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Die neue Welt · 1931-02-06 · Heft 177 (6.2.1931) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 177 (6.2.1931)
Date
1931-02-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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18? Till. Universitätsbibliothek * «---< Wien. f. Preis 35 Groschen V.b. b. BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljahrig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei Jugomonatlich Kc 6.—, vierteljahrig Kc 15.- slawlen monatlich Dinar 14.—, vierteljahrig Dinar w.— . Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN. Deutschland monatlich Mark 1.—, vierteljahrig Mark 3.—; Bulgarien monatlich Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20; Italien monatlich Lire 5.—, vierteljahrig Lire 14.—; Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: B-48-504 — Erscheint jeden Freitag Jahrgang 5 Freitag, den 6* Februar 1931 Nr. 177 ifij #~21trteile üöerSimonsbroK 1. ©imonäferot »etibient al§ SBotl§itiQi^tiu.Ttig§wittfiI ben «ften Sftawfl einamteljnrctt uttö (teilt hw$I ba3 Sfitefte auf oem ®e&tete ber $«fosm*rnalrcunfl bar. 2. ©imonSi&tot ift l&tdt>t twnixmtttdj, nefymtktt bk SSerlbKntuniß mnlb it'&ettwfft an Sotylgiefdjmiact meines GtadjtenS ie!be§ lartberc nornffitot. Sn ben guten SfeinfoftfymMiittflett unb Sätfctelcn et^ältUn). Simottgbcotfabric 2Öicn»Äagran 11 SäflUchcr 'Vofltwfanb — @£pott Augusf Rohimg gestorben* Ein dunkler Ehrenmann. Wie ein Alp lag den Juden der Achtziger* und Neunziger jähre der Name Rohling auf der Brust. Ein hoher Priester, Universitätsprofessor unternahm es, der Welt-zu beweisen, daß die Juden Christenkinder morden und ihr Blut bei religiösen Hand* lungen verwenden. Mit dem „Rüstzeug der Wissen* schaff ausgerüstet, trat Rohling in die-Arena. Panik ver* breitete sich unter den Juden, eine Angststimrhung, von der man sich Heute keine Vorstellung machen kann. Als der Wiener Rabbiner und- Abgeordnete:.Pr. Josef Bio c' h Rohling ''entgegentrat Und in einem" Prozesse, der" ganz Eüröpa in Atemhielt, siegte, da atmeten die Juden in aller Welt, auf. Dr. Josef Bloch hatte mutig gekämpft. Ihm gebührt von jüdischer Seite höchstes Lob. Er tat das Seine. Aber was . die Juden damals und später dachten und hofften, daß durch Blochs Sieg über Rohling das Gift* märchen vom jüdischen Ritualmord endgültig beseitigt sei, hat sich nicht bewahrheitet. Rohling wurde besiegt, der Ritualmordglaube nicht. Rohling ist jetzt im hohen Alter von 92 Jahren in Salzburg gestorben, aber das Ritualmordmärchen lebt. Dutzende von Ritualmord* Prozessen fanden nach und trotz Rohlings Niederlage statt, und haben die Welt und die Juden in Aufregung versetzt. Ritualmordprozesse gibt es auch' heute. Rohlings Geschichte. Am 15. Februar 1839 in Neunkirchen im Saar* gebiet geboren, 'studierte Rohling Theologie und Philosophie, erlangte die ordentliche Professur des Bibelstudiums an der Prager Univer* sität. In seiner Laufbahn als Priester brachte er es bis zum Kanonikus im Kollegiatkapitel bei Allerheiligen ob dem Prager Schlosse. 1878 bis 1879 war er Dekan an der theologischen Fakultät, 1882 bis 1883 Dekan des theologischen Doktorenkollegiums. 