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Die neue Welt · 1931-01-30 · Heft 176 (30.1.1931) · page 8

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 176 (30.1.1931)
Date
1931-01-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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Seife 8 DIE NEUE WELT Nr. 176 Antisemitische Studentenkongresse in Heidelberg. Heidelberg, 26. Jänner. Die völkische Studenten* Schaft der Heidelberger Universität veranstal* tete unter der Führung eines nationalsozialistischen Stadtrates, des Zahnarztes Abendroth, lärmende Demonstrationen in der Universität und in deren Um« gebung als Protest gegen die Auflösung des Studenten* ausschusses, die wegen Nichtbefolgung der Anordnungen des Rektors erfolgt war. Vor der Universität wurden Schutzleute mit Stöcken geschlagen. Die Polizei machte von Gummiknüppeln Gebrauch und räumte den Univer* sitätsplatz. In der Universität selbst wurden jüdisch aussehende und sozialistische Studenten von national* sozialistischen Studenten überfallen, verprügelt und hinausgeworfen. Dabei gingen mehrere Fensterscheiben des Gebäudes in Trümmer. Nunmehr drang die Polizei auch in die Universität ein und schaffte mit dein Gummiknüppel Ordnung. Bis in die späten Nachtstunden hinein mußte die Polizei immer wieder vorgehen, um die Umgebung der Universität von Demonstranten zu säubern. Von der Gießener „Studentenschaft". Darmstadt, 26. Jänner (J. T. A.) In der letzten Sitzung des Gießener Studentenausschusses — im Volks* Staat Hessen besitzen die Studentenschaften noch die staatliche Anerkennung und dürfen Zwangsbeiträge (auch bei jüdischen Studenten) einziehen — wurde mit den Stimmen der Großdeutschen ein nationalsozialistischer Antrag angenommen, der sich gegen den letzten Erlaß des hessischen Kultusministers Adelung über den. Numerus clausus der hessischen Philologen richtet und ihn grundsätzlich ablehnt. Obgleich in Gießen nur ganz wenige Juden Philosophie studieren, wurde ebenfalls mit den Stimmen der Großdeutschen ein Zusatzantrag d>ör Nationalsozialisten angenommen, der die Einführung des Numerus clausus für Studierende der jüdischen Rasse fordert. Die Annahme dieses Antrages stellt eine offen* sichtliche Provokation gegen den hessischenKultus* minister dar, der der Studentenschaft in einem vorher verlesenen Brief mitteilte, daß es ihm fernliege, die Selbst* Verwaltung der Studentenschaft anzutasten, sofern sie nicht gegen die Reichs* und Landesverfassung verstoße. Der Brief bezog sich auf das Verhalten der Studentenschaft gegenüber einem Studierenden, einem von den Franzosen aus Straßburg ausgewiesenen deutschen Juden, den man für ein studentisches Amt ablehnte, weil er kein Deutscher sei. Der Thüringische Gesetzgebungsausschuß nimmt das Schächtverbotsgesetz an. Weimar, 26. Jänner. Der Gesetzgebungsausschuß des Thüringischen Landtags nahm das Schächtvers botsg'esetz in zweiter Lesung an. Dafür stimmten die Nationalsozialisten, der Landbund und die Vertreter der Wirtschaftspartei. Der Stimme enthielten sich die Deutsche Volkspartei, die Sozialdemo* krateil und die Kommunisten, so daß also gegen das Gesetz niemand stimmte. Nach der Sitzung wurde vom Fraktionsführer der Deutschen Wirtschaftspartei mitgeteilt, daß die wirt* schaftsparteiliche Fraktion die Stellungnahme ihres Ver* treters im Gesetzgebungsausschuß nicht billige. Die Wirtschaftspartei sei in ihrer großen Mehrzahl aus wirtschaftlichen Gründen gegen die Annahme des Gesetzes. Dies sei auch von den thüringischen Handelskammern als durchaus