Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 178 (13.2.1931)
- Date
- 1931-02-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Tttl. Y3<^ et***' , VT%e*- Preis 35 Groschen Vi bt bi tJEZUQSBEDINGUNGEN. Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—. vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.—, vierteljährig Kc. 15.—; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. REVUE BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.— Schweiz und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion and Verwaltung: Wien, IX., üniversitätsstraße 6—8 Telephon: B-48-504 — Erscheint reden Freitag Jahrgang 5 Freitag, den 73. Februar 7937 Nr. 178 Vor der Katastrophe* Die Araber bekommen ein Parlament in Rothschild* — Weizmann und ' Nach dem Erscheinen des Weißbuches der englischen Regierung, welches nicht mehr und nicht weniger ausspricht als die Annullierung des jüdischen Palästina m an clates, ward der politische Bankerott der Führung, der Zionistischen Organisation aller Welt offenbar, auch der zionistischen. Es ward aller Welt klar, daß das Weizmannsche System des Schönredens und Schönfärbens, des ewigen Nachgehens, der Preisgabe der wichtigsten zionistischen Postulate um einen faulen Frieden zum Niederbruch geführt hat. Zur politischen Katastrophe gesellte sich die finanzielle. 700.000 Pfund Schulden. Nicht etwa Schulden, die durch die Großzügigkeit im Tempo des jüdischen Kolonisationswerkes verursacht wurden. Nicht Schulden, entstanden durch umfassende Bodenkäufe, durch die Ansiedlung vieler lausender Familien, durch Inangriffnahme gewaltiger Aufbauarbeiten, hinter deren Ausmaße die Geld- Sammlungen zurückbleiben mußten. Nein! 700.000 Pfund Schulden entstanden in Zeiten kolonisatorischer Stagnation, in Zeiten stockender und gesperrter Einwanderung, in Zeiten, da in Palästina Neues nicht geschaffen, Altes nicht gründlich und endgültig konsolidiert wurde. 700.000 geborgte Pfund und das Ergebnis der Sammlungen, wo sind sie? Der Verwaltungsapparat lief doch leer... Unter dem Eindrucke der beiden Tatsachen, des politischen und finanziellen Niederbruches, stand das zionistische Gewissen auf. Spät! Allerorten ertönte der Ruf nach Abberufung Weizmanns und seiner Exekutive, der Ruf nach dem Zionistenkongreß. Die von Weizmann und der Bürokratie gegängelte und schwach gehaltene Organisation erhob sich. Und Weizmann und seine Bürokratie gaben nach. Im November! Das Aktionskomitee wurde einberufen und faßte mit Zustimmung Weizmanns den Beschluß, den Zionistenkongreß im Februar 1931 abhalten zu lassen. Weizmann gab seine Demission. So geschehen im November. Man hieß die Zionisten aller Welt Schekel sammeln, Wahldiskussionen abhalten, Wahlen vorbereiten. Bis Anfang Jänner ließ man sie das parlamentarische Spiel treiben in der Einbildung, daß die Zionistische Organisation eine normale, demokratische ist,, welche die Leitung und das System wechselt, wenn sie sich als unzulänglich erwiesen haben. Im Jänner aber wurde es wieder klar, daß dajS Ganze nur ein taktisches Spiel war, um Zeit und Kraft zu gewinnen zum Bleiben! Weizmann und die mit ihm auf Gedeih und Verderb verbundene Bürokratie wollen bleiben. Mitte Jänner wurde über Nacht das Aktionskomitee neuerlich einberufen und eine zu drei Viertel aus Beamten gebildete Majorität stieß den Beschluß um, den Kongreß im Februar abzuhalten. Er soll „spätestens" im Mai oder Juni stattfinden. Spätestens! Das heißt weder im Mai noch im Juni. Vielleicht im