Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 5 (1931)
- Issue
- Heft 174 (16.1.1931)
- Date
- 1931-01-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seife 12 016 NEUE WELT Hf. ifü GRABSTEINE FRIEDLÄNDER A DEUTSCH Wien, l Bet., Seiientteitengaste 2, Telephon U-28-1-28 TU* Zentralfriedhof, neb. d. 7. Tor, Telephon U-18-0-85 11llllllllfI1II ülllllllüüll KINDERWAGEN von S 26*— aufwärts direkt beim Irseuger EllrCIDCDr901» WAUINSTEINPLAT2 3 11 Ml III Hl!111« BARICMQ.4 fEdts Hauptstraße 108) IIULLUUIU XX, Klosterneuburgers2r.9l ^lllllllllflllllllllllllllllllllllllllilllllllllllillillllllllllllllllllltt i Gegründet 1882 | 1 Lebensuerslclieranss- PUflMIY' i |Gesellschaft frnUmA | s Zsntradirektion: WIEN I., Riemergasse Nr. 2 s Versidierungsbestano per Milte 1930 volleingezahltes Aktienkapital s Prämien- und Zinseneinnahmen im Jahre 1929 s Garantiamiitel per Ende 1929 s Aaszahlungen an Versicherte im Jabre 1929 - 2450 Millionen Stfiillinq 4.000.000.-Sdiillins S 125 Millionen Mitling 5 300 Millionen Sdüllinp 30'5 Millionen Schilling nuiiiiimiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii? 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Außer den gewöhnlichen Besuchern, die jeden Abend die Galerien aller New Yorker jüdischen Theater füllen, konnte man in den boxes und im Parterre eine Masse ganz neuer Leute sehen, unter ihnen viel Intelligenz und auch ein paar Christen, die der Direktor Nickel mit großem Respekt und Ergebenheit bediente, ihnen selbst die Plätze anwies, das Programm brachte, obwohl es nicht sein Dienst ist, aber Mr. Nickel ist doch Jude. Und ein Jude, mag er auch freier Bürger des freien Amerika sein, hat vor einem Nichtjuden einen größeren Respekt als vor einem Juden, denn einem Nichtjuden, wenn er hinunter» steigt zu den Juden ins jüdische Theater, gebührt, daß man ihm Ehre zuteilt. Versteht sich, daß Mr. Nickel diesen Zufall als gute Reklame für sein Theater ausnützte. Er erzählte jedem einzelnen ein anderes Geheimnis, wer diese Nicht» juden seien, er nannte Namen aus der Haggadah und Personen aus Susa und Babylon, ganz ungeachtet dessen, dass viele wußten, es sei niemand anderer als zwei Brüder, Manager eines großen amerikanischen dramatischen Theaters. Die New Yorker Blätter trommelten so viel vom neuen „Stern aus Bukarest", daß die zwei erwähnten Manager des dramatischen Theaters sich nicht wenig für den jungen jüdischen Star interessierten — nicht ausge« schlössen, ihn kidnapen zu können, wenn nur die Hälfte davon wahr ist, was geschrieben wird. Wozu brauchen Juden bei'sich einen Sonnenthal, einen Schildkraut, einen Irving, einen Possart oder einen Rossi? Ist es doch Tat« sache/ daß die Juden, was sie selbst nicht leugnen werden, Lieferanten sind, die es auf sich genommen haben, Be» rühmtheiten zu liefern, der Welt das Beste und Feinste, das sie besitzen, zuzubringen .... Selbstverständlich fehlte es an jenem Abend auch nicht an Reportern, englischen wie jüdischen. Das sind gehaute Bursche, gesiebt, . ausgerauchte Pfeifenröhren, radierte Gesichter, lebhafte Augen, durchtriebene Kerle, die schreiben im Laufen, essen im Gehen, schlafen im Sitzen, mit einer fountaimpen in dre Hand. Unter der Zahl der Reporter im NickeUTheater gab es . auch unsere bekannten „Weisen aus der