beachtlich anerkannt worden. Der Alterspräsident der französischen Kammer über Judenfrage und Toleranz in Frankreich. Paris, 26. Jänner. (J. T. A.) Anläßlich der Eröffnung der französischen Kammer hielt der Alterspräsident Deputierter Maurice S i b i 11 e eine Rede, in deren Ver* lauf er auch auf die Judenfrage in Frankreich zu sprechen kam. Vor 30 Jähren, erklärte Deputierter Sibille, hallten viele Städte Frankreichs von Rufen wie „Nieder mit den. Ju.denl" oder „Nieder mit dem Klerus!" wider. Im Kriege aber konnte man sehen, daß Freidenker, Juden, Katholiken und Protestanten, verbunden durch eine im Schützengraben geborene Freundschaft, Schulter an Schulter ihre'Pflicht erfüllten. Nach dem Waffenstill* Stand wurde es. Brauch, daß ehemalige Soldaten bei Feiern zum Gedächtnis ihrer gefallenen Kameraden von der katholischen Kathedrale zur protestantischen Kirche und van da zur Synagoge gingen, um alle Gefallenen, welchen Glaubens immer sie gewesen sein mögen, in gleicher Weise zu ehren. Die religiösen Vorurteile, die früher in Frankreich bestanden, sind heute verschwunden. Protestkundgebung der Internationalen Liga gegen den Antisemitismus in Paris. , Paris, 26. Jänner. (J. T. A.) Die französische Abteilung, der Internationalen Liga zur Bekämpfung des Antisemitismus veranstaltete eine Protestkundgebung gegen den internationalen Antisemitismus, an der weit mehr als 4000 Personen tejnahmen. Den Vorsitz führte der bekannte Schriftsteller Bernard Lecache. Ansprachen hielten der ehemalige' Ministerpräsident Eduard Herriot, die Deputierten Frbssard und Marc Sangnier, der Schriftsteller, Henri Bar b u s se, der Geistliche Ver gare als Vertreter der französischen Protestanten, der deutsche Schriftsteller Walter Mehring und, im Namen der französischen Juden Grand-Rabbin Israel Levi Der Ehrenpräsident der Liga, Albert Einstein, sandte aus Amerika telegraphisch einen Gruß an die Versammlung. Sämtliche Redner verdammten auf das schärfste den Versuch des internationalen Antisemitismus, die Völker gegeneinander und alle gegen das Judentum zu hetzen. Besonders scharf wurde gegen die antisemitische Hetze in Rumänien und die Umtriebe der Nationalsozialisten in Deutschland protestiert. Die Redner appellierten an den Völkerbund, energische Maßnahmen gegen diese Bewegungen, die die Annäherung der Völker aneinander verhindern, den Frieden gefährden und neue Kriege vorbereiten, zu ergreifen. Großrabbiner Israel Levi wies insbesondere darauf hin, daß ein Staat, wie Rumänien, der auf internationale Unterstützung durch die Finanzwelt angewiesen ist, es sich nicht gestatten dürfe, der Barbarei des Antisemitismus in seinem Lande freien Spielraum zu gewähren. Walter Mehring gab den Rat, Deutschland durch Milderung der internationalen Lasten dazu zu verhelfen, die Arbeitslosigkeit und die Wirtschaftsnot zu lindern; dadurch würde dem Antisemitismus der Boden entzogen sein. Die Versammlung nahm eine Entschließung an, in der gegen die judenfeindliche Bewegung in Algerien und die antijüdischen Exzesse in Rumänien Stellung genommen wird. Die Entschließung enthält eine Botschaft an das deutsche Volk mit der Aufforderung, es möge seine F r e i h e i t g e g e n H i 11 e r verteidigen. Die Resolution schließt mit den Worten: „Es lebe die Annäherung der Völker! Es lebe der Friede!" Einzelne Royalisten versuchten, die Versammlung durch Zwischenrufe zu stören, sie wurden aber rasch aus dem Saale entfernt. Fortsetzung der antisemitischen Kampagne in Algerien. Paris, 26/ Jänner. Die von dem verstorbenen