Herbst! Vielleicht! Zur Begründung dieses Umfalles { müssen m den letzten Stunden errungene „Erfolge" herhalten, besser gesagt, Gerüchte von Erfolgen, Versicherungen, daß die Verhandlungen mit der englischen Regierung glänzend stehen. Tatsachen werden nicht genannt oder, wenn sie genannt werden, am nächsten Tag dementiert. Dann wird unter Hinweis auf die entsetzliche materielle Situation bewiesen, daß Weizmann der einzige ist, welcher die Situation überwinden kann, wie bewiesen wird, daß er allein die Verhandlungen mit England weiterführen kann. Wie sehen die Beweise aus? In materieller Hinsicht; Baron Edmonde Rothschild hat Weiz- , Palästina* — Die luden 30*000 Pfund von seine Freunde haben „gesiegt"» mann 30.000 Pfund gegeben. Sieg! 700.000 ist man schuldig, so dringend schuldig, daß das Gespenst des Gerichtsvollziehers vor der Zionistischen Weltorganisation steht. Dem alten Baron, der mit allen Fasern seines Herzens an der zionistischen Sache hängt, hat Weizmann die entsetzliche Lage geschildert. Da hat er 30.000 Pfund geliehen oder gegeben. Sieg! Was nun? 700.000 Pfund Schulden sind da. Wieviel, wie lange? Nebensache. Sieg! Auch politisch hat man gesiegt. Seßhafte und reisende Beamte und gefügige Journalisten erzählen und schreiben: Die Feinde, Passfield und Chancellor und alle anderen, werden verschwinden, werden ihre Aernter niederlegen,' das Weißbuch wird anulliert. Wie ist das geschehen?. E>as kann man nicht sagen. Alles vertraulich, höchst vertraulich. Man macht Stimmung. Zwei Meldungen der Jüdischen Telcgraphenagenrur illustrieren die Art, wie da gearbeitet wird.'.■Eine;?.voÄ•.Vormittag,-• eine" vor» Abend; % ' '• » * •'«, ''. ' . Sensationelle Sendung in^def eiigiiselteti Palästina-Politik. , — Das;1 Palästina-Komitee der englischen Regierung beschließt die Herausgabe eines neuen' RegierungSstateraents über Palästina. — Annullierung der von der Jewish Agency bekämpften,Bestimmungen des Passfield-Weißbuches. — Rücktritt Chanceilors bevorstehend. — Noel Buxton als Nachfolger Passfields in Aussicht genommen. London, 8. Februar. (J. T. A.) Wie die J üdische Telegra^föbi|igentur erfährt, wird der gegenwärtige Hijp^^mmissioner für Palästina, Sir John Robert C hj&SQ. c e 11 o r, in wenigen Monaten seinen Posten in Palästina verlassen. Es ist noch nicht bekannt, ob über die Wahl seines Nachfolgers bereits irgend welche Entscheidungen getroffen worden sind. In der letzten Zeit waren wiederum Cerüchte über den bevorstehenden Rücktritt Lord Passfields (Sidney Webb) verbreitet. „Daily Telegraph" will aus zuverlässiger Quelle erfahren haben, daß diese Gerüchte wohlbegriindet sind und der ehemalige Landwirtschaftsminister. Noel Buxton bereits zum künftigen Kolonienminister an Stelle Passfields ausersehen ist. Das Subkomitee der englischen Regierung, das mit der Führung der Verhandlungen mit den Vertretern der Jewish Agency betraut ist, hat einstimmig die Herausgabe eines neuen Regierungstatemeuts über die Politik Großbritanniens in Palästina beschlossen. Das neue Statement enthält eine Reihe a u ß e r o r d e.n tlich bedeutsamer Konzessionen an die zionistischen Forderungen und annulliert jene Bestimmungen des Weißbuches, gegen die seitens der Jewish Agency Widerspruch erhoben worden ist. So hieß es am Vormittag. Dafür meldet die gleiche Stelle am Abend: Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgelt» liehen Notizen sind durch ein beigefügtes £ bezeichnet. KOHLE KOKS ANTHRACIT höchster Qualität BÄSCH. IV. ArgenNnierstralle 