Kibetzarni", jene Rädelsführer, Politiker, Poeten, Publizisten und Zeitungsredakteure, die gewaffnet erschienen waren, um ein Treffen'zu liefern, sich über den neuen Star zu pikieren, denn wenn er bei dem einen eine Größe ist, ist er bei dem andern ein« nichtige Null; ist er bei dem einen ein Sonnenthal, ein Irving,, ein Possart, ein Rossi, so bei dem andern ein „greenhorn", ein „Unglücksrabe", ein „eh»jim»Jenkel", ein „rumänischer Hirtenbub", ein „feines fctirschchen" — nichts sonst. Ja, es bildete sich ein Brodeln in der jüdischen Theaterwelt New Yorks; Sowohl die „Patrioten" des NickelsTheaters wie die „Gegenpartei" der andern Theater waren mit fertigen Rezensionen für die Morgenblätter ge» kommen, die sie repräsentieren. Bei solchen ungewöhn* liehen Vorstellungen nehmen gewöhnlich die Redakteure selbst die Rolle des Rezensenten auf sich. Bei einem Redakteur einer fortschrittlichen Zeitung, hat. die Rezen* sion am nächsten Morgen so beginnen sollen: Schon Ung-e lhiben die Wände, des NickeNTheatersf nicht so vom Applaus w i d e r h a 11t und .-d er E n t hu s iasmus des Publikums,' der gestern die höchste Stufe erreicht hat, mußteunsere bestochenen bestialischen Gegner überzeugen, daß... Und beim andern; noch fortschrittlicheren-': Redak» teur hat die Rezension am nächsten Tag mitdiesen Worten beginnen sollen: Der gestrige fürchterliche Durchfall im Nickel«Theater wird eine gute Lesson sein für die zweifüßigen Esel, die sich in die Länge und in die Breite werfen, um aus einem Wicht ein Licht zu machen, und die auch für einen Dollar . , . Kurz, es gab, man kann sagen, hohe Stimmung im' NickeUTheater. Aller Nerven waren gespannt, aller Augen dorthin zum Vorhang gewendet, der in die Höhe gehen sollte. Schon waren die Lichter gelöscht, schon ging der Vorhang hoch. In diesem Augenblick kamen mit stillen Schritten drei elegante Personen hinein, die in sehr eleganter motor* car mit , einem blackdriver am Volant beim Theater vor* gefahren waren, und ließen sich sogleich in die Loge Nr. 3 führen, die teuerste des NickeUTheaters." Die drei Personen waren ein älterer Herr mit hüb» schem Bäuchlein, ein noch ganz Junger mit breitem, stark in die Stirn gedrücktem Hut, und am Arm des jungen Mannes eine junge Dame mit dichtem Schleier. Der ältere Herr, der mit dem Bäuchlein, geleitete das junge Paar zur Tür der Loge Nr. 3? Das Paar betrat die Loge. Der Schwarze, der Nigger, blieb hinter der Tür, mit einem Damenmantel und einem Plaid auf dem Arm, und der ältere Herr, der mit dem Bäuchlein, machte Kehrt und ging durch den langen schmalen Korridor ins Parterre. . Da mußte es geschehen, daß akkurat im selben Augenblick durch den schmalen Korridor einer der Direktoren gelaufen kam, Nissl Schwalb, und Nase an Nase mit dem älteren Herrn, dem mit dem Bäuchlein, zu« sammenstieß. Beide, der Herr mit dem Bäuchlein, und Nissl Schwalb, prallten zurück, blieben eine Weile stehen und sahen einander in die Augen. Das in die Augen Sehen und das Stehenbleiben dauerte nicht länger als zwei, drei Sekunden, und bevor beide sich erinnern konnten, wer man sei, ging man auseinander: der Herr, der mit dem Bäuchlein, ging ins Parterre, und Nissl Schwalb blieb noch eine Weile und sagte in sich selber: Ist das nicht gar am Ende derselbe Litumiei? Was