgemeinde in' Storozynetz, Herr Dr. Rosenberg, vor einigen. Tagen ein Telegramm aus Suczaweni erhalten hat, demzufolge es dort zu Ausschreitungen cuzistischer Bauern gegen, die jüdischen Einwohner gekommen ist. ]p)s wurden zahlreiche Fensterscheiben eingeschlagen uud viele Einrichtungsgegenstände bei den Juden geraubt. Diese Gegenstände sind dann vor der Kirche verbrannt worden. Wie es heißt, haben unter diesen Ueberf allen die Einwohner Berl Groß und Salomon Haber aiji meisten Schaden gelitten. Es verlautet, daß diese Ausschreitungen auf Veranlassung des enthobenen und vor kurzem wieder ins Amt eingesetzten Bürgermeisters von Suczaweni, Aramia, verübt wurden. 30 Jahre Jüdische Volksbank in Prag. Die jüdische Volksbank in Prag „Lidova Zalozna" trat vor kurzem in das 30. Jahr ihres Bestandes. Die ans diesem Anlaß abgehaltene Generalversammlung gab ein Bild von dem bedeutenden Auf-* schwung, ' den dieses einzige und wollt auch erste jüdische Geldinstitut in der Tschechoslowakei genommen hat. Die Anteile sind von K 20.300 im Jahre 1900 auf 1,200.000 im Jahre 1930 gestiegen, der Reservefonds beträgt tsoh. K 800.000 (1900 keiner), die Einlagen 24 Millionen gegen 36.000 im Jahre 1900; der Gesamtumsatz erreichte die bedeutende Summe von 576 Millionen tsch. K (70 Millionen Mark). Die Mitgliedschaft der genossenschftftlicheji Bank Stieg von 379 im. Jahre 1900 auf 1305 im gegenwärtigen Zeitpunkt.

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