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Die neue Welt · 1931-02-27 · Heft 180 (27.2.1931) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 180 (27.2.1931)
Date
1931-02-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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186 Titl. Universitätsbibliothek Wien. f. Preis 35 Groschen V.b. b. öEZUGSBEDINGUNQEN. Oesterreich monatlich S IM, vierteljährig S. 4.20; ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljahrig Kc 16.-^; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. EVU E BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschtand monatlich Mark 1.-—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljahrig Lewa 1.20, Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.—. Schweiz und die übrigen Lander monatlich Schweizer Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER; ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: B-48-504 — Erseheint reden Freitag Jahrg&ig 5 Freitag, den 2?\ Februar 1931 Nr. 180 aualltltsmarke 1*71 60 Jahr« 1931 Soortvatter »Ct. 1780Windjacken sämtliche Skireparaturen WIPPLINGERSTRASSE Weizmann lehnt die Uebernahme der Leitung nach dem Kongreß ab. London, 22. Februar. (J. T. A.) Unmittelbar vor Antritt peiner Palästinareise gab der Präsident der Zionistischen Organisation, Dr. Weizmann, .einem Vertreter der: ,-Jewiah Times" gegenüber die Erklärung ab, er werdei auf keinen Fall die Führung der Zionistischen Organisation über den Zionistenkongreß hinaus beibehalten. „Ebensowenig wie mau Ost und West zueinanderbringen kann", sagte Prof. Weizmann wörtlich, „ebensowenig wird man mich bewegen können, wedtisrnin an der Spitze der Organisation zu. bleiben." Weiter erklärte. Dr. Weizmann, der einzige Zweck seiner Bemübuingen in letzter Zeit iind^. epine.r.. ferneren. Arbeit bis zum .Kongreß sei der, für den Aufbau des jüdischen Niu^b^libeWis "eine günstige Situation zu schaf fen und die .Zipitistische'Organisation in einer besseren Veiv fassungzu übergeben al« der, in der sie sich zur Zeit seines Amtsantrittes befand. # Obensteilende Meldung ist knapp vor Blattschlufi eingelangt'. ' Ob &ie sachlich voll »u nehmen ist, liegt lediglich ibei,I)r. Weizmann. Sein Urteil über die heutige Situation dan Vergleich izur Situation im Zeitpunkte seines 'Amtsantrittes vor zehn Jahren' kann allerdings nicht-, ungeprüft' fliiugenomnren werden. Da§ unverwfollidie Blut? märdien* Nobelpreis, und Hakenkreuz. — Das Blutmärchen der Freidenker. ' " " Der Trost, daß der Antisemitismus eine Folge mangelnder oder unzureichender. „Aufklärung" darstellt und mit der Verbreitung Wissenschaftlicher und'. kultu* reiler Erkenntnis an Umfang und Intensität zwangsläufig abnehmen muß, ist ein ebenso billiger, als schlechter Trost. Im Lichte der .Tatsachen tritt. seine Fadenscheinigkeit immer zutage. In der Vorwoche hatte Wien die Ehre und vdas ■ Vergnügen, einen Nobelpreisträger als Gast 'zu begrüßen. Der große Physiker aus München hielt Vor* träge an der Universität, im Radio. Die nationalsozialisti» sehen. Hakenkreuzlor, ,die Vertreter der rüdesten Abart der Judenhetzer,, konnten stolz den Mann als den Ihren reklamieren. Er widersprach nicht. Der Mann ist doch gewiß kein ungebildeter, kulturloser Hinterwäldler. Und doch; ist an ihm wenig von zwangsläufiger Abnahme des Antisemitismus als Folge von Aufklärung und kultureller Erkenntnis. zu .merken. Es berührt den