Bürger* meister. von Oran, Deputierten Dr. Molle, gegründete und bis zu seinem Tode von ihm geleitete algerische Tageszeitung „Petit Oranais" setzt ihre vehemente antisemitische Kampagne fort. In einem soeben erschien nenen Artikel weiden drastische Maßnahmen zur Lösung des jüdischen Problems in Französisch «Nord« a f r i k a verlangt. Im einzelnen werden folgende Forde* rungen aufgestellt: Grenzsperre und Verweige* rung der Naturalisation für Juden. Es soll den Juden verboten werden, sich als Franzosen zu be« zeichnen. Vollständiger Wirtschafts* boyko tt gegen die Juden; in allen Handelszweigen, Einführung des Numerus clausus an Universitäten und Schulen, Ausschluß der Juden aus;iallen Wissenschaft* liehen Vereinigungen, .Sportklubs und sonstigen Organisa* tionen und Institutionen. Behandlung der Juden als volks* fremde nationale Minorität. Der Artikel schließt: Wir ver* langen die Konfiszierung des jüdischen Eigentums als ein Mittel, um dem französischen Volk die Millionen zu ersetzen, die ihm durch S p e k u 1 a t i o n und Betrug von jüdischen Bankiers und Schwindlern gestohlen worden sind. 1 , '.' '- -1 ";-' ,■ * 1 Die Agudisten Ostgaliziens1 gegen Zusammenarbeit mit den Zionisten. Lemberg, 26, Jänner. (Ji T. A.) In Lemberg fand eine Konferenz der Agudisten (Trennungsorthodöxie) Ostgaliziens statt, der 170 Delegierte, unter ihnen 150 Repräsentanten jüdischer Gemeinden aus 125 Städten, beiwohnten. Unter den Delegierten waren 25 Rabbiner. Die Referenten, die agudistischen Sejmabgeordpeten Rabbi Aron Lewin und Minzberg, traten dafür ein, .daß in den Gemeindestuben mit den Zionisten nicht zusam* mengearbeijet, sondern daß man danach streben solle, in den Gemeinden eine Mehrheit der Agudisten zu erlangen. Die Delegierten stimmten den Referenten zu. An den Präsidenten der Republik Prof. Moscicki und an den Regierungschef Marschall Pilsudski wurden Huldigungstelegramme abgesandt. Kultusminister Professor Becker über Panarabien. Frankfurt a. M., 25. Jänner. (J. T. A.) Im Rahmen der Vortragsreihe „P r o b 1 e m e des M i 11 e 1 m e e r $s" an der Universität sprach Staatsminister a. D. Professor Becker über die „Paneuropäische Bewegung". Er führte etwa aus: In Syrien wurde als Grundstein der panarabischen Bewegung bereits 1905 die „Ligue de la Patrie Arabe" gegründet, und zwar als Kampfmaßnahme gegen die türkischen Regierungsmethoden. Das Ziel der Bewegung war ein unabhängiges Großaräbien. Der zweite Staat, von dem aus die panarabische Bewegung vordrang, war der Hedschas, in dein die Wallfahrtsorte des Islam, Mekka und Med in a, liegen. 1916 macht sich Hussein, der Großscherif des Hedschas, zum König der Araber. England verspricht ihm — aber auch Ibn Saud — ein Großarabien von Alexandrette bis Aden. Bei Friedensschluß macht sich besonders F e i s a 1, Husseins Sohn, bemerkbar, der zwar seine großarabisehen Forderungen nicl(t durchsetzt, schließlich aber, nach einem kurzen Zwischenspiel als König von Syrien durch England zum König des Irak gemacht wird. Ibn Saud besetzt den Hedschas als Anwalt des Islam gegen die'Usurpierung des Kalifats durch Hussein, und schafft sich ein Königreich aus Hedschas und Nedschd. Dazu bestehen noch einige kleinere Staaten auf der Halbinsel, das französische Mandat Syrien, Palästina u. a. Irak ist ein Bundesverhältnis zu England eingegangen und wird 1932 in den Völkerbund eintreten. Alle diese Staaten, schloß Minister Becker, sind voll Sonderinteressen, die sich schwer zu einer gemeinsamen Handlung verbinden lassen. Auf lange noch ist der