22 TaJanhan U-4G.4Q3 Tdi#pbon y.41.a,gy Bei Nervenschmerzen/ Kopfschmerzen, rheumatischen und gichtischen Schmerzen wirkt Togal ganz vorzüglich. Laut notarieller Bestätigung anerkennen über 6000 Aerzte, darunter viele bedeutende Professoren, die hervorragende Wirkung des T o g a 1. - In allen Apotheken. - S 2A0. London, 8. Februar. Die Jüdische Telegraphenagentur meldet: Die heutige Londoner Presse dementiert, von autoritativer Seite ermächtigt, die Gerüchte von der Demission des Kolonialministers Lord Passfield wie auch das Gerücht von der LoslösungPalästinasausderKompetenzdesKolonialamtes und Eingliederung in die Kompetenz des Außenministcriums. Die Zeitungen teilen ferner mit, daß die in dieser Woche zu erwartente Erklärung der Regierung bezüglich ihrer Palästina pol itik keine Spur eines Rückzuges von det bisherigen, im Weißbuche niedergelegten Regierungspolitik enthalten wird. Die Regierung wird nur gewisse Erleichterungen für die Zionisten gewähren, welche aber nicht die entscheidenden Richtlinien Jangieren werden. Dann die letzte, die traurigste" ,Siegesmeldung": Ein JP^Hr|a^ijlt mit arabischer Majorität gesichert. — Aber die zionistische Leitung ist zufrieden! London, 8. Februar. (J. T. A.) In L o n d o n e r z i d n i s t i sc h e n K r c i s e n ist man der Ansicht, daß das Regierungsstatement über Palästina, das vermutlich in den nächsten Tagen veröffentlicht werden wird, in gewisser Hinsicht von größerer Bedeutung ist als dic'Balfour-De k 1 a r at i o n. Während die Balfour-Deklaration die Möglichkeit einer falschen Interpretation offen gelassen habe, mit deren Hilfe sich England seinen Verpflichtungen gegenüber dem Jüdischen Nationalheim entziehen konnte, stelle das neue Statement nicht nur die Lage, wie sie bis zur Veröffentlichung des Passfieldschen Weißbuches bestand, wieder her, sondern gebe auch eine klarere und bestimmtere Definition des jüdischen Status in Palästina und von der Verpflichtung der Regierung zu aktiver Mithilfe bei der Errichtung des Jüdischen Nationnlheims, einem Werke, das von der Möglichkeit des Bodenkäufs, der Ansiedlung und Einwanderung, zu deren Förderung die Regierung sich nunmehr bereit erklärt habe, abhängt. Dennoch wäre die Annahme, daß das Statement alle zionistischen Forderungen in vollem Ausmaß erfüllt, unrichtig. Es war die Absicht der zionistischen Unterhändler, zu einem modus vivendi in Palästina und zu einer Möglichkeit der Kooperation zwischen Arabern und Juden zu gelangen. Die zionistischen Führer hoffen, daß sich nach der Veröffentlichung des Statements eine Verständigung mit den Arabern leichter erreichen lassen werde. Im Hinblick auf die Notwendigkeit dieser Verständigung haben sie keinen Widerspruch dagegen erhoben, daß das Problem einer gesetzgebenden Körperschaft, wie sie im Weißbuch vorgesehen ist, offen bleibt. Sie glauben, daß damit eine Basis für eine Annäherung zwischen Juden und Arabern gegeben ist. Aus dem Schwall der Worte ragt eine Tatsache hervor: Weizmann und seine Freunde haben zur Einrichtung eines Parlaments mit arabischer Majorität ihre Zustimmung gegeben und damit in einer Weise, die Verrat an dem Willen der Zionistischen Organisation und des jüdischem Palästina bedeutet, der zionistischen Sache den schwersten Schlag versetzt, den sie seit ihrem Bestände erlitten hat. Verzweifelte Spekulanten, verzweifelte Bankerottere als Führerl Wen wollen sie betrügen? Das jüdische Volk oder das arabische Volk? Oder beide? Wohin soll das fähren?