1871 gab er'■ ein" Büch heraus. „Der Talmudjud e", das außerordentliches Aufsehen erregte. In dieser Schrift versuchte er an Hand angeblicher Auszüge aus dem Tal im u d und späterer rabbinischer Literatur den Nachweis zu erbringen, daß der Talmud den 'Ritualmord anpreise. Zur Zeit des Ritualmordprozesses in Tisza*Eszlar wurde er wegen dieser Schrift leidenschaftlich angegriffen. Der Orientalist N ö 1 d e k e wies ihm nach, daß die im „Talmudjuden" enthaltenen Auszüge nicht den Ur# texten, sondern einem im 17. Jahrhundert erschienenen Buche E i s e rim e ng e r s „Entdecktes Judentum", ent* nommen sind. Es stellte sich ferner heraus, daß Rohlings Schrift n i cht d a s Ergebnis e i g.e n e r Forschungsarbeit gewesen ist, sondern daß' er Eisenmengers Werk nur eine volkstümliche Fassung. ge* geben- Und verschiedene Stellen falsch 'umgedeutet hatte. Das Blichlein fand reißenden Absatz- und hatte, bis 1880' zehn Auflagen. Neben dem Orientalisten Nöldeke traten in den Achtziger jähren auch zwei theo* logische Gelehrte, Kirchenrat Prof. Dr. Franz Delitzsch' und Prof. H. L. S t r a c k, Rohling erit* gegen. Das ganze klerikale Oesterreich stellte sich hinter Rohling, aber unter den Wissenschaftlern fand er keinen Anhang. 1893 veröffentlichte Rohling eine neue Schrift, „M £ine Änt worten an die. Rab biner", in der ein Kapitel über das „Blutritual der Juden" handelte. Während des berühmten Ritualmordprozesses von Tisza*Eszlar erklärte sich Rohling bereit, vorGericht zu beeiden, daß die Juden Christenblut zu Religion sz wecken gebrauchen. Ein junger Wiener Rabbiner, Dr. J. S. Bloch, erklärte darauf in der Presse, daß sich Rohling zu einem Meineid angeboten habe. Rohling klagte Bloch, der damals Abgeordneter war und auf sein eigenes Betreiben ausgeliefert wurde; Im/ Prozeß erstatteten die beiden Sachverständigen Theodor' Nöldeke und August Wünsche Gutachten, die für Rohling vernichtend waren. Dieser zog darauf die Klage zurück.. Nach diesem Sensationsprozeß, über ' den sich der Papst täglich von dem Wiener Nuntius berichten ließ, hielt Kaiser Franz Josef Rohling einer Professur nicht mehr für würdig. Er mußte einen dauernden Urlaub antreten und wurde am 1. April 1899 pensioniert. Nachdem ihn Wien gemaßregelt hatte, blieb auch Rom nicht zurück: der Papst entzog ihm das Recht, seine kirchliche Würde auszuüben und setzte seine Schriften auf den Index. Zweiunddreißig Jahrelebte er zurückgezogen in Görz, dann in Baden bei Wien, zum Schluß in Salzburg. Der ehemalige Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger war ein Verehrer Rohlings. Er nannte ihn seinen Meister. Zur Zeit der Wahrmund*Affäre ' schürte Rohling die Hetze gegen Wahrmund Masaryk. O e f f e n 11i ch fc o nn te'-er'z'u^ i e sc irZ e i t nicti t m ehr h 6 r V o^t?et en., ...Der. .MWnnrw4e^ldurc|»waiett> Gutachten den jähen Sturz des Nestors des Antisemitis* mus herbeigeführt hat, Prof. N.ö 1 d e k e,"ist vor Wenigen" Tagen als 93jähriger in Karlsruhe gestorben. * Und heute? Rohling hat eigentlich Pech gehabt. Er hat vierzig Jahre zu früh gelebt.. Er wurde der Verleumdung der Juden überwiesen und dafür, seiner Professur und seines Er i e s t e r ani t e s verlustig erklärt. In unserer schönen Zeit ist so wjis unmöglich. Heute kann man noch so blutrünstig gegen Juden hetzen, s\e noch so giftig und grundlos verleumden — und Prozessor und Priester bleiben. Eine gar so schlechte Zeit war die alte wirk* lieh nicht. ' Bei nervösen Schmerzen, Kopfschmerzen, gichtischen und rheumatischen Schmerzen sind Togal -Tabletten unübertroffen. Die Wirkung tritt unmittelbar ein, keine schädlichen Nebenwirkungen. ^- In allen Apotheken. — Preis S 2.40. Der Staatsanwalt verfolgt die Wahrheitsforsclier im Ritualprozeß von Berezna* Prag, 28. Jänner. (J. T. A.) Der Staatsanwalt hat wegen Verleitung zu fal scher Zeugenaussage das Strafverfahren gegen den ungarischen, in Karpatho-! rußland lebenden Redakteur Emil Handelsmann und gegen den Schuldirektor Pazuchanic von Nova Simera, dem Schauplatz der karpathorussischen „R itualmordversuchs-Affär e", eingeleitet. Dies ist bereits der dritte Fall, in welchem Entlastungszeugen und solche Personen, die durch publizistische Tätigkeit den Nachweis zu führen