Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 178 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. m „Wenn's Judenblut vom Messer fließt . . .** Berlin, 8. Februar. Vor dem Einzelrichter des Amts* gerjchts Berlin «Mitte standen 14 Nationalsozialisten unter der Anklage der Aufreizung zu Gewalttätig» keiten und zum Klassenhaß. Am 10. August 1930 waren durch die Köpenicker Straße drei Lastautos mit ungefähr 300 bis 400 Mann Nationalsozialisten gefahren, die das Lied mit dem Schlußtext „Wcnn's Judenblut vom Messer fließt, dann geht' s noch mal so gut . . ." sangen. Die festgestellten Nationalsozialisten hatten durch Strafverfügung je 50 Mark Geldstrafe er* halten, dagegen aber Einspruch eingelegt. Es wurden 17 Folizeibeamte als Zeugen vernommen, die zum größten Teil das Singen des Liedes bestätigen konnten, wenn sie sich auch nicht eines jeden einzelnen der Teilnehmer mehr erinnern konnten. Der als Entlastungszeuge vorgeladene Sturmführer Heck behauptet dagegen, daß das Lied von seinen Leuten nie gesungen würde, sondern daß das ein altes Freikorps*Lied sei. Einer der Angeklagten versucht den Sachverhalt so zu erklären, daß vielleicht einige ältere Leute versucht hätten, das Lied anzustimmen. Der Verteidiger hielt eine politische Propaganda« rede, in der er Juden und Polizei beschimpfte und den Freispruch seiner Mandanten verlangte, während der Staatsanwalt Aufrechterhaltung des Strafbefehls forderte. Der Amtsrichter sprach sämtliche Angeklagte frei. Purim in TelsAwiw. Der Verband demokratischer Zionisten Wiens, Gruppe VI bis VIII, veranstaltet Samstag, den 28. Fe* bruar in den Sälen des Chat Noir, VI., Mariahilferstr. 105, ejne historisch*aktuelle Redoüte unter: der Devise „Purim in TelsAwiw. Das reichaltige künstlerische Programm weist u. a. den Aufzug von Gruppen orientalischer Juden, die Wahl der Purim*Königin und des Bürgermeisters von Tel*Awiw und palästinensische Tänze auf. Für den Abend wurde eine spezielle Purim*Zeitung vorbereitet. Das Fest verspricht eine Attraktion für das jüdische Wien zu werden. Karten im Vorverkauf S 3, an der Abendkassa S 4. Conference: Dr. Oskar Rosenfeld; Bühnenvereini« gung: D. Sfafrenko. Saaleinlaß 9 Uhr. Aus §owjetrußland* Die Juden an den Hochschulen, Moskau, 7. Februar. (J. T. A.) Wie aus einer von der Sowjetregierung veröffentlichten Statistik hervorgeht, bilden die jüdischen Hörer einen hohen Prozentsatz an den höheren Schulen Sowjetrußlands. Insbesondere ist ein An* dj a n g v o n j ü d i s c h e n Hörerinnen zu den Hoch* schulen festzustellen. In den medizinischen und pädagogi* sehen Fakultäten bilden jüdische Studentinnen mitunter meh r a 1 s; d i e Hälfte der gesamten Hörerschaft. . Neuerdings wird von den jüdischen Studenten das Studium der Volkswirtschaft dem der Medizin vorge* zogen. Dies ist darauf zurückzuführen, daß akademisch gebildete .Volkswirte eher eine staatliche Anstellung in Mockau und in anderen großen Zentren erlangen können als Aerzte, für die gegenwärtig nur in den vom Zentrum entfernteren Teilen der Sowjetrepublik Anstellungsmög* lichkeiten vorhanden..^ind. Jüdische Schüler in den Fabriksschulen. Moskau, 7.- Febfpar. Etwa 2000 junge Juden aus den ärmsten Schichten $er jüdischen Bevölkerung der Ukraine und etwa 50Q jüdische"'Jugendliche aus Weißrußland wer* den zur Ausbildung In Fabriksschulen geschickt werden. 