hat er mir dann in seinen Bart gepfiffen? Er ging sofort zur Kassa, suchte seinen Kompagnon auf, den Besitzer des Theaters, den Mr. Nickel selbst, und es entwickelte sich zwischen beiden ein kurzes, aber scharfes Gespräch, das wir hier' Wort für Wort wiedergeben. „Wer ist das Paar, das in der Loge Nr. 3 sitzt mit einem Schwarzen an der Tür?" Mr. Nickel ist ein Mensch, der langes Nachdenken nicht liebt. „In box Nr. 3, wenn nicht Jakob Schiff, dann Louis Marshall." i ' ' - „Wenn Sie kein Bluffer sind, sind Sie ein Idiot." Mr. Nickel steckte beide Hände in die Taschen und schenkte seinem Kompagnon einen so freundlichen Blick, als hätte ihm der soeben das schönste. Kompliment gesagt. „Wer mag es. dann sein?" . „Das ist eine Rede, und .verdreh mir nicht die Mütze! Dieser Litumiei, der das Paar in die Loge Nr. 3 geführt hat, hätte er mir nicht in seinen Bart gepfiffen, würde ich sagen, es ist Stellmach." Mr. Nickel blieb verwirrt wie ein Mensch, dem man seine Gedanken zerrüttet und durcheinandergeschüttelt hat. „Was für Litumiei? Und wessen Ba,rt? Und. wer was ist der Stellmach?", „Mir gesagt soviel Verstand, was für ,ein Schwach* köpf du bist, du Weisheitsleuchte 1 Sie stellen sich blöd oder sind Sie wirklich ein Rindvieh? Oder sind Sie nicht von hier! Haben Sie den Namen Grischa Stellmach noch nicht gehört?" „Grischa Stellmach?" Mr. Nickel schnellte auf, gab sich, zwei Schläge auf beide Wangen, zuerst auf die rechte, dann auf die linke, und sagte auf sich selbst unter der Nase ein Worti das keine Zensur, weder bei uns noch in Amerika/durch» läßt. Dann schrie er dreimal laut auf: „Ich bin ein Idiot und ein Idiot und ein Idiotl" „Na hörst du, das sag' ich schon lange." Mr. Nickel ließ das passieren und wurde voller Freude. ' i.Tetetel Wenn das > Grischa- Stellmach « ist, . weiß ich auch, wer das Frauenbild ist.v. Wehn "nicht, isoir ich •nicht den Tag erjeben," ' 1 . ..... „Amen. Wer also ist sie?" . f ■ ■'> ■■ > . „Rosalie Spiwak." : Da gab sich seinerseits Nissl Schwalb einen^Schlag auf die Stirn, ließ seinen Kompagnon bei der-Kassa zu* rück, um wieder auf einen alten Bekannten' einen- Blick *zu werfen und sich zu überzeugen,, ob es wirklich „der Litumiei, der ihm in seinen'Bart gepfiffen hat"/sei. . .; ) . 58. Kapitel, Rafalesco gestaltet. Als der schwere Vorhang des Nickel»Theaters unter ' Krachen in die Höhe ging, war es, als vbewegew'sich das Meer der Köpfe im halbfinsteren großen Saal und als striche ein kühler .Wind über dieses M'eer/Etye! Minute lang hielt noch leises Geräusch an, wie das -Publikum sich breitmachte, zu sehen und: zu; hören. Aber, bald^.tralfc^die gewünschte Ruhe ein, jene angenehme, weiche, heilige Ruhe, die den Schauspieler von allen Seiten umgibt und ihn' emporhebt wie' auf Flügeln" und ihn aufwäitsträgt und über'dem Auditorium schweben macht. Jene heilige Ruhe, die die edelsten Saiten der Seele berührt und dem Talent die feinsten Töne entlockt und den Schauspieler zum Beherrscher des Publikums macht. '' Leo Rafalesco herrschte an jenem Abend über das New Yorker Publikum des NickelsTheaters. (Fortsetzung folgt.) Eigentümer, Verleger, Herausgeber and verantwortlicher Redakteur Oberbaurat Robert Stricken *m Druckerei- und Yeriags-A,-G, Jgoaz Steittmaau, beide Wien, IX* Unlversltätittrafie 6—8.