Nobelpreisträger aus Münchep, den großen Gelehrten, so gut wie gar nicht, daß in den-Versammlungen und Zeitungen, in denen er als, politischer. - Herzensbruder gefeiert wird, gleichzeitig gelehrt wird, däß. die Juden zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten Christenblut benötigen und es sich auch zu ver« schaffen .wissen. *'-•■- Ja, dieses Blutmärchen! Eine Folge des Relis gions.fanatisraus ist es, meint, der unentwegte jüdischdiberalo Optimist, Da aber der religiöse Fanatis» mus im Schwinden begriffen ist, muß auch das Blut« märchen schwinden. Das alte Wiegenlied, mit welchem die geängstigte jüdische Gesellschaft eingelullt wird. Wie sieht es aber in der Wirklichkeit aus? Es gibt ein Land, in welchem der „religiöse Fanatismus" radikal verfolgt und beseitigt wurde. Nur in den verborgensten Schlupfs winkeln wagt er es, dort noch zu atmen. Sowjetrußland! Da wird nun aus diesem gesäuberten" Lande berichtet: „Die lokalen Blätter,melden, daß die große Indu* strjestadt Tula der SchÄuplatz arger antisemitischer Exzesse war. Für den l4. . ^eoruar hatte die. allrussische Freidenker»Organisation, der „Verband; der Gott« losen", eine große PreRagandaversammlung angesetzt. Der Hauptredner, der offizielle Delegierte des Verbandes S a v o s k i n, erging sich unter heftigenAusfällen g e.g e n d i e mosaische R e 1 i g i o n in aufreizenden. Schilderungen des Blutritus der Juden, wobei er behaup« tet'e, daß auch in der, letzten Zeit mehrere Morde zu rituellen Zwecken verübt worden seien. Die Hetzrede Sawoskins hat . in der Stadt außer« ordentliche Erregung hervorgerufen und zu bedenklichen Zwischenfällen Anlaß gegeben. Die Sowjetbehörden, denen die Lage nicht geringe Sorge bereitete, bemühten sich, be* ruhigend auf die Eimj^hnerschaft einzuwirken. Der Gott« losenverband ignorierte jödbch" die Anordnungen des Stadtsowjets und in einer, neuerlichen Versammlung wiederholte der Juden erhobenen Beschuldigungen. Unter dem Einflüsse der eilfrig.: 'betriebenenV ^aßpi*opagända ließen., sich die - . Arbeiter, deren es in 'tjul^^Wehr ,als 80.000 gibt, zu Ausschreitungen verleiten, die den Charakter eines regelrechten Pogroms annahmen*, es wurden jüdische Kaufläden gestürmt, Wohnungen der . Juden demoliert und „verdächtige" Passanten auf der Straße überfallen und blutig geschlagen. Die Behörden waren genötigt, stärkere Polizei« und Militärarbeilungen zu requirieren, denen es nach schwerem Kampfe gelang, die Kühe wiederherzustellen. Man scheint aber dem Frieden nicht recht /zu trauen, denn noch immer durchstreifen M'iM i t ä r p a t r.o u i 11 e n die Stadt Bei rheumatischen Schmerzen/ Kopfweh; Schmerzen in den Gelenken und Gliedern wirken To g al«* Tabletten ganz hervorragend. Absolut unschädlich* Ein Versuch-überzeugt! — In allen Apotheken. — Preis S 2.40. und die Wachposten werden verdoppelt. Dem in Tula er* scheinenden Blatte zufolge werden die beiden Ruhestörer Sawoskin und Gurow aus dem „Verbände der Gottlosen" ausgeschlossen und zwei Sonderkommissionen zur Untersuchung der geschilderten Vorkommnisse eingesetzt werden." * . Was ist die ganze schöne Theorie vom religiösen Fanatismus als Gruridmotiv des Blutmärchens, des giftig« sten Antisemitismus wert?. In Tula ist sie wieder einmal zuschanden geworden. , Die (, religiösen Eiferer sind weg, das Blutmärchen ist geblieben, jetzt von freidenkerischen 'Hetzpriestern gehegt und^ gepffegt. •' Daß