1400 jüdische Schüler "kommen in die Fabriksschulen von Magni*Togor$k, efenv neuen großen Industriezentrum, das im Ural errichtet wird, 250 in die Fabriksschule von Kertsch, 100 in die Fabrik für landwirschaftliche Maschi* nen in Rostow, 100 in die Automobilfabrik von Nishni« nowgorod, 2,00 in dje Nishninowgoroder chemische Fabrik und 200 in die F^Hrifesschulen des westlichen Distrikts (Zapadnaya Oblast).. „ Außerdem werden 2130 jüdische Jugendliche }h die- Eisenbahnschulen aufgenommen wer* den. Hievon kpromen 280 Juden zur Donetsbahn, 200 zur JekaterinosJawer Bijhn, 500 zur Westbahn, 200 zur balti* sehen Bahn. Etwa, 1000 zu anderen Bahnen. Die Gesamt* zahl der Juden,, die; im Bahndienst ausgebildet werden, be* trägt 6880. ' \, T . Rück^trqni jüdischer Jugendlicher aus den Fabriken/von Nishninowgorod. Moskau, 7. Jfcbruar. (J. T. A.) Vor einiger Zeit wurden 200 jüdische Jugendliche aus der Ukraine und Weißrußland in dp ^Fabriken der Metall* und Holz* industrie von Nishninowgorod als Lehrlinge unter* gebracht. Etwa J7 bis J8 Prozent dieser Jugendlichen sind wieder in ihre Heimatstädte zurückgekehrt, da sie das Leben in,der fremde n Umgebung und mit Menschen, die sich ihnen gegenüber abgeschlossen oder sie mit Härte behandelten, nicht ertragen konnten. Die Behör* den versuchen, dufch Verbesserung der JCost und Bei* Stellung besserer Sfhlafsäle ein weiteres Rückströmen der jüdischen Jungarbeiter zu verhindern. Der Sowjetbettmte und Führer der Linken Poale Zion Baru. jveig^rt sich, nach Rußland zurückzu- ' ' * kehren. London, 7. Februar. (J. T.A.) Der ehemalige Direkt ' tot der S^wjatb$nJ$ in'Moskau B ar u, der bei der russi*' sehen WandeJsvwtr&tung m London ejnen hohen Posten bekleidet, hßt, wurde Von der Sowjetregierung aufgefor* dert, nach ^i^ßland üUfückzukehren. Baru, der ein Führer der, vor kür^enj\ inj Rußland als illegale r k 1 ä r t e n . Partei der Linken Poale*Zionisten ist, will dieser Aufforderung nicht Folge leisten. Die jüdische Kolonisation in der Krim. Moskau, 7. Februar. (J. T. A.) Vor einer Versammlung der Mitglieder des Zentralkomitees von OZET und der Regierungskommission für jüdische Landansiedlung (KOMZET) in Moskau schilderte M. Mcreschin die gegenwärtigen wirtschaftlichen und kulturellen Verhältnisse im jüdischen Kolonisationsgebiet in der Krim und die Aussichten des künftigen Kolonisationswerkes. Von den im Freidorfer Rayon, dem neuen autonomen jüdischen Rayon in der Krim, angesiedelten 4500 jüdischen Familien sind vorläufig erst 2700 Familien in Häusern untergebracht, die übrigen 1800 Familien haben buchstäblich kein Dach über dem Kopf. Die sanitären Verhältnisse sind sehr ungünstig. Aerztliche Hilfe steht nur in ganz unwesentlichem Ausmaß zur Verfügung. In einem Lande, in dem die Straßen zeitweilig nicht passierbar sind, müssen Kranke oft 25 Werst weit reisen, um einen Arzt zu finden. In zahlreichen Fallen mußten Scharlach-und Typhuskranke ohne ärztliche Hilfe bleiben. Die Arbeit litt vielfach unter der Furcht vor Ansteckung. So mußte ein in eine neue Kollektivwirtschaft entsandter Buchhalter wieder unverrichteter Dinge abreisen, weil sich niemand fand, der es wagte, die Bücher aus einem Hause, dessen Bewohner an Scharlach erkrankt waren, zur Desinfektion zu holen. Auch die kulturellen Verhältnisse liegen sehr im argen. Die Ortsbibliotheken, die in der Regel bloß etwa ein Dutzend veralteter Bücher enthalten, können die Ansprüche der intelligenten Siedler nicht befriedigen. Für die Freidorfer Kinder wurde zwar ein Orchesterverein gegründet, da aber keine Instrumente vorhanden sind, müssen sich die Kinder damit begnügen, mit Flaschen Löffeln und kleinen Kämmen zu musizieren, * So