versuchten, daß der „rituale" Inhalt der Affäre konstruiert sei, straf rechtlich verfolgt wer den. Das Strafverfahren wurde auf Wunsch des Kommandanten der Gendarmeriestation in Perecin eingeleitet, der behauptet, daß beide Beschuldigte seinerzeit in der Schule in Nova Simera auf die beiden Kinder Vasil Kost ja und.Helene Bogdan.einen Druck ausgeübt' hätten. Die Kinder hatten ursprünglich abgegeben,' daß ihnen Juden Blut abgezapft hätten, aber später in Gegenwart des .'Schuldirektors. Pazuchanic und des Redakteurs Handelsmann gestanden,, daß sie sich die ganze Sache ausgedacht hätten. In den beiden Verhandlungen vor dem Bezirksgericht in Velka Berezna haben die Kinder nochmals bestätigt, daß sie ihre ursprüngliche Behauptung, die Juden hätten ihnen Blut abgenommen, sich ausgedacht hätten. Der Eindruck, daß man sich bemühe, einen Ritual fall mit,allen Mitteln zu konstruieren, um vor der Öffentlichkeit des Auslandes den Schein objektiven Vorgehens aufrechtzuerhalten, wird durch die neuerlich angeordneten Strafanzeigen bekräftigt. In der jüdischen Öffentlichkeit hat der neue Schritt der karpathorussischen Staatsanwaltschaft schärfste Entrüstung ausgelöst. Der politische Niedergang seil dem ersten Weißbuch* Der „Jewish Cronfcle" über die Schuld der zionistischen Führerschaft* nationale Bewegung auch ohne sie existieren, das'würde aber eine schwere und lahme Existenz sein. Uud wir. steuern jetzt fürwahr den Weg der Zerstörung, und Verelendung dieser Organisation zu. . Es.geht schon seit Jahren, daß die Unfähigkeit der zionistischen Führerschaft die Zionistische Organisation zerstört und zum Zerfall bringt. Die Leitung hätte schon lange eine klare, und projüdische Interpretation der Balfour-Deklaration, die jüdische Frage in ihrem ganzen Umfang aufrollend, fordern und erhalten müssen. Sie hat dies aber nicht getan. Sie hat die Bewegung durch immer neue Kompromisse eingeengt und sie desorganisiert. Churchills ^Weißbuch hat keine Spur eines ernsten Widerstandes hervorgerufen, weder im Jahre 1922 noch später. Herbert Samuels Aera wurde als ziouisti- seh erTriumph gefeiert, was völlig unberechtigt war., Seine erbärmliche Rede nadi dem ersten Pogrom in ETez Israel hat die Führerschaft nicht aufgeregt; im Gegenteil, sie ist mit der Rede zufrieden gewesen,; .weil :An\ ihr von den bösen „zionistischen Extremisten" die Rede war. Jede Niederlage Wurde als unbedeutende „kleine Episode" aufgefaßt. " So sank man immer tiefer und tiefer, bis die Lage im ganzen unerträglich wurde und man dem amerikanischen Golde nachzulaufen begann: es wurde beschlossen, die Agency zu „erweitern". Das war ein unsinniger Plan, der allerding« in der ganzen offiziellen Mentalität begründet ist. Einen Goldregen hat man erwartet. Wo i«t er?*«. Im Zusammenhang müder ~ Verschiebung des Kongresses gibt der Londoner „J e w i s h Chroni cle", das älteste jüdische.Blatt der Welt, von Chefredakteur Grünberg, dem Freunde und Mitarbeiter Herzls geleitet, an leitender Stelle eine umfassende Uebersicht über die traurige politische Situation;des, Zionismus, die das System der heutigen Führerschaft von Herbert Samuel an ver* schuldet hat. Wir geben die Ausführungen des Blattes in folgendem wieder. Nicht um jemand zu; alarmieren, sondern mit voller Verantwortung und 5in. vollem Bewußtsein des Ernstes fragen .wir jetzt: %a s;.w i r d m i tid e r Z i o n i-; stischen Organisation geschehen? Die Zionistische Organisation ist doch das; Wertvollste in der modernen jüdischen Geschichte. Natürlich ' kann die Alle,.im: redaktionellen Teil befindlichen ,. entgelt» liehen Notizen sind durch ein beigefügtes E bezeichnet. BÄSCH, IV. IrgenÜnlartfraM SS

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