cüc, Juden;.; /in^ beschimpft und besudelt werden, wie'Rke'in anderes Volk, liegt daran, daß sie ohne Schutz, ohne Land, ohne nationale Orgänisa* tioü sind. Ihre abnormale Lage bildet den Grund für die abnormale Behandlung, welche ihnen zuteil wird. Die Einstellung der Völker zu'den Juden kann nicht durch Diskussion, durch Aussprache, durch Argü* mentc geändert werden. Nur dadurch, daß die L a g e d e r Juden geändert wird, daß sie zu einem Volke wer« den, mit den Attributen der anderen Völker, zu einem Volke mit Land und nationaler Organisation. Aus die« ser Erkenntnis heraus hat HerzI den poli* tischen Zionismus geschaffen. Wer von den Herzischen Erkenntnis abweicht, wird nie und nimmer die Lösung finden. Das Attentat auf den ZiomsfeiuKongreß* Sie wollen Hevxls Werk liquidieren. — Erst die Organisation/ dann den Judenstaat, jetzt den ZionisftenvKongreB* ," Weizmann und seine Helfer wollen alles beiseiteschieben, was Theodor Herz! geschaffen und der jüdischen Welt hinterlassen hat. Mit dem Herzl- Zionismus soll Schluß gemacht werden, gedanklich und organisatorisch. Schon seit Jahren'rufen es zionistische Stimmen warnend in die Welt. Wenige haben hingehört. Nun aber liegt die Absicht klar zutage: Dem politischen Zionismus wird ein Ende gemacht! Die drei Grundpfeiler des politischen Zionismus sind: die Idee vom Judenstaat, die einheitliche, nationale Weltorganisation, der Z i o nis t en k o ngrefi, Theodor Herzl hat sie aufgerichtet, Weizmann und'seine Helfer. untergraben sie und warten auf den Sturz. Unter Welz-» manns Führung\ ist die Weltorganisation - des Cha« rakters einer Volksorganisation il?eraubt und büro- «ASCH. IV. Ars««itinl«r«lraft« 3* Talanhnn M«4§*4W U»4*S*t? Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgeltlichen Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet. kratisiert worden. An die Stelle der idealistisch7 eingestellten, freiwilligen Führer nnd Arbeiter sind abhängige und gefügige Beamte gesetzt worden. An die Stelle des nationalen Ideals das „Budget", das Geld. Dieser durch Bürokratismus und Mammonismus entkräfteten Organisation konnte dann die „Erweiterung der Jewish Agency", d. h. die Aufnahme von nichtzionistischen, antinationalen reichert Juden in die Leitung des nationalen Befreiungswerkes aufgenötigt werden. Reiche Niehtziomsten in der Leitung des zionistischen, national-evolutionären Befreiungswerkes! Ihre Legitimation ist Geld. Nicht einmal Geld das sie für den Zionismus opfern. Nein, ihr Geld an sich, das Geld, das iri ihren Taschen liegt, fernab von Palästina. Damit war die Zionistische Weltorganisation ungefährlich, widerstandsunfähig gemacht. Nun konnte Weizmann an den zweiten Grundpfeiler heran, an die Idee vom Jüdenstaat Was er lange verborgen im Herzen getragen hatte, tat er aller Welt kund. Im August 1930 hielt er in Berlin in der Sitzung des Aktionskomitees jene berüchtigte. Rede, in welcher er die Idee vom Judenstaat nicht, nur verleugnete, als wertlose Utopie heruntersetzte, sondern auch verleumdete als eine Idee von der „Vergewaltigung" der anderen, von der „Verpreußung"' Palästinas. Die Antworten auf diese Verzichtrede erfolgten prompt von der nichtzionistischen Seite her^ Warburg, der Repräsentant der reichen Nichtzionisten, nannte Weizmann den klügsten Mann. In der englischen Presse wurde er als ein hervorragender zionistischer Führer be-.

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