ist es um die Judenkolonisation in der Krim bestellt, für welche die reichen amerikanischen Juden viele Millionen Dollar und große Begeisterung hergegeben haben. Palästina zum Trotz. So schildert ein Regierungsbevollmächtigter in Moskau die Lage. Wie muß e;- dort aussehen? Reverend Hediler, der tiffoß* herzog von Baden und Theodor HerzL Professor William Hechler gestorben. — Ein bisher unbekanntes Schreiben des Grollherzogs an Herzl. — Vor der?Rußlandreise Herzls. Im Alter von 86 Jahren starb in London der Theologe der Anglikanischen Kirche Prof. William Hec h 1 e r, einst ein Freund Theodor Herzls und.bis zuletzt ein Anhänger der Idee eines jüdischen Staates in Palästina. Professor Hechler war beherrscht von dem Gedanken, daß das Reich des Messias kommen werde, wenn Palästina von Juden besiedelt sein wird. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts trat er als ein der englischen Botschaft in Wien zugeteilter Hofkaplan in Beziehungen zu Theodor Herzl, kurz nachdem Herzl sein Buch „Der Judenstaat" veröffentlicht hatte und an den Aufbau der zionistischen Weltorganisation geschritten war. Hechler ' war es, der die Zusammenkunft zwischen Theodor Herzl und dem Großherzog Friedrich von Baden (Hechler war -früher Erzieher eines der Söhne des Qfpßherzögs gewesen) vermittelte, die als eine Vorbereitung zu einer Zusammenkunft zwischen Theodor Herzl und Kaiser Wilhelm II. gedacht war. Später arrangierte Hechler ein direktes Zusammentreffen zwischen Theo-; dor flerzl und Wilhelm II. in der Nähe der jüdischen Ackcrbauschule Mikweh Israel zur Zelt des Besuches, Wilhelms II. in Palästina i. J. 1898. In seinen Tagebüchern erwähnt Theodor Her,zl oft die freund-' s c h a 111 vc he M i 111 e r t ä t i g k e i t H e c h 1 e r s zugunsten des Zionismus. Herzl setzte seinem christlichen Freunde auch, ein literarisches Denkmal in seinem utopischen Roman „Altneuland", in welchem Hechter in der Qestaü des .»Reverend H o p k i n" gezeichnet ist. v In . bezug auf das Verhältnis zwischen Hechler, dem Großherzog von Baden und Theodor Herzl veröffentlicht der Herzl-Forscher Dr. T. Nussenblatt im ..Neuen Wiener Journal" einen längeren Artikel,- an dessen Schluß er einen Brief des Großherzogs an Herzl reproduziert. Dr. T. Nussenblatt schreibt: ■ 1 ■ „Ende April des Jahres 1896 erhielt Herzl, zugleich; mit der Nachricht vom Tode des bekannten Pbilanthrppen flaron Hirsch, auf dessen Hilfe Herzl hoffte, den Ruf nach Karlsruhe zum Groß- ] her z6g; ,M}i /kurioser Tag", notiert Herzl an Jenem; Tage,; i,pir8ch stirbt/und ich trete mit Fürsten in Ver? aindung". D^e Audienz beim Großherzog verdankte H^wi^if-''-tÄÜg.en\Mith'ilf'*/ des anglikanischen i Pfarrers Reverend Prof es so r Wi 1liam. Iiechier, eines eifrigen . christlichen Zionsfreundes. Her«! JQllte vor dem Großherzog die ganze. Frage $ej- Judenstaatsbildung auf, wobei der Für6t ruit großem-: Wphlwollen zuhörte und nur, wie Herzl, berichtet,, ,mit einer unsagbaren Bescheidenheit4 stellenweise Einbände erhob," .•......