Gedanke eines Panarabien undurchführbar. Dem stehen auch die europäischen Machtansprüche entgegen, das Band um alle diese Staaten ist einstweilen nicht so sehr der panarabische Gedanke als ihre Zugehörigkeit zum Islam. AUS PALÄSTINA. Einnahmen und Ausgaben der Palästina-Regierung im Jahre 1930. Jerusalem, 25. Jänner. (J. T. A.) Die Einnahmen der Palästina-Regierung im Verlauf der ersten zehn Monate des Jahres 1930 betrugen 5,854.143 Pfund, die Ausgaben 5,812.229 Pfund. Im Oktober 1930 hat die Palästina-Regierung 248.293 Pfund eingenommen und 258.362 Pfund ausgegeben. Die Sturmkatastrophe in Palästina. Jerusalem, 23. Jänner. Die Sturmkata* Strophe, von der Palästina in den letzten Tagen heimgesucht wurde, hat im ganzen Lande schwere Schäden verursacht. E t w a 15 bis 20 Prozent de r Orahgenernte sind vernichtet. In Haifa wurden einzelne am Meeresufer gelegene Eisenbahn* dämme vollkommen unterspült und die Geleise zer# stört. Der neu errichtete Wellenbrecher im Hafen von Haifa wurde stark beschädigt. Ein Angestellter des Haifaer Hospitals fand durch Berührung einer vom Sturm zerrissenen Hochspannungsleitung den Tod. Im Hafen von Jaffa sind 30 Ausladeboote ge* s u n k e n. Die Springflut überschwemmten die Kais und drang in zahlreiche Gebäude ein. Auch die Allenby=Straße in TekAwiw war überschwemmt, die elektrische B e* leuchtung unterbrochen. Auf dem Tiberias*See kenterte ein von fünf Chaluzim besetztes Boot. Zwei' Insassen sind ertrunken, die übrigen konnten schwimmend das Ufer erreichen. Der Orkan wütete auch in anderen Küstengebieten des Mittelmeeres und hat u. a. im jüdischen Viertel von Tripolis großen Schaden angerichtet. Durch herabstürzende Trümmer eines vom Sturme abgerissenen Daches wurden zwei Juden getötet, einer schwer verletzt. ' Verhaftung jüdischer Arbeiter in Tel-Awiw. Jerusalem, 26.. Jänner. (J. T. A.) Nach einem . Streit mit einem Orangenplantagenibesitzer, der nicht- ' organisierte Arbeiter beschäftigt, wurden neun jüdische Arbeiter in Tel-Awiw verhaftet. ' ■ ' Anhänger des . Großmufti wegen kommunistischer. Agitation verurteilt. . Je r us a 1 e m, 24. Jänner. (J. T. A.) Zwei Araber aus Jaffa, der Derwisch al Fdhsaar und Aaref AI Azouni, werden unter der Beschuldigung, kommunistische Agitation unter den arabischen Arbeitern in Palästina /betrieben zu haben, zum Erlag einer Kaution von je 150 Pfund als Bürgschaft künftigen Wahlveuhaltens verurteilt. Aaref al Azoune ist der Jaffaer Korrespondent der Tageszedtunig „AI Hajat", des Organs des Großtmufti. Kolonialausstellung in Paris. Im Jahre 1931 findet dn Paris eine große K o 1.0nial-Ausstellung statt Audi Palästina wird dort durch einen großen Pavillon würdig Vertretern sein. In Paris hat sich unter dem Vorsitz von Senator Justin G o d a r t ein Komitee gebildet, das die Finanzierung des Pavillons übernommen hat. Für die Organisierung und Beschickung der Ausstellung durch die palästinensischen Institutionen wurde in Palästina ein Ausschuß gegründet, dessen Geschäfte von der Gesellschaft Mis'char Wetaassijah dn Tel-Awiw gefülhrt werden. Vorsitzender dieses Ausschusses ist Herr D i z e n g o f f. Auch die Regierung und der französische Generalkonsul ia Palästina haben ihr Interesse für die Ausstellung zum Ausdruck gebracht. Wochen-Kalender Jänner 1931 BSV «•mrv Schebat 5691 SO Freitag tt-a» Sabbateingang 4*45 81 . Samstag 11-* Sabbatausgang 5*36 n«'3i nm rrvam 'tssn ntoa 1 Sonntag 14-t ' l Montag I5-10 3 Dienstag 16—T» 4 Mittwoch 5 Donnerstag 18-IT

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