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Die neue Welt · 1931-01-23 · Heft 175 (23.1.1931) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
5 (1931)
Issue
Heft 175 (23.1.1931)
Date
1931-01-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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186 Preis - ''"'^ V.b. b, BEZUGSBEDINGUNGEN. Oesterreich monatlich S 1.50, vierteljährig S 4.20, ganzjährig S 16.—; Polen monatlich Zloty 2.—, vierteljährig Zloty 6.—; Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-, vierteljährig Kc. 15.-; Jugoslawien monatlich Dinar 14.—, vierteljährig Dinar 40.— Rumänien monatlich Lei 40.— vierteljährig Lei 120.—. R E V U E BEZUGSBEDINGUNGEN Deutschland monatlich Mark 1.—. vierteljährig Mark 3.—; Bulgarien motiat. lieh Lewa 40.—, vierteljährig Lewa 1.20 Italien monatlich Lire 5.—, vierteljährig Lire 14.— Schweis und die übrigen Länder monatlich Schweizer Francs 1.50. vierteljährig Schweizer Francs 4.50. HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER Redaktion und Verwaltung: Wien, IX., Universitätsstraße 6—8 Telephon: B-48-504 — Erscheint reden Freitag Jahrgang 5 Freitag, den 23. Jänner 1931 Nr. 175 Kein Zioni§tenkongreK! — Unglu€k§leitung will bleiben^ Aufschiebung des Kongresses mit 20*11 Stimmen beschlossen» — Die Opposition verläßt die Situing« — Misradii zieht seine Vertreter aus der Exekutive zurück* — Weismann bleibt* "In London hat sich ein Ereignis vollzogen, das den Tiefstand der Zionistischen Organisation zeigt. Die Gewissenlosigkeit hat gesiegt. Auf der Novembersitzung der obersten zionistischen Kontrollbehörde, des Zionistischen Aktions- Komitees, wurde festgestellt, daß die derzeitige Leitung der Bewegung und ihr System völlig versagt haben, daß die Fortführung der bisherigen Wirtschaft den politischen und finanziellen Bankrott zur Folge haben muß. In politischer Beziehung: Völlige und. hoffnungslose Niederlage gegenüber der antizionistischen englischen Regierung. In finanzieller Beziehung: Eine ungeheure Schuldenlast. Das Unvermögen, diese, aus einer unsinnigen Personal- und Sachwirtschnft hervorgegangene Schuldenlast abzudecken. Das Unvermögen, auch nur die geringsten Betrüge für tatsächliche Aufbauarbeit in Palästina aufzubringen Das Schwinden der einzigen piundlage-, des Zionisimis, des Vertra&'ehs des jüdischen Volkes. . ■*.ürite'r "-dem."' Eindrücke dies'er niederschmetternden Berichte und- Feststellungen wurde die Einberufung d es Z i o n i s t e n k o n g r e s s e s für ein en aulie rordentlichen Termin beschlossen, für Februar 1931. Man sah keinen anderen Ausweg aus der verzweifelt schlechten Situation, keine andere Möglichkeit, das Vertrauen der Zionisten wieder zu gewinnen. Die Leitung selbst trat für den Antrag ein und gab ihre Demission. Die Zionistische Organisation rüstete für den Februar-Kongreß. Seit November ist nichts eingetreten, was auch nur als leiseste günstige Aenderung der Lage zu werten wäre. Im Gegenteil. Die Verhandlungen mit der englischen Regierung haben keinen realen Erfolg gebracht. Sie schleppen sich weiter, ins Hoffnungslose. In Palästina arbeitet die britische Verwaltung unaufhaltsam daran, das verräterische Weißbuch, das Dokument des Wortbruche6 der Arbeiterregierung, in die Tat umzusetzen. Die Schuldenlast ist weiter gewachsen, Die Eingänge haben kaum ein Viertel des Voranschlages erreicht. ' Vor einigen Tagen hat die Exekutive einen Schritt getan, welcher der öffentlichen Erklärung des politischen und wirtschaftlichen Niederbruches gleichkommt. . Sie hat bekanntgegeben, daß sie die der englischen Regierung mühsam abgerungene Bewilligung, nach langer Sperre fünfzehnhundert jüdische Arbeiter nach Palästina zu bringen, nicht ausnützen kann! Sie hat für diesen Zweck kein Geld! Die Antwort war ein Triumphgeschrei der antizionis.tischen Presse in. .England und im Ausland. Die zionistenfreundlichen und neutralen Organe gaben ihrem Befremden Ausdruck. Seht doch diese Zionisten an! Erst alarmieren sie die ganze .Welt, weil man die Einwanderung sperrt. Jetzt erklären sie, mit den 1500 Zertifika ten nichts anfangen zu können. Die Folgen diüßes Schrittes: Ungeheuerliche Schwächung der Stellving jener, die künftig die politische Vertretung gegenüber der englischen. Regierung, und dem Völkerbünde J werben zu besorgen haben., Tiefstgehende Erschütterung des Glaubens an dtfs. Palästina-Werk! " Nunkam das schier Unfaßbare. Neuerliche Einberufung des «Aktion s -Komitees für den 14,- Jänner durch die. Exekutive, o h n e vorherige Befragung de s P r äs i d i.u m s dieser Körperschaft. Man bedenke: Am 24. Februar soll der Kongreß in Karlsbad stattfinden. Am 14. Jänner sollen die Mitglieder des A. C. aus Amerika, Südafrika, Kanada, Palästinar nach London kommen, wo sie am 24. Februar wieder in Karlsbad sein sollen. Sie können nicht mehr zurück, nach Hause, zu ihrer Arbeit, zu ihrem Berufe. Acht, zehn, zwölf Wochen müssen sie förmlich herumlungern. Wer kann sich das leisten? Nur Menschen, die in der glücklichen Lage sind, zu Hause lange Zeit fehlen zu dürfen. Zionistische Bürokraten, Beamte der Zionistischen Organisation und zionistischer Institutionen, Angestellte der Fonds, Sekretäre u. a. Was leicht vorauszusehen war, ist eingetreten. Die Jänner-Sitzung des A. C. war in ihrer entscheidenden Majorität nichts anderes als eine Sitzung der zionistischen Beamten. Wenn man das im Auge behält, dann wird vielleicht begreiflich, was unbsgreiflich schien. Auf eine solche Versammlung gestützt, konnte Präsident Weizmann durchsetzen, was sonst wohl unmöglich gewesen wäre. Die Absage des F e b r u a r - K o n g r e s s e s! Das weitere Verbleiben Präsident Weizmanns und seiner Leitung bei der Führung der Geschäfte! Sie sind geblieben unter Umständen, die jedem Mann mit Gewissen und Verantwortungsgefühl, unerträglich sein müssen. Misrachisten,.'Revisionintern Und Radikale1'stimmten dag>eg.enr.Si^'e^efi#;.;'dä^n.zum .Zeichen, das Protestes' die Sitzung. DieGruppe 'der. Misrachi, bisher treue Mitgänger WeizUtyannS, haben ihre Vertreter in der Exekutive zurückgezogen. Mit zwanzig gegen elf Stimmen wurden die entscheidenden Anträge angenommen. Die Zwanzig sind zu zirka, drei Vierteln Beamtenstimmen. Mit wem ist Weizmann geblieben? Wer regiert heute die zionistische Bewegung? Unter solchen Umstünden, vor einem solchen Auditorium, konnte es sich Präsident Weizmann. leisten, zum Angriffe gegen die böse „Opposition" überzugehen, sie für Mißerfolge verantwortlich zu machen, sie der „Vergiftung" der Atmosphäre zu beschuldigen. Ja, die „böse Opposition". Wer hat ein Jahrzehnt hindurch die politische Lage als gut und die Beziehungen zur englischen Regierung als glänzend bezeichnet? Nicht Weizmann, sondern die Misrachisten, Revisionisten und Radikalen? Wer hat Schutzmaßnahmen für die Juden Palästinas leichtfertig abgelehnt? Wer hat eine verseil wenderische, vielfach unsinnige Personal- und Sachwirtschaft betrieben? Wer hat Schulden und Schulden kontrahiert? Wer hat die Kontrolle der Wirtschaft abgelehnt? Wer hat die Zionistische Organisation ■ so schwach gemacht, ihr systematisch vorgeredet, daß sie ohnmächtig ist lind die englischen Beamten allmächtig sind, bis der Ueberm,ut der antizionistischen englischen Bürokratie ins Ungemessene stieg? Wohl die böse Opposition, nicht Weizmann und seine Freunde.. Wer hat Beamte gegen wenig genehme Richtungen im Zionismus agitieren und dadurch die „Atmosphäre" vergiften lassen? Wer hat den Judenstaat verleugnet, den Zionismus vor aller Welt erniedrigt? Wer hat die > unseligste Politik geführt? Wer hat nach den Augustpogromen erklärt, daß der Weg zu einer anderen Politik nur über seine Leiche führt? Ja, all das hat sich die böse Opposition geleistet . . , . * Die Sitzung des A. C. hat damit geschlossen, daß das jüdische Volk aufgefordert wurde, Geld herzu- ■»♦♦♦♦♦»♦»»♦»♦»♦»»»»♦»»♦♦»»»»♦♦♦♦»♦»»♦♦♦»♦»♦»»♦♦»»♦»»♦♦♦♦» Alle im redaktionellen Teil befindlichen entgejt* liehen Notizen sind durch , ein beigefügtes E bezeichnet. KOHLE "u~ KOKS BÄSCH. IV. ArgontinlarttraQ« 2t TataBhon Teiepnon geben, viel Geld! Unter Leitung Weizmanns und seiner engsten Freunde werden Delegationen zu den Juden fahren und viel Geld verlangen. Vorbedingung für Geldhergeben ist Vortrauen in die Männer und Vertrauen in das Werk. Die Ernüchterung wird bald und schrecklich kommen, denn das Vertrauen fehlt. Die Krise ist nur aufgeschoben. * Offizieller Bericht über die vertrauliche A.-C.-Sitzung. Mittwoch, den 14. Jänner, wurde in London die außerordentliche Tagung des Zionistischen Aktions- Komitees eröffnet. In Vertretung des Präsidenten Leo M o t z k i n führte Farbstein den Vorsitz. Die amerikanisdien Mitglieder des Aktions-Komitees, sowie die der Föderation Misrachi und die den Allgemeinen Zionisten angehörenden Aktions-Komitee-Mitglieder aus Palästina sind zur Tagung nicht erschienen. Anwesend waren der Präsident der Zionistischen Organisation Professor Dr. Chaim Weizmann, der Präsident cler Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow, die Mitglieder der Zionistischen Exekutive Lazarus Barth, Rabbi M. Berlin, Prof. S. Brodetsky, S. Kaplansky, Felix Rosenblüth und J. Sprinzak; die Mitglieder der Exekutive der Jewish Agency Dr. ■ Maurice B. Hexter, Dr. Werner Senator; die A.-C.-Mitgliecler Dr. Schmarya LeVjn , (Bj^ (Berlin),. H; Färbstein ^Warschäu),'Rev. J. K. Goldbrlobin (London), Di: Alex* ander' Goldstein (Paris), L. Naiclitsch (Paris), Dr. Anselm Halpern (Stanislatt)FMH>furokk (Riga). Dr. Nathan Melzer (Lemberg), L. Szkolnik (Tel-Awiw), Dr. Arje Tartakower (Lodz), N. Twersky (Tel-Awiw), E. Brudny (Tel-Awiw), A. Harzfeld (Tel-Awiw), . A. Reiß (Warschau), Dr. Remez (Tel-Awiw), I. Grünbaum (Warschau); die Ersatzmitglieder des A. C. Dr. B. Feiwel (London), Dr. V. Jacobson (Paris), Simon Marks (London), Dr. I. Olswanger (London), Dr. J. Hellmann (Riga). Dr. A. Silberschein (Lemberg), Dov Hos (London), Dr. N. Goldmann (Berlin); der Direktor des Keren Hajessod Dr. A. Hantke (Jerusalem) und das Mitglied der speziellen politischen Kommission Dr. M. D. Eder (London). Präsident Farbstein gedachte der Verluste, die die Organisation und das jüdische Volk in letzter Zeit, insbesondere durch den Tod von Nathan Strauß, erlitten haben, und erteilte, nachdem die Sitzung für vertraulich erklärt worden war, das Wort dem Präsidenten der Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow. Wie offiziell mitgeteilt wird, erklärte Sokolow in seiner Ansprache, es müßten außerordentliche Mittel zur Rettung der Bewegung aus ihrer kritischen finanziellen Lage angewandt werden. Der Zionismus und seine Schöpfungen, diese Quintessenz des Judentums, müßten vom jüdischen Volk erhalten werden. Man könne nicht zu den Methoden zionistischer Arbeit vor Erlassung der Balfour-Deklaration zurückkehre n. Das zionistische Ideal' habe heute konkrete Formen angenommen, es sei untrennbar mit der Palästina-Arbeit verknüpft. Die Grundlagen des Palästina- Werkes, Erziehungswesen und Kolonisation» dürfen nicht erschüttert werden. Das Gewissen des. jüdischen Volkes müsse aufgerüttelt, alle seine potentiellen Energien zur Rettung der Lage freigemacht werden. Wenn das jüdische Volk erkennen werde, was auf dem Spiele steht, werde es auf den ,Ruf Zions, dem es seine •Träume, seine Hoffnungen, seine Tränen und seine Lieder geweiht habe, antworten. Dr. Weizmann gab einen kurzen Ueberblick über die politische Entwicklung seit der letzten Aktions-Komitee-Tagung. Er skizzierte den bisherigen Verlauf der noch unabgeschlossenen Verhandlungen zwischen Jewish Agency und englischer Regierung und erklärte, sich bereit, Fragen über Einzelheiten innerhalb der Politischen Kommission zu beantworten. Der Bericht Dr, .Weizmanns wurde' von Dr. Nathum G o 1 d m a n n ergänzt, worauf Dr. Werner Senator einen• Bericht über die finanzielle Lage in Palästina erstattete. Die Politische Kommission des Aktionskomitees hai am Donneretag, den 15. Jänner, unter dem Vorsitz

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