>. :.,'. J „Mit dankbarer Empfindung für die große und. . edle Natürlichkeit des Groflherzogs kehrt Herzl nach; |> Wien zurück. Von diesem Tage an verfolgt der Großherzog die Entwicklung der zionistischen Sache mit eifrigem Interesse. Herzl informiert ihn über die Entwicklung seiner Aktion und der Großherzog bleibt mit Rat und Tat behilflich. Er bringt Herzl mit Wilhelm II. zusammen und ermöglicht das Zustandekommen der Audienz Herzls im kaiserlichen Zeltlager in Jerusalem. Anläßlich der Gründung der Jüdischen Kolonialbank wird Herzl durch den Großherzog an ein bedeutendes deutsches Bankinstitut empfohlen. Und als Herzl den Weg zum Zaren suchte, konnte er auf die Unterstützung des Großherzogs rechnen. Der nachfolgende Brief möge uns diesen Umstand erläutern: * „Schloß Baden, 10. XI. 1899. Wertgeschätzter Herr Dr. Theodor Herzl. Ihr wertes Schreiben vom 27. Oktober habe ich richtig erhalten und sofort zum Gegenstand sorgfältiger Erwägungen gemacht. Ich benutzte dann die Anwesenheit des Kaisers von Rußland, um ihm in kurzen Zügen den großen Plan darzulegen, an dessen Zustandekommen Sie so tätig arbeiten! Ich fand den Kaiser ziemlich orientiert und unternahm es daher, ihm vorzuschlagen, er möge sich den ganzen Plan mit seinen Konsequenzen von Ihnen persönlich darlegen und vortragen lassen. Die Antwort war für die Sache günstig, aber zögernd für die persönliche Frage und er sagte endlich, wir könnten noch einmal darüber reden, wenn ich nach Darmstadt respektive Schloß Wolfsgarten komme. Ais ich dort war, sagte der Zar, es worde ihm nun wohl nicht mehr möglich sein, die Zeit für eine Besprechung zu finden bis zu der bevorstehenden Reise nach Potsdam. So war denn meine Hoffnung dahin und ich habe wohl empfunden, daß inzwischen der Einfluß des von Paris zurückkehrenden Murawiew sich geltend gemacht hat. Immerhin hat der Kaiser Interesse für Ihre große Aufgabe gezeigt und daher komme ich nun mit folgendem Vorschlag zu Ihnen: Die Anfertigung einer Denkschrift in deutscher oder französischer Sprache, letztere wäre wohl richtiger, möchte ich empfehlen., worin in möglichster Kürze Ihr ganzer Plan dargelegt und besonders auch " die Motive dazu erklärt würden. Eine solche Denkschrift wäre für den Kaiser bestimmt, und ich wäre gern bereit, die Vermittlung an denselben zu übernehmen. Ein Schreiben von Ihnen an den Kaiser müßte dabei sein, in dem gesagt wäre, daß ich Ihnen angeboten habe, der Vermittler für das zu sein, was Sie hofften, dem Kaiser persönlich darlegen zu dürfen. Wenn so die Angelegenheit persönlich dem Kaiser zur Kenntnis kommt, wird vielleicht erreicht, daß auch in Regierungskreisen in Petersburg die Aufmerksamkeit Ihrer Angelegenheit zugewandt wird und, wie man sagt, das Eis gebrochen wird. Es ist dann möglich, auf die Sache geschäftlich zurückzukommen Und vielleicht auch Erfolge zu erzielen. Ich gebe Ihnen diesen meinen unmaßgeblichen - Vorschlag zu freier Erwägung und verbleibe Ihr ergebener Friedrich Großherzog von Baden." AUS PALÄSTINA. Von der Orangensaison. ■ Nach der letzten Nummer der OraugeUrZeitechrift „Hadar" wurden bis zum 20. Jänner 1,250.000 Kisten Orangen, Grapefrucht und Zitronen nach dem Ausland verfrachtet. Der Anteil des deutschen Marktes am Absatz dieser Früchte wächst ständig, insbesondere dank der Bemühungen, die die Export-Genossenschaft ..Pajrdess" seit längerer Zeit für die Erschließung dieses wichtigen Marktes unternommen hat. Auch, andere Firmen, die früher fast ausschließlidv nadi England exportiert haben, versenden jetzt Früchte nach dem Kontinent. Ein Vergleich der bisher in dieser .Saison exportierten Mengen mit dem gleichen Zeitraum des Vor- W*8j-J- ■ ' " " —...gggsggg, . „ ,, ,, , „ i ,...fT^l Wochen-Kalender Februar 1931 £3«' Kwjnn Scheb^t §591 U. Preita'g i -......'■ --l■' <• ■ Sabbateingang 5,10 14 , Samstag 27-td Sabbatausgang 6,02 nroo ,avw 'D .g'PWD : 15 Sonntag 28-rD ■ 1 * . 1 i; •"■>-......' ' J ■ 16 Montag 29-a» 17 Dienstag vi« tsnn vtm'K 18 Mittwoch 1-K win wm '